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NAHOST
Aus Nr. 11 - 2008

Ein Zeugnis des Apostolischen Vikars von Arabien

Weihnachten auf islamischem Boden


Der Apostolische Vikar von Arabien erzählt, wie sich die arabischen Gläubigen auf die Geburt des Herrn vorbereiten und wie sie sie feiern.


von Paul Hinder


Christmette in der Josefkirche in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate.  [© Fabio Proverbio]

Christmette in der Josefkirche in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate. [© Fabio Proverbio]

Wer aus Europa kommt und die Vereinigten Arabischen Emirate besucht, kann viele Baustellen sehen, sicher die größten und eindrucksvollsten der Welt. Viele sind erstaunt über die zahlreichen Wunder in diesem Land, wo Geld keine Mangelware zu sein scheint. Es ist ein Land der Superlative: hier gibt es den höchsten Turm der Welt; den größten Flughafen; das größte Einkaufszentrum; die modernste U-Bahn, usw. Wer auf den herrlichen Autobahnen hier durch die Wüste fährt, kommt an riesigen Plakaten vorbei, die in großen Lettern versprechen: „Coming soon!“, „Demnächst hier….!“. Diese Werbeplakate vermitteln den Eindruck eines ständigen „Advents“; denn immer gibt es etwas Neues; etwas, das versprochen wird, das man erwartet oder das „eröffnet wird.“ Und immer wird versprochen, dass es etwas ist, das die Menschen glücklicher macht. Unglücklicherweise ist gerade das die Kehrseite der Medaille, hinter der sich eine Realität verbirgt, die nicht das zeigt, was den Menschen wirklich Freude macht. Es ist wie in dem Bericht des Lukas: in den Jerusalemer Palästen weiß man nicht, was auf den Feldern von Bethlehem passiert. Und so ist es auch in unserer Zeit: hinter den luxuriösen Palästen der neuen Großstädte am Golf verbergen sich die oft weit von den Autobahnen entfernt gelegenen Wohnanlagen der Arbeiter. Diese labour camps haben nichts von dem Prunk des „Emirates Palace“ von Abu Dhabi oder des „Burj Al Arab“ von Dubai.
Der Bericht von der Geburt Jesu passt jedoch besser in diese „Lager“ der Arbeiter als in die luxuriösen Paläste. Oder waren etwa nicht die Lagerplätze der Hirten der Ort der ersten Offenbarung der Menschwerdung des Wortes Gottes? Es sind nicht die in den Einkaufszentren erklingenden Weihnachtslieder, die den Sohn Gottes in unsere Mitte bringen. Das geschieht vielmehr in den spontan entstandenen Gebetsgruppen der Arbeiter, die an einfachen Stätten gemeinsam beten. Erst kürzlich war ich in einem dieser Häuser, wo mir Arbeiter, die zu sechst in einem Zimmer leben, mit freudestrahlenden Augen und voller Stolz erzählten, wie sie den Herrn im einfachen Gebet ihrer Gruppen empfangen. Die Glücklicheren unter ihnen haben vielleicht ein Transportmittel und können am Heiligen Abend oder am 1. Weihnachtsfeiertag die Messe besuchen. Tausende und Abertausende von Gläubigen feiern freudvoll und selbstverständlich die Geburt des Herrn, nicht nur in Abu Dhabi und Dubai, sondern an vielen Orten der Halbinsel. In diesen Tagen werden die Pfarreigelände zu einem einzigen großen Salon, der allen Gläubigen offen steht. Sie werden zu Orten, wo man nun auch Menschen antreffen kann, die das ganze Jahr über keinen freien Tag haben und so auch nicht zur Messe gehen können. Es scheint, als würden zu Weihnachten viele Arbeitgeber (und Arbeitgeberinnen) ihren Angestellten wenigstens eine Stunde freigeben. Das sind dann also die Menschen, die die Plätze vor den Kirchen und die Pfarrsäle füllen, wo man einander treffen und gemeinsam einen Happen essen kann. Wer sich diesen Gemeinschaften nähert, die so sehr an die der Hirten von Bethlehem erinnern, der kann sagen: „Heute ist der Retter geboren, Christus, der Herr.“ In Dubai, Abu Dhabi, Muscat, Doha, im Bahrein, in Sana’a und an vielen anderen Orten wird das wahr, was Paulus an Titus geschrieben hat: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“
Es stimmt zwar, dass wir hier keinen Weihnachtsbaum haben (von dem geschmacklosen Ersatz aus Plastik einmal abgesehen), und auch nicht die schönen Weihnachtstraditionen, aber es gibt etwas, das tiefer geht und das es sich zu entdecken lohnt. Der Glaube an den Sohn Gottes, der keinen Unterschied macht zwischen Reich und Arm, zwischen Mächtigen und Schwachen, sondern auf einen jeden schaut, der sein bedingungsloses Vertrauen auf ihn setzt. Ich finde es rührend, mit ansehen zu dürfen, wie die Filippinos, die Inder, die Pakistani oder die Araber des Morgenlandes vor dem Jesuskind in der Krippe niederknien oder ihm die Füße küssen. Das ist die Geste, die die Antwort ist auf das Weihnachtslied: „Adeste fideles“. Oder ist vielleicht nicht er es, der am Kreuz die Sünden der Welt hinweggenommen hat? Sind nicht vielleicht sie es, denen er das Himmelreich versprochen hat? Wir müssen immer neu von den Armen und von denen lernen, die keine Macht haben. Sie können uns zeigen, was es heißt: Gott ist Mensch geworden, er ist einer von uns geworden, für immer!


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