BENEDIKT XVI. Bilder, Eindrücke und eine Bilanz seiner Pilgerreise.
Ein Segen für alle
Interview mit Fouad Twal, lateinischer Patriarch von Jerusalem: „In den Gesten und Worten des Papstes konnten wir Mut, Wahrheit, Liebe und Demut erkennen.“
Interview mit dem lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Fouad Twal von Gianni Valente
![Benedikt XVI. betet in der Geburtsgrotte [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1248443882490.jpg)
Benedikt XVI. betet in der Geburtsgrotte [© Osservatore Romano]
Auch für Fouad Twal, lateinischer Patriarch von Jerusalem seit knapp einem Jahr, waren die Tage des Papstbesuches eine Art Feuerprobe. Mit seiner sprichwörtlichen Ehrlichkeit macht er auch keinen Hehl daraus, dass es in der katholischen Gemeinde im Heiligen Land vor dem Besuch durchaus Perplexität und Besorgnis gegeben hat. Für 30Tage zieht er die nun folgende Bilanz.
Wie beurteilen Sie jetzt, mit dem gebotenen Abstand, den Besuch von Benedikt XVI. im Heiligen Land?
FOUAD TWAL: Er war für alle ein Segen. Die Gesten und Worte des Papstes haben uns Mut gemacht, weil in ihnen Wahrheit, Liebe und Demut zu erkennen waren.
Vor dem Besuch haben Sie aber bestätigt, dass man auch in der christlichen Gemeinschaft durchaus Zweifel hegte...
TWAL: Es hat in der Tat einige Ängste und auch eine gewisse Besorgnis gegeben. Immerhin sollte der Papstbesuch in einem schwierigen Moment, in einer schwierigen Region stattfinden, wo die Lage in den letzten Monaten, nach dem Krieg in Gaza, mehr als angespannt war. Man befürchtete, dass eine der kriegführenden Parteien versuchen könnte, den Besuch für sich zu monopolisieren.
Wie konnte die Lage dann letztendlich doch entspannt werden?
TWAL: Wir haben unsere Vorbehalte und Meinungen dem Hl. Stuhl mitgeteilt und sind dem Staatssekretariat dankbar, dass es unsere Ängste ernstgenommen hat. Die Ansprachen des Papstes sind sehr gut gemacht, ausgewogen und von einem Mut geprägt, den andere politische Verantwortliche nicht haben. Vor allem aber liegt darin eine große Liebe zu diesem Land und den Völkern, die es bewohnen.
Was ist Ihre besondere Erinnerung an diesen Papstbesuch?
TWAL: Eine Erinnerung allein wird dem Ganzen nicht gerecht. Ich habe den Papst die ganze Zeit begleitet, und um all meine Eindrücke zu schildern, bräuchte ich ein ganzes Album… Besonders beeindruckt haben mich die Momente, in denen er sich unters Volk gemischt hat – unter jene Menschen, die vielleicht etwas unbeholfen reagierten, weil sie darauf nicht vorbereitet waren. Er dagegen hat sie einfach nur mit großer Spontaneität und Herzlichkeit begrüßt, so, als wären sie alte Bekannte. Wir waren manchmal nervös und ungeduldig. Er dagegen hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen.
Vor dem Papstbesuch wurde immer betont, dass es ein Besuch pastoraler Art wäre. Vielleicht wollte man sich damit gegen politische Instrumentalisierungen schützen.
TWAL: In der Tat kann man sagen, dass er uns alle dadurch, dass er die Brüder im Glauben gestärkt hat, an die spirituellen Dimensionen des Glaubenslebens im Heiligen Land gemahnt hat: das Gebet, die Pilgerfahrt… Er hat die Christen aufgefordert, nicht fortzugehen, sondern zu bleiben, weil unser Land ein heiliges und schönes Land ist. Und er hat auch alle unsere christlichen Brüder und Schwestern angesprochen. Die Besuche im orthodoxen und im armenischen Patriarchat haben ihm die Gelegenheit gegeben zu sagen, dass es keinen Sinn hat, mit unseren Spaltungen das Leid noch zu verschlimmern, das wir hier ohnehin schon durchgemacht haben. Papst Benedikt hat immer die Wichtigkeit des Gebets als Werkzeug dafür betont, den Herrn um unsere Einheit zu bitten und es ihm zu überlassen, wann und wie es dazu kommen kann.
![Benedikt XVI. mit Patriarch Fouad Twal auf dem Mangarplatz, wo die heilige Messe zelebriert wurde (Betlehem, 13. Mai 2009). <BR>[© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1248444339411.jpg)
Benedikt XVI. mit Patriarch Fouad Twal auf dem Mangarplatz, wo die heilige Messe zelebriert wurde (Betlehem, 13. Mai 2009).
[© Osservatore Romano]
TWAL: Die politische Dimension ist aus dem Heiligen Land nie wegzudenken. Und die Begegnungen des Papstes mit den Autoritäten in Jordanien, Palästina und Israel hatten sicher einen politischen Aspekt. Der Papst wollte betonen, dass das Heilige Land eine Berufung zur Heiligkeit hat. Und das ist es auch, was wir alle wollen. Aber gerade deshalb kann man von unserer derzeitigen konkreten Situation auch nicht absehen. Und die ist nun einmal eine Krisensituation. Sehr gefallen hat mir die letzte Rede des Papstes vor seiner Abreise: die an Präsident Peres. Ohne sich hier auf abstrakte Verurteilungen einzulassen, hat der Papst – in einem sehr persönlichen Ton – gesagt, dass ihn der Anblick der Mauer mit großer Traurigkeit erfüllt habe. Eine diplomatische Art und Weise, in aller Demut und Liebe zu sagen, dass solche Mauern sicher nicht dazu dienen, einen Kontext des Friedens, Dialogs und der Hoffnung zu schaffen.
Vor dem Papstbesuch haben Sie gesagt, er wäre wie eine leckere Torte, von der alle ein Stück haben wollen. Haben Sie es letztendlich geschafft, das größte Stück zu bekommen?
TWAL: Wir, die Ortskirche, unsere hiesige christliche Gemeinde, haben es bekommen. Der Papst ist gekommen, um uns in unserem Glauben zu stärken, in unserer Sendung, in unserem Dialog, unserem Schmerz, unserer via crucis. Ich glaube, dass es für unsere Gläubigen wunderschön war zu sehen, dass da jemand ist, der für sie betet, der an sie denkt – und dass dieser jemand der Papst ist! Benedikt XVI. hat die Weltkirche aufgerufen, ans Heilige Land zu denken, ins Heilige Land zu kommen. Er hat uns viele Male – sowohl in Jordanien als auch in Bethlehem und in Jerusalem – gesagt, keine Angst zu haben, darauf zu vertrauen, dass man uns nicht vergessen hat. Das macht uns wieder Mut.
Erwarten Sie denn nun, dass sich etwas ändert?
TWAL: Das werde ich immer wieder gefragt. Man kann nicht meinen, dass der Besuch allein Wunder wirken kann. Aber mit seinen Worten und Gesten hat unser geliebter Heiliger Vater sehr viel gesät, und zwar nicht nur auf lokaler, sondern auch auf internationaler Ebene – und auch auf der der Weltkirche. In aller Ruhe, mit der Gnade Gottes und mit der Hilfe aller unserer Freunde, angefangen bei den Schwesterkirchen in Italien, wird das sicher Früchte tragen. Viele Organismen haben um ein Treffen mit mir gebeten, weil sie von mir wissen aus Gaza sagen?
TWAL: Aus Gaza sollten zweihundert Christen kommen. Israel hat aber letztendlich nur für 40 Personen die Genehmigung erteilt. Sie konnten den Papst begrüßen, der sie seiner Nähe versichert und ihnen gesagt hat, darum zu beten, dass die Belagerung Gazas sobald wie möglich aufhören möge. Die Belagerung geht weiter. Weder Zement, noch Eisen oder Glas dürfen nach Gaza eingeführt werden. Wir fragen uns also, wie man Gaza wieder aufbauen soll, wenn weder Zement, noch Eisen oder Glas ins Land gebracht werden dürfen. Im Moment verhängen die Leute ihre Fenster mit Plastikplanen.
Wie hat man in Israel reagiert? Gab es jemanden, der unzufrieden war? Nach dem Papstbesuch wurde viel über die konfiszierten Kirchengüter gesprochen.
TWAL: Die Fonds einiger Schulen in Galiläa, die für die Gehälter der Lehrer bestimmt waren, wurden eingezogen. Als guter Diplomat, der er ist, wollte der Nuntius die Situation weder verschärfen noch die öffentliche Meinung alarmieren. Aber die Konfiszierungen sind eine Tatsache. Die Regierungsverantwortlichen haben versichert, dass es derartige Fälle in der Zukunft nicht mehr geben wird. Das hat auch der israelische Botschafter beim Hl. Stuhl gesagt. Wir sind froh und danken den israelischen Autoritäten. Und schließlich gibt es ja auch noch das General Agreement, in dem betont wird, dass es solange die Verhandlungen über den steuerlichen Status der Kirchengüter nicht abgeschlossen sind, keine unilateralen Beschlüsse seitens des jetzigen Regimes geben darf. Aber das scheinen manche Beamte nicht zu wissen… Außerdem wird es in der israelischen Gesellschaft sicher den ein oder anderen geben, der mit dem Besuch des Heiligen Vaters nicht zufrieden sein wird. Da ist ihnen leider nicht zu helfen. Wir können das nicht ändern.
Und an der anderen Front, der der Hamas?
TWAL: Die Hamas hat durchaus positiv auf den Papstbesuch reagiert, vor allem, als sie gehört haben, dass er auch in einem Flüchtlingslager war. Dass er jenen zur Seite stehen wollte, die leiden, damit die Vertriebenen nicht die Hoffnung verlieren, eines Tages zurückkehren zu können. Und wenn es keine Rückkehr geben sollte, müssen wenigstens gerechte Entschädigungen gezahlt und ein Weg gefunden werden, um die Menschen in Würde und Frieden leben zu lassen.
![Der Papst mit Kindern des Caritas Baby Hospital (Bethlehem, 13. Mai 2009). [© Osservatore Romano]](/upload/articoli_immagini_interne/1248444206943.jpg)
Der Papst mit Kindern des Caritas Baby Hospital (Bethlehem, 13. Mai 2009). [© Osservatore Romano]
TWAL: Ich wüsste eigentlich nicht, warum man das tun sollte! Die Papstbesuche fanden in verschiedenen Kontexten statt; die beteiligten Personen, die allgemeine Stimmung war nicht dieselbe … Jeder Papst hat in der jeweiligen Situation sein Bestes gegeben. The right man, in the right place, at the right time… Es ist Gott sei Dank immer alles gut gegangen.
Sie haben sicher die Rede gehört, die Obama in Kairo gehalten hat…
TWAL: Ja, es war eine phantastische Rede.
Was hat Ihnen daran so gefallen?
TWAL: Wir haben schon lange auf einen Kurswechsel gewartet; darauf, dass jemand kommt, der einen anderen Ton anschlägt. Auch wenn man vielleicht nicht hundertprozentig seiner Meinung ist, muss man doch sagen, dass die Rede Obamas klar und mutig war; dass sie das Wohl aller im Auge hat – seien es nun Israelis oder Araber – , und dass er alle dazu aufruft, mit gegenseitigem Vertrauen, mit Gottvertrauen, der Zukunft entgegen zu blicken. Das war wirklich mehr als nötig!
Es wurde auch herausgestellt, dass die Rede Obamas in vielen Punkten mit dem übereinstimmt, was der Papst im Heiligen Land gesagt hat.
TWAL: Ja. Die beiden haben das herausgestellt, was wirklich wichtig ist. Und als Obama von den Palästinensern sprach, hat er betont, dass sie Muslime und Christen sind.
Vielen Dank.
Einen besonders herzlichen Gruß an Ihre Leser!