ARGENTINIEN. Taufen in Buenos Aires
Die Taufe ist eine einfache Sache
In der Erzdiözese Buenos Aires sind die Priester aufgefordert, den Taufempfang so einfach wie möglich zu gestalten und jedes Pharisäertum oder übertriebene Forderungen zu vermeiden, die die Entchristlichung fördern. Denn schon die Tatsache, dass jemand für sich oder sein Kind die Taufe erbittet, „ist Frucht der Gnade Gottes.“
von Gianni Valente

Petrus tauft die Neophyten, Masaccio, Cappella Brancacci, Kirche Santa Maria del Carmine, Florenz.
Don Fernando wundert sich zwar über den ganzen Medienrummel, aber man muss Silvina Premat – der Journalistin, die die „Meldung“ für La Nación geschrieben hat – doch einen gewissen professionellen „Riecher“ zugestehen. Dass die Taufe in der Kirche, ja in der heutigen Welt, einfach ist, ist nämlich beinah schon schlagzeilenreif.
Taufen, so bald wie möglich
Don Guglielmo und die anderen Pfarrer von Buenos Aires – der von San Diego oder von Niño Jesus – haben in ihren Vierteln und in der ganzen Stadt „die Werbetrommel gerührt“. Alle sollten wissen, wie einfach es ist, sich selbst und seine Kinder taufen zu lassen. Ihnen kam es beileibe nicht auf Schlagzeilen an. Als Priester arbeiten sie in verschiedenen konkreten Gegebenheiten – und sie nehmen sich zu Herzen, was ihnen ihre Bischöfe vorschlagen: ein Zeichen voller kirchlicher Gemeinschaft.
Es ist eine Tatsache, dass man im katholischen Argentinien, dessen Landesflagge die Farben der Muttergottes trägt und bis 1994 nur katholische Staatspräsidenten akzeptierte, feststellen musste, dass die Zahl derer (Kinder, Jugendliche, Erwachsene), die noch nicht die Gnade der Taufe erhalten haben, immer mehr zunimmt. Und dafür gibt es verschiedene kulturelle, psychologische und moralische Gründe: kein Geld für die Feier; das Problem, den Taufpaten von weither kommen zu lassen; getrennt lebende oder nicht kirchlich verheiratete Eltern. Da kann es leicht vorkommen, dass man das Ganze für nicht machbar hält. Die Diözese Buenos Aires hat vor kurzem eine Art Leitfaden für die Pfarrer drucken lassen: El bautismo en clave misionera. Einen Text, aus dem ersichtlich wird, dass das Problem schon seit geraumer Zeit eine pastorale Priorität der Ortskirche ist.
Die Bischöfe des Metropolitanbistums Buenos Aires – zu dem auch die Diözesen Morón, San Justo, Merlo-Moreno, San Martín, San Miguel, Gregorio de Laferrere, Avellaneda-Lanús und Lomas de Zamora gehören – hatten schon im Oktober 2002 eine Reihe von pastoralen Anweisungen für die Taufe der Kinder zu Papier gebracht, die nun auch in besagtem Leitfaden enthalten sind. Damit verfolgte man die Absicht, „allen zumindest die Gnade des Zugangs zum Heilswirken anzubieten, im Rahmen dessen die Taufe an erster Stelle steht.“ Das Memorandum ging von der Feststellung aus, dass „immer weniger Kinder die Taufe empfangen.“ Als Gründe dafür werden die zunehmende Säkularisierung angegeben, das immer mehr verbreitete Unwissen in Sachen Religion, die Zunahme von Paaren mit irregulären familiären Verhältnissen, der unangemessene pastorale Dialog mit all jenen, die in die Pfarreien kommen, weil sie ihre Kinder taufen lassen wollen. Der von den Bischöfen vorgeschlagene Weg war einfach nur der: nichts erschweren, keine übertriebenen Forderungen stellen, alle Schwierigkeiten sozialer, kultureller, psychologischer oder praktischer Art aus dem Weg räumen, die als Vorwand dafür dienen können, seine Kinder letztendlich doch nicht taufen zu lassen. Eines stand fest: die Eltern durften auf keinen Fall die Pfarrei mit dem Gedanken verlassen, dass irgendjemand auf die Idee kommen könnte, ihrem Kind die Taufe zu verweigern.

Don Fernando Giannetti tauft ein Mädchen am Tauffest in der Pfarrei Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit in Mataderos (Buenos Aires, 5. Juli 2009).
Die Taufkatechese sollte – wie die Bischöfe von Buenos Aires bereits vor sieben Jahren vorgeschlagen haben – auf die Lebenssituationen und realen Möglichkeiten der Eltern und der Taufpaten zugeschnitten sein. Was auch Hausbesuche mit einschließt, wenn dadurch Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden, die die erbetene Taufe vielleicht doch noch vereiteln könnten. Ja, in besonderen Fällen kann sogar soweit gegangen werden, dass die Homilie der Tauffeier als ausreichend dafür betrachtet wird, das erforderliche „Grundwissen“ zu erwerben.
Auch die – dem lateinamerikanischen Familiensinn gemäß sehr wichtige – Wahl des Taufpaten wird so leicht wie möglich gemacht („die kirchliche Disziplin verlangt lediglich, dass für das zu taufende Kind, soweit möglich, ein Taufpate zur Verfügung steht“). Das Vademecum nimmt Kenntnis davon, dass die Taufpaten „vor allem eine soziale Funktion erfüllen und sich – von Ausnahmen abgesehen – nicht als Erzieher oder Garanten dafür betrachten müssen, dass ihre Patenkinder christlich erzogen werden.“ Außerdem ist zu beachten, dass „wenn die Eltern einer Person angeboten haben, Taufpate ihres Kindes zu werden und diese angenommen hat, es als t den Prinzipien der katholischen Lehre im Einklang steht, wird sogar vorgeschlagen, ein Auge zuzudrücken und den Kandidaten als Zeugen zu akzeptieren, wie im Falle von nicht-katholischen Christen vorgesehen. Auf jeden Fall „muss vermieden werden, dass die Taufe aus Gründen der Wahl des Taufpaten auf unbestimmte Zeit aufgeschoben oder letztendlich sogar abgesagt wird.“ Um keine unnötigen bürokratischen Hürden zu schaffen, müssen bei den einzelnen Pfarreien auch keine Genehmigungen verlangt werden. Ja, die Angestellten in den Pfarrsekretariaten sind sogar gerufen, so entgegenkommend wie möglich zu sein, um nur ja niemanden durch eine übertrieben „inquisitorische“ oder „herablassende“ Haltung einzuschüchtern. („Oft haben Menschen“ – heißt es in dem Memorandum –, „die es nicht gewohnt sind, Pfarrgemeinden zu frequentieren, eine gewisse Scheu, Fremden ihre persönliche Situation dazulegen oder selbst Erklärungen zu verlangen. Sie gehen dann enttäuscht von dannen, weil sie zwar in der festen Absicht gekommen waren, ihr Kind taufen zu lassen, aber ihrer Meinung nach kein Entgegenkommen erfahren haben, ja ihnen sogar Hindernisse in den Weg gelegt wurden, die sie unweigerlich als übertriebene bürokratische Prinzipienreiterei empfinden müssen“).
Der Leitfaden der argentinischen Bischöfe betont, dass jede Bitte um eine Kindstaufe mit Respekt behandelt werden muss, ganz gleich, von wem sie kommt. „Die Menschen, die zu uns kommen, um ihr Kind taufen zu lassen, haben sich zu einem wichtigen Schritt entschieden, der Ausdruck der Religiosität (religión) unseres Volkes ist und daher mit dem gebotenen Respekt behandelt werden muss.“ Es muss also unbedingt vermieden werden, dass für das Spenden der Taufe „hypothekarische Garantien“ bezüglich des Schicksals des Taufkandidaten verlangt werden. Der Codex des kanonischen Rechtes hält hierzu fest, dass man die „berechtigte Hoffnung“ haben muss, dass das getaufte Kind im katholischen Glauben erzogen wird. Die pastoralen Anweisungen der Bischöfe des Metropolitanbistums Buenos Aires zu diesem Punkt klären, dass man allein schon aufgrund des einfachen Umstandes, dass jemand den Wunsch geäußert hat, sein Kind taufen zu lassen, „davon ausgehen kann, dass der Wille besteht, das Kind im Glauben zu erziehen.“ Zumindest „solange das Gegenteil nicht erwiesen ist“. Wenn diese Garantie seitens der Eltern nicht gegeben scheint, muss die christliche Gemeinschaft unter Leitung des Pfarrers Mittel und Wege finden, diesen Mangel wettzumachen. Die Taufe ist nämlich keine Sonderleistung, sondern „wird kraft des ‚Glaubens der Kirche‘ gespendet.“ „Daher darf die Taufe“ – wie es im Vademecum weiter heißt, um auch den letzten Zweifel auszuräumen – „Kindern alleinstehender Mütter, standesamtlich getrauten Paaren, Kindern von wiederverheirateten Geschiedenen oder Personen, die sich von der Praxis des christlichen Lebens entfernt haben, nicht verweigert werden.“ Für Pater Giannetti, der auf eine lange pastorale Erfahrung zurückblicken kann, scheint das auf der Hand zu liegen: „Ich bin seit vielen Jahren Priester“, sagt er, „und ich habe nie gehört, dass man irgendeinem Kind hier in Buenos Aires oder Umgebung die Taufe verweigert hätte, nur weil die Eltern nicht kirchlich verheiratet waren. Damit würde man die Kinder ja für die Schwäche ihrer Eltern bestrafen, und das wäre ja wohl eine mehr als schändliche Form von Erpressung.“
![Ein Priester nimmt einer Frau bei der Wallfahrt zu der dem hl. Kajetan geweihten Kirche die Beichte ab (Stadtteil Liniers, Buenos Aires, 7. August 2009). <BR>[© Reuters/Contrasto]](/upload/articoli_immagini_interne/1256644478928.jpg)
Ein Priester nimmt einer Frau bei der Wallfahrt zu der dem hl. Kajetan geweihten Kirche die Beichte ab (Stadtteil Liniers, Buenos Aires, 7. August 2009).
[© Reuters/Contrasto]
Ohne es zu wollen, schlagen die pastoralen Anweisungen der argentinischen Bischöfe zur Tauf-Vereinfachung einen Ansatz vor, der im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder in Frage gestellt wurde. Und nicht nur in Lateinamerika. Schon zu Zeiten der ersten christlichen Verkündigung auf dem amerikanischen Kontinent mussten sich die Franziskaner auf mühsame theologische Dispute einlassen, um sich für ihre Entscheidung zu rechtfertigen, die Taufen der Indios so weit wie möglich zu erleichtern. Heute kommen die Einwände von dem, was in der Broschüre als „ilustrada“-Kultur bezeichnet wird: dem weit verbreiteten Gedanken, dass die Taufe nur demjenigen gespendet werden soll, der dazu bereit ist, die Bedeutung der Taufe kennt und mit dem Taufversprechen sichere Garantien dafür gibt, sich wirklich bemühen zu wollen.
Die Broschüre lehnt sich auch an die Kirchenväter an und bezieht sich auf die schönen Intuitionen von Pater Rafael Tello, dem 2002 verstorbenen Theologen der Armen und der Volksfrömmigkeit. Ohne jegliche Polemik beschreibt Pater Tello die „ilustrada“-Mentalität als Ansatz, für den die Taufe jener Ritus ist, mit dem „eine Spiritualität“ erworben wird, „die dem Menschen die Fähigkeit verleiht, geistliche Werke zu tun.“ Eine Konzeption, in der das alte Missverständnis wieder wach wird, das – so der Dichter Charles Péguy – das Christentum zu einer Art „gehobener Religion für gehobene Klassen“ entarten lässt in der Meinung, dass das Heil aus der Erkenntnis kommt und aus der auf die Erkenntnis gegründeten Fähigkeit zur Selbstkorrektur. Das Dossier von Buenos Aires dagegen findet Trost bei Augustinus und Thomas von Aquin, bei Hippolyt, Cyprian und Kyrill von Jerusalem und erkennt, dass „sich die Taufe in unserem historisch-kulturellen Kontext massiv auf die Verkündigung auswirkt; sie nicht zu spenden oder den Leuten den Zugang zu erschweren, begünstigt die Entchristlichung unseres Volkes.“ Wie es schon im späten Altertum durch die strengen Regeln für den Katechumenat geschehen ist, hat „die Tendenz, Forderungen zu stellen, die den Zugang zu den Sakramenten erschweren, in Europa eine starke Entchristlichungswelle ausgelöst, der man nur mit einer Gegenreaktion begegnen konnte.“ Verantwortlich dafür zeichneten hauptsächlich Mönche aus „Barbarenvölkern“. In dem Anspruch, das Spenden der Sakramente von irgendeiner Garantie, einer gründlichen „Vorbereitung“, abhängig zu machen, sieht die Broschüre auch die Gefahr eines gewissen „Pharisäertums“, das alles zu einer rein bürokratischen „Formalität“ macht: „Niemand darf meinen, dass ein paar Unterrichtsstunden aus Eltern und Taufpaten Lehrmeister in Sachen Glauben und christlichem Leben machen“. Auf der anderen Seite besteht aber sehr wohl die Gefahr, dass jene abgeschreckt oder eingeschüchtert werden, die meinen, nicht „würdig“ oder „geeignet“ zu sein, die Sakramente zu empfangen oder sie für ihre Kinder zu erbitten.
![Gläubige vor dem Heiligtum des Kajetan, heiliger Schutzpatron der Arbeit und des Brotes (7. August 2009). [© Associated Press/LaPresse]](/upload/articoli_immagini_interne/1256644386944.jpg)
Gläubige vor dem Heiligtum des Kajetan, heiliger Schutzpatron der Arbeit und des Brotes (7. August 2009). [© Associated Press/LaPresse]
Der Rat, die Taufen auf jede nur mögliche Weise zu fördern und jedes eventuelle Hindernis aus dem Weg zu räumen, das sich durch die Pastoralpraxis stellen könnte, ist keine „Strategie“ zu Zeiten der Entchristlichung, keine Taktik gegen den zunehmenden Glaubensabfall. Der in Buenos Aires gedruckte Leitfaden wiederholt mehrfach, dass ein solcher Ansatz dem Wesen der Taufe und der anderen Sakramente am meisten entspricht. In diesem Zusammenhang wird auch Kyrill von Jerusalem zitiert, der in seiner Katechese schrieb: „Christus hat man Nägel in die reinen Hände und Füße geschlagen, ihn Schmerzen erfahren lassen; mir aber wird, ganz ohne Schmerz und ohne jede Müh’ unverdient das Heil gegeben durch die Teilhabe an seinen Schmerzen.“ Diese Ungeschuldetsein ist der unvergleichliche Wesenszug, der die gesamte Dynamik der Sakramente charakterisiert, wie die Kirche sie schon immer gespendet hat, angefangen bei der Taufe: „Die Initiative der Taufe“, steht im Memorandum geschrieben, „geht von Gott aus, der die christlichen Eltern dazu inspiriert, ihre Kinder taufen zu lassen. Auch wenn die Eltern keine angemessene Erklärung dafür [dass sie ihre Kinder taufen lassen wollen, Anm.d.Red.] haben und auch ohne es zu wissen, werden sie in ihrem Handeln von der freien und liebevollen Vorliebe Gottes getrieben, der den Wunsch hat, dass jedes Kind sein Kind sei in Jesus Christus.“ In einer anderen Passage heißt es: „Wir glauben, dass der Beschluss, das Kind zu taufen, bereits Frucht der Gnade Gottes ist: der Heilige Geist wirkt in den Herzen der Eltern und lässt sie darum bitten, dass ihr Kind getauft wird.“ Die Volksfrömmigkeit – meint Pater Tello – ist der Ausdruck des sensus fidei, mit dem Jahrhunderte lang diese Natur der Taufe als unentgeltliche Geste des Herrn anerkannt und bekannt wurde: „Ein sinnlich wahrnehmbares Faktum [der Taufritus, Anm.d.Red], verstanden als Zeichen Gottes, der den Getauften annimmt und ihn mit seinem Sohn Jesus Christus vereint.“ Und wer „auf das barmherzige Wirken Gottes vertraut, das rettet“, der denkt nicht im Traum daran, die Arbeit der Gnade mit plumpen Versuchen zu behindern. Er versucht stattdessen – so gut er kann –, Raum zu schaffen, den Weg zu ebnen, ihn einfacher zu machen. Sein Glaubensinstinkt sagt ihm, dass die Kirche Christi die Geschenke des Herrn nicht zurückhalten darf. Denn diese Geschenke sind „etwas, das ihm gehört.“
Die ersten Schritte
Zu den in dem Leitfaden aufgeführten Dokumenten gehört auch ein kurzes „Handbuch“ für die Eltern der Pfarrei der Unbefleckten Empfängnis. Darin wird erklärt, wie sie ihren Kindern nach der Taufe in den ersten Lebensjahren helfen können, im Glauben zu wachsen. Es handelt sich um unverbindliche, knappe und konkrete Vorschläge, die sich auch an der modernen evolutionären Psychologie orientieren. Kleine Ratschläge, wie man Kinder zu gesunden, zuversichtlichen und zufriedenen Menschen erzieht. So wird den Eltern beispielsweise vorgeschlagen, ihrem Kind im ersten Lebensjahr „nicht nur einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, sondern es auch durch Aufdrücken des Kreuzes auf die Stirn zu segnen und dem Schutz des lieben Gottes anzuvertrauen.“ Für das zweite Lebensjahr wird den Eltern der Rat gegeben, „die Kirche ihres Stadtviertels zu besuchen, um sie dem Kind vertraut zu machen.“ Und da Kinder in diesem Alter beginnen, die anderen nachzuahmen, werden die Eltern aufgefordert, „dem Bildnis Jesu, der Jungfrau Maria oder eines besonders verehrten Heiligen eine Kusshand zuzuwerfen, oder einfach nur still davor zu verharren. Einfache und knappe Gesten.“ Im dritten Jahr, wenn das Kind in den Kinderhort kommt, wo es neue Spielkameraden findet, lautet der Rat, ihm die Geschichte seines Freundes Jesus zu erzählen und ihm das Ave Maria und ein Gebet zum Schutzengel beizubringen…
So wächst man, Tag für Tag. Fast ohne sich bewusst zu werden, dass jeder neue Schritt einfach sein kann wie der erste, das ganze Leben lang.