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NOVA ET VETERA
Aus Nr. 12 - 2009

Archiv 30Tage

Man kommt nicht als Kind Gottes auf die Welt. Man wird es erst



von Ignace de la Potterie


<I>Die Tempelsteuer</I>, Masaccio, Cappella Brancacci, Kirche Santa Maria del Carmine, Florenz.

Die Tempelsteuer, Masaccio, Cappella Brancacci, Kirche Santa Maria del Carmine, Florenz.

Erst vor kurzem hat die Kirche zu Weihnachten die Geburt des eingeborenen ewigen Sohnes Gottes in der Zeit gefeiert. Nach einer immer weiter verbreiteten theologischen Meinung lasse sich von der Menschwerdung des Sohnes her schließen, daß jeder Mensch automatisch als Kind Gottes geboren werde. Jeder Mensch lebe demnach von Anfang an bereits radikal in Christus, ob er es nun weiß oder nicht, ob er es will oder nicht. Gemäß dieser theologischen Auffassung ist Christus zuallererst Haupt der Schöpfung und dann erst Haupt seiner Kirche. Deshalb gehöre ihm jeder Mensch, noch bevor sein Geist ihn eingeholt und verwandelt hat.
Diese Vorstellung verpflichtet sogar den heiligen Thomas von Aquin und beruft sich dabei auf eine Stelle in der Summa theologiae III, 8, 3, wo es heißt: „Christus ist im Blick auf die Menschen in ihrer Allgemeinheit Haupt aller Menschen, aber in verschiedenen Abstufungen.“ Das Zweite Vatikanische Konzil hat diesen Gedanken in seiner Pastoralkonstitution Gaudium et spes aufgegriffen. In Nr. 22 lesen wir: „Denn er, der Sohn Gottes, hat sich in seiner Menschwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt.“ Übersieht man aber in der Aussage der Summa theologiae und in Gaudium et spes die entscheidenden Einschränkungen „in verschiedenen Abstufungen“ und „gewissermaßen“, dann verläßt man die Wahrheiten des katholischen Glaubens. Denn das Konzil unterscheidet selbst in seiner dogmatischen Konstitution Lumen gentium (Nr. 13) ganz eindeutig zwischen der Berufung aller Menschen zum Heil und der tatsächlichen Zugehörigkeit der Gläubigen zur Gemeinschaft Jesu Christi und folgt damit der Überlieferung der Kirche und der gesamten biblischen Offenbarung.
Wäre mit der Menschwerdung des Wortes jeder Mensch schon unmittelbar Kind Gottes, spielten die Wahl oder Erwählung und somit der Glaube, die Taufe und die Kirche für das Heil letztlich keine entscheidende Rolle mehr. Die Sendung der Kirche in der Welt bestünde nur darin, allen Menschen das Heil bewußt zu machen, das eigentlich in der Tiefe eines jeden Menschen bereits gegenwärtig ist. Demnach erwerbe jeder Mensch kraft der Menschwerdung des Wortes praktisch automatisch, wenn auch vielleicht unbewußt, das „Leben in Christus“ und erhalte somit kraft seiner Transzendenz als menschliche Person die Heilsfrüchte der von Jesus Christus gewirkten Erlösung. Daher sei er ein sogenannter „anonymer Christ“.
Der berühmte deutsche Exeget Erik Peterson, der von der lutherischen Kirche zur katholischen Kirche konvertierte, erklärte bereits in einem Aufsatz aus dem Jahre 1933, Die Kirche aus Juden und Heiden (es handelt sich dabei um einen Kommentar zu den Kapiteln 9-11 des Römerbriefs), es könne kein rein auf die natürliche Ordnung verkürztes Christsein geben, in dem die Früchte der von Jesus Christus gewirkten Erlösung allgemein, das heißt jedem Menschen gleichsam als Erbe einzig und allein aus dem Grund zugeeignet würden, weil er die menschliche Natur mit dem menschgewordenen Wort gemeinsam habe. Die Gotteskindschaft ist kein automatisches Ergebnis, das durch die Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht garantiert ist. Die Gotteskindschaft ist immer ein ungeschuldetes Geschenk der Gnade. Sie läßt sich nicht von der in der Taufe ungeschuldet geschenkten und im Glauben erkannten und aufgenommenen Gnade trennen. Ein Abschnitt aus einem Brief von Leo dem Großen über die Versöhnung Gottes mit dem Menschen, der im Advent in der Lesehore gelesen wird, zeigt ganz deutlich die Beziehung zwischen Menschwerdung und Taufe: „Denn wäre der neue Mensch nicht ‚in der Gestalt des Fleisches gesandt worden, das unter der Macht der Sünde steht‘ (Röm 8, 3), hätte er nicht unseren alten Menschen angenommen, wäre er, der gleichen Wesens mit dem Vater ist, nicht auch gleichen Wesens mit der Mutter geworden und hätte er nicht unsere Natur zu der seinigen gemacht – er, der allein ohne Sünde ist –, so wären alle Menschen unter dem Joch des Teufels gefangen. Wir hätten keinen Anteil an dem Triumph des Siegers, wenn der Sieg ohne unsere Natur gekommen wäre. Wir verdanken das Licht dieser wunderbaren Teilnahme dem Sakrament der Wiedergeburt; in ihm sind wir geistlich wiedergeboren durch denselben Geist, durch den Christus empfangen und geboren wurde. So werden auch wir, die wir aus dem Willen des Fleisches geboren sind, in einer geistlichen Geburt wiedergeboren.“ Und Augustinus schreibt in De civitate Dei: „Die von der Sünde verdorbene Natur bringt deshalb die Bürger der irdischen Stadt hervor, während die Gnade, die die Natur von der Sünde befreit, die Bürger der himmlischen Stadt hervorbringt. Deshalb werden die ersten Schalen des Zorns genannt; die anderen aber werden Schalen der Gerechtigkeit genannt. Ein Symbol dafür sind auch die beiden Söhne Abrahams. Der eine, lsmael, wird dem Fleisch nach aus der Sklavin Hagar geboren, der andere, lsaak, wird der Verheißung nach aus der Freien Sara geboren. Beide sind Nachkommen Abrahams, aber eine rein natürliche Beziehung führte zur Geburt des ersten, während die Verheißung, die Zeichen der Gnade ist, den zweiten geschenkt hat. Im ersten Fall offenbart sich ein menschliches Verhalten, im zweiten offenbart sich die Gnade Gottes.“
Doch man braucht nur zum Neuen Testament zurückzukehren und zu betrachten, was Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, über die Gotteskindschaft schreibt. Er zeigt, daß die Gotteskindschaft kein unmittelbarer, natürlicher Besitz ist, sondern ein ungeschuldetes Geschenk, das der Herr dem zuteil werden läßt, den er erwählt, und das der Mensch im Glauben annimmt. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Joh 15, 16).
Vor allem drei Abschnitte aus den johanneischen Schriften handeln von der von Jesus verheißenen und vom Christen erfahrenen Gotteskindschaft: ein Abschnitt aus dem Johannesprolog (Joh 1, 12), der von unserer Macht, Kinder Gottes zu werden, spricht; der erste Teil des Gesprächs mit Nikodemus (Joh 3, 1 -8), in dem Jesus klar sagt, was der Heilige Geist in uns zu unserer Zeugung und Wiedergeburt als Kinder Gottes vollbringen wird; und schließlich zwei Stellen aus dem 1. Johannesbrief (1 Joh 3, 6 9; 5. 18 19), wo der Apostel die geistlichen und sittlichen Wirkungen der Gotteskindschaft im konkreten Leben des Christen beschreibt: Wer als Kind Gottes lebt, „kann nicht sündigen“. Für unsere Frage sind vor allem die beiden ersten Stellen von Bedeutung.
Im Prolog (Joh 1, 12-14) schreibt Johannes: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen [nämlich), die an seinen Namen [an den Namen dessen, der von Gott gezeugt wurde] glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind (egennete). Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes (monogenous) vom Vater (parà Patros) voll Gnade und Wahrheit.“
Zunächst gilt es hervorzuheben, daß die Kommentare über den Gebrauch des Verbs werden (ginestai) in diesem Abschnitt schweigen. Die Wahl dieses Ausdrucks zeigt aber bereits sprachlich, wie Johannes die Gotteskindschaft sen der Gnade vorbereitet und getragen wird. Es sind Ereignisse, die das Herz immer wieder in Staunen versetzen und es so mit dem Glauben nähren. Die Gotteskindschaft ist letztlich kein metaphysisches Gütesiegel, das dem Schicksal eines jeden aufgedrückt wird, ob er es nun weiß oder nicht, ob er es will oder nicht. Es handelt sich vielmehr um ein Geschenk, das man im Glauben anerkennt und annimmt. Ein Geschenk, das an unsere Freiheit appelliert, so daß sogar Gott mit Zittern auf das Jawort Mariens wartete, wie es der heilige Bernhard in seinem Bild so wunderbar ausdrückt.
Der zweite Schlüsselbegriff in dem Abschnitt aus dem Prolog ist das Wort Macht (exousian), das ebenfalls keinen Besitz, sondern eine Dynamik ausdrückt. Man wird nicht automatisch, das heißt dem Gesetz der Natur nach Kind Gottes, sondern durch den Glauben. Und der Glaube ist jene Macht, die Gott uns gegeben hat, damit wir Kinder Gottes werden können: Es handelt sich dabei um keinen vagen, anonymen Glauben, um keine bloße religiöse Sehnsucht, die wenigstens in einigen Lebenssituationen allen Menschen gemein ist, sondern um den Glauben dessen, der „an seinen Namen glaubt“. Diesen Ausdruck finden wir bei Johannes öfters: der wahre Glaube ist der „Glaube an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (vgl. Joh 3, 18). Daraus folgt, daß unsere Gotteskindschaft nur in der Teilhabe an der Sohnschaft dessen bestehen kann, der als „einziger Sohn vom Vater gekommen ist.“ Diese Macht, Kinder Gottes zu werden, dieser Glaube entsteht, bleibt und wächst, wie es schon bei den ersten Jüngern der Fall war. Was den ersten Jüngern passiert ist, bleibt immer paradigmatische Erfahrung dafür, wie man Kind Gottes wird. Denn die Präsenz, die den Glauben in den ersten Jüngern geweckt hat, wirkt auch weiterhin in der Gegenwart, so daß sie auch heute im Herzen der Menschen, die der Vater ihr gibt (vgl. Joh 17, 2), Staunen und Glauben hervorruft.
Das Gespräch mit Nikodemus ist die längste und ausdrücklichste Stelle im Neuen Testament zur Frage der Gotteskindschaft. Von den verschiedenen Aspekten, die in diesem Abschnitt angeschnitten werden, muß man vor allem hervorheben, wie sehr Jesus auf dem Wirken des Heiligen Geistes besteht, der die Gotteskindschaft bewirkt. Er erklärt Nikodemus: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen“ (Joh 3, 5). Nur der wird „Sohn im Sohn“, der in Glauben und Taufe (auf die Jesus hier mit dem Wort Wasser anspielt) vom Heiligen Geist wiedergeboren wird. Einen anderen Weg und Zugang zur Gotteskindschaft gibt es nicht.
Auch die Theorien, die die Gotteskindschaft auf eine Art Automatik zurückführen, als ob es sich dabei um ein erworbenes Siegel handele, das Gott jedem Menschen aufdrückt, bezeichnen oft den Heiligen Geist als Urheber dieses Wirkens. Nach diesen Theorien wären die Menschen von Natur aus auch ohne Glauben, Taufe, und freie Zustimmung im Besitz der Gotteskindschaft. Denn der Geist eigne in seiner unbegrenzten Freiheit jedem Menschen die Früchte der Erlösung zu, gleich ob dieser es weiß oder nicht, ob er es will oder nicht.
<I>Petrus tauft die Neophyten</I>, Detail, Masaccio, Brancacci-Kapelle, Kirche 
Santa Maria del Carmine, Florenz.

Petrus tauft die Neophyten, Detail, Masaccio, Brancacci-Kapelle, Kirche Santa Maria del Carmine, Florenz.

Das Johannesevangelium bezeugt aber, daß der Heilige Geist keine unabhängige und eigenständige Wesenheit ist, die in der tiefsten Tiefe des Bewußtseins des Menschen parallel zum Wirken Jesu Christi, des Sohnes Gottes, etwas anderes bewirkt.
Die gesamte Sendung des Heiligen Geistes in der Heilsgeschichte läßt sich mit den Worten des heiligen Basilius zusammenfassen, die die Kirche in der Lesehore der Weihnachtszeit vorlegt: „Wie man im Sohn den Vater sieht, so sieht man im Geist den Sohn.“ Und Basilius fügt hinzu: „Wie aus dem hervorgeht, was der Herr die Samariterin lehrt: daß man ‚Gott im Geist und in der Wahrheit‘ (Joh 4, 23) anbeten muß, wobei er sich selbst als ‚die Wahrheit‘ bezeichnete (vgl. Joh 14, 16).“
Man braucht aber nur die Stellen im Johannesevangelium zu betrachten, wo Jesus seinen Jüngern den Parakleten verheißt. Der Geist „wird“ sie alles „lehren“ und sie an alles erinnern, was Jesus gesagt hat (vgl. Joh 14, 26); er wird „Zeugnis“ für Jesus „ablegen“ (Joh 15, 26); „er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört“ (Joh 16, 13). Der Heilige Geist ist also keine willkürlich handelnde Wesenheit; er besitzt ein klares, wenn auch geheimnisvolles Ziel („Der Geist weht, wo er will“, Joh 3, 8); was immer er wirkt, steht im Bezug zur Lehre und Sendung Jesu Christi. Welche andere Wahrheit könnte der Geist offenbaren als die Wahrheit dessen, der gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14, 6), da der Geist „der Geist der Wahrheit“ (Joh 15, 26; 16, 13) ist? Der Geist führt den Christen zu Jesus Christus; er führt ihn in die ganze Wahrheit ein (Joh 16, 13); er hilft ihm, das Geheimnis Jesus Christi immer tiefer zu durchdringen und im Herzen zu bewahren. Mit einem Abschnitt aus der dogmatischen Konstitution Lumen gentium können wir das bisher Gesagte zusammenfassen: „Christus hat, von der Erde erhöht, alle an sich gezogen. Auferstanden von den Toten, hat er seinen lebendigmachenden Geist den Jüngern mitgeteilt und durch ihn seinen Leib, die Kirche zum allumfassenden Heilssakrament gemacht. Zur Rechten des Vaters sitzend, wirkt er beständig in der Welt, um die Menschen zur Kirche zu führen und durch sie enger mit sich zu verbinden, um sie mit seinem eigenen Leib und Blut zu ernähren und sie seines verherrlichten Lebens teilhaftig zu machen“ (Nr. 48).
Wenn man nicht als Kind Gottes zur Welt kommt, sondern es erst wird1, so versteht sich von selbst, daß dies nie ein Grund zur Überheblichkeit und zur Verurteilung der anderen ist. Wie Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Redemptoris Missio schrieb, ist der Glaube ein Geschenk aus der Höhe, das wir ohne unseren Verdienst empfangen haben.
Die Erfahrung der Gotteskindschaft ist also reine Dankbarkeit für das unverdiente Geschenk und die Hoffnung auf Heil für alle. Daher kann es nicht in unserem Sinn sein, die Ungläubigen, Fernstehenden oder mutmaßlichen Feinde zu verurteilen. Denn jeder von ihnen kann dem christlichen Ereignis begegnen, wenn man es vielleicht am wenigsten erwartet. Wie Charles Péguy in seinem Kommentar zu einem Vers von Corneille schreibt, „rührt Gott die Herzen an, wenn man es am wenigsten erwartet. Das ist das Wort des Gewissensbisses, das Wort des Angriffs, des Schlags, der Durchdringung der Gnade. Doch es schließt auch den ein, der daran denkt, der es gewohnt ist, daran zu denken, der vom Schleier der Gewohnheit bedeckt ist, und auch den, der sich dem Eindruck weniger aussetzt und ihm sozusagen weniger Möglichkeiten gibt, sich von ihm ergreifen zu lassen.“
Diese Dankbarkeit verurteilt niemanden, sondern ist auch gegenüber dem Irrtum und der Sünde voller Großmut und Barmherzigkeit. Das war beim heiligen Franz Xaver der Fall, dem Lieblingsschüler des heiligen lgnatius von Loyola, den dieser zur Mission in den Fernen Osten schickte. Angesichts der zum Teil schrecklichen Sünden der Heiden wunderte sich der heilige Franz Xaver darüber, daß sie ohne die Sakramente und das kindliche Gebet nicht noch schlimmere Sünden begingen. So schrieb er in seinem Brief von 1552 an seine Ordensbrüder: „Ich wundere mich nicht über die Sünden, die es unter Bonzen und Bonzinnen gibt, auch wenn ihre Zahl sehr groß ist. Im Gegenteil, ich wundere mich, daß sie keine schlimmeren Sünden begehen und nicht noch mehr sündigen. “


1 Vgl. I. de la Potterie, La figliolanza divina del cristiano secondo Giovanni, in Atti del VI Simposio di Efeso su san Giovanni apostolo, Pontificio Ateneo Antoniano, Rom 1996, SS. 53-80.


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