DER BEITRAG DER CHRISTEN. Interview mit Kardinal Angelo Sodano.
Nova et vetera, wie man Moderne und Tradition vereint
Wenn Europa seine Ziele erreichen will, muss es mit „kreativer Treue“ aus dem christlichen Erbe schöpfen. Der Dekan des Kardinalskollegiums zieht Bilanz über die zwanzig Jahre, die seit dem Fall der Berliner Mauer verstrichen sind. Probleme und Perspektiven der Europäischen Union.
Interview mit Kardinal Angelo Sodano von Roberto Rotondo
An welchem Punkt sind wir heute, zwanzig Jahre nach dem
Fall der Berliner Mauer, mit dem Bau des Europäischen Hauses
angelangt? Was ist aus den vielen Hoffnungen geworden? Und wie kann man
einen Ausweg finden aus der sterilen Dialektik zwischen Laizismus und
religiösem Fundamentalismus, in der die europäischen
Institutionen gefangen sind? Das jüngste Buch von Kardinal Angelo
Sodano, Dekan des Kardinalskollegiums und emeritierter vatikanischer
Staatssekretär, Per una nuova Europa. Il
contributo dei cristiani („Für
ein neues Europa. Der Beitrag der Christen“, Vatikanische
Verlagsbuchhandlung), gibt auf wenigen Seiten eine Antwort, die keine Frage
offen lässt. Ohne Polemik, dafür aber mit der
Urteilsfähigkeit und dem praktischen Sinn, die sich Kardinal Sodano in
50 Jahren Vatikandiplomatie aneignen konnte (15 davon als
Staatssekretär der letzten beiden Päpste). Eigenschaften, die er
vielleicht aber auch der Verbundenheit mit seiner Heimat Piemont zu
verdanken hat, wo er aufgewachsen und Priester geworden ist. Sodanos Vater
Giovanni war übrigens von 1948 bis 1963 Abgeordneter im italienischen
Parlament.
Der Kardinal bereitet uns am Äthiopischen Kolleg einen herzlichen Empfang. Dort befindet sich sein Apartment und dort treffen wir ihn an diesem sonnigen Morgen Ende Januar auch bei der Arbeit an.
![Kardinal Angelo Sodano bei der „Tausendjahrfeier des Namens Litauens“ (Wilna, 6. Juli 2009). [© AFP/Getty Images]](/upload/articoli_immagini_interne/1270127769372.jpg)
Ihr Buch Per una nuova
Europa beginnt mit der Erinnerung an den
Besuch Johannes Pauls II. an der Berliner Mauer 1996. Nach dem Mauerfall
hat Papst Wojtyla gesagt, dass Europa nun endlich wieder mit zwei
Lungenflügeln atmen könne. Welches Urteil können Sie
über den seit dem Mauerfall eingeschlagenen Kurs abgeben?
ANGELO SODANO: Die zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind meiner Meinung nach unter verschiedenen Aspekten positiv zu beurteilen. Positiv ist vor allem, dass die von den kommunistischen Regimen unterdrückten Bevölkerungen Mittel- und Osteuropas den Weg zur Freiheit angestrebt haben. Für dieses Grundrecht der menschlichen Person haben viele Männer und Frauen ihr Leben hingegeben. Seit 1989 können nun alle Europäer ihre Freiheit dem Staat gegenüber geltend machen, in dem Bewusstsein, dass der Mensch vor der politischen Gesellschaft kommt, die die unveräußerlichen Menschenrechte nicht antasten darf.
Positiv war der europäische Kurs in Richtung Frieden, mit dem der Block, der den Osten und den Westen des Kontinents trennte, überwunden werden konnte. Nie wieder Krieg, nie wieder eine Nation gegen die andere: das war das Versprechen, das man sich in diesen Jahren gegeben hat. Und in diesem Sinne konnten neue Wege für die europäische Zusammenarbeit eingeschlagen werden. Der letzte tragische Weltkrieg sollte der neuen Generation als Mahnung dienen, ein Krieg, der mehr als 55 Millionen Menschenleben gekostet hatte. Danach kamen der „Kalte Krieg“ und die Teilung Europas durch den „Eisernen Vorhang“, wie es Winston Churchill 1945 so treffend bezeichnet hatte. Kurzum: mit dem Fall der Berliner Mauer haben wir die Geburt eines neuen Europa miterlebt, eines Europa der Freiheit und des Friedens.
Sie schreiben, dass Europa mehr als eine geographische Realität eine spirituelle Realität sei, und fügen an, dass das vor zwanzig Jahren begonnene Engagement für eine spirituelle Erneuerung starke Gegenschläge einstecken musste; dass es verschiedene Versuche gegeben hätte, die christliche Identität Europas aufzulösen. Sie sprechen von einer laizistischen Strömung, die Europa durchquert. Welchen Platz nimmt die Kirche in diesem Kontext ein?
SODANO: Das, was Sie sagen, stimmt. Nachdem ich die positiven Aspekte des Weges herausgestellt habe, den einige europäische Staaten eingeschlagen haben, musste ich auch einen „Stolperstein“ ansprechen, auf den wir auf diesem Weg gestoßen sind: den Laizismus.
Dieses Phänomen, das in den einzelnen Staaten verschiedene Auswirkungen hat, ist in einigen Ländern Westeuropas stärker spürbar. Man kann dieses laizistische Phänomen also nicht verallgemeinern. Das wäre nicht richtig. In Europa gibt es heute 46 souveräne Staaten, einschließlich der beiden Länder, deren Landfläche zum Teil in Europa liegt: Kasachstan und die Türkei. Jeder dieser Staaten hat eine andere Situation. Es stimmt jedoch, dass sich das Phänomen des Laizismus in vielen dieser Staaten Westeuropas nicht nur in verschiedene Gesellschaftsschichten einschleichen konnte, sondern auch in Parteien und Institutionen.
In meinem Buch wollte ich das Werk der Christen – Katholiken, Orthodoxe und Reformierte – herausstellen, um die öffentliche Meinung in Europa daran zu erinnern, dass Europa ohne die Präsenz der spirituellen Werte im öffentlichen Leben nicht mehr es selbst wäre.
Schon auf der ersten Seite sprechen Sie von den christlichen Wurzeln Europas und greifen dabei ein Zitat Benedikts XVI. auf, der bekräftigt, dass sich Europa, wenn es seine Ziele erreichen will, mit „kreativer Treue“ am christlichen Erbe inspirieren soll. Der Ausdruck „kreative Treue“ im Bezug auf das christliche Erbe ist wunderschön, weil damit impliziert wird, dass man mit Tradition nicht irgendein Museumsstück meint, sondern etwas Aktuelles. Wie kann man diese kreative Treue konkret leben?
SODANO: Es gibt da ein Gleichnis des Herrn, aus dem Matthäus-Evangelium, das uns sagt, worin diese „kreative Treue“ besteht. Jesus sagt, dass „der Jünger des Himmelreichs einem Hausherrn gleicht, der aus seinem reichen Vorrat Altes und Neues hervorholt“ (Mt 13, 52).
Auch heute müssen sich die Christen dieser Methode bedienen, müssen auf diesen neuen, durch den Fortschritt erschlossenen Wegen die Schätze der Vergangenheit bewahren. „Nova et vetera“: in diesen Worten sind Moderne und Tradition vereint.
Die Unterscheidung zwischen politischer und religiöser Sphäre ist den Gläubigen heute zum Beispiel viel deutlicher bewusst. Es ist ein Wert, den die Kirche angenommen und anerkannt hat. Ein Wert, der heute zum Erbe unserer Zivilisation gehört.
Das Prinzip der Laizität birgt den Respekt vor jeder religiösen Konfession seitens des Staates, entbindet aber nicht von der Pflicht, den religiösen Bedürfnissen seiner Bürger Rechnung zu tragen.
Im Gegenteil, der moderne Staat darf – wie uns Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Caritas in veritate sagt – nicht vergessen, chtes menschliches Antlitz zu zeigen. Der Abbruch dieses Dialogs ist mit einem schwer lastenden Preis für die Entwicklung der Menschheit verbunden.“
Besonders beeindruckend ist die Stelle, wo der Papst über Laizismus und Fundamentalismus spricht. Wir können also nur hoffen, dass diese Botschaft alle jenen zu denken gibt, die für die Zukunft Europas verantwortlich sind.
![Bei der offiziellen Gedenkzeremonie des 20. Jahrestages des Mauerfalls wurde entlang der ehemaligen Berliner Mauer ein riesiges Dominospiel mit tausend Teilen aufgebaut (Berlin, 9. November 2009). <BR>[© AFP/Getty Images]](/upload/articoli_immagini_interne/1270127866325.jpg)
Sie haben darauf verwiesen, dass der Einfluss, den das
Christentum auf die Bildung Europas hat, nicht bedeutet, dass sich hier
jemand die Geschichte unseres Kontinents „einverleiben“ will.
Man strebt also kein konfessionelles Europa an, sondern ein harmonisches
Zusammenleben verschiedener Traditionen. Warum?
SODANO: Das war ein Gedanke, der dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. sehr am Herzen lag, der für den derzeitigen europäischen Integrationsprozess viel getan hat. Er beharrte auf der Pflicht der Europäer, ihr neues Haus auf jenen spirituellen Werten aufzubauen, die diesem einst zugrundelagen – das alles aber stets im Bewusstsein der Verschiedenheit der Kulturen und Traditionen der einzelnen Nationen. Für den verstorbenen Papst sollte das neue Europa eine große Gemeinschaft des Geistes werden. Wer erinnert sich nicht an den Appell, den er schon 1982 im Rahmen der Einheitlichen Europäischen Akte von Compostela in Spanien an Europa richtete?
Dieser rote Faden zieht sich durch das ganze Lehramt des verstorbenen Dieners Gottes Johannes Paul II. Ich kann mich beispielsweise noch an die berühmte Predigt erinnern, die er am 3. Juni 1997 in Gnesen, dem Primatssitz Polens, gehalten hat. Damals sagte er, dass die Geschichte Europas ein großer Strom sei, in den zahlreiche Flüsse münden, und dass die Vielfalt an Traditionen und Kulturen, aus denen er zusammengesetzt ist, seinen großen Reichtum ausmachten.
Die Katholiken streben also – wie bereits gesagt – kein konfessionelles Europa an, aber sie wollen ebensowenig ein laizistisches Europa, das jene spirituellen Werte vergisst, die jeder Zivilisation zugrundeliegen. Als Jünger Christi müssen wir sicher dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, aber wir müssen auch den Kaiser bitten, Gott zu geben, was Gottes ist.
Sie bekräftigen mehrfach, dass die Kirche für den Bau eines gemeinsamen europäischen Hauses keine technischen Lösungen parat hat. Die Kirche wäre zwar allgemein für die europäische Integration, würde aber keine unkritische Haltung vertreten. Können Sie das erklären?
SODANO: Das stimmt: man muss unterscheiden. Es ist eine Angelegenheit, für die europäische Sache zu sein, eine andere, die verschiedenen Schritte zur erwünschten europäischen Integration vollkommen unkritisch zu betrachten.
Die europäische Integration zu befürworten ist keine globale Approbation der Arbeiten der verschiedenen europäischen Institutionen. Manchmal haben diese agnostische Positionen vertreten, ja man ist sogar soweit gegangen, im Europäischen Parlament die Positionen der katholischen Kirche und des Hl. Stuhls anzugreifen! Die Christen aber haben die Pflicht, in diesen Institutionen präsent zu sein. Eine „Politik des leeren Stuhls“ nützt niemandem. Die Christen dürfen sich nicht als Objekte fühlen, sondern als aktive Subjekte der europäischen Geschichte unserer Zeit. Sie müssen sich mit den verschiedenen, heute zur Debatte stehenden Vorschlägen auseinandersetzen, und sie müssen es so tun, wie es Jünger Christi tun. Insbesondere im Bezug auf die Europäische Union hat der Hl. Stuhl niemals eine besondere Präferenz für die ein oder andere institutionelle oder konstitutionelle Lösung zeigen wollen, weil er die rechtmäßige Autonomie der Bürger in ihren zeitlichen Entscheidungen respektiert.
So ist es auch kein Geheimnis, dass noch heute viel über die Organisation dieser Union diskutiert wird, die sich derzeit aus 27 Ländern West- und Mitteleuropas zusammensetzt.
Diese Länder haben dann einen Vertrag abgeschlossen, in dem die Normen für die Zukunft festgelegt sind. Ich meine den bekannten Vertrag von Lissabon, der am 13. Dezember 2007 abgeschlossen wurde und am 1. Dezember 2009 in Kraft trat. In diesem Zusammenhang hat Papst Benedikt XVI. in seiner jüngsten Ansprache an die Mitglieder des diplomatischen Korps gesagt: „Aus dieser Perspektive denke ich an Europa, das mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon in eine neue Phase seines Integrationsprozesses getreten ist, den der Heilige Stuhl weiter mit Respekt und wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgen wird“, oder – wie es im französischen Originaltext heißt –, „avec respect et avec une attention bienveillante“ (L’Osservatore Romano, 11. Januar 2010).

In Ihrem Buch befassen Sie sich auch eingehend mit den
Folgen, die die Ereignisse des Jahres 1989 auf die Beziehungen Portugals
zum Hl. Stuhl und zu Osteuropa hatten. Sie schreiben, dass das Ende des
Sowjetblocks ein anderes Klima geschaffen hätte. Hat es eine Flucht
nach vorn gegeben, weil es an Realismus fehlte? Und welche Bedeutung hat
das Abkommen über die unlängst angeknüpften vollen
Beziehungen mit Russland?
SODANO: Das Ende des Sowjetblocks hat nicht nur ein anderes Klima geschaffen, es hat zu einer vollkommen neuen Situation geführt. Der Grund dafür ist der Unterschied zwischen der Diktatur von gestern und der Demokratie von heute. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, mit denen man am Anfang dieses neuen Kurses der Geschichte zu kämpfen hatte und den unterschiedlichen politischen Situationen in den verschiedenen Ländern Osteuropas. Sie haben zu Recht die Schwierigkeiten Russlands angesprochen, volle diplomatische Beziehungen mit dem Hl. Stuhl zu erreichen.
An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass die Tschechische Republik bereits im Jahr 2002 ein Abkommen mit dem Hl. Stuhl unterzeichnet hat, das dann vom Parlament aber nicht approbiert worden war. Anderswo hat man sich verpflichtet, die von den Ortskirchen konfiszierten Kirchengüter zurückzuerstatten: aber diesen Verpflichtungen ist man noch immer nicht ganz nachgekommen.
Diese Schwierigkeiten können eine neue Realität vergessen lassen, die in Osteuropa und auf dem Balkan mit dem Fall der verschiedenen kommunistischen Regime aufgekommen ist.
Bezeichnend für diese neue Situation sind auch die Beziehungen, die all diese Staaten mit dem Hl. Stuhl eingehen wollten. Mit zehn davon konnte man sogar Sonderabkommen abschließen, um den gegenseitigen Verpflichtungen eine völkerrechtliche Garantie zu geben.
In seiner Ansprache an die Römische Kurie am 21. Dezember hat Papst Benedikt XVI. von der „Versöhnung“ gesprochen, die er als Stichwort auch der Bischofssynode für Afrika und seiner Pilgerreise ins Heilige Land bezeichnete. Was bedeutet das für die Kirche und für Europa?
SODANO: Der Appell des Papstes für eine Versöhnung der Menschen in Afrika und im Heiligen Land hat universellen Wert. Es ist nämlich die Sendung der Kirche, die Gläubigen und die Menschen guten Willens daran zu erinnern, dass wir alle Kinder Gottes und Mitglieder ein- und derselben Menschheitsfamilie sind. Die Kirche wird nie müde, den Menschen von heute diese Frohbotschaft zu verkünden; Menschen, die so oft durch ihre soziale, ethnische und politische Zugehörigkeit getrennt sind.
Ich kann mich noch gut erinnern, was Papst Paul VI. seligen Angedenkens gesagt hat, als er mich 1977 als Apostolischen Nuntius nach Chile sandte und mir folgende Worte mit auf den Weg gab: „Sie müssen in diesem Land ‚Baumeister‘ der Versöhnung sein.“
Und das war auch das Motto, nach dem der verstorbene Johannes Paul II. auf der ganzen Welt wirkte. Ein Papst, der nie müde wurde, uns daran zu erinnern, dass es neben der Gerechtigkeit auch die Pflicht der Vergebung gibt. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2002 betonte er: „Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung.“
Diese Botschaft schickt auch Papst Benedikt XVI. immer wieder in die Welt hinaus. Ja, sie ist zu einer Art Leitmotiv seines Pontifikats geworden, das uns immer wieder an die Pflicht zur Vergebung und zu einer echten Versöhnung unter den Personen und Völkern der ganzen Welt gemahnt. Seine jüngste Enzyklika Caritas in veritate ist ein einziger Aufruf im Sinne dieses wesentlichen Aspekts der christlichen Identität der menschlichen Gemeinschaft.
Der Kardinal bereitet uns am Äthiopischen Kolleg einen herzlichen Empfang. Dort befindet sich sein Apartment und dort treffen wir ihn an diesem sonnigen Morgen Ende Januar auch bei der Arbeit an.
![Kardinal Angelo Sodano bei der „Tausendjahrfeier des Namens Litauens“ (Wilna, 6. Juli 2009). [© AFP/Getty Images]](/upload/articoli_immagini_interne/1270127769372.jpg)
Kardinal Angelo Sodano bei der „Tausendjahrfeier des Namens Litauens“ (Wilna, 6. Juli 2009). [© AFP/Getty Images]
ANGELO SODANO: Die zwanzig Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind meiner Meinung nach unter verschiedenen Aspekten positiv zu beurteilen. Positiv ist vor allem, dass die von den kommunistischen Regimen unterdrückten Bevölkerungen Mittel- und Osteuropas den Weg zur Freiheit angestrebt haben. Für dieses Grundrecht der menschlichen Person haben viele Männer und Frauen ihr Leben hingegeben. Seit 1989 können nun alle Europäer ihre Freiheit dem Staat gegenüber geltend machen, in dem Bewusstsein, dass der Mensch vor der politischen Gesellschaft kommt, die die unveräußerlichen Menschenrechte nicht antasten darf.
Positiv war der europäische Kurs in Richtung Frieden, mit dem der Block, der den Osten und den Westen des Kontinents trennte, überwunden werden konnte. Nie wieder Krieg, nie wieder eine Nation gegen die andere: das war das Versprechen, das man sich in diesen Jahren gegeben hat. Und in diesem Sinne konnten neue Wege für die europäische Zusammenarbeit eingeschlagen werden. Der letzte tragische Weltkrieg sollte der neuen Generation als Mahnung dienen, ein Krieg, der mehr als 55 Millionen Menschenleben gekostet hatte. Danach kamen der „Kalte Krieg“ und die Teilung Europas durch den „Eisernen Vorhang“, wie es Winston Churchill 1945 so treffend bezeichnet hatte. Kurzum: mit dem Fall der Berliner Mauer haben wir die Geburt eines neuen Europa miterlebt, eines Europa der Freiheit und des Friedens.
Sie schreiben, dass Europa mehr als eine geographische Realität eine spirituelle Realität sei, und fügen an, dass das vor zwanzig Jahren begonnene Engagement für eine spirituelle Erneuerung starke Gegenschläge einstecken musste; dass es verschiedene Versuche gegeben hätte, die christliche Identität Europas aufzulösen. Sie sprechen von einer laizistischen Strömung, die Europa durchquert. Welchen Platz nimmt die Kirche in diesem Kontext ein?
SODANO: Das, was Sie sagen, stimmt. Nachdem ich die positiven Aspekte des Weges herausgestellt habe, den einige europäische Staaten eingeschlagen haben, musste ich auch einen „Stolperstein“ ansprechen, auf den wir auf diesem Weg gestoßen sind: den Laizismus.
Dieses Phänomen, das in den einzelnen Staaten verschiedene Auswirkungen hat, ist in einigen Ländern Westeuropas stärker spürbar. Man kann dieses laizistische Phänomen also nicht verallgemeinern. Das wäre nicht richtig. In Europa gibt es heute 46 souveräne Staaten, einschließlich der beiden Länder, deren Landfläche zum Teil in Europa liegt: Kasachstan und die Türkei. Jeder dieser Staaten hat eine andere Situation. Es stimmt jedoch, dass sich das Phänomen des Laizismus in vielen dieser Staaten Westeuropas nicht nur in verschiedene Gesellschaftsschichten einschleichen konnte, sondern auch in Parteien und Institutionen.
In meinem Buch wollte ich das Werk der Christen – Katholiken, Orthodoxe und Reformierte – herausstellen, um die öffentliche Meinung in Europa daran zu erinnern, dass Europa ohne die Präsenz der spirituellen Werte im öffentlichen Leben nicht mehr es selbst wäre.
Schon auf der ersten Seite sprechen Sie von den christlichen Wurzeln Europas und greifen dabei ein Zitat Benedikts XVI. auf, der bekräftigt, dass sich Europa, wenn es seine Ziele erreichen will, mit „kreativer Treue“ am christlichen Erbe inspirieren soll. Der Ausdruck „kreative Treue“ im Bezug auf das christliche Erbe ist wunderschön, weil damit impliziert wird, dass man mit Tradition nicht irgendein Museumsstück meint, sondern etwas Aktuelles. Wie kann man diese kreative Treue konkret leben?
SODANO: Es gibt da ein Gleichnis des Herrn, aus dem Matthäus-Evangelium, das uns sagt, worin diese „kreative Treue“ besteht. Jesus sagt, dass „der Jünger des Himmelreichs einem Hausherrn gleicht, der aus seinem reichen Vorrat Altes und Neues hervorholt“ (Mt 13, 52).
Auch heute müssen sich die Christen dieser Methode bedienen, müssen auf diesen neuen, durch den Fortschritt erschlossenen Wegen die Schätze der Vergangenheit bewahren. „Nova et vetera“: in diesen Worten sind Moderne und Tradition vereint.
Die Unterscheidung zwischen politischer und religiöser Sphäre ist den Gläubigen heute zum Beispiel viel deutlicher bewusst. Es ist ein Wert, den die Kirche angenommen und anerkannt hat. Ein Wert, der heute zum Erbe unserer Zivilisation gehört.
Das Prinzip der Laizität birgt den Respekt vor jeder religiösen Konfession seitens des Staates, entbindet aber nicht von der Pflicht, den religiösen Bedürfnissen seiner Bürger Rechnung zu tragen.
Im Gegenteil, der moderne Staat darf – wie uns Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Caritas in veritate sagt – nicht vergessen, chtes menschliches Antlitz zu zeigen. Der Abbruch dieses Dialogs ist mit einem schwer lastenden Preis für die Entwicklung der Menschheit verbunden.“
Besonders beeindruckend ist die Stelle, wo der Papst über Laizismus und Fundamentalismus spricht. Wir können also nur hoffen, dass diese Botschaft alle jenen zu denken gibt, die für die Zukunft Europas verantwortlich sind.
![Bei der offiziellen Gedenkzeremonie des 20. Jahrestages des Mauerfalls wurde entlang der ehemaligen Berliner Mauer ein riesiges Dominospiel mit tausend Teilen aufgebaut (Berlin, 9. November 2009). <BR>[© AFP/Getty Images]](/upload/articoli_immagini_interne/1270127866325.jpg)
Bei der offiziellen Gedenkzeremonie des 20. Jahrestages des Mauerfalls wurde entlang der ehemaligen Berliner Mauer ein riesiges Dominospiel mit tausend Teilen aufgebaut (Berlin, 9. November 2009).
[© AFP/Getty Images]
SODANO: Das war ein Gedanke, der dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. sehr am Herzen lag, der für den derzeitigen europäischen Integrationsprozess viel getan hat. Er beharrte auf der Pflicht der Europäer, ihr neues Haus auf jenen spirituellen Werten aufzubauen, die diesem einst zugrundelagen – das alles aber stets im Bewusstsein der Verschiedenheit der Kulturen und Traditionen der einzelnen Nationen. Für den verstorbenen Papst sollte das neue Europa eine große Gemeinschaft des Geistes werden. Wer erinnert sich nicht an den Appell, den er schon 1982 im Rahmen der Einheitlichen Europäischen Akte von Compostela in Spanien an Europa richtete?
Dieser rote Faden zieht sich durch das ganze Lehramt des verstorbenen Dieners Gottes Johannes Paul II. Ich kann mich beispielsweise noch an die berühmte Predigt erinnern, die er am 3. Juni 1997 in Gnesen, dem Primatssitz Polens, gehalten hat. Damals sagte er, dass die Geschichte Europas ein großer Strom sei, in den zahlreiche Flüsse münden, und dass die Vielfalt an Traditionen und Kulturen, aus denen er zusammengesetzt ist, seinen großen Reichtum ausmachten.
Die Katholiken streben also – wie bereits gesagt – kein konfessionelles Europa an, aber sie wollen ebensowenig ein laizistisches Europa, das jene spirituellen Werte vergisst, die jeder Zivilisation zugrundeliegen. Als Jünger Christi müssen wir sicher dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, aber wir müssen auch den Kaiser bitten, Gott zu geben, was Gottes ist.
Sie bekräftigen mehrfach, dass die Kirche für den Bau eines gemeinsamen europäischen Hauses keine technischen Lösungen parat hat. Die Kirche wäre zwar allgemein für die europäische Integration, würde aber keine unkritische Haltung vertreten. Können Sie das erklären?
SODANO: Das stimmt: man muss unterscheiden. Es ist eine Angelegenheit, für die europäische Sache zu sein, eine andere, die verschiedenen Schritte zur erwünschten europäischen Integration vollkommen unkritisch zu betrachten.
Die europäische Integration zu befürworten ist keine globale Approbation der Arbeiten der verschiedenen europäischen Institutionen. Manchmal haben diese agnostische Positionen vertreten, ja man ist sogar soweit gegangen, im Europäischen Parlament die Positionen der katholischen Kirche und des Hl. Stuhls anzugreifen! Die Christen aber haben die Pflicht, in diesen Institutionen präsent zu sein. Eine „Politik des leeren Stuhls“ nützt niemandem. Die Christen dürfen sich nicht als Objekte fühlen, sondern als aktive Subjekte der europäischen Geschichte unserer Zeit. Sie müssen sich mit den verschiedenen, heute zur Debatte stehenden Vorschlägen auseinandersetzen, und sie müssen es so tun, wie es Jünger Christi tun. Insbesondere im Bezug auf die Europäische Union hat der Hl. Stuhl niemals eine besondere Präferenz für die ein oder andere institutionelle oder konstitutionelle Lösung zeigen wollen, weil er die rechtmäßige Autonomie der Bürger in ihren zeitlichen Entscheidungen respektiert.
So ist es auch kein Geheimnis, dass noch heute viel über die Organisation dieser Union diskutiert wird, die sich derzeit aus 27 Ländern West- und Mitteleuropas zusammensetzt.
Diese Länder haben dann einen Vertrag abgeschlossen, in dem die Normen für die Zukunft festgelegt sind. Ich meine den bekannten Vertrag von Lissabon, der am 13. Dezember 2007 abgeschlossen wurde und am 1. Dezember 2009 in Kraft trat. In diesem Zusammenhang hat Papst Benedikt XVI. in seiner jüngsten Ansprache an die Mitglieder des diplomatischen Korps gesagt: „Aus dieser Perspektive denke ich an Europa, das mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon in eine neue Phase seines Integrationsprozesses getreten ist, den der Heilige Stuhl weiter mit Respekt und wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgen wird“, oder – wie es im französischen Originaltext heißt –, „avec respect et avec une attention bienveillante“ (L’Osservatore Romano, 11. Januar 2010).

Angelo Sodano, Per una nuova Europa. Il contributo dei cristiani, Lev, Vatikanstadt 2009, 104 SS., Euro 11,00.
SODANO: Das Ende des Sowjetblocks hat nicht nur ein anderes Klima geschaffen, es hat zu einer vollkommen neuen Situation geführt. Der Grund dafür ist der Unterschied zwischen der Diktatur von gestern und der Demokratie von heute. Ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, mit denen man am Anfang dieses neuen Kurses der Geschichte zu kämpfen hatte und den unterschiedlichen politischen Situationen in den verschiedenen Ländern Osteuropas. Sie haben zu Recht die Schwierigkeiten Russlands angesprochen, volle diplomatische Beziehungen mit dem Hl. Stuhl zu erreichen.
An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass die Tschechische Republik bereits im Jahr 2002 ein Abkommen mit dem Hl. Stuhl unterzeichnet hat, das dann vom Parlament aber nicht approbiert worden war. Anderswo hat man sich verpflichtet, die von den Ortskirchen konfiszierten Kirchengüter zurückzuerstatten: aber diesen Verpflichtungen ist man noch immer nicht ganz nachgekommen.
Diese Schwierigkeiten können eine neue Realität vergessen lassen, die in Osteuropa und auf dem Balkan mit dem Fall der verschiedenen kommunistischen Regime aufgekommen ist.
Bezeichnend für diese neue Situation sind auch die Beziehungen, die all diese Staaten mit dem Hl. Stuhl eingehen wollten. Mit zehn davon konnte man sogar Sonderabkommen abschließen, um den gegenseitigen Verpflichtungen eine völkerrechtliche Garantie zu geben.
In seiner Ansprache an die Römische Kurie am 21. Dezember hat Papst Benedikt XVI. von der „Versöhnung“ gesprochen, die er als Stichwort auch der Bischofssynode für Afrika und seiner Pilgerreise ins Heilige Land bezeichnete. Was bedeutet das für die Kirche und für Europa?
SODANO: Der Appell des Papstes für eine Versöhnung der Menschen in Afrika und im Heiligen Land hat universellen Wert. Es ist nämlich die Sendung der Kirche, die Gläubigen und die Menschen guten Willens daran zu erinnern, dass wir alle Kinder Gottes und Mitglieder ein- und derselben Menschheitsfamilie sind. Die Kirche wird nie müde, den Menschen von heute diese Frohbotschaft zu verkünden; Menschen, die so oft durch ihre soziale, ethnische und politische Zugehörigkeit getrennt sind.
Ich kann mich noch gut erinnern, was Papst Paul VI. seligen Angedenkens gesagt hat, als er mich 1977 als Apostolischen Nuntius nach Chile sandte und mir folgende Worte mit auf den Weg gab: „Sie müssen in diesem Land ‚Baumeister‘ der Versöhnung sein.“
Und das war auch das Motto, nach dem der verstorbene Johannes Paul II. auf der ganzen Welt wirkte. Ein Papst, der nie müde wurde, uns daran zu erinnern, dass es neben der Gerechtigkeit auch die Pflicht der Vergebung gibt. In seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2002 betonte er: „Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung.“
Diese Botschaft schickt auch Papst Benedikt XVI. immer wieder in die Welt hinaus. Ja, sie ist zu einer Art Leitmotiv seines Pontifikats geworden, das uns immer wieder an die Pflicht zur Vergebung und zu einer echten Versöhnung unter den Personen und Völkern der ganzen Welt gemahnt. Seine jüngste Enzyklika Caritas in veritate ist ein einziger Aufruf im Sinne dieses wesentlichen Aspekts der christlichen Identität der menschlichen Gemeinschaft.