Mare nostrum
Unser Motto war immer, uns weder als über- noch als unterlegen zu betrachten, sondern einfach nur auf den Dialog zu setzen. Einen Dialog, bei dem dem jeweiligen Gesprächspartner der allergrößte Respekt entgegengebracht wird, man aber auch auf der anderen Seite Aufgeschlossenheit und ein gewisses Maß an Vertrauen zu finden hofft. Wir sind ein mediterranes Land, und die Beziehungen zu den anderen Ländern an den Ufern des Mare nostrum waren uns schon immer wichtig.
Giulio Andreotti

Giulio Andreotti und Muammar Gaddafi unterzeichnen das Abkommen für italienisch-libysche Zusammenarbeit, Tripolis, Juni 1991
Unser Motto war immer, uns weder als über- noch als unterlegen zu betrachten, sondern einfach nur auf den Dialog zu setzen. Einen Dialog, bei dem dem jeweiligen Gesprächspartner der allergrößte Respekt entgegengebracht wird, man aber auch auf der anderen Seite Aufgeschlossenheit und ein gewisses Maß an Vertrauen zu finden hofft.
Wir sind ein mediterranes Land, und die Beziehungen zu den anderen Ländern an den Ufern des Mare nostrum waren uns schon immer wichtig.
In Sachen Libyen z.B. haben wir zwar stets die UNO-Regeln respektiert, aber nie die prinzipielle Verteufelung Gaddafis und die weit verbreitete Feindseligkeit ihm gegenüber gutheißen können.
Es ist nicht nur eine Frage wirtschaftlicher Interessen, sondern ein kultureller Background, den wir nicht vergessen sollten und der auch durch eine lange Tradition von Migrationen bezeugt wird, im Rahmen derer gemischte Bevölkerungen in beide Richtungen eingewandert sind.
Wenn wir unsere Geschichte betrachten, werden wir uns nicht nur unserer gemeinsamen Wurzeln bewusst, sondern können auch Momente der Konvergenz und der Divergenz erkennen, die Probleme geschaffen haben, die wir noch heute bilateral angehen müssen. Das Freundschaftsabkommen zwischen Italien und Libyen aus dem Jahr 2008 war ein weiterer Schritt auf einem langen Weg, der vor vielen Jahren begonnen hat und der es uns erlaubt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken in der Überzeugung, dass jedes mögliche Hindernis mit ein bisschen gutem Willen auf beiden Seiten ausgeräumt werden kann. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Lage Libyens dergestalt ist, dass die arabische Dschamahirija – wie immer sich die Dinge jenseits des Mittelmeers auch gestalten mögen – doch stets ein gewisses Gewicht haben wird.
Es ist kein Zufall, wenn Libyen in den vergangenen Jahren als Puffer gegen fundamentalistische Tendenzen in der Region fungiert hat: es ist nämlich ein Volk, das dem Fundamentalismus den Boden entzogen und auch uns veranlasst hat, ihn mit Misstrauen zu betrachten. Ich habe des Öfteren darauf hingewiesen, dass Gaddafi der erste war, der einen Haftbefehl gegen Bin Laden erließ. Aber auch sein soziales und religiöses Denken, das im Grünen Buch Niederschlag gefunden hat, spielte eine gewisse Rolle: ich kann mich noch gut erinnern, dass ich bereits bei unserer ersten Begegnung im Jahr 1978 die Gelegenheit hatte, besagtes Buch zu lesen. Diese Begegnung, bei der Carter und Sadat Gaddafi davon überzeugen wollten, die Abkommen von Camp David zu akzeptieren, hat auch gezeigt, dass der Dialog Italiens mit den arabischen Ländern sehr wohl Zustimmung findet. Das Grüne Buch, in dem ein islamischer religiöser Sozialismus theoretisiert wird, hat mich vor allem deswegen beeindruckt, weil darin betont wird, dass man nicht nur dem Einzelnen, sondern dem Kollektiv Aufmerksamkeit entgegenbringen muss. Auf eine derart soziale Sichtweise, die in Libyen tatsächlich praktiziert wird, bin ich in anderen Dokumenten nicht oft gestoßen.
Die in den letzten Monaten in der Presse gegen Libyen erhobenen Vorwürfe sind nicht neu: man wirft dem Land wieder einmal vor, mit seiner Politik illegalen Einwanderern gegenüber gegen die Menschenrechte zu verstoßen. Es sind aber auch Anschuldigungen, aus denen ich ein gewisses Vorurteil Gaddafi gegenüber heraushören kann, das kein objektives Urteil zulässt. Gaddafi selbst tut ja oft nichts dagegen, die Feindseligkeit ihm gegenüber auszuräumen, ja, manchmal hat man sogar den Eindruck, dass er in den Medien alles tut, um diesen Eindruck noch zu verstärken. Ich dagegen hatte bei allen unseren persönlichen Begegnungen immer den Eindruck, dass er zwar stets selbstbewusst auftrat, aber doch immer sichtlich bemüht war, mit seinen Gesprächspartnern auf einen Nenner zu kommen und nicht die Divergenzen hervorzuheben, sondern Gemeinsamkeiten zu finden.