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05 - 2010 >
Das Tagebuch von Don Canovai, „ein süßes Lob auf die Barmherzigkeit Gottes“
Das Tagebuch von Don Canovai, „ein süßes Lob auf die Barmherzigkeit Gottes“
Die Geschichte von Don Giuseppe Canovai, einem römischen Priester, der in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts lebte. In Rom, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte, war er in der Kurie und als Assistent der katholischen Studentenvereinigung tätig. Ende 1939 rief man ihn als Auditor der Apostolischen Nuntiatur nach Argentinien. Sein Tagebuch wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht: die darin aufgezeichneten Gedanken sind ein einziges Gebet.
von Paolo Mattei
![Ein Bild von Don Giuseppe Canovai. [© Opera Familia Christi]](/upload/articoli_immagini_interne/1281100690660.jpg)
Ein Bild von Don Giuseppe Canovai. [© Opera Familia Christi]
Diese blumige Beschreibung der ersten Novembertage in Rom lässt uns auch einen suggestiven Eindruck in die Geschichte dessen gewinnen, der sie verfasst hat: ein römischer Priester, der nur so sprudelt vor Lebensfreude. Und einer, der auf den Seiten seines Tagebuchs („meine armseligen Notizen“) ein Leben beschreibt, das sich unter tausend Schwierigkeiten, mit all seinen Hoffnungen, Unsicherheiten und Tränen zu einem täglichen Zwiegespräch mit Jesus entwickelt. Wie hätten jene, denen das Glück zuteil wurde, ihn persönlich kennenzulernen, jemals vermuten sollen, dass das Tagebuch dieses so jovialen, lebenslustigen Mannes voller dramatischer existentieller Fragen steckte? Und dass er diese Fragen seinem großen Freund anvertraute – Jesus –, weshalb sie auch wie ein einziges Gebet anmuten. „Herr“, schrieb er im Jahr 1941, „lass mir die Gnade zuteil werden, niemals Dinge zu schreiben, die Sentimentalität oder Hochmut nähren; gib, dass ich stets nur das schreibe, was dich erhöht, was läutert und demütig macht, was kasteit und erneuert: den süßen Lobpreis Deiner Barmherzigkeit.“
Der Duft der großen weiten Welt
Giuseppe Canovai wurde am 27. Dezember 1904 im römischen Viertel Prati geboren. Sein Vater Luigi war Bankangestellter, die Mutter Egeria stammte aus einer papsttreuen römischen Familie, ihr Vater war Dekan der päpstlichen Sänftenträger. Das Viertel, in dem er geboren wurde, verließ er erst, als er aufs Visconti-Gymnasium übertrat, gleich bei der Gregoriana-Universität. Der aufgeweckte Junge träumte von einer Karriere als erfolgreicher Geschäftsmann und konnte es kaum erwarten, „das schöne Land kennenzulernen, wo ich geboren bin.“ Er befasste sich mit den „Werken der Mal- und Dichtkunst, der Bildhauerei.“ „Ich kann mich für die Mechanik begeistern, die große Triumphe gefeiert hat; für die großen Wunder der Architektur, die meine Heimat im Überfluss besitzt. So stelle ich mir meine Zukunft vor…“, schreibt er in einem Schulaufsatz. Es sind die Zeilen eines Gymnasiasten, der voller Neugier auf die faszinierenden Geheimnisse des Lebens steckt. Schließlich lebt er in einer Stadt, in die viele Reisende kommen, hört jeden Tag den fremden Klang anderer Sprachen oder die Unterhaltungen der Gregoriana-Studenten, die aus der ganzen Welt nach Rom strömen. Diese jungen Priester haben es ihm angetan. Ihn beeindrucken „ihre übernatürliche Sendung, ihre Vollkommenheit... die wunderbare Nachfolge, die sie mit den Aposteln verbindet und damit auch mit ihrem göttlichen Ursprung …“.
Die Berufung lässt sich nicht drängen, sie braucht ihre Zeit: manchmal kommt sie langsam und diskret, dann wieder schnell und ohne lange zu zögern. Und manchmal geht sie auch ungeahnte Wege. Wie im Falle Giuseppes. 1921 macht er seinen Schulabschluss, ein Jahr später schreibt er sich an der Fakultät für Jurisprudenz der römischen Universität La Sapienza ein. Im gemächlichen Dahinfließen seines Lebens – dem Studium, der mit Freunden oft in den Bergen verbrachten Freizeit – tut sich immer mehr die Möglichkeit des Priesterlebens auf. Ein klärendes Gespräch mit Pater Enrico Rosa, Direktor der La Civiltà Cattolica, der ihm die erste heilige Kommunion spendete, hilft ihm weiter: der Jesuit sollte viele Jahre sein geistlicher Leiter sein. „Heute Abend war ich bei Pater Rosa beichten … Er hat mir viele gute Ratschläge erteilt, mir auch gesagt, ich solle weniger schreiben und dafür mehr schlafen …“, schreibt Giuseppe 1924 in sein Tagebuch. Im März jenes Jahres war sein Vater dem Spanischen Fieber erlegen. In jener schweren Zeit stehen ihm viele treue Freunde zur Seite, ein besonderer Trost ist ihm aber „die Freude, die dem Gefühl entsprungen ist, im Frieden mit Gott und mit den Freunden Gottes zu sein: diese Freude ist fast schon das Zeichen für ein wirklich mit Gott vereintes Leben; diese einfache und innerliche Freude erstrahlt über allen Heiligen: in ihr liegt die süße Wohnstatt Gottes.“ Über die Berufung zum Priesteramt sollte er ein Jahr später schreiben: „Ich denke, Herr, dass die Berufung etwas absolut Göttliches ist; etwas, das jeder menschliche Gedanke nur verschleiern und verderben kann; etwas, das von dir ausgeht und zu dir zurückkehrt, das von deiner Gnade gestützt und erhellt wird; das von dir kommt, das du schenkst; die innigste Antwort unserer Seele auf Dich, der uns liebevoll ruft und auffordert, Dir zu folgen.“
![Don Canovai mit FUCI-Studenten (1937). [© Opera Familia Christi]](/upload/articoli_immagini_interne/1281100690691.jpg)
Don Canovai mit FUCI-Studenten (1937). [© Opera Familia Christi]
Von der Gesellschaft Jesu fühlt sich Giuseppe stark angezogen: im Orden des hl. Ignatius will er sich zum Priester ausbilden lassen. Aufgrund der unsicheren finanziellen Lage nach dem Tod des Vaters und des schlechten Gesundheitszustands seiner Mutter hält ihn Pater Rosa zur Geduld an, obwohl er ihn gerne als zukünftigen Mitarbeiter der La Civiltà Cattolica hätte. In der Zwischenzeit kann der junge Canovai 1926 sein Jurastudium an der Sapienza und sein Philosophiestudium an der Gregoriana abschließen, wo er sich noch im selben Jahr für die Theologievorlesungen einschreibt. Dank Pater Rosa wird er am Collegio Capranica aufgenommen und kann an der Gregoriana weiterstudieren. Man schreibt das Jahr 1929. Es ist ein Jahr großer Prüfungen: der Traum von der Gesellschaft Jesu scheint ausgeträumt – Kardinalvikar Basilio Pompili, der ihn lieber am Lateran-Seminar gesehen hätte, gibt nur zögernd seine Einwilligung zum Eintritt ins Collegio Capranica. Es ist auch der Beginn seiner Krankheit: ein Geschwür am Zwölffingerdarm, das er nie mehr loswerden wird. So schreibt er in jenem Jahr: „Dank des Friedens, der tief in meinem Herzen wohnt, o Herr, kann ich den liebevollen Schatten Deiner Barmherzigkeit und Deiner Vorsehung erkennen. Danke, lieber Gott, für den Frieden, den Du mich heute finden ließest – trotz aller schlechten Nachrichten und Probleme. Gib, o Herr, dass mich dieser Friede, diese Geduld, nie verlassen werden. Wie oft spüre ich, dass mein schwacher Wille, mein Vertrauen, ins Wanken geraten. Gib mir Kraft und Mut, o Herr; mach, dass alles Menschliche voller Vertrauen ist, voller Freude. Gib, o Herr, deinen Frieden, den Frieden deiner Geduld und deiner Entsagung. Gib, dass ich immer so froh und heiter sein kann – egal, wie mein Morgen aussehen wird.“
Gegen den Rat Pater Rosas versucht Giuseppe auch ein Jahr später, in die Gesellschaft Jesu aufgenommen zu werden. Vergebens. Doch er überlässt alles dem Willen Gottes: „Wer bereitet unseren zukünftigen Weg? Ich weiß es nicht, es liegt in deiner Hand, o Gott. Aber wer immer es auch sein mag, er ist ein Bringer des Friedens, denn ‚in deinem Willen liegt unser Frieden‘.“ Auch seiner Mutter, die ihre Gebrechen nur mit Mühe ertragen kann, macht er Mut: „Mach Dir keine Sorgen und bete stets zum Herrn. Damit meine ich, dass Du unentwegt beten musst, damit der Herr Dein Gebet auch wirklich annimmt. Denn das müssen wir stets beherzigen: entweder zu beten oder dem Herrn das aufzuopfern, was wir tun – oder besser: was zu tun wir verpflichtet sind. Das ist das beste Gebet. Und Du hast jetzt die Pflicht, nichts zu tun und Dir keine Sorgen zu machen, obgleich Du doch einen guten ‚Vorwand‘ dafür hättest. Biete also gerade dieses ‚Nichtstun‘, diese ‚Sorglosigkeit‘ dem Herrn an; und biete es ihm mit großer Liebe und in aller Einfachheit an. Erhebe immerdar und unentwegt dein schönstes Gebet zu Gott; das Gebet, das am gottgefälligsten ist.“
Es sind harte Monate für Giuseppe. Am 6. August schreibt er: „Manchmal glaube ich, zu nichts fähig zu sein, zu nichts zu taugen… Dass es für mich keine Hoffnung gibt, ist ein unsäglich quälender Gedanke. Und doch sind gerade das die Momente, in denen ich auf den Grund meiner Seele blicken kann.“
„Wie einfach ist es doch, von ihm getragen zu werden“
„Was kann ich Dir schon geben, o Herr? Und wenn man bedenkt, dass die Leute von mir reden als wäre ich jemand, der etwas bewirken kann! Ich allein aber weiß, o Herr, dass ich nie auch nur das Geringste tun kann, dass ich am Ende bin! Aber nicht einmal das kann mich erschüttern, Du allein bist mir genug, in nomine tuo laxabo retes!“. Mit diesen kurzen Zeilen bietet Don Giuseppe dem Herrn sein Priesteramt an: schon einen Monat nach der Weihe am 3. Mai 1931 wird dem Jungpriester seine erste Aufgabe als Minutant in der römischen Seminarskongregation übertragen. Auch das entspricht nicht seinen Wünschen. Er fühlte sich zu einer Lehrtätigkeit oder zum Predigen berufen – Dienste, für die er, wie viele bestätigen, ein großes Talent besaß: „Mein Leben verläuft so ganz anders als ich es mir erträumt habe; was ich tatsächlich tue ist so vollkommen anders als das, was ich eigentlich tun wollte! Ich werde mich in Geduld üben, o Herr, und all mein Tun und Lassen Dir anbieten.“
Am 21. Dezember 1932 macht er seinen Doktor in Kirchenrecht: er ist 27 Jahre alt und hat schon vier Studienabschlüsse in der Tasche – bemerkenswert für einen jungen Mann, der schon immer ein „rasendes Tempo“ vorgelegt hat, sei es nun zu Fuß oder mit dem Moped: „Er hatte es immer eilig“, berichtet einer der vielen Freunde, die ihn erleben durften, wenn er sich nach der Arbeit oder in den Ferien seinem Lieblingsdienst widmete: dem Predigen. Wann immer man ihn ruft, leistet er diesem Ruf Folge. Und er wird überall gebraucht, hält Vorträge über den hl. Benedikt, Franziskus und Benedikt XV., über den Theologen und Jesuiten Robert Bellarmin, über Karl den Großen und Giambattista Vico; er spricht über Apologetik und Theologie, über römische Katakomben und Jurisprudenz, über Krieg und Frieden und über den Schriftsteller Giovanni Papini… Überall in der Stadt hält er geistliche Exerzitien. Mit einigen Freunden zusammen gründete er ein Werk, das auf dem kontemplativen Laienstand basiert: die „Familia Christi“, deren Statut 1938 approbiert werden sollte.
In der Zwischenzeit zieht er auch in die Via Monserrato um, wo er als Assistent der Birgittinnen fungiert und zum Kaplan von Sant’Ivo an der römischen Universität La Sapienza ernannt wird. 1937 wird er Assistent der römischen Studentenvereinigung FUCI. Und Monsignore: „Jetzt sind wir also auch unter die Harlekine gegangen“, scherzt er, als er die mit diesem Ehrentitel verbundenen Insignien annimmt.
Die Worte, die er in sein Tagebuch schreibt, sind wie ein Fluss, der unter dem lärmenden Alltag gemächlich dahinfließt: „Wie einfach ist es doch, mit ihm zu gehen, wie einfach ist es doch, ihn zu tragen und dabei von ihm getragen zu werden!“ Alles wird einfacher, wenn er sich in der Gesellschaft dessen befindet, für den seine „armseligen Notizen“ bestimmt sind: „Herr, bewahre meine Seele in diesem Willen; ich weiß, o Herr, dass das ohne die ständige Hilfe Deiner Gnade nicht geschehen kann.“ In seinem Tagebuch notiert er auch Gedanken zu den Predigten, wie jene über das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, der sich dem Willen des Vaters zunächst nicht beugen will, am Ende aber doch gehorcht: „… Dieser Teil des Evangeliums gefällt mir sehr, weil er so voller Diskretion ist, so voller Mitgefühl für unsere Schwäche … Weil er so human ist… Und weil er eben auch so herrlich göttlich ist, hat man den Eindruck, dass darin fast unmerklich eine geheimnisvolle Nachgiebigkeit Gottes jenen armseligen Widerständen der Natur gegenüber spürbar wird, die sich erst ob ihrer eigenen Schwäche windet, sich dann aber doch vom Eindringen der Liebe überwältigen lässt.“ Es handelt sich oft um kurze Betrachtungen, in denen das Staunen über eine unvermutet erblickte Schönheit überwiegt: „Wie heilig ist doch das Gesetz des Herrn! Wie sehr gefällt mir jener lange Sonntags-Psalm, in dem es in jeder nur möglichen Form verherrlicht wird! Und heute Morgen ist mir gerade dieser Vers in den Sinn gekommen: ‚iudicia tua iucunda‘. Wie sehr wird das Herz doch vom Gesetz des Herrn ergötzt! [...] Und wie schön ist es doch, die Aufforderung zur Einhaltung der Gebote mit der Verheißung des Parakleten im Einklang stehen zu sehen! Fast so, als könne der Herr sie nicht verlangen, ohne die nötige Hilfe zu versprechen… und uns verstehen zu geben, dass diese Einhaltung nicht die unsrige, sondern die seine ist; dass sie dann bewerkstelligt wird, wenn sich in uns und außerhalb von uns der versprochene Geist Gottes verbreitet.“
![Don Giuseppe Canovai auf der Brücke der „Oceania“, die ihn im Dezember 1939 nach Argentinien brachte. [© Opera Familia Christi]](/upload/articoli_immagini_interne/1281100690723.jpg)
Don Giuseppe Canovai auf der Brücke der „Oceania“, die ihn im Dezember 1939 nach Argentinien brachte. [© Opera Familia Christi]
„Heute Morgen hat mir Seine Exzellenz Montini vorgeschlagen, als Auditor nach Buenos Aires zu gehen! Was für ein trauriges Pfingsten! Ich fühle eine unsägliche Last… Warum sollte der Herr gerade das von mir wollen?“. Man schreibt den 27. Mai 1939, und Don Giuseppe hat den Eindruck, dass sich alles gegen ihn verschworen hat, dass nichts nach seinem Wunsch verläuft: zuerst der „Papierkrieg“ in der römischen Seminarskongregation, und jetzt der Vorschlag des Substituten im Staatssekretariat, in die Apostolische Nuntiatur in Argentinien zu wechseln, wo man mit Sicherheit einen noch schlimmeren „Papierkrieg“ erwarten durfte. Bei seinen Freunden, von denen er sich vielleicht für immer verabschieden muss, versucht er seine Traurigkeit mit Humor zu überspielen: „Jetzt gehe ich auch noch unter die Diplomaten!… Und ein Diplomat hat ja bekanntlich wirklich nicht viel zu lachen…“
Nach Rücksprache mit Patres der Gesellschaft Jesu, z.B. mit Felice Cappello, beschließt er jedoch, zu gehorchen. Am 1. Januar 1940 kommt er in der argentinischen Hauptstadt an.
„Sag dem Herrn einen Satz, den ich hier gelernt habe und den ich dem lieben Gott in meinem Herzen jedes Mal sage, wenn ich etwas tun muss, was ich nicht gern tue (was nicht oft vorkommt): Con mucho gusto, Señor.“ Msgr. Canovai lernt Spanisch – und er muss es schnell lernen, denn auch in Ciudad Porteña wird er zum Predigen gerufen und gebeten, ein Wort zu sprechen, „das nicht das unsrige ist; es ist die unendliche Gnade Gottes, die es uns gewährt, dieses Wort zu sprechen: es zu lieben, es zu verehren, unser Leben zu 1280936568953">Alles, was er für sein Leben als notwendig erachtet ist, „… stets auf eine einzige Sache zu drängen, die sicherlich gut ist: die liebevolle, vertrauensvolle, demütige und heitere Gemeinschaft mit dem gekreuzigten Sohn Gottes.“ Sein Trost und die Freundschaft mit Jesus sind seine steten Wegbegleiter: „Es ist mir ein großer Trost, feststellen zu dürfen, dass ich die Messe auf unvergleichlich bessere Weise zelebriert habe als beim ersten Mal: nach zehn Jahren Erbärmlichkeit und Leid erscheint mir dieser Anflug von Barmherzigkeit meines Gottes als süßes Geschenk der Vergebung und der Gewissheit der göttlichen Freundschaft.“
„Wie eine Blüte auf einer Frühlingsknospe“
Don Giuseppe Canovai starb am 11. November 1942 in Buenos Aires in der Klinik, in die man ihn wegen einer Bauchfellentzündung eingeliefert hatte. Er war gerade aus Chile zurückgekehrt, wo er sich von Januar bis Juli als Geschäftsträger ad interim aufgehalten hatte. Die Krankheit hatte ihn ausgezehrt. Er war erst 38 Jahre alt. In einer seiner letzten Aufzeichnungen von Mitte Oktober schrieb er: „Lebendige Gebetsfreude und Tränen der Reue. Freude darüber, dass mir Gott einen neuen Tag schenkt, wie ein großes göttliches Geschenk. Welch großes Ereignis ist doch so ein neuer Tag! Eine neuerliche Aufforderung zur Liebe. Am Ende meiner Meditation ist das Brevier in meiner Seele erblüht wie eine Blüte auf einer Frühlingsknospe.“
Das Erdendasein des römischen Priesters neigte sich seinem Ende zu. Umgeben war er von seinen Gebeten und denen derer, die ihm nahestanden: „Was mich vor allem berührt hat“, schrieb er in einer Notiz des Jahres 1941, „war die Suche Gottes im einfachsten meiner Gebete… im Rosenkranz, dem Vaterunser, dem Ave Maria – diesen Gebeten, die wir im Laufe des Tages immer wieder sprechen; den Stoßgebeten, die wir kaum über die Lippen bringen, wenn unsere Seele müde und sorgenbeladen ist, der Kreuzwegandacht, den Formeln unserer Lieblingsgebete, die wir so gut kennen, dass wir sie nur anzudeuten brauchen, den Marienlitanien, den Heiligenlitaneien, den Psalmen der Buße und der Freude, allen heiligen Worten, mit denen wir unsere Bitten an Gott richten, mit denen wir seine Herabkunft auf unseren Geist erflehen, bei denen sich die Seele öffnet, um sich durchdringen zu lassen, sich demütigt, sich vor Gott niederwirft, um aufgerichtet zu werden von seiner Barmherzigkeit. Kleine und schlichte Gebete kommen uns von den müden Lippen! […] Wenn wir keine Worte mehr haben, mit denen wir die Wohnstatt unserer Seele ausmalen können, wenn alles erschöpft ist, wenn sich die sterbenden Lippen kaum noch bewegen, werdet ihr, demütige kleine Schwestern meiner geheimen Meditation, noch immer auf meinen erloschenen Lippen erklingen und die Barmherzigkeit Jesu und die Süße Mariens erflehen.“