MOSAMBIK. Die für den internationalen Organhandel entführten und getöteten Kinder.
Das Massaker der Unschuldigen
Die Zahl der Minderjährigen, die auf dem Kontinent Jahr für Jahr „Menschenhändlern“ ins Netz gehen, nimmt erschreckende Ausmaße an. Ein Geschäft, das auf dem besten Wege ist, sogar den Waffenhandel zu überflügeln. Die Ordensschwestern in dem südostafrikanischen Land klagen an.
von Giovanni Ricciardi
Es mußte erst das Blut der Missionare vergossen werden, damit der
Schleier über der sich in Mosambik abspielenden Tragödie weggerissen wurde. Die
53jährige Doraci Julita Edinger, Missionarin der lutheranisch-evangelischen
Gemeinschaft Brasiliens, seit sechs Jahren im Land, erlitt am 21. Februar ein –
leider vorhersehbares – Schicksal. Sie wurde brutal erschlagen. Gemeinsam mit
den Schwestern des Klosters Mater Dei der Dienerinnen Mariens hatte sie auf die
immer häufiger werdenden Fälle verschwundener Kinder und Jugendlicher in
Nampula, im Norden Mosambiks, aufmerksam gemacht. Wo, seit nunmehr zwei Jahren,
ein wahres „Massaker der Unschuldigen“ vor sich geht. Zu dem internationale
Presse und Nichtregierungsorganisationen schweigen.

Straßenkinder gehören in vielen Ländern
der Dritten Welt zum Alltag. Doch deren Ausbeutung ist in diesem bitterarmen
Teil Afrikas dabei, wahrlich erschreckende Ausmaße anzunehmen – hier haben wir
es nämlich nicht nur mit Prostitution und der Versklavung von Minderjährigen zu
tun, sondern sogar mit internationalem Organhandel. Der Tod der Ordensschwester
hat das Missions-„Netz“ Mosambiks davon überzeugt, daß die Mauer des
Schweigens, durch die noch vor ein paar Wochen nichts nach außen dringen
konnte, um jeden Preis eingerissen werden muß.
Die Zahl der Minderjährigen, die in Afrika Jahr für Jahr „Menschenhändlern“ ins Netz gehen, nimmt erschreckende Ausmaße an. Ein Geschäft, das auf dem besten Wege ist, sogar den Waffenhandel zu überflügeln. Und Mosambik kommt, wie so vielen armen Ländern Südafrikas, eine ganz besondere Bedeutung zu. In Nampula und im Umland ist die Zahl der verschwundenen Minderjährigen seit 2002 erschreckend gestiegen. Und damit auch die der grausigen Funde verstümmelter, ihrer Organe beraubter Leichen. Nehmen wir den Fall Sarima Iburamo, einer von vielen: ein am 12. Oktober 2002 spurlos verschwundenes 12jähriges Mädchen, dessen verstümmelte Leiche von Rufina Omar, Stammesoberhaupt der Zone Namipoco, in der Nähe der Stadt aufgefunden worden war. Auf das Verschwinden von Kindern und den Organhandel machten die Missionare schon seit längerem aufmerksam. Doraci Edinger hatte schon im Jahr 2001 Alarm geschlagen. Aber nicht nur die ermordete Ordensschwester, und die brasilianische Laiin Elide dos Santos, sondern auch die Ordensschwestern des Klosters Mater Dei trugen zahlreiche Zeugnisse von Entführungen, verschwundenen Kindern und makabren Funden zusammen. Pater Claudio Avallone vom Orden der Diener Mariens erzählt, daß in einem Jahr, „mehr als 120 Kinder verschwunden sind. Vor allem Straßenkinder, die auf dem Markt lebten, bei der Kathedrale und in zwei anderen Plätzen gleich in der Nähe. Zum wie jedes Jahr vom Hospitaliterorden des hl.Johannes von Gott organisierten Weihnachtsessen fanden sich statt der erwarteten 95 nur 15 Kinder ein.“ Moisés, Pastor der evangelischen Kirche, „kümmerte sich im vergangenen Jahr um mehr als 150 Straßenkinder, gab Essen an sie aus, Nahrung und Schulhefte: seit Januar sind es nur noch neun.“
Und wieviele Dinge hat Pater Claudio erst mit eigenen Augen gesehen! „Ein älterer Herr, Pastola Cocola, hat mir den Graben gezeigt, wo eine Frau, ein Mann und zwei Kinder begraben wurden. Man hatte sie ohne Organe gefunden. Bevor sie bestattet werden können, verwesen die Leichen meist dort, wo sie von ihren Mördern achtlos liegengelassen wurden. Die Bevölkerung hat Angst, die Polizei einzuschalten, weil der, der das Auffinden einer Leiche meldet, automatisch als verdächtig gilt und dann tagelang verhört wird, was fast schon einer psychologischen Folter gleichkommt. Viele derer, mit denen ich gesprochen habe – nicht nur die Nonnen –, haben Leichen ohne Augen und ohne Organe gesehen, während die Eltern noch darauf hofften, ihre verschwundenen Kinder gesund wiederzufinden.“
Die örtliche Polizei pflegte solche Fälle normalerweise schnell zu den Akten zu legen, sie Stammespraktiken, dem Zauber der hiesigen Hexenmeister zuzuschreiben. Dann, am 13. September 2003, schickte die Erzdiözese Nampula ein von Erzbischof Msgr. Tomé Makhweliha, Rektor des interdiözesanen Seminars der Stadt, und den hier tätigen Ordensschwestern unterzeichnetes Schreiben an die Bischofskonferenz Mosambiks, das umgehend an Staatspräsident Joaquím Chissano weitergeleitet wurde. Eine ausführliche Anzeige, mit Namen und Nachnamen, die von den nationalen Behörden mit ziemlicher Verlegenheit aufgenommen wurde. Es wurde auch die Hypothese verbreitet, daß die Initiative der kirchlichen Behörden darauf abzielte, die Bevölkerung gegen den Gouverneur der Provinz Nampula, einen Muslim, aufzubringen.

Die Ordensschwestern des Klosters Mater
Dei klagen einen Mann offen an: Gary O’Connor. Der Südafrikaner irischer
Abstammung und seine Frau, die Dänin Tanja Skitte, sollen ein Netzwerk von
Händlern leiten, die Kinder in ihre Gewalt bringen und gefangen halten – bis
zur Hinrichtung und zum Organexplantat. O’Connor, O Branco, der „Weiße“, wie ihn die
eingeschüchterten Menschen hier nennen, ist Inhaber einer an das Kloster der
Dienerinnen Mariens angrenzenden fazenda von 300 Hektar Land. Offiziell eine Hühnerfarm, in
Wahrheit jedoch, so die Nonnen, nur ein Deckmantel. Von einer privaten
Startbahn der fazenda
O’Connors aus starten oft Flugzeuge nach Südafrika, das bekanntlich
Umschlagplatz für diese Art „Geschäfte“ ist. In den südafrikanischen Städten
Durban und Pietermaritzburg werden die Transplantationen für jene Europäer und
Amerikaner vorgenommen, die reich genug sind, sich ein Organ „bestellen“ zu
können. Ende 2003 konnte die südafrikanische Polizei ein internationales Netz
von Organhändlern ausheben, das sich auf ein Privatkrankenhaus in Durban
„stützte“, das Saint Augustin Hospital. Die dortigen „Organspender“ – in den
ärmsten Gegenden Brasiliens „rekrutierte“ arme Teufel – waren für ca. 3000
Dollar bereit, sich eine Niere entfernen zu lassen. Die „Unkosten“ – Reise und
Eingriff – bezahlte die Organisation. Doch inzwischen scheint der
mosambikanische „Markt“ weitaus attraktiver zu sein: er ist nicht nur näher,
sondern auch billiger.
Jetzt, nach dem Tod der brasilianischen Missionarin, fürchtet man um das Leben der noch in Nampula lebenden Mitschwestern. So hat sich der Ständige Rat der CIRM, der Konferenz der Ordensmänner und –frauen Mosambiks, beeilt und am 29. Februar dieses Jahres ein offizielles Dokument herausgegeben, in dem die Anklagen der Ordensschwestern aufgelistet sind und das Einschreiten der internationalen Gemeinschaft gefordert wird. Das Dokument trägt die Unterschrift der Verantwortlichen von neun in Mosambik präsenten Kongregationen.
In der Zwischenzeit beteuert der südafrikanische Geschäftemacher O’Connor seine Unschuld und erklärt, Opfer einer Intrige zu sein, die seiner Meinung nach von „hohen Repräsentanten“ der katholischen Kirche und von den Schwestern eingefädelt wurde, um ihm sein Land abzutricksen – das Kloster Mater Dei grenzt, wie bereits gesagt, an sein Grundstück an – und Fonds zu ergattern.

Und wenn Generalstaatsanwalt Madeira noch
am 2. Februar öffentlich abstritt, daß es so etwas wie einen Handel mit
Minderjährigen und Organen gibt, erklärte er in den vergangenen Tagen dagegen,
daß dieser Handel doch existiert, daß er von einem internationalen Netzwerk
geleitet wird und man in den Städten Nacala und Nampula die Verstecke
gefangengehaltener Kinder entdeckt hat. Doch während die Nachricht in der
internationalen Presse, vor allem der portugiesischen, aber auch der spanischen
und französischen ihre Kreise zog – El Paìs berichtete am 11. März darüber, dem Tag des blutigen
Attentats von Madrid, wie auch Le Monde und die BBC – schien sich in Italien niemand so recht dafür zu
interessieren. Einzige Ausnahmen: die öffentliche Umfrage von Lorenzo Sani in Il
Resto del Carlino und der
Beitrag von Pater Fusco der Diener Mariens in der Radiosendung Zapping, mit dem er versuchte, das Interesse für
den Fall zu wecken und die öffentliche Meinung aufzurütteln. Eine Kampagne, die
bereits erste Früchte bringt. Die Farnesina [ital. Außenministerium, Anm.d.Red.] übt bereits auf die mosambikanische
Regierung Druck aus und fordert, daß die Sache geklärt wird: die Fonds für
Kooperations- und Entwicklungsprogramme wurden erst einmal auf Eis gelegt.
„Unser Botschafter wurde von mir persönlich beauftragt, uns über die
Ermittlungen auf dem Laufenden zu halten,“ erklärte Minister Frattini, und
fügte an: „Es besteht kein Zweifel, daß zur Klärung dieser Sache gewissenhaft
durchgeführte, eingehende Ermittlungen notwendig sind. Das haben wir
nachdrücklich und auf offiziellem Wege von der Regierung Mosambiks verlangt. In
einer solch delikaten Angelegenheit muß Klarheit geschaffen werden. Und wenn
auch mancher meinen mag, es gäbe für diese Vorwürfe keine Beweise, so ist das
für uns noch lange keine Antwort. Wir haben dem Generalstaatsanwalt von
Mosambik mitgeteilt, daß wir erwarten, daß Justizbehörden und Polizei einen
zuverlässigen und überzeugenden Beweis dafür liefern, daß das alles nicht wahr
ist. Einen Fall wie diesen kann man nicht lösen, indem man den Anklägern die
Beweislast aufbürdet.“
In den vergangenen Tagen wurde in Nampula eine mosambikanische Parlamentskommission einberufen, die herausfinden soll, ob die Anschuldigungen fundiert sind oder nicht. Und den Ordensleuten von Mosambik war es ein Anliegen, an den 24. März zu erinnern, jenen Tag, an dem die CIRM zum Fasten aufgefordert hat, um dieses „Massaker der Unschuldigen“ anzuprangern, das Mosambik und die gesamte Dritte Welt besudelt, am Jahrestag des „Martyriums“ – so das Dokument der Ordensleute – von Oscar Arnulfo Romero.

Eine Gruppe von Straßenkindern im Haus der Combonianerinnen in Nampula.
Die Zahl der Minderjährigen, die in Afrika Jahr für Jahr „Menschenhändlern“ ins Netz gehen, nimmt erschreckende Ausmaße an. Ein Geschäft, das auf dem besten Wege ist, sogar den Waffenhandel zu überflügeln. Und Mosambik kommt, wie so vielen armen Ländern Südafrikas, eine ganz besondere Bedeutung zu. In Nampula und im Umland ist die Zahl der verschwundenen Minderjährigen seit 2002 erschreckend gestiegen. Und damit auch die der grausigen Funde verstümmelter, ihrer Organe beraubter Leichen. Nehmen wir den Fall Sarima Iburamo, einer von vielen: ein am 12. Oktober 2002 spurlos verschwundenes 12jähriges Mädchen, dessen verstümmelte Leiche von Rufina Omar, Stammesoberhaupt der Zone Namipoco, in der Nähe der Stadt aufgefunden worden war. Auf das Verschwinden von Kindern und den Organhandel machten die Missionare schon seit längerem aufmerksam. Doraci Edinger hatte schon im Jahr 2001 Alarm geschlagen. Aber nicht nur die ermordete Ordensschwester, und die brasilianische Laiin Elide dos Santos, sondern auch die Ordensschwestern des Klosters Mater Dei trugen zahlreiche Zeugnisse von Entführungen, verschwundenen Kindern und makabren Funden zusammen. Pater Claudio Avallone vom Orden der Diener Mariens erzählt, daß in einem Jahr, „mehr als 120 Kinder verschwunden sind. Vor allem Straßenkinder, die auf dem Markt lebten, bei der Kathedrale und in zwei anderen Plätzen gleich in der Nähe. Zum wie jedes Jahr vom Hospitaliterorden des hl.Johannes von Gott organisierten Weihnachtsessen fanden sich statt der erwarteten 95 nur 15 Kinder ein.“ Moisés, Pastor der evangelischen Kirche, „kümmerte sich im vergangenen Jahr um mehr als 150 Straßenkinder, gab Essen an sie aus, Nahrung und Schulhefte: seit Januar sind es nur noch neun.“
Und wieviele Dinge hat Pater Claudio erst mit eigenen Augen gesehen! „Ein älterer Herr, Pastola Cocola, hat mir den Graben gezeigt, wo eine Frau, ein Mann und zwei Kinder begraben wurden. Man hatte sie ohne Organe gefunden. Bevor sie bestattet werden können, verwesen die Leichen meist dort, wo sie von ihren Mördern achtlos liegengelassen wurden. Die Bevölkerung hat Angst, die Polizei einzuschalten, weil der, der das Auffinden einer Leiche meldet, automatisch als verdächtig gilt und dann tagelang verhört wird, was fast schon einer psychologischen Folter gleichkommt. Viele derer, mit denen ich gesprochen habe – nicht nur die Nonnen –, haben Leichen ohne Augen und ohne Organe gesehen, während die Eltern noch darauf hofften, ihre verschwundenen Kinder gesund wiederzufinden.“
Die örtliche Polizei pflegte solche Fälle normalerweise schnell zu den Akten zu legen, sie Stammespraktiken, dem Zauber der hiesigen Hexenmeister zuzuschreiben. Dann, am 13. September 2003, schickte die Erzdiözese Nampula ein von Erzbischof Msgr. Tomé Makhweliha, Rektor des interdiözesanen Seminars der Stadt, und den hier tätigen Ordensschwestern unterzeichnetes Schreiben an die Bischofskonferenz Mosambiks, das umgehend an Staatspräsident Joaquím Chissano weitergeleitet wurde. Eine ausführliche Anzeige, mit Namen und Nachnamen, die von den nationalen Behörden mit ziemlicher Verlegenheit aufgenommen wurde. Es wurde auch die Hypothese verbreitet, daß die Initiative der kirchlichen Behörden darauf abzielte, die Bevölkerung gegen den Gouverneur der Provinz Nampula, einen Muslim, aufzubringen.

Schwester Angelina Zenti, Verantwortliche für die sechzig Combonianerinnen in Mosambik, Schwester Juliana, Oberin des Konvents Mater Dei der Dienerinnen Mariens, und Elide dos Santos, im Gespräch mit einem Mädchen aus Nampula.
Jetzt, nach dem Tod der brasilianischen Missionarin, fürchtet man um das Leben der noch in Nampula lebenden Mitschwestern. So hat sich der Ständige Rat der CIRM, der Konferenz der Ordensmänner und –frauen Mosambiks, beeilt und am 29. Februar dieses Jahres ein offizielles Dokument herausgegeben, in dem die Anklagen der Ordensschwestern aufgelistet sind und das Einschreiten der internationalen Gemeinschaft gefordert wird. Das Dokument trägt die Unterschrift der Verantwortlichen von neun in Mosambik präsenten Kongregationen.
In der Zwischenzeit beteuert der südafrikanische Geschäftemacher O’Connor seine Unschuld und erklärt, Opfer einer Intrige zu sein, die seiner Meinung nach von „hohen Repräsentanten“ der katholischen Kirche und von den Schwestern eingefädelt wurde, um ihm sein Land abzutricksen – das Kloster Mater Dei grenzt, wie bereits gesagt, an sein Grundstück an – und Fonds zu ergattern.

Eine Straße in Muatala, ein Viertel von Nampula (was in Makwa-Sprache soviel bedeutet wie „Land des Hungers“). In diesem Viertel befindet sich die von drei Combonianerinnen geleitete Pfarrei San José. Zweihundert Meter von der Pfarrei entfernt wohnte Doraci Edinger, die am 21. Februar 2004 bestialisch ermordete evangelische Missionarin.
In den vergangenen Tagen wurde in Nampula eine mosambikanische Parlamentskommission einberufen, die herausfinden soll, ob die Anschuldigungen fundiert sind oder nicht. Und den Ordensleuten von Mosambik war es ein Anliegen, an den 24. März zu erinnern, jenen Tag, an dem die CIRM zum Fasten aufgefordert hat, um dieses „Massaker der Unschuldigen“ anzuprangern, das Mosambik und die gesamte Dritte Welt besudelt, am Jahrestag des „Martyriums“ – so das Dokument der Ordensleute – von Oscar Arnulfo Romero.