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VON GALEN
Aus Nr. 08 - 2004

Der Löwe von Münster und Pius XII.


Die New York Times bezeichnete Bischof von Galen als „erbittertsten Gegner des antichristlichen nationalsozialistischen Programms.“ Seine furchtlosen Predigten gegen Hitler gingen von der Kanzel des Doms zu Münster um die ganze Welt. Wie auch der Ruf seines beispielhaften Mutes. Und Papst Pacelli versicherte ihn in seinen Briefen seiner vollen Unterstützung und Dankbarkeit.


von Stefania Falasca


„Die drei Predigten des Bischofs von Galen bereiten auch Uns einen Trost und eine Genugtuung, wie Wir sie auf dem Leidensweg, den Wir mit den Katholiken Deutschlands gehen, schon lange nicht mehr empfunden haben. Der Bischof hat den Augenblick für sein mutvolles Hervortreten günstig gewählt“1. Mit diesen Worten der Dankbarkeit und der Anerkennung, geschrieben am 30. September 1941 an den Bischof von Berlin, Konrad von Preysing, kommentierte Pius XII. den hartnäckigen Frontalangriff, den Clemens August von Galen seit dem Sommer 1941 von der Kanzel des Doms zu Münster auf das Regime Hitler gestartet hatte. Aber damit nicht genug. Pius XII. schloß seinen Brief an den Bischof von Berlin mit der Versicherung seiner vollsten Unterstützung: „Daß aber die Bischöfe, die mit solchem Mut und dabei in so untadeliger Form wie Bischof von Galen für die Sache Gottes und der hl. Kirche eintreten, an Uns immer Rückhalt finden werden, das brauchen Wir dir und deinen Mitbrüdern nicht eigens zu versichern“2. Der Bischof von Berlin antwortete unverzüglich auf den Brief des Papstes und ließ ihn wissen, wie sehr es ihn freue, daß das Wirken von Bischof von Galen dem Heiligen Vater ein Trost gewesen wäre3.
Clemens August von Galen

Clemens August von Galen

Aber was genau hat dieser Bischof bewirkt, den Pius XII. wissen ließ, daß er seiner Unterstützung und seiner Zustimmung sicher sein konnte? Wer war Clemens August von Galen? 1942, als sich das Kriegsgeschehen gerade auf dem Höhepunkt befand, veröffentlichte die New York Times eine Reihe von Artikeln über Kirchenmänner, die es wagten, sich gegen Hitler zu stellen. Am 8. Juni jenes Jahres begann die amerikanische Tageszeitung diese Serie mit dem Titel Churchmen who defy Hitler mit einem Artikel über keinen Geringeren als Bischof von Galen, den sie als „erbittertsten Gegner des antichristlichen nationalsozialistischen Programms“ bezeichnete.
Der erste Biograph von Galens, der deutsche Priester Heinrich Portmann – von 1938 bis 1946 sein Privatsekretär – wies auf einen ganz besonderen Umstand hin. Nämlich den, daß von Galens Amtszeit in denselben Zeitraum fiel wie die Hitlers; daß er neun Monate nach der Macht­ergreifung Hitlers zum Bischof geweiht wurde und etwa neun Monate nach dem Tod des Führers starb4.
Clemens August Graf von Galen wurde 1878 auf Burg Dinklage, in der Nähe von Münster, geboren. Vor seiner Bischofsweihe durch Pius XI. war der Sohn einer streng katholischen westfälischen Adelsfamilie 23 Jahre als Priester in einer Berliner Pfarrei tätig. Als ihn Pius XI. jedoch am 5. September 1933 zum Nachfolger St. Ludgers auf dem münsterischen Hirtenstuhl ernannte, konnten die bei der feierlichen Zeremonie seiner Amtseinführung anwesenden Nazis noch nicht ahnen, wie viel Kopfzerbrechen ihnen dieser Bischof adeliger Herkunft und mit so tief verwurzelten patriotischen Gefühlen noch bereiten sollte. Von Galen war der erste, nach dem Konkordat mit dem Vatikan (20. Juli 1933) ernannte Bischof und einer der ersten deutschen Bischöfe, der nicht nur mit extremem Weitblick und Nachdruck ahnte, welche Gefahr die nationalsozialistische Ideologie barg, sondern sich auch nicht scheute, Gewalttaten und Barbarei des Nazi-Terrors öffentlich anzuprangern.

Die Verurteilung des „Blut-Katechismus“
Nec laudibus nec timore. So lautete das Bischofsmotto dieses beeindruckenden deutschen Kirchenmannes. Und die Furchtlosigkeit dieses nec timore ist unverkennbar.
Schon zwei Monate nach seiner Weihe, im November 1933, mußte er feststellen, daß die gerade erst mit der Regierung unterzeichneten Abkommen nicht eingehalten wurden. Energisch protestierte er gegen die Verletzungen des Konkordats. Und als Alfred Rosenberg, wichtigster Propagandist des Nationalsozialismus und von Hitler zum Beauftragten für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der nationalsozialistischen Bewegung ernannt, Anfang 1934 massiv seinen Mythus des 20. Jahrhunderts in Umlauf brachte, verurteilte von Galen in seinem ersten diözesanen Hirtenbrief zu Ostern 1934 unmißverständlich die Neuheidentums-Weltanschauung der Nazis und stellte die religiöse Natur dieser Ideologie heraus. Er bezeichnete sie als unheilvolle totalitäre Lehre, die die Rasse über die Moral stellt, das Blut über das Gesetz [...], darauf abzielt, die Grundlagen des Christentums zu zerstören [...]. Von Galen sprach von einer religiösen Täuschung und meinte, daß sich dieses Neuheidentum manchmal sogar unter christlichen Namen verberge [...], dieser antichristliche Angriff von einer zerstörerischen Kraft sei, die all die anderen übertreffe, die es in früheren Zeiten gegeben habe5. Der Brief schloß mit einer Ermahnung an die Gläubigen, die sich nicht von einem solchen „Gift für das Gewissen“ verführen lassen sollten. Gleichzeitig forderte er die christlichen Eltern auf, über ihre Kinder zu wachen. Die Osterbotschaft schlug wie eine Bombe ein, hatte auf Klerus und Volk einen befreienden Effekt und schlug Wellen, die nicht nur Deutschland, sondern auch das Ausland erfassten.
Zu Ostern 1935 kam es dann zu einem erneuten Gegenschlag. Und wieder hatte es der Bischof auf die Rassentheorie und Rosenbergs „Blut-Katechismus“ abgesehen. Von Galen, der zu für die Gläubigen derart gefährlichen Abscheulichkeiten ganz einfach nicht schweigen konnte, ließ dem Diözesan-Bulletin eine Studie gegen den Mythus des 20. Jahrhunderts beilegen und setzte sich für dessen Verbreitung ein. Die Antwort des Regimes ließ nicht lange auf sich warten. Gestapo-Chef Hermann Göring gab ein Rundschreiben heraus, in dem er verlangte, daß der Klerus für den Schulunterricht gesperrt werde. Rosenberg kam nach Münster und zog heftig gegen den Bischof ins Feld, in dem Versuch, das Volk gegen ihn aufzuhetzen und ihn zu liquidieren. Aber das westfälische Volk – zum Großteil katholisch – stand zu seinem Bischof; die Solidaritätsbekundungen gipfelten am 8. Juli in einer Prozession, an der eine unglaublich große Schar von Gläubigen teilnahm. Die Ereignisse von Münster schlugen auch dieses Mal über die Landesgrenzen hinaus Wellen und die ausländische Presse kommentierte das mutige Vorgehen des deutschen Bischofs wie folgt: „Und wenn man den Katholiken vorwirft, sich um die Politik zu kümmern, so ist es in Wahrheit der Nationalsozialismus, der sich um die Religion kümmert“ (Paris, Le Figaro6).
Von Galen in Prozession bei seiner Bischofsweihe (5. September 1933)

Von Galen in Prozession bei seiner Bischofsweihe (5. September 1933)

Von Galen war natürlich nicht der einzige deutsche Bischof, der den Nationalsozialismus furchtlos verurteilte: schon 1932 hatten sich die Bischöfe auch in ihrer Kollegialität bestärkt. Berühmt waren die Predigten, die Kardinal Michael von Faulhaber, Erzbischof von München, 1933 hielt. Doch mit der Machtergreifung Hitlers sah sich die deutsche Kirche auf einmal einem Regime ausgeliefert, das immer unverfrorener darum bemüht war, auf religiösem und kirchlichem Gebiet die Vorherrschaft an sich zu reißen und dabei Bürger- und Menschenrechte mit Füßen trat. Es dauerte nur wenige Jahre, bis die Kirche einer heftigen Verfolgung ausgesetzt war. Einer Verfolgung, die nach der von den deutschen Bischöfen angeregten Veröffentlichung der Papst-Enzyklika Mit brennender Sorge im Jahr 1937 noch grausamere Formen annahm. Die Enzyklika von Pius XI., „eine der unerbittlichsten Verurteilungen eines Landesregimes, die der Vatikan jemals ausgesprochen hat“7, wurde von den Nazis als Hochverrat bezeichnet. Verhaftungen und Verfolgung waren die Folge. Von Galen hatte in seiner Diözese 120.000 Kopien drucken lassen. Doch in demselben Maße, wie die Einschüchterungsversuche gegen seine Person zunahmen, wuchs auch sein Prestige und die große moralische Autorität, die ihn zu einem von allen anerkannten Bezugspunkt machte – auch von den Juden. Und so wurde der Bischof von Münster, wegen seines „vehementen Angriffs auf Grundlagen und Einfluß des Nationalsozialismus“ am Vorabend des Kriegsausbruches bei der Reichskanzlei als einer der gefährlichsten Regime-Gegner registriert.
Doch erst mit den Predigten vom Sommer 1941 sollte der Bischof Weltruhm erlangen. Und sich den Beinamen „Löwe von Münster“ verdienen.

„Darum rufe ich laut: wir fordern Gerechtigkeit!“
Am Samstag, 12. Juli 1941, erfuhr der Bischof von der Besetzung der Häuser der Jesuiten in der König­strasse und Haus Sentmaring. Mit Voranschreiten des Krieges intensivierten die Parteichefs die Konfiszierung der Kirchengüter, und gerade in den Tagen, als Münster schwer bombardiert wurde, begann die Gestapo mit der systematischen Deportation von Ordensleuten und der Beschlagnahmung der Klöster. Auch die Klöster der Klausurschwestern wurden konfisziert, Ordensmänner und -frauen gedemütigt und davongejagt. Der Bischof zögerte keinen Moment, einzuschreiten. Er warf den Männern der Gestapo vor, daß sie eine infames und schändliches Werk vollbrächten. Kein Blatt vor den Mund nehmend schimpfte er sie unerschrocken „Diebe und Räuber“. Es war unvermeidbar, an die Öffentlichkeit zu gehen. Von Galen war bereit, für Gott und die Kirche alles auf sich zu nehmen, obwohl er wußte, daß ihn das sein Leben kosten konnte. Und so stieg er, am 13. Juli, mit einer sorgfältig vorbereiteten Predigt ausgerüstet auf die Kanzel, entschlossen, die Dinge auch wirklich beim Namen zu nennen: „Keiner von uns ist sicher, und mag er sich bewußt sein, der treueste, gewissenhafteste Staatsbürger zu sein, daß er nicht eines Tages aus seiner Wohnung geholt, seiner Freiheit beraubt, in den Kellern und Konzentrationslagern der Gestapo eingesperrt wird. Ich bin mir klar darüber, das kann auch heute, das kann eines Tages mir geschehen...“8.
Er scheute sich auch nicht, die schändlichen Absichten der Gestapo allen zu enthüllen und machte sie für die Verletzungen der Grundlagen sozialer Gerechtigkeit verantwortlich. „Durch die Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei... hat bereits in weitesten Kreisen des deutschen Volkes ein Gefühl der Rechtlosigkeit... Platz gegriffen, das die deutsche Volksgemeinschaft schwer schädigt ... Und darum erhebe ich im Namen des rechtschaffenen deutschen Volkes, im Namen der Majestät der Gerechtigkeit und im Interesse des Friedens... meine Stimme, darum rufe ich laut, als deutscher Mann, als ehrenhafter Staatsbürger, als Vertreter der christlichen Religion, als katholischer Bischof: ‚Wir fordern Gerechtigkeit!‘“9. Mit kraftvoller Stimme und Entschlossenheit sprach er diese Worte aus, die wie ein Blitz einschlugen. Mit unerschrockener Inbrunst zeigte er eine nach der anderen der „schändlichen Taten“ an, von denen er erfahren hatte. Ein Augenzeuge berichtete: „Männer und Frauen erhoben sich, zustimmendes Gemurmel wurde laut, aber auch entrüstete Kommentare und Pfui-Rufe, was hier bei uns, in der Kirche, normalerweise undenkbar war. Ich habe Leute in Tränen ausbrechen sehen“10.
Von Galen mit den Firmlingen bei einem Pastoralbesuch in Münster (1934)

Von Galen mit den Firmlingen bei einem Pastoralbesuch in Münster (1934)

Diese erste Predigt verfehlte ihre Wirkung nicht. Und bei der zweiten, der vom 20. Juli, war die Kirche schon zum Bersten voll. Die Leute kamen von weither, um ihn sprechen zu hören. Von Galen öffnete den Menschen die Augen über den Wahnsinn des vom Regime verfolgten Planes, der das Land ins Elend stürzen würde, und wetterte: „Volksgemeinschaft mit den Männern, die unsere Ordensleute, unsere Brüder und Schwestern ohne Rechtsgrund... wie Freiwild aus dem Lande hetzen?Nein! Mit ihnen und allen dafür Verantwortlichen ist mir keine Gemeinschaft im Fühlen und Denken mehr möglich!“11. Und weiter: „Wir sehen und erfahren jetzt deutlich, was hinter den neuen Lehren steht, die man uns seit einigen Jahren aufdrängt: abgrundtiefer Haß gegen das Christentum“...12. Die dritte Predigt schließlich, die vom 3. August über das 5. Gebot, wurde wegen der Schärfe ihrer Worte vom Propagandaministerium als schlimmster Frontalangriff bezeichnet, der jemals gegen den Nazismus vorgenommen wurde. Der Bischof hatte in Erfahrung gebracht, daß man vorhatte, Behinderte, Alte, Geisteskranke, ja sogar behinderte Kinder in den westfälischen Heilanstalten zu „beseitigen“, die Euthanasie anzuwenden. Ein Plan, den die Nazis geheim halten wollten. Ein Augenzeuge kommentierte: „Nur wer die Zeit der Nazi-Diktatur miterlebt hat, kann die Bedeutung folgender Worte verstehen, die ein Bischof auszusprechen wagte: Wehrlose Unschuldige werden jetzt ermordet, barbarisch ermordet, auch Personen anderer Rasse, anderer Zugehörigkeit werden getötet... Wir haben es hier mit einem Wahnsinn zu tun, der nicht seinesgleichen hat... Mit solchen Menschen, mit diesen Mördern, die sich anmaßen, sich zum Herrn zu machen über Leben und Tod der Mitmenschen, kann ich nichts mehr gemeinsam haben! ­– Und dann bedachte er die Nazi-Autoritäten mit den Worten des Apostels Paulus: ‚Ihr Gott ist der Bauch’13.“
Die Predigten fanden weite Verbreitung, gingen in kürzester Zeit um die Welt. Wurden überall gedruckt und gelesen. Gelangten auch zu den Soldaten an der Front. Das deutsche Volk, Christen und Nicht-Christen, nahm sie mit großer Dankbarkeit auf. Aus den Dokumenten, die man im Winter 1941-42 in den Trümmern Berlins fand, ergab sich, daß viele Juden von der Gestapo verhaftet wurden, weil sie die „aufwieglerischen Predigten“ des Bischofs von Münster14 in Umlauf gebracht hatten. Alle – der Bischof eingeschlossen – glaubten, daß man ihn früher oder später deswegen hinrichten würde. Der Chef der SS-Jugendorganisationen ließ folgende Erklärung veröffentlichen: „Ich nenne ihn das Schwein C.A., Clemens August. Dieser Hochverräter und Landesverräter, dieses Schwein, ist auf freiem Fuß und maßt sich an, den Führer schlecht zu machen. Aufhängen muß man ihn!“15. Doch das tat man nicht.
Der „Fall von Galen“ wurde vom Reichpropagandaministerium und von der Reichskanzlei bis ins kleinste Detail zerpflückt. Auch der Sekretär und Vertrauensmann Hitlers, Martin Bormann, wollte ihn aufhängen. Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels riet dem Führer jedoch, die Hinrichtung aufzuschieben – aus Gründen politischer Opportunität. Das Regime wollte ihn nicht zum Märtyrer machen, ihn zu beseitigen hätte bedeutet, einen Teil der Bevölkerung gegen sich aufzubringen, besonders die Soldaten an der Front. Und so beschlossen die Nazis, daß man erst nach dem „Endsieg“ mit von Galen „abrechnen“ würde, dann aber erbarmungslos.
Der Bruder von Galens, Graf Franz, berichtete, daß auch wenn man seinen Bruder nicht einsperrte, er dennoch weiterhin Attacken und Beleidigungen seitens der Feinde der Kirche erdulden mußte. Er ließ sich aber nicht von seiner Haltung abbringen und verkündete auch weiterhin unerschrocken die Wahrheit. Und als er ihn einmal fragte, was sie tun sollten, wenn man ihn verhaften würde, meinte er nur: „Nichts“, und verwies darauf, daß man auch Paulus viele Jahre eingesperrt hätte und der Herr nicht fürchtete, daß die Heiden nicht rechtzeitig bekehrt würden. Wie sein Bruder war er der Meinung, daß sich die Mächte der Hölle ans Werk gemacht hätten, verwies aber auch auf die tröstlichen Worte der Bibel: „Die Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen“16.
Der Seligsprechungsprozess Clemens August von Galens wurde im Oktober 1956 eingeleitet. Am 20. Dezember vergangenen Jahres wurde das Dekret über die Heldenhaftigkeit der Tugenden proklamiert, und der Fall macht große Fortschritte in Richtung Seligsprechung.
Hermann Göring und Joseph Goebbels 1936

Hermann Göring und Joseph Goebbels 1936

„Der Kampf, den Bischof von Galen gegen jene führte, die er als wahre Feinde der Kirche betrachtete,“ bekräftigt der Dominikaner A. Eszer, Relator des Seligsprechungsprozesses, „zeigt unmißverständlich, daß der Diener Gottes die Verteidigung des Glaubens als seine höchste Pflicht und Aufgabe ansah. Und angesichts des Geistes des damaligen totalitären Regimes hat Bischof von Galen nicht nur eine heroische Stärke, sondern auch eine heroische Besonnenheit an den Tag gelegt.“

Pacelli – von Galen: ein enges Band
Kannte Pius XII. von Galen eigentlich persönlich? Eugenio Pacelli war 12 Jahre lang als Nuntius in Deutschland tätig gewesen. Zuerst in München, von 1917 bis 1925, und dann – bis 1929 – in Berlin.
„In seiner Zeit in Berlin hatte Pacelli Gelegenheit, von Galen kennenzulernen,“ erklärt uns der Jesuit Peter Gumpel, einer der namhaftesten Experten in Sachen Pius XII. und Relator seines Seligsprechungsprozesses, „und schon damals hatte er sich eine hohe Meinung von diesem eifrigen und wagemutigen, für die sozialen Erfordernisse seiner Zeit offenen Seelenhirten gebildet.“
„Von Galen,“ erklärt Gumpel, „war der Cousin Konrad von Preysings, dem Vertrauensmann Pius’ XII. in Deutschland. Von Preysing repräsentierte im Innern des deutschen Episkopats sicherlich die entschlossenste Oppositionshaltung gegen das Regime. Von Preysing und von Galen waren nicht nur verwandt, sondern auch eng befreundet.“ „Die Wertschätzung und das Vertrauen, das Pacelli von Galen entgegenbrachte,“ fährt Gumpel fort, „vereint mit denen für den überaus geschätzten von Preysing, wird u.a. auch durch die Präsenz der beiden in Rom bestätigt, im Januar 1937, im Rahmen der Vorbereitung der Enzyklika Mit brennender Sorge. Pacelli, der einen erheblichen Beitrag zur Abfassung der Enzyklika von Pius XI. leistete, wollte über die Situation in Deutschland ausführlichst unterrichtet werden und bat darum, ihre Meinung zu hören, und nicht nur die der deutschen Kardinäle.“
Wie sehr Pacelli mit dem Wirken von Galens einverstanden war, wurde bereits im Jahr 1935 klar. Und zwar im Rahmen des Kampfes gegen Rosenberg. Staatssekretär Pacelli schickte damals eine streng gehaltene Note an das deutsche Außenministerium, in der er an die juridischen Grundlagen des Konkordats appellierte, und der Vatikan unterstützte von Galen so massiv, daß der Osservatore Romano, dem Willen des Staatssekretärs entsprechend, offen für den Bischof von Münster eintrat und Rosenberg angriff, ihn als „wütendsten und gotteslästerlichsten Zerstörer des Christentums“ be­zeichnete“17.
Was aber nun die berühmten drei Predigten angeht, deutet nichts darauf hin, daß von Galen von Pius XII. Anweisungen erhalten hätte. Von Galen hat – wie sich aus den Prozessakten ergibt – auf eigene Faust gehandelt, wußte aber – so Gumpel –, daß er mit der Zustimmung des Papstes rechnen konnte: „Pius XII. hatte seine Haltung in einem Brief vom 30. April 1943 an von Preysing genau erläutert. Ein Eingreifen des Papstes in Kriegszeiten hätte als Stellungnahme gegen Deutschland interpretiert werden können, mit negativen Folgen für die ohnehin schon schwersten Verfolgungen ausgesetzte Kirche und das deutsche Volk. Er überließ es daher den Bischöfen vor Ort, je nach Gegebenheiten, ihre Entscheidung zu fällen, und er überließ ihnen auch die Verantwortung für ihre Entscheidungen. Er ermutigte die Bischöfe zu der vom Hl. Stuhl seit der Zeit der Enzyklika von Pius XI. verfolgten Linie, jedoch ohne irgend­etwas aufzuerlegen. Und das auch schon deshalb, weil es nicht möglich ist, das Martyrium zu befehlen.“
Welch großer Trost das furchtlose Handeln des „Löwen von Münster“ und sein „energischer Protest“ für Papst Pacelli waren, zeigt der Umstand, daß er die berühmten Predigten sogar seinen Familienangehörigen vorlas – wie aus den Akten des Seligsprechungsprozesses von Galens ersichtlich: Dort sagt Priester Heinrich Portmann, einer der wichtigsten Zeugen des Prozesses, aus, durch eine Mitteilung des Bischofs von Innsbruck an von Galen vom 18. September 1941 davon erfahren zu haben. In besagter Mitteilung teilt der Bischof von Innsbruck mit, daß der Papst bei einer Audienz im Vatikan seine tiefe Verehrung für den Bischof von Münster zum Ausdruck gebracht und ihm anvertraut hatte, dessen Homilien seinen Familienangehörigen vorgelesen zu haben.
Von Galen grüßt vom Fenster des bischöflichen Palais eine Gruppe von Jugendlichen mit den Bannern ihrer Verbände

Von Galen grüßt vom Fenster des bischöflichen Palais eine Gruppe von Jugendlichen mit den Bannern ihrer Verbände

Ja, Pius XII. hielt ihn für einen Helden. Und das sagte er auch ausdrücklich, als er im Dezember 1945 einige Priester aus Westfalen empfing. Auch dieses Zeugnis – von Priester Eberhard Brand – liegt den Akten bei: „Der Heilige Vater sagte zu uns: ‚Bischof von Galen wird bald nach Rom kommen‘. Und dann fügte er noch mit lauter Stimme hinzu: ‚Er ist ein Held‘18.“
Und ist der deutlichste Beweis für die große Anerkennung der „unschätzbaren Verdienste“ um die furchtlose Verteidigung der Kirche und der Menschenrechte gegen die Gewaltakte des Nazismus schließlich nicht der Kardinalspurpur, den von Galen von keinem Geringeren als Papst Pacelli am 18. Februar 1946 erhielt? Von Galen – so der Kommentar des Erzbischofs von Köln – war „der wahre Held dieses Konsistoriums.“
Radio Vatikan gab die Ernennung des Bischofs von Münster zum Kardinal am Heiligen Abend 1945, zusammen mit 32 anderen neuen Kardinälen, bekannt. Darunter auch zwei weitere deutsche Bischöfe, die sich durch ihr Eintreten gegen den Nazi-Terror verdient gemacht hatten: der Erzbischof von Köln, Joseph Frings, und der Bischof von Berlin, Konrad von Preysing. Für den Episkopat und das deutsche Volk waren diese Ernennungen der Beweis dafür, daß der Papst nicht bereit war, sich jenen Stimmen des Hasses anzuschließen, die in jener Zeit überall gegen die Deutschen laut wurden. Sie waren aber auch Zeichen einer gerechten Auszeichnung für den mutigen Widerstand, den gerade Männer wie diese geleistet hatten, allen voran zweifelsohne der Bischof von Münster19. In einem detaillierten Bericht über die feierliche Zeremonie der Überreichung des Kardinalsbiretts bekräftigt der Priester, der von Galen als Schleppenträger zugeteilt wurde: „Als beim Einzug der Kardinäle in St. Peter Clemens August an der Tür erschien, ging ein Raunen durch die anwesende Menge: ‚Das ist er!‘. Da ich, als Schleppenträger, direkt hinter dem Kardinal ging, konnte ich hören, was die Leute sagten, und als seine stattliche Erscheinung das Mittelschiff durchquerte, erhob sich eine Welle der Begeisterung. Der Beifall schlug in tosenden Applaus um, als der Kardinal zum Stuhl des Heiligen Vaters emporstieg. ‚Ich segne Sie. Ich segne Ihr Vaterland,‘ sagte Pius XII. zu ihm. Eine bekannte römische Zeitung schrieb am Tag danach: ‚Besonders lang und laut war der Applaus für Kardinal von Galen, den heroischen Bischof von Münster, Verfechter des Antinazismus, den der Papst länger bei sich behielt als die anderen‘“20.
Die Presse berichtete also das, was damals für alle offensichtlich war: von Galen war das Symbol dieses anderen Deutschland, das sich nicht uniformieren ließ, und sah in der Verleihung der Kardinalswürde eine Auszeichnung dieses mannhaften Verteidigers der christlichen Wahrheit und der unveräußerlichen Menschenrechte, die der totalitäre Staat ausmerzen wollte21. So schrieb Die Zeit am Tag seines Todes, knapp einen Monat nach Verleihung der Kardinalswürde, und bezeichnete von Galen als einen Kämpfer für die Gerechtigkeit, einen großen Wohltäter der Menschheit. An seiner Beerdigung in Münster nahmen mehr als 50.000 Menschen teil.
Als der letzte Botschafter des Reiches im Vatikan, Ernst von Weizsäcker, der 1946, nach seinem Ausscheiden aus dem politischen Leben, immer noch in Rom lebte, dem Hl. Stuhl zum Tode von Galens ein Beileidstelegramm schickte, dankte ihm der damalige Substitut im Staatssekretariat, Giovanni Battista Montini, am 28. März 1946 im Namen von Pius XII. mit folgenden Worten: „Mit dem Tod dieses Bischofs hat Ihr Land eine der größten Persönlichkeiten unserer Zeit verloren.“

Eine der letzten Aufnahmen von Galens kurz vor seinem Tod am 22. März 1946

Eine der letzten Aufnahmen von Galens kurz vor seinem Tod am 22. März 1946

Und Pius XII. schrieb: „Du hast meine volle Unterstützung“
Aber das ist nicht alles. Es gibt noch andere Dokumente, die unmissverständlich zeigen, welche Wertschätzung und Übereinstimmung zwischen Papst Pacelli und dem „Löwen von Münster“ bestand: ihre Korrespondenz. Aus den Dokumenten des vatikanischen Geheimarchivs geht hervor, daß Pius XII. Briefe an von Galen geschrieben hat.
Vier dieser vom Papst auf deutsch geschriebenen Briefe sind im zweiten Band der Actes et documents du Saint Siège relatifs à la Seconde guerre mondiale enthalten, dem von gelehrten Jesuiten zusammengestellten Monumentalwerk in 11 Bänden und 12 Teilen, in dem die Dokumentation des Staatssekretariats und des vatikanischen Geheimarchivs dieser Jahre enthalten ist. Ein Werk, das bekanntlich Paul VI. gewollt hatte, als er, Anfang der 60er Jahre, wegen der immer weitere Kreise ziehenden düsteren Legenden um seinen Vorgänger die vatikanischen Archive vorzeitig hatte öffnen lassen. Die Briefe an den Bischof von Münster tragen folgende Daten: 12. Juni 1940; 16. Februar 1941; 24. Februar 1943; 26. März 1944.
In diesen Briefen betonte Pius XII. mehrmals, wie dankbar er wäre, wie sehr ihre Ansichten übereinstimmten und wie sehr er das Wirken des deutschen Bischofs schätzte. In dem Brief vom 24. Februar 1943 brachte er beispielsweise zum Ausdruck, welch starker „Trost“ es ihm jedes Mal wäre, wenn „Wir Kenntnis erhalten von einem offenen und mutigen Wort eines deutschen Bischofs oder der deutschen Bischöfe.“ Ihm lag auch daran, zu betonen, daß diese Bischöfe „durch ihr mannhaftes Eintreten für Wahrheit und Recht, gegen Härte und Unrecht dem Ruf eures Volkes im Ausland nicht schaden, sondern eher nützen“, wenn der ein oder andere auch den gegenteiligen Vorwurf gegen sie erheben möge. Pius XII. dankte von Galen auch dafür, mit seinen Hirtenbriefen seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1942 gleichsam „den Boden bereitet“ zu haben. Einer Botschaft, für die die New York Times lobende Worte fand wegen der „Worte zur Verteidigung der Juden“, und weil er „die Welt auf das Massaker vieler Unschuldiger aufmerksam gemacht hat“. In Deutschland wurde die Verbreitung der Botschaft von den Nazis als „Verbrechen gegen die Staatssicherheit“ gesehen, „auf das die Todesstrafe steht“22.
Zwei dieser Schreiben, wie auch den Brief an von Preysing, können Sie auf diesen Seiten lesen.
Die lange Prozession bei seiner Beerdigung im von Bomben zerstörten Münster

Die lange Prozession bei seiner Beerdigung im von Bomben zerstörten Münster

Und die Bedeutung dieser Briefe wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, in welchem Kontext sie enthalten sind. Die Briefe an von Galen sind nämlich Teil eines corpus von 124, im Zeitraum von 1939-1944 von Pius XII. an die deutschen Bischöfe geschriebenen Briefen. Den Grund für diese Korrespondenz erläuterte Pius XII. den vier deutschsprachigen Kardinälen gegenüber, die im März 1939 zum Konklave nach Rom gekommen waren, das ihn zum Papst wählte. Nach dem Konklave verlängerten die Kardinäle ihren Aufenthalt in der Ewigen Stadt, um mit dem neuen Papst die Situation der Kirche in Deutschland zu besprechen, eine Situation, die der Papst aus nächster Nähe verfolgt hatte, zuerst als Nuntius und dann als Staatssekretär. Er sagte zu ihnen: „Die deutsche Frage ist für mich die wichtigste. Ich behalte mir vor, mich selbst darum zu kümmern“23. Pacelli hatte also – ausnahmsweise – die Kardinäle, und, durch sie, den Episkopat, aufgefordert, direkt an ihn zu schreiben. In seinem ersten Brief an den deutschen Episkopat vom 20. Juli 1939 erinnerte sich Pius XII. voller Rührung an die in Deutschland verbrachten Jahre und die Kontakte, die er dort noch hatte: „... denn das hat es Uns ermöglicht, heute von der Situation, dem Leid, den Aufgaben, den Bedürfnissen der Katholiken Deutschlands jene tiefe Kenntnis zu haben, die nur aus der direkten persönlichen, in langen Jahren gemachten Erfahrung erwachsen kann“24. Mit Beginn des Krieges sollten sich diese direkten Beziehungen als noch wertvoller erweisen. Mit der Aufforderung, ihm zu schreiben, hatte ihnen der Papst gezeigt, daß die Nuntiatur in Berlin über einen sicheren Korrespondenzkanal zu Rom verfügte. Die Korrespondenz, die bis zum letzten Kriegsjahr aufrecht erhalten werden konnte, zeigt, wie ausführlich die Bischöfe von der außergewöhnlichen Möglichkeit Gebrauch machten, mit dem Oberhaupt der Kirche zu kommunizieren. Sie schickten ihm regelmäßig alle nur möglichen Informationen und legten dieser auch die Kopien der wichtigsten Dokumente bei.
Die Lettres de Pie XII aux évêques allemands sind jedoch nach wie vor – von den Gelehrten einmal abgesehen – den meisten unbekannt. Und das, obwohl die in ihnen enthaltenen Erklärungen von großer Wichtigkeit dafür sind, nicht nur den katholischen Widerstand in Deutschland, die Verfolgung unter den Nazis und die Haltung des deutschen Episkopats zu verstehen, den man zu Unrecht oft als nazifreundlich betrachtete: Wie Pierre Blet in seinem Pio XII e la Seconda guerra mondiale negli Archivi vaticani erklärte, „stellen sie auch ein außergewöhnliches Dokument des Denkens von Pius XII. dar, seiner Absichten und seines Wirkens“25. Dieselbe Absicht und dasselbe Wirken wie das jenes Kirchenmannes, der es gewagt hatte, den Nazis unerschrocken ins Gesicht zu schreien: „Ich kann nichts mehr gemeinsam haben mit Menschen, die sich anmaßen sich zum Herrn zu machen über Leben und Tod der Mitmenschen:Ihr Gott ist der Bauch.“


ANMERKUNGEN
1 Brief von Pius XII. an den Bischof von Berlin, siehe S. 46.
2 Ebd.
3 Lettres de Pie XII aux évêques allemands, in Actes et documents du Saint Siège relatifs à la Seconde guerre mondiale, Vatikanstadt1967, Bd. II, Anm. zu S. 229.
4 Positio super virtutibus beatificationis et canonizationis servi Dei Clementis Augustini von Galen, Bd. I, Summarium, S. 427.
5 C. A. Graf von Galen, Un vescovo indesiderabile. Le grandi prediche di sfida al nazismo, herausgegeben von R. F. Esposito, Padua 1985, S. 47.
6 Le Figaro , 28. Juli 1935.
7 A. Rhodes, Il Vaticano e le dittature.1922-1945, Mailand 1973, S. 211.
8 Bischof Clemens August von Galen, Akten Briefe und Predigten 1933-1946, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1996, S. 847.
9 Ebd., S. 851.
10 Positio, op.cit., Bd. I, Summarium, S. 418.
11 Bischof Clemens August von Galen, Akten Briefe und Predigten 1933-1946, op. cit., S. 858.
12 Ebd., S. 859.
13 Positio, op. cit., Bd. I, Summarium, S. 422.
14 Zur Beziehung des Bischofs von Münster zu den Juden vgl. Von-Galen-Biographien: Max Bierbaum, Nicht Lob nicht Furcht, Münster 1974; Joachim Kuropka, Clemens August Graf von Galen. Neue Forschungen zum Leben und Wirken des Bischofs von Münster, Münster 1992.
15 R. A. Graham, Il „Diritto di uccidere“ nel Terzo Reich – Preludio al genocidio, in La Civiltà Cattolica, 15. März 1975, Bd. I, S. 154.
16 Positio, op. cit., Bd. I, Summarium, S. 65.
17 L’Osservatore Romano, 10. Juli 1935.
18 Positio, op. cit., Bd. II, Documenta, S. 505.
19 Vgl. Neue Westfälische Zeitung, 28. Dezember 1945.
20 Positio, op. cit., Bd. II, Documenta, S. 507.
21 Vgl. Die Zeit, 28. März1946.
22 G. Sale, Hitler, la Santa Sede e gli ebrei. Con i documenti dell’Archivio segreto vaticano, Mailand 2004, S. 221.
23 Pierre Blet, Pio XII e la Seconda guerra mondiale negli Archivi vaticani, Cinisello Balsamo 1999, S. 81.
24 Ebd., S. 79.
25 Ebd., S. 83.


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