Startseite >
Archiv >
10 - 2004 >
„In der Kirche geschieht nichts Interessantes ohne das Wirken Jesu“
ANGLIKANER. Begegnung mit dem Erzbischof von Canterbury.
„In der Kirche geschieht nichts Interessantes ohne das Wirken Jesu“
Rowan Williams, Primas der anglikanischen Gemeinschaft, definiert das, was heute die Anziehungskraft des christlichen Glaubens ausmachen kann: „... die Augen von jemandem zu sehen, der auf den Herrn schaut... die beginnende Erkenntlichkeit und Anerkennung.“
von Gianni Valente

Der Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams.
Sie sind nun seit knapp zwei Jahren Erzbischof von Canterbury, und es waren turbulente Jahre in der anglikanischen Kirche. Ihre Studien zum Christentum im 4. Jahrhundert und zur arianischen Krise sind allgemein bekannt. Hat Ihnen das dabei geholfen, die derzeitige Befindlichkeit des Christentums auf der Welt zu beurteilen?
ROWAN WILLIAMS: Wir haben vielleicht manchmal ein allzu beschönigendes Bild der vergangenen Epochen gezeichnet, es so dargestellt, als würde im Leben der Kirche alles gut laufen. Wenn man dagegen die Geschichte studiert, wird einem klar, daß die Kirche manchmal ganze Jahrzehnte lang von tiefen Spaltungen geprägt war. Was aber nicht heißt, daß man nicht auch in diesen Perioden Wahrheiten hätte entdecken können. Ich habe mich jahrelang mit dem 4. Jahrhundert befaßt, und dadurch habe ich erkennen können, daß die Leute auch inmitten all der Wirren und schwierigen Zeiten heilig bleiben können. Und daß man nicht glauben darf, aus der Zahl der Anhänger schließen zu können, auf welcher Seite die Wahrheit liegt. In jener Krise stand Athanasius nämlich ziemlich allein dabei da, den wahren Glauben dem Arianismus gegenüber zu bewahren. Es gibt Situationen, die ganz einfach Geduld erfordern. Athanasius stand dem monastischen Leben seiner Zeit sehr nahe. Und das ist für mich ein Zeichen dafür, daß jene, welche ihr Leben ganz nach ihrer monastischen Berufung ausrichten, oft einen größeren Weitblick haben.

Die Kathedrale von Canterbury.
WILLIAMS: Bischof Restitutus hatte 314 am Konzil von Arles teilgenommen. In den letzten Jahren dürfte er die Zukunft seiner Kirche wohl zuversichtlich betrachtet haben – schließlich liefen die Dinge ganz gut. Die Verfolgung war zuende, der Kaiser war ein Freund der Christen. Wenn er hundert Jahre später gelebt hätte, hätte er das Ende dieser beginnenden christlichen Zivilisation miterlebt; jene Zeit, als die barbarischen Piraten alles auf den Kopf stellten. Zum Zeitpunkt der Ankunft des Mellitus, den Gregor der Große geschickt hatte, scheint es keine Spur christlicher Präsenz mehr gegeben zu haben. Er mußte lange in Frankreich bleiben, in Erwartung besserer Zeiten, die einen Neuanfang möglich gemacht hätten. Das ist der Grund, warum ich gesagt habe, daß die Londoner Bischöfe schon immer Hartnäckigkeit und Geduld an den Tage legen mußten...
In unserer Zeit scheint das Christentum fast schon eine Art Prüfung durchzumachen. Und doch scheint es eine religiöse und spirituelle Zeit zu sein. Wie erklären Sie sich dieses Paradox?
WILLIAMS: Eine der ausgeprägtesten Züge unserer Zeit ist, daß wir Individualisten sind und zu den Dingen ein Konsumverhalten haben. Auch in der Religion sucht man nicht das, was wahr, real ist, sondern das, was uns Wohlstand bringt, man dazu benutzen kann, mit sich im Reinen zu sein. Ein spirituelles Gefühl, das in unser Leben Ruhe einziehen läßt. Nicht eine Botschaft, die in unser Leben einbricht wie etwas absolut Neues und alles auf den Kopf stellt. In breiten Teilen des Westens haben die Leute eine Abneigung gegen die Zugehörigkeit zu kollektiven Organisationen. Und wenn die Kirche eine Krise ihres membership erlebt, was soll man dann erst über die politischen Parteien sagen? Die sind noch schlimmer dran...
Ich habe mich jahrelang mit dem 4. Jahrhundert befaßt, und dadurch habe ich erkennen können, daß die Leute auch inmitten all der Wirren und schwierigen Zeiten heilig bleiben können. Und daß man nicht glauben darf, aus der Zahl der Anhänger schließen zu können, auf welcher Seite die Wahrheit liegt. In jener Krise stand Athanasius nämlich ziemlich allein dabei da, den wahren Glauben dem Arianismus gegenüber zu bewahren.
Das Christentum scheint eine
Vergangenheit zu sein, die das Leben nicht betrifft, oder – noch schlimmer –
eine Last. Als Reaktion darauf bekräftigen die Kirchen ihren Einfluß auf die
Gesellschaft. Und stürzen sich in öffentliche Stellungnahmen. Zu jedem nur
erdenklichen Thema.WILLIAMS: Wenn ich solche Fragen höre, habe ich sofort den Eindruck, auf der Anklagebank zu sitzen. Vom Erzbischof erwarten sich alle, daß er zu den Dingen öffentlich Stellung nimmt. Es ist etwas, das ich jetzt tun muß, und es ist wirklich nicht leicht. Bei meinen Begegnungen mit den Jugendlichen kann ich deutlich sehen, daß das, was ihnen den Glauben schmackhaft machen kann, sicher nicht die Äußerungen der kirchlichen Würdenträger sind. Als ich Bischof in Wales war, habe ich mich sehr um die Jugendlichen der Diözese bemüht, und viele Jahre hatten wir eine wirklich ausgezeichnete Jugendpastoral, die hauptsächlich darin bestand, sie zu beschäftigen, für Unterhaltung zu sorgen. Dann kam ein neuer Kaplan und hat auf die Karwoche sofort ein Einkehr- und Gebetstreffen mit den Jugendlichen der Diözese angesetzt. Und einer davon, der als Agnostiker gekommen war, bat darum, getauft zu werden. Anhand dieser einfachen Tatsache habe ich erkannt, daß gerade dieses die Augen von anderen sehen, die den Herrn schauen, dazu veranlaßt, die Kirche ernst zu nehmen. Wenn die Kirche manchmal nützliche Dinge über Kultur und Politik zu sagen hat, dann kann sie das ja gerne tun, und das ist auch in Ordnung. Aber das ist bei weitem nicht alles...
Was ist die Kirche für Sie?
WILLIAMS: Ich habe vor kurzem über die Christenheit der Anfänge geschrieben, und meiner Meinung nach wird die Kirche der ersten Jahrhunderte dadurch beschrieben, daß es eine Gemeinschaft war, die lebte, indem sie einem anderen König folgte. Wenn man es genau bedenkt, messen wir den theoretischen Überzeugungen der Menschen heute viel Bedeutung bei; dem, was sie in ihren Köpfen haben – an die reale Zugehörigkeit zu Christus, im Innern einer Gemeinschaft, denken wir jedoch nie. Die Kirche existiert nicht, weil ich das beschlossen habe oder irgendeine Gruppe von Personen, sondern durch das Wirken Gottes. Wir, unsere Meinungen, unsere Perspektiven, können kein Gesetz diktieren, nicht bestimmen, was die Kirche in der Gegenwart ist. Die Erfahrung dieser fehlenden Kontrolle ist an sich schon heilsam. Und doch scheinen die Kirchen gerade wegen dieser Unkontrollierbarkeit Jesu Christi besorgt zu sein, wegen dem Umstand, daß er kein Gefangener unserer Gedanken ist. Das müssen wir jetzt erkennen, jetzt mehr denn je. Wir müssen erkennen, daß wir in der Kirche sind als Geladene, weil der Ruf an uns ergangen ist. Sonst wäre die Kirche nur eine verzankte menschliche Gesellschaft.

Der Erzbischof bei der Liturgie der Fußwaschung in der Kathedrale von Canterbury (17. April 2003).
WILLIAMS: Man darf nicht vergessen, daß die Kirche nicht die Gemeinschaft von Personen ist, die einer Meinung mit uns sind, dieselben Ideen haben wie wir. Es sind Personen, die nicht wir aussuchen. Die uns vielleicht nicht einmal gefallen. Die aber von Jesus selbst ausgesucht und verändert worden sind. Es geschieht nichts Interessantes in der Kirche außer durch das Werk dessen, der unsere menschlichen Katastrophen wieder gut machen kann. Der versprochen hat, jeden Tag bei den Seinen zu bleiben, bis ans Ende der Welt. Und der gesagt hat, auf die Kleinen, die Armen, die Kinder zu schauen und ihnen zu helfen.
Folgender Satz, den Sie einmal gesagt haben, hat mich sehr beeindruckt: „Die rechte Lehre entspringt, strömt aus der Dankbarkeit, und nicht umgekehrt.“ Was haben Sie damit gemeint?
WILLIAMS: Das Denken der ersten Christen, auch auf lehrmäßig-theologischem Gebiet, entsprang der Tatsache, daß sie sahen, wie sie von Jesus in ein neues Leben geführt wurden. Die ersten Worte des Christentums waren jene, die gebraucht wurden, um Gott zu lobpreisen. Die theologische Lehre ist aus der Reflexion darüber entstanden. Wenn diese anfängliche Dankbarkeit über die einfache Tatsache Jesus fehlt, kann man unsere Probleme sicher nicht lösen, indem man einfach nur auf der Disziplin beharrt...
Andererseits sind auch Theologien im Umlauf, nach denen die Fleischwerdung Christi a priori automatisch dem gesamten Menschengeschlecht und der ganzen Welt das Heil garantiert. Sind Sie damit einverstanden?
WILLIAMS: Der Einwand, den ich gegen gewisse Strömungen der amerikanischen Schöpfungstheologie erheben muß, ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß alles bereits beschlossene Sache ist, sie dem Menschen nicht einmal die Möglichkeit lassen, nein zu sagen. Ich kann nicht in die Herzen der anderen sehen, wohl aber in meines, und daher weiß ich, daß ich sehr gut in der Lage bin, für Katastrophen zu sorgen. Mein Universitätsprofessor wurde nie müde, mir zu sagen, daß sich keine Theologie aufrecht erhalten kann, wenn sie nicht die Möglichkeit des Fehlschlagens in Betracht zieht.
Die Kirche existiert nicht, weil ich das beschlossen habe oder irgendeine Gruppe von Personen, sondern durch das Wirken Gottes. Wir, unsere Meinungen, unsere Perspektiven, können kein Gesetz diktieren, nicht bestimmen, was die Kirche in der Gegenwart ist. Die Erfahrung dieser fehlenden Kontrolle ist an sich schon heilsam. Und doch scheinen die Kirchen gerade wegen dieser Unkontrollierbarkeit Jesu Christi besorgt zu sein, wegen dem Umstand, daß er kein Gefangener unserer Gedanken ist. Das müssen wir jetzt erkennen, jetzt mehr denn je.
Sie haben bekanntlich ein großes
Interesse am Leben der Heiligen. Welche liegen Ihnen besonders am Herzen?WILLIAMS: Die hl. Therese und Johannes vom Kreuz. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für die Spiritualität der Karmeliten. Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal die Schriften Thereses gelesen habe. Ich habe sie zwar damals nicht verstanden, aber doch sehr wohl gefühlt, daß sie mir gefiel. Dann habe ich auch Edith Stein gelesen. Was die Kirche des Ostens angeht, habe ich eine große Sympathie für Seraphin von Sarow. Vergangenes Jahr hatte ich in Rußland Gelegenheit, sein Grab zu besuchen.
Sie zitieren auch oft Augustinus.
WILLIAMS: Augustinus hat die Disziplin der Selbstanalyse geschaffen, des Verständnisses von sich selbst, indem er gezeigt hat, wie wir von unserer Erinnerung geformt sind. Heute, in der postmodernen Ära, sind wir geneigt, von Eindrücken zu leben, von einer Erfahrung zur anderen zu hetzen, und es gibt keine Geschichte mehr. Während er uns doch zeigt, daß es die Geschichte ist, die die Person macht. Auch in der Beziehung zur zivilen Realität hat uns Augustinus gelehrt, daß wir das Wohl der Stadt suchen müssen, in der wir leben, des Ortes, an dem wir uns befinden, indem wir uns für die Gerechtigkeit engagieren, ohne jemals den Erfolg dieser Gesellschaft mit dem Reich Gottes zu identifizieren. Beteiligung, und, zur selben Zeit, Loslösung. Wie bereits gesagt: wir sind von einem anderen König. Kurzum: ich sage manchmal, daß Augustinus auch als Begründer der Psychoanalyse und der modernen Politik betrachtet werden kann...
Er hatte bekanntlich auch eine wahre Leidenschaft für die Liturgie.
WILLIAMS: Die Liturgie erinnert uns stets daran, daß wir auf das Endgericht zugehen. Daß unsere Leben in einem neuen Kontext angesiedelt sind, in den wir als Gäste eintreten. Eine Liturgie, die nur die Projizierung meiner Ideen ist, wäre etwas Kurzlebiges. An der Liturgie, die man in der Gemeinschaft von Bose feiert, gefällt mir beispielsweise, daß sie nichts überhastet, sich die nötige Zeit nimmt, einfach und voller Bezüge auf die Bibel ist.
Wie beurteilen Sie – ganz ehrlich – den Petrusprimat?
WILLIAMS: Mir ist klar, daß da von Anfang an ein besonderes Charisma war, ein besonderer Dienst, der vom Bischof von Rom für die gesamte Kirche ausgeübt wurde. Aber von dem Moment an, in dem dieser etwas Legales und vom theologischen Standpunkt aus streng Definiertes geworden ist – wie sich aus den Definitionen des I. Vatikanischen Konzils ergibt – komme ich nicht umhin, Vorbehalte anzumelden. Beispielsweise zur Unfehlbarkeit als individuelles spirituelles Charisma. Wie schon Austin Farrer schrieb, dürfte die Unfehlbarkeit nicht als „Lizenz, Fakten zu schaffen“ betrachtet werden. Seit der jetzige Papst in seiner Enzyklika Ut unum sint dazu aufgefordert hat, dieses Thema zu diskutieren, hat ein jeder von uns allen – Anglikaner, Katholiken und andere – eine gute Gelegenheit, die eigene Geschichte kritisch zu beurteilen. Wir Anglikaner machen die Erfahrung, wie schwierig es sein kann, in einer Kirche zu leben ohne ein klares Autoritätszentrum. Ich will kein Papst sein. Aber mir ist dieses Problem bewußt. Ich weiß, wie wichtig es in den Kirchen ist, eine wahre Verantwortung zu haben – einer dem anderen gegenüber. In der Kirche des Westens hat sich diese Notwendigkeit einer zentralen Autorität historisch im Papsttum fokalisiert...

Rowan Williams in den Vatikanischen Grotten vor der Reproduktion des Grabes Petri (4. Oktober 2003).
WILLIAMS: Als ich mit meiner Frau nach Rom gekommen bin und wir das Grab Petri besuchten, hat uns das wirklich sehr beeindruckt. Das apostolische Zeugnis Petri, von dem das ganze Evangelium spricht, hat sich dort erfüllt: in seinem Martyrium. Und wenn vom Petrusdienst die Rede ist, spricht man gerade davon, ist es meiner Meinung nach gerade das. Hans Urs von Balthasar, ein Theologe, den ich sehr verehre, schrieb über den Petrusdienst zu Zeiten von Paul VI., als Paul VI. von allen Seiten kritisiert und angegriffen wurde. Und er schrieb: jetzt sehe ich, was der Petrudienst wirklich ist.
In den Wirren unserer Zeit wird in der westlichen Welt die Furcht vor dem Islam immer spürbarer, von dem angeblich ein systematischer Angriff auf die westliche Zivilisation und deren christliche Wurzeln ausgeht. Wie beurteilen Sie diese Interpretationen des aktuellen historischen Moments?
WILLIAMS: Eine der Aufgaben, die ich mir als Erzbischof gestellt habe, ist die, den bereits von meinem Vorgänger eingeleiteten islamisch-christlichen Dialog auf hoher Ebene fortzuführen. Vor ein paar Wochen war ich in Ägypten, habe an der islamischen Universität Al-Azhar über die Trinitätslehre gesprochen. In diesem Land besteht beispielsweise eine enge Zusammenarbeit zwischen unseren Gemeinschaften und den islamischen Gemeinschaften. Ich sehe den Zusammenprall der Zivilisationen nicht als obligatorische Perspektive. Die christliche Zivilisation schuldet der islamischen Welt etwas, so wie auch die islamische Zivilisation der Christenheit viel schuldet. Juden, Christen und Muslime haben eine lange gemeinsame Geschichte. Je mehr wir diese Geschichte eines Miteinanderlebens anerkennen, umso besser für die Zukunft. Es stimmt auch nicht, daß der gesamte Nahe Osten islamisch ist. Die antiken Kirchen des Ostens gibt es schon seit Zeiten der apostolischen Predigten. Vor dem Krieg im Irak habe ich öffentlich gesprochen, und mich auch im privaten Rahmen mit den Mitgliedern unserer Regierung unterhalten, um auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die sich aus dem Krieg gegen die Christen im Nahen Osten ergeben hätte, die letztendlich für die steigende Abneigung gegen die westliche Welt bezahlen müßten.
In diesem Strudel der Gewalt sind es nicht selten die Kinder, die bezahlen müssen. Ein Thema, das Sie oft angesprochen haben...
WILLIAMS: Meiner Meinung nach ist eines der schlimmsten Übel der letzten zwei Jahrzehnte, ein geradezu satanisches Übel, der Angriff auf die Kinder. Die von Beslan, die irakischen oder ägyptischen Kinder. Die palästinensischen oder israelischen. Oder die unschuldigen Kindersoldaten in Afrika. Und dann gehen wir auch mit der Abtreibung viel zu leichtfertig um... Es gibt keine Hoffnung und kein Vertrauen in die Zukunft der Kinder mehr, und an diesen Dingen sieht man das wie in einem Spiegel.