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PÄPSTE
Aus Nr. 10 - 2004

Die Menschlichkeit von Paul VI.


Montini war ein einfacher Papst im täglichen Leben, in der Begegnung mit den Menschenmengen, in der Einsamkeit des Alltags, im Kontakt mit seinen Mitarbeitern und in den Momenten wichtiger Entscheidungen.


von Erzbischof Romano Panciroli


Paul VI. grüßt die Menschenmenge, die sich 
zu seinem Besuch in der römischen Pfarrei 
Unsere Liebe Frau von Lourdes in Tormarancia eingefunden hat (24. Februar 1964).

Paul VI. grüßt die Menschenmenge, die sich zu seinem Besuch in der römischen Pfarrei Unsere Liebe Frau von Lourdes in Tormarancia eingefunden hat (24. Februar 1964).

Das Evangelium hat stets Erleuchtung und Antwort auf die menschlichen Probleme des Alltags. Eines dieser Probleme ist der große Unterschied zwischen arm und reich, der sich im Leben und in der Gesellschaft in sehr konkreten Situationen widerspiegelt.
Wir Christen dürfen keine neutralen Zuschauer sein, können die Armut und das Elend der anderen nicht einfach so hinnehmen, denn wie heißt es schließlich in der Konzilskonstitution Gaudium et spes: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“
Der Gläubige von heute muß entschieden für die soziale Gerechtigkeit eintreten, wie uns schon Jesus Christus gelehrt hat, dann die Apostel, und schließlich auch die Päpste in ihren denkwürdigen Enzykliken, bis zu Populorum progressio von Paul VI. für die Völker in den Entwicklungsländern, ein Dokument von großer Wichtigkeit, weil es in direkter Weise mitten in die dringlichsten Probleme der Welt eintaucht, eine neue Auffassung von universaler Nächstenliebe für die Regelung der Beziehungen zwischen den Völkern des Wohlstands und denen des Hungers vorschlägt, mit dem Ziel einer integralen Entwicklung des Menschen.
Paul VI. war sich dessen bewußt, daß die der Kirche eigene Sendung, laut der Konstitution Gaudium et spes, geistlicher Ordnung ist; aber er war sich auch der Bande bewußt, die die Kirche, gerade kraft ihrer religiösen Sendung, wirklich und wesentlich mit dem Menschengeschlecht und seiner Geschichte solidarisch machen.
Papst Montini, dem wir zum 107. Jahrestag seiner Geburt gerne gedenken, kannte die Probleme der Welt nur allzu gut, mit der er in ständigem Kontakt stand. „Niemandem soll es an Brot und Würde fehlen,“ hatte er vor seiner ersten Reise nach Indien gesagt: „Das höchste Gut aller soll das Gemeinwohl sein.“
Diese Gefühle sollten im Laufe seines Pontifikats von zahlreichen kleinen und großen Gesten konkretisiert werden, wie damals, als er die Tiara, die ihm von der Erzdiözese Mailand überreicht worden war, den Armen zum Geschenk machte, damit alle daran erinnert würden, daß die Kirche, dem Beispiel Christi folgend und im Einklang mit dem Konzil, stets die Mutter der Armen war. Gesten, die nicht improvisiert waren, sondern Ausdruck seiner besonderen Sensibilität für die Armen, so vollkommen im Einklang mit dem, was das Evangelium lehrt.
„Bevor der Ruf zum Pontifikat an uns erging,“ hatte er in Populorum progressio geschrieben, „hatten uns zwei Reisen, nach Lateinamerika und nach Afrika, in direkten Kontakt mit den gravierenden Problemen gebracht, die diesen Kontinent so voller Leben und Hoffnung peinigen. Angetan mit der universalen Vaterschaft konnten wir im Laufe neuer Reisen... die enormen Schwierigkeiten mit eignen Augen sehen, uns persönlich davon überzeugen“, mit denen so viele Bevölkerungen zu kämpfen haben.
Aber nicht nur die Reisen waren eine reiche Informationsquelle. Tag für Tag gingen in seinem Büro Stöße von Dokumenten und Berichten aus den päpstlichen Missionen in der ganzen Welt ein, Zeitungsberichte aus allen Winkeln der Erde, zahlreiche Briefe, offizielle Stellungnahmen, Botschaften.
Paul VI. nahm sich stets die Zeit, alles mit großer Aufmerksamkeit zu lesen. Niemals wurde er müde, die ihm unterbreiteten Dokumente in mühevoller Kleinstarbeit durchzuarbeiten, oft bis spät in die Nacht, wenn er sich dann, vor dem Schlafengehen, noch einmal in die Kapelle zurückzog, um einen letzten Gruß an den Herrn zu richten, dem er bereits den ersten Teil des Tages gewidmet hatte, in der „Audienz mit Gott“. Er brauchte diese Zeit mit Ihm allein, es war ihm ein Anliegen, Ihm lange zuzuhören, bevor er zu den Menschen sprach, kraft seines Amtes, das es mit sich brachte, so vielen Menschen auf der ganzen Welt Gehör zu schenken.
Wir nehmen diesen Jahrestag zum Anlaß, die komplexe Persönlichkeit dieses Dieners Gottes, der uns so viel Großes gelehrt, so viel Vorbildliches gezeigt hat, aus nächster Nähe zu betrachten, in der Überzeugung, daß die Zeit seine Person und sein Werk immer mehr erleuchten werden.
An der weitblickenden Intelligenz, mit der er das Konzil zum Abschluß geführt hat und der mühsam errungenen Weisheit, mit der er die Kirche in der schwierigen Nachkonzilszeit leitete, zweifelt heute niemand mehr. Und so manche seiner mutigen Entscheidungen, die Fixpunkte darstellten und damals einigen als „Verschlossenheit“ erschienen, wurden später in vielerlei Hinsicht als prophetisch beurteilt.
Ein Beispiel, das heute überaus aktuell ist, ist sein Verweis auf die christlichen Wurzeln Europas: „Es ist gewiß, daß ganz Europa aus dem traditionellen Erbe der Religion Christi die Überlegenheit seiner Rechtspraxis schöpft, die Noblesse der großen Gedanken seiner Menschlichkeit und den Reichtum der typischen und belebenden Prinzipien seiner Zivilisation. An dem Tag, an dem Europa diesem grundlegenden ideologischen Erbe abschwört, wird es aufhören, es selbst zu sein.“
Paul VI. mit den campesinos von Bogotà (23. August 1968).

Paul VI. mit den campesinos von Bogotà (23. August 1968).

Paul VI. war ein einfacher Papst im täglichen Leben, in der Begegnung mit den Menschenmengen, in der Einsamkeit des Alltags, bei den häufigen Kontakten mit den Mitarbeitern und in den Momenten wichtiger Entscheidungen; stets sich selbst und seiner Sendung treu.
Er wollte immer von einer Atmosphäre der Einfachheit umgeben sein. Seine Wohnung ließ er schlicht und ohne jeden Pomp einrichten; sein Arbeitszimmer, seine Bibliothek, die Säle, in denen er seine Gesprächs­partner empfing, entsprachen den Geboten des guten Geschmacks und der Bedeutung seiner Sendung. Stets im Zeichen jenes nüchternen, einfachen Stils, den er eingeführt und konsolidiert hat.
Die Menschlichkeit Pauls VI. wurde vor allem in der Beziehung zu seinen Nächsten deutlich: zu den Einzelnen ebenso wie zu den Mengen, den Jugendlichen wie den Erwachsenen, zu den Großen und Mächtigen dieser Welt ebenso wie zu seinen Brüdern im Bischofsamt.
Der ein oder andere bezeichnete ihn als kalt und unnahbar, und vielleicht hat es ihm gegenüber einen gewissen „Liebesgeiz“ gegeben, auch seitens vieler Christen, die es nicht verstanden hatten, den Schatz, der in diesem scheinbar so zerbrechlichen Mann verborgen war, zu erkennen. Seine Zurückhaltung ließ sicher nicht viel Raum für Floskeln, aber seine Menschlichkeit war so entwaffnend, daß man sich von ihr ganz einfach erobern lassen mußte. Jede Begegnung mit ihm – und mochte sie noch so kurz sein – war eine Erfahrung, die Spuren hinterließ.
Er trat stets mit äußerster Diskretion auf, fast nicht wahrnehmbar, doch nichts entging dem wachen Blick seiner blaugrauen Augen, mit denen er seinem Gesprächspartner bis tief in die Seele zu blicken schien. Er war nicht explosiv, sondern gelassen; er verstand es, mit den richtigen Worten zu ermutigen, Worten, die einen auch später noch lange verfolgten.
Seine Väterlichkeit und seine Wortgewandtheit entsprangen seiner Intuitionsgabe und seiner Fähigkeit, zuzuhören. Alles an ihm war Sensibilität und Anteilnahme: seine Art, zuzuhören, zu verstehen, wahrzunehmen, zu schweigen und zu sprechen. Er war ein aufmerksamer Gastgeber, niemals unvorbereitet, und oft ließ er Förmlichkeiten einfach beiseite, um die Begegnung mit den anderen herzlicher zu gestalten.
Die Menschenmengen konnten diese mitteilungsbedürftige Menschlichkeit wahrnehmen und strömten immer zahlreicher herbei. Man denke nur an die Begegnungen des Heiligen Jahres 1975, an jene bei den Besuchen in Rom und die Reisen in andere Städte und Länder, wo er von Tausenden von begeisterten Menschen empfangen wurde, die es kaum erwarten konnten, ihm zuzuhören.
Unter den Gläubigen fühlte er sich wohl, er suchte die Begegnung, und er wollte einen eigenen Raum dafür, die heutige Aula Paul VI. Den Ort, an dem er mit ihnen betete, ihnen zuhörte, sie belehrte, ermutigte, ermahnte; den Ort, wo er sein Wort schenkte und seine Energie verschwendete. Jeder fühlte sich ihm nahe und verstand ihn, auch die Nicht-Katholiken und die Nicht-Gläubigen; selbst die getrennten Brüder vergaßen in seiner Nähe auf die „Last“ des Primats, in einer Gemeinschaft, die sie nicht ausschloß.
Der ein oder andere warf ihm vor, sich zu kompliziert auszudrücken, und er bemühte sich, weil es nicht immer einfach ist, das Christentum zu erläutern; er tat alles, um sich verständlich zu machen, schließlich war Predigen seine Sendung: „Seht ihr, ich bin immer am Predigen...“. Und wenn er frei sprach, sich nicht an die Notizen hielt, sprach er manchmal in der „Ich“- und manchmal in der „Wir“-Form, natürlich stets in dem Wunsch, sich mit den anderen verbunden zu fühlen, als einer von ihnen, um nur Liebe und Freude zu bringen. Johannes Paul I. hat über ihn gesagt : „Er ist ein Lehrmeister des Glaubens, weil er die Offenbarung Gottes in anziehender Form darzulegen versteht.“
Wahrer Verkündiger des Wortes, vollkommen in seiner Sendung aufgehend; aber wie viel Demut war da in seinen täglichen Gesten. Er nutzte die Gelegenheit, mit großer Überzeugung offen zu sagen: „Wer verkündigt euch das? Ein armer Mann, ein Phänomen an Winzigkeit. Wenn ich spreche, meine Brüder und Schwestern, meine Kinder, erzittere ich, weil ich spüre, etwas zu sagen, das so viel größer ist als ich, Dinge, die ich nicht ausreichend bezeugt und durchlitten habe, Dinge, die wahrlich eine prophetische Stimme verdienen würden, ich spüre meine Winzigkeit und den abgrundtiefen Unterschied zwischen der Botschaft, die ich verkündige und meiner Fähigkeit, sie darzulegen und auch zu leben.“
Bei seinem Dienst als Hirte der universalen Kirche stellte er den Dialog und die Überzeugungskraft in den Mittelpunkt; ein Thema, dem er seine erste und programmatische Enzyklika Ecclesiam Suam widmete: „Wir,“ können wir dort lesen, „haben stets diese unaussprechliche und überaus reale Dialogsbeziehung vor Augen, uns angeboten und geschaffen von Gott, dem Vater, durch Christus, im Heiligen Geiste, um zu verstehen, welche Beziehung wir, also die Kirche, versuchen müssen mit der Menschheit aufzubauen und voranzutragen.“
Er hat vor allem die Gemeinschaft mit den Bischöfen gesucht. Nachdem er mit ihnen die Gemeinschaft des Konzils gelebt hatte, empfing er sie in periodischen Abständen in der Bischofssynode, ja, suchte sogar ihre Konferenzen auf dem Kontinent auf, um ihnen zuzuhören: in Lateinamerika, Asien, Ozeanien. Auch den Bischofsring, den er so manchem Bischof zum Geschenk machte, und den viele noch heute tragen, hat er zu einem Gemeinschaftsband gemacht, indem er ein einfaches Modell anbot, mehr Symbol denn Schmuck. Er fühlte sich ihnen verbunden, und das brachte er auch bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck, wenn er ihnen aufmerksam zuhörte und gemeinsam mit ihnen die Eucharistie feierte, Zeichen der Einheit. „Vereint, damit die Welt glaubt,“ sagte er zu den Bischöfen, zum Klerus und den katholischen Gläubigen orientalischen Ritus’, die in der Basilika St. Anna in Jerusalem zusammengekommen waren.
Er machte sich zum Antriebsmotor der Gemeinschaft des gesamten Gottesvolkes. Besuchte die Pfarreien seiner römischen Diözese, seine Priester, die religiösen Gemeinschaften und Versammlungen seiner Gläubigen, „um die Katholiken“ – wie er zu sagen pflegte – „zu wirklich guten Menschen zu machen, weisen Menschen, freien Menschen, ausgeglichenen und starken Menschen.“
Paul VI. begrüßt einen Kranken, Gast des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, bei seiner Reise ins Heilige Land (4.-6. Januar 1964).

Paul VI. begrüßt einen Kranken, Gast des lateinischen Patriarchats von Jerusalem, bei seiner Reise ins Heilige Land (4.-6. Januar 1964).

Paul VI. liebte die Welt, in der Jesus Christus ihn gerufen hatte, die Kirche zu leiten. Er war der erste Papst, der die Kirche in die Welt hinausgetragen hat, in die ganze Welt, sich selbst nicht nur als „Viator Christi“ bezeichnete, sondern auch so unterzeichnete.
Mit seinem präzisen und zielsicheren Programm hat er Städte und Nationen erreicht, die weit entfernt waren von seinem Sitz, mit seiner Gegenwart hat er bedeutende Anlässe bereichert. Und immer brachte er menschliche Wärme und kirchliche Gemeinschaft. Wenn jeder Bischof, jede Pfarrei und jeder Christ – im Kleinen – das getan hätte, was er in Sachen Belebung und Erneuerung vollbracht hat, wäre die Kirche heute schon sehr viel weiter auf ihrem Weg.
Paul VI. war ein Mann von bemerkenswertem Mut, der fast schon waghalsig erscheinen hätte können, wenn er nicht aus einem unerschütterlichen Glauben und von jenem Heiligen Geist gekommen wäre, von dem er so erfüllt war: „Von allen Erfahrungen, die das menschliche Leben haben kann, ist die schönste, die reichste an Versprechen und Trost, die, den Geist Gottes zu besitzen.“
Mut, in seiner pastoralen Sendung voranzuschreiten, die ihm übertragen worden war, wie auch im Werk der Erneuerung durch das Konzil. Mut zum Schutz des Lebens mit seiner Enzyklika Humanae vitae, und mutig war auch eine andere seiner Enzykliken, Dignitatis humanae, über die Religionsfreiheit, von der in diesen Tagen bei der vom Institut Paul VI. vorangetriebenen internationalen Studientagung viel gesprochen wurde; wagemutig schließlich das bewegende Glaubensbekenntnis, das Credo des Gottesvolkes, das er am Ende des Jahres des Glaubens mit so viel Nachdruck auf dem Petersplatz verkündet hatte.
Und welch tiefen Eindruck haben sein Brief an die Roten Brigaden und seine Worte bei der Beerdigung seines Freundes Aldo Moro in unseren Herzen hinterlassen: „Und wer kann unser Klagen vernehmen, wenn nicht Du, oh Gott des Lebens und des Todes? Du hast unseren flehentlichen Wunsch.. nach seiner Unversehrtheit nicht erhört.“
Voller Demut und Stolz war auch seine Ansprache bei der Begegnung des ökumenischen Kirchenrates von Genf: „Unser Name ist Petrus. Petrus ist Menschenfischer, Petrus ist Hirte... Und der Name, den wir gewählt haben, der des Paulus, verweist auf die Richtung, die wir unserem apostolischen Dienst geben wollten.“
Und Mut klang auch aus dem Beginn seiner Homilie in Manila am 29. November 1970, in einem großen Park am Stadtrand der Metropole, vor einer immensen Menschenmenge, die vor allem aus jungen Bauern und Fischern bestand: mit wie viel Kraft und Überzeugung hat er da gesagt: „Ich, Paul, Nachfolger des hl. Petrus, betraut mit der pastoralen Sendung für die gesamte Kirche, wäre niemals aus Rom bis in dieses so ferne Land gekommen, wenn ich nicht von zwei Dingen fest überzeugt wäre: erstens von Christus, und zweitens von eurem Heil. Überzeugt von Christus; ja, ich verspüre das Bedürfnis, es zu verkündigen, ich kann nicht dazu schweigen, wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigen würde. Deshalb bin ich von Ihm gesandt, von Christus selbst. Ich bin ein Apostel, ich bin ein Zeuge.“
Und weil er „gesandt“ war, hatte er den Mut, verschiedene Male „nein“ zu sagen, was die öffentliche Meinung so manches Mal gegen ihn aufbrachte, aber für Entscheidungen, deren positive Auswirkungen die Geschichte doch zur Genüge gezeigt hat. Nein zur wahllosen Empfängnisverhütung, nein zur Scheidung, nein zur Verletzung der Menschenrechte, nein zu den Kriegen, nein zur Priesterehe (in der lateinischen Kirche), nein zum Priesterdienst von Frauen, nein zu den Spaltungstendenzen im Innern der Kirche.
Während seiner Reise nach Indien war er darüber informiert worden, daß das italienische Parlament das Gesetz zur Möglichkeit der Scheidung approbiert hatte; bei seiner Rückkehr, mit Takt, aber doch entschlossen, kritisierte er dieses Ereignis, das – wie er es nannte – „wir aus vielerlei Gründen, besonders wegen unserer Liebe zum italienischen Volk, als eine unglückliche Entscheidung betrachten.“
Er war ein Mann von schier unerschöpflicher Geduld, und er wußte nur zu gut, daß der wahre Hirte, bevor er selbst den letzten seiner Brüder aus der Gemeinschaft aus­schließt, alle anderen Wege aus­schöpfen muß. Geduld beim Ertragen der Angriffe auf seine Person, Geduld beim Ausräumen von Zweifeln, beim Anbieten von Reflexion, bei der Suche nach Ausgangspunkten für einen Dialog, besonders in den Fällen, wo seine Beiträge unter einem politischen Aspekt ausgelegt worden waren.
Doch gerade wegen dieser „allzu großen“ Geduld hatte er sich die Definition „hamletisch“ eingehandelt, zaghaft. Und dennoch war es ihm ein Anliegen, zu präzisieren: „Es passiert mir oft, lesen zu müssen, daß ich unentschlossen bin, unruhig, zaghaft, hin- und hergerissen zwischen gegensätzlichen Einflüssen. Vielleicht bin ich langsam, aber ich weiß, was ich will. Und schließlich ist es doch mein Recht, zu überlegen“; und, bei anderer Gelegenheit: „Heikle Fragen sind auch komplexe Fragen. Die Ehrlichkeit verlangt es, daß man sie nicht überstürzt behandelt. Ihre Komplexität muß respektiert werden.“
Vielleicht nur wenige Päpste mußten sich so komplizierten historischen Situationen stellen wie er, der in einer Zeit Papst war, als die Veränderungen im sozialen und religiösen Bereich in wahrhaft schwindelerregendem Rhythmus erfolgten. Paul VI., den die Vorsehung mit einer bewundernswerten Vorbereitung ausgestattet hatte, war es beschieden, umzustrukturieren und zu reformieren, wagemutige Ideen durchzusetzen, den Fanatikern ebenso die Stirn zu bieten wie denen, die gegen Organisationsstrukturen allergisch waren.
Paul VI. mit seinem Sekretär, Msgr. Pasquale Macchi, beim Spaziergang in den vatikanischen Gärten.

Paul VI. mit seinem Sekretär, Msgr. Pasquale Macchi, beim Spaziergang in den vatikanischen Gärten.

Er mußte in der Liebe den Vorsitz führen beim Vereinen der gegensätzlichen Spannungen von Vorwärtstrends und hemmenden Kräften im Leben der Kirche; die Bestätigung ist offensichtlich, wenn man sein Werk in seiner Gesamtheit betrachtet, den gesamten Bogen, der sich über die 15 Jahre seines Pontifikats spannt. In seinen geduldigen, gründlich abgewogenen, oft erneuernden Entscheidungen lassen sich eine deutliche Konsequenz und eine nicht zu leugnende Linearität erkennen.
Er war der Baumeister der Kirche der Zukunft: einer einfachen, brüderlichen Kirche, einer Kirche der Gemeinschaft; Heilssakrament, wo die hauptsächlichen Kräfte in der Welt das Wort Gottes sein sollten, die Eucharistie, die Sakramente, die lebendige Gemeinschaft mit ihren Hirten, vereint mit dem obersten Hirten. Die Kirche, die er wieder einer menschlicheren Dimension zugeführt hat, einer greifbareren, brüderlicheren, fast schon Abbild seiner eigenen Neigung zur Einfachheit und zum Dialog; die Kirche, die er liebte, war seine Kirche, Christus hatte sie ihm anvertraut, damit er sie als oberster Hirte hüte.
„Der Kirche gilt unsere immerwährende Liebe,“ bekräftigte er, „unsere oberste Sorge, unser ständiger Gedanke; der erste und wichtigste Leitfaden unseres demütigen Pontifikats.“
Er ist der Papst der Erneuerung der Kirche auf der Linie des Konzils, ein Weg, den er mit Entschlossenheit ging, vorsichtig, solange er noch nicht sicher ist; aber entschlossen und unerweichlich, wenn die Entscheidung einmal getroffen war. Den Werten der Vergangenheit ebenso leidenschaftlich verbunden wie den Perspektiven der Zukunft litt er unter jeder Entscheidung mit aller Anteilnahme seiner Menschlichkeit, die in eine Aufgabe eingebunden war, die die Welt nicht immer verstehen konnte.
Nach der Rückkehr von seiner Pastoralreise nach Indien rief er auf dem Petersplatz vor den römischen Gläubigen, die ihn voller Begeisterung erwarteten, aus: „Welch große Sache ist doch die Kirche! Zugleich Wirklichkeit und Geheimnis. Wir haben es wieder einmal klar und deutlich gesehen, wie sie für die Welt gemacht ist, auch für die Welt von heute.“
Und so hat er uns auch gelehrt, wie man die Kirche liebt und dem Wort Gottes lauscht, Lehrmeister der Liebe zum Menschen und zur Kirche, ein Lehrmeister, der die Ohren vor dem Ruf der Menschheit nicht verschlossen hat, weil er lebendig ist, alle Sorgen der Welt aufnimmt und daran Anteil nimmt.
„Unser Herz ist wie ein Seismograph, der alle Vibrationen der menschlichen Leidenschaft registriert,“ bekräftigte er. Er konnte leiden mit denen, die weinten, und sich freuen, wenn der Moment dafür gekommen war, er verkörperte die Sorgen der Welt von heute und die freudenreichen Gewißheiten des Christen, der an den auferstandenen Christus glaubt und auf ihn hofft.
Seine apostolische Sendung ließ ihn sich den Problemen der Armen, der Bedürftigen, den von Naturkatastrophen und sozialen Problemen Betroffenen nahe fühlen, ihn daran erinnern, daß „unsere Nächsten, die, die wir lieben sollen wie uns selbst, nicht nur unsere christlichen Brüder und Schwestern sind.“
Paul VI. beim Gebet vor der Grotte Unserer Lieben Frau von Lourdes in den vatikanischen Gärten.

Paul VI. beim Gebet vor der Grotte Unserer Lieben Frau von Lourdes in den vatikanischen Gärten.

Wo immer er persönlich präsent war, wollte er die Armen und Kranken treffen, sich davon überzeugen, wie sie lebten, ihnen Trost und materielle Hilfe bringen, mit ihnen sprechen und beten. In Palästina, Indien, in Fatima, in der Türkei, in Kolumbien, in Uganda, Polynesien, Bangladesh, auf den Philippinen, in Indonesien, Sri Lanka; bei der Rückkehr von seinen Reisen nach Lateinamerika bekräftigte er, in den zahlreichen und frommen Menschenmengen, die gekommen waren, um ihn zu treffen, „den Widerschein der Liebe des Herrn für die Armen“ gesehen zu haben.
Überall und immer verkündete er den Armen die Seligkeit der Armut, und den Verantwortlichen gegenüber verurteilte er das Verbrechen der Ungerechtigkeit. Wenn das Leid vom Menschen und von den Unterdrückungen abhing, scheute er sich nicht, mutig mit dem Finger auf die Mißstände zu zeigen, wie in der bereits zitierten Enzyklika Populorum progressio, wo besonders folgende Stelle von beinahe unglaublicher Aktualität ist: „Es gibt Situationen, in denen die Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Wenn ganze Völker, des Lebensnotwendigen beraubt, in einem Zustand derartiger Abhängigkeit leben, daß sie keinerlei Initiative ergreifen und Verantwortung übernehmen können, und auch keinerlei Möglichkeit kultureller Beweglichkeit oder Anteilnahme am sozialen und politischen Leben haben, ist die Versuchung groß, einen derartigen Affront gegen die Menschenwürde mit Gewalt zurückzudrängen“.
Die Liebe zu den Menschen ließ ihn bei seinen Initiativen für Gerechtigkeit und Fortschritt eine wahre Unermüdlichkeit an den Tag legen; er fühlte sich als Verteidiger und Bruder der Menschen im Namen des Mandates Christi und erinnerte alle daran, daß die Lösung der großen und kleinen Probleme der Menschheit die Liebe ist. „Nicht die schwache und rhetorische Liebe“, sagte er, „sondern die, die uns Christus in der Eucharistie lehrt, die Liebe, die man schenkt, die Liebe, die sich vervielfacht, die Liebe, die sich opfert“; und weiter: „Auf daß Christus über unseren menschlichen Widerstand siege und aus einem jeden von uns einen glaubwürdigen Zeugen seiner Liebe mache.“
Trotz des Leidens der Menschheit, und auch seines persönlichen, hatte Paul VI. in seinen Gesten und Worten eine Energie, die ihn lebendig und voller Hoffnung machte. Ein optimistischer Papst also, so optimistisch, daß er zu Pfingsten 1975 sogar so weit ging, der Welt die Herausforderung der Freude zu lancieren: zum ersten Mal hatte ein Papst ein Dokument über die Freude herausgegeben, eine deutlich positive Interpretation des Lebens und der Geschichte, weil das Christentum Freude ist, weil der auferstandene Christus unsere Freude und nur Er allein unser Heil ist.
Johannes Paul II. hat erst kürzlich bekräftigt: „er trug das Licht des Tabors in seinem Herzen, und mit diesem Licht ging er bis zum Ende, mit evangelischer Freude sein Kreuz tragend.“


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