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TITELTHEMA
Aus Nr. 11 - 2004

Hundertfünfzigster Jahrestag des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis

Die Erste der Erlösten


„Im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, wurde Maria von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt.“ Das verkündete Papst Pius IX. am 8. Dezember 1854.


von René Laurentin


<i>Der Gekreuzigte mit der knienden und weinenden Magdalena</i>, Detail, Francesco Hayez, Erzbischöfliche Gemäldesammlung, Mailand.

Der Gekreuzigte mit der knienden und weinenden Magdalena, Detail, Francesco Hayez, Erzbischöfliche Gemäldesammlung, Mailand.

Am 8. Dezember 1854 definierte Pius IX. (damals im 12. Jahr seines fast 32 Jahre dauernden Pontifikats) das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis, nach der längsten und schmerzlichsten Kontroverse, die die Kirche je durchmachen mußte. Mehr als sechs Jahrhunderte zuvor hatte der hl. Bernhard, wenngleich ein von Maria so sehr Erstaunter, dem ehrenwerten Kapitel der Kanoniker von Lyon, altehrwürdige Diözese, wegen der Übernahme des Festes der Empfängnis bittere Vorwürfe gemacht. Ein Fest, das aus dem Osten gekommen war: Glaube und Tradition fern. Die großen mittelalterlichen Kirchenlehrer begegneten diesem Mysterium weiterhin mißtrauisch und kritisch: alle, bis zu Duns Skotus (gestorben 1308, im Alter von 42 Jahren), der es gegen Ende des 13. Jahrhunderts gewagt hatte, zu reagieren, jedoch nicht soweit ging zu sagen: sie war von der Erbsünde unberührt. Und schließlich wäre er ja auch von der Sorbonne verurteilt worden, wenn er es gesagt hätte.
Er bestätigte die Unbefleckte Empfängnis Marias nicht, beschränkte sich darauf zu sagen: 1. Gott konnte es ; 2. es war angebracht.
Aber er wagte nicht, anzufügen: er tat es.

Die geniale Lösung Skotus’
Warum aber gilt Duns Skotus dann als Kirchenlehrer der Unbefleckten Empfängnis? Aus gutem Grund. Dieser geniale Theologe besaß, nachdem er ein immenses Werk geschrieben hatte, die Weisheit, eine Verurteilung zu vermeiden und war auch klug genug, die Frage offen zu lassen.
Seine Rolle war entscheidend, weil er den hauptsächlichen Einwand umkehrte, der dieser Lehre entgegenzustehen schien: laut Evangelium und der bereits mehr als tausendjährigen Tradition ist Christus der Erlöser aller. Wenn Maria frei von Erbsünde ist, ist die neue Eva nicht erlöst worden und er ist nicht der universale Erlöser. Diese Ausnahme wäre ein Angriff auf das Grunddogma von der Erlösung.
Skotus ging von dem Einwand selbst aus: ja, Christus ist der vollkommene Erlöser. Jetzt erfordert es die Vollkommenheit seiner Erlösung, daß er nicht nur in der Lage ist, von Sünde reinzuwaschen, sondern ihr zuvorzukommen. Die Vollkommenheit seiner Erlösung verlangt diese höchste Fähigkeit (eine Mutter, die ihr in den Schmutz gefallenes Kind wäscht und tröstet, ist eine gute Mutter; die Mutter aber, die ihr Kind im Auge behält, damit es gar nicht erst in den Schmutz fällt, ist eine noch bessere Mutter). Christus mußte Maria vor der Sünde bewahren, damit nichts die Mensch­werdung verunreinigen konnte. Gott stellt – laut eines allgemeinen, in Schrift und Tradition eingeschriebenen Gesetzes – die Vollkommenheit an den Anfang all seiner Werke: Schöpfung oder Neu-Schöpfung.
<i>Die Unbefleckte Empfängnis</i>, Giambattista Tiepolo (1696-1770), Prado-Museum, Madrid.

Die Unbefleckte Empfängnis, Giambattista Tiepolo (1696-1770), Prado-Museum, Madrid.

Skotus hat sich auch darum verdient gemacht, das Schlüsselwort gefunden zu haben, das die Prediger des 150. Jahrestages im Kopf haben sollten. Kardinal Maurice Feltin (1883-1975), Erzbischof von Paris, erinnerte sich einmal, als er gerade in der Grotte von Lourdes predigte, nicht an dieses Schlüsselwort, und da kam ihm ein anderes über die Lippen: Maria wurde gereinigt. Wenn sie gereinigt wurde, würde das aber bedeuten, daß sie von der Erbsünde betroffen war. Er war sich sehr wohl dessen bewußt, daß das – ein Jahrhundert nach der von Pius IX. formulierten Definition – nicht exakt war, aber das Wort „bewahrt“ kam ihm beim besten Willen nicht in seinen 70 Jahre alten Sinn. Er konnte sich nicht daran erinnern und plagte sich durch die Anfügung von Adjektiven, die wenig geglückte Formulierung zu korrigieren: eine wunderbare Reinigung, die schönste, die radikalste. Er korrigierte und korrigierte, es war zum Verzweifeln – seinen Zweck erreichte er aber nicht.
Und doch hatten die Päpste drei Jahrhunderte lang die Lösung Skotus’ angenommen: Alexander VII. (1661), und dann Pius IX. (1854) hatten Skotus’ Formulierung übernommen: praeservatio, Bewahrung.
In der dogmatischen Definition findet sich der abstrakte Ausdruck „Unbefleckte Empfängnis“ nicht. Es mußte mehr, und es mußte besser gesagt werden. Lesen wir hier noch einmal die wesentlichen Worte, mit denen das Dogma des unbefleckten Ursprungs Mariens formuliert wird: „Im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, wurde sie von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt.“
Papst Pius IX. definierte zunächst einmal die Wahrheit, die 19 Jahrhunderte lang der Haupteinwand gegen das Dogma gewesen war: Maria ist von Jesus Christus erlöst. Aber gleichzeitig formulierte er, daß ihre Erlösung keineswegs Reinigung sei, sondern: Bewahrung, im Hinblick auf die Verdienste des Erlösers aller. Diese beiden vorausweisenden Elemente weisen auf die vorausgreifende Ausnahme Jesus für seine Mutter hin und integrieren in der Definition die grundlegende, seit jeher vom Glauben bekannte Wahrheit. So war das Dekret des Heiligen Offiziums, das alle Verfasser, die ihr den Titel „Unbefleckte Empfängnis“ gaben, auf den Index setzte, seit der Zeit Alexanders VII. abgeschafft worden; ja, manchmal wurden sie sogar ins Gefängnis geworfen, wie im Falle von Ippolito Maracci (1604-1675) Mitte des 17. Jahrhunderts.

Der Patriarch von Venedig, Albino Luciani in Lourdes.

Der Patriarch von Venedig, Albino Luciani in Lourdes.

Das ökumenische Problem
Dieses Dogma wurde von den „getrennten Brüdern“ nicht akzeptiert. So mancher orthodoxe Synod hat es verurteilt. Das ist merkwürdig, weil es doch gerade von ihnen kam. Seit dem 7. oder 8. Jahrhundert hatten sie das Fest der Empfängnis Mariens begangen, und diese Empfängnis im Übermaß der in der griechischen Sprache verfügbaren Epithetonen gefeiert: heilige, reine, unbefleckte Empfängnis.
Es hat vier oder fünf Jahrhunderte gedauert, bevor es der – von Augustinus erahnten – Evidenz gelungen ist, den Haupteinwand zu beseitigen, der eine klare Formulierung bis zum Beginn des 5. Jahrhunderts unmöglich gemacht hatte. Augustinus schrieb, daß er nicht wollte, daß die Sünde dabei war, wenn es um Maria ging. „Wir teilen Maria, was die Befindlichkeit ihrer Geburt betrifft, nicht dem Teufel zu, denn gerade diese Befindlichkeit selbst ist ja durch die Gnade der Wiedergeburt gelöst“ (Contra Iulianum opus imperfectum IV, 122; lateinische Patristik 45, 417). Augustinus bestätigte also die Erlösung Marias, befreite sie von Sünde und Teufel, ohne jedoch zu erklären, wie (durch Bewahrung und Voraussicht). Seine wichtige Erklärung blieb zweideutig: Gegner und Befürworter der „Immaculata“-Lehre lieferten sich Jahrhunderte lang Wortgefechte.
Durch eine eigentümliche Umkehrung der Geschichte lehnten sich die Orthodoxen vom 11. bis zum 19. Jahrhundert gegen diese Wahrheit auf, die sie uns selbst überliefert hatten, in dem Maße, daß sich unser Westen, der zuerst dagegen war, symmetrisch in die entgegengesetzte Richtung drehte. Noch heute gestaltet sich die Diskussion mit den Orthodoxen oft schwieriger als mit den Protestanten. Die Orthodoxen erheben viele Einwände: man entfernt Maria von uns, schmälert ihr Verdienst, usw. Im Namen ihrer Prinzipien sind die Protestanten zwar gegen dieses Dogma, der Dialog aber ist oft einfacher, wenn man von ihrem eigenen Prinzip ausgeht und sagt: es ist die bemerkenswerteste Illustration der „alleinigen Gnade“ (Devise Luthers).

Ein Feuerwehrmann legt das Blumengesteck auf die Statue der Unbefleckten Jungfrau Maria auf der Piazza di Spagna (Rom, 8. Dezember).

Ein Feuerwehrmann legt das Blumengesteck auf die Statue der Unbefleckten Jungfrau Maria auf der Piazza di Spagna (Rom, 8. Dezember).

Die biblische Offenbarung
Orthodoxe und Protestanten wenden ein, daß dieses Dogma (wie die Aufnahme in den Himmel) in der Bibel nicht geoffenbart wird. Unsere Antwort ist am Anfang der Verkündigung impliziert: „Sei gegrüßt, du Begnadete“ (auf griechisch: kécharitóméné) (Lk 1,28).
Gewiß, ein sehr starker Ausdruck, der Gnadenname Mariens. Der die Fülle der Liebe Gottes für sie aussagt. Aber das bleibt implizit, und die heiligen Kirchenlehrer des 13. Jahrhunderts, sowie einige Dominikaner des Heiligen Offiziums, waren bis 1854 dagegen.
Ich habe Jahre gebraucht, bis ich erkannt habe, daß diese Wahrheit leuchtend in der Offenbarung geschrieben stand, wenn man die Bibel im Sinne der Progression liest, oft bedeutungsvoller als die expliziten Aussagen.
Die Offenbarung dieser Wahrheit wird zum ersten Mal beim Propheten Hosea (also seit dem 8. Jh. v.Chr.) erwähnt. Im 2. Kapitel. Es ist ein schrecklicher Vorwurf Jahwes gegen sein Volk – seine „ehebrüchige Braut“ (2,4), „zur Dirne geworden“ (1,2; 2,5; 3,3; vgl. Kap. 2,4,6) – wegen des Kults der falschen Götter (denen Salomon auch Tempel errichtet hatte). Aber nach seinen Verwünschungen aus verletzter Liebe verspricht Jahwe, treuer Bräutigam, wieder von vorne zu beginnen: „Darum will ich selbst sie verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen [Ort des Bundes] und sie umwerben“ (2,16). „Ich traue dich mir an auf ewig, ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen [...]“ (2,21.22).
Gott, Bräutigam voller Leidenschaft für sein Volk – die Tochter Zion, dieses ausgesetzte kleine Mädchen, das er aufgehoben hatte, als er es blutverschmiert daliegen sah, das er angenommen und – nachdem es herangewachsen und erblüht war – zur Frau genommen hatte (Ez, Kap. 16) – vergisst ihre Sünden wegen der herrlichen Fähigkeit des Vergessens, die der in der Bibel gefeierten unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu verdanken ist.
Das Hohelied offenbart seinen Sinn, wenn man es gemäß der biblischen Tradition liest, also den Bräutigam mit Jahwe identifiziert und die Frau mit einem Volk, einer Stadt: „Wie der Turm Davids ist dein Hals...“ (Hohelied 4,4; vgl. 7,5). Und die Braut, Tochter Zion, sagt: „Ich bin eine Mauer, meine Brüste gleichen Türmen“ (8,10 usw.). Und Gott sagt zum Schluß zu seiner Verlobten: „Alles an dir ist schön, meine Freundin, kein Makel haftet dir an“ (Hohelied 4,7; vgl. 1,15.16; 4,1; 5,9; Kap. 6). Die von Hosea vorgeworfene Prostitution ist im Hohelied nicht mehr da: da sind nur Träume (Alpträume von der wunderschönen Braut), und deshalb wiederholt er auch: „Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt“ (Hohelied 2,7; 3,5; 8,4).
Diese Behauptung ist nicht nur implizit, sondern klar: bleibt aber virtuell, wenn man die Gesamtheit der biblischen Texte nicht anzusiedeln versteht in ihrer Progression von Eva bis zu Maria, letzte Erbin und Erfüllung des erwählten Volkes: Braut Jahwes.
Wo, wann und wie konnte die Dirne Braut ohne Makel werden? In Maria, Mutter des Herrn, voller Liebe Gottes: eine zuvorkommende Liebe, eine unentgeltliche und voller Bedeutung, ausgedrückt von dem unübersetzbaren griechischen Wort kécharitóméné: ein Wort aus der Wurzel cháris, Gnade, was der Engel so erklärt: „Du hast bei Gott Gnade gefunden“ (Lk 1,30).
So wurde Maria zum Gipfel der Gnade und der Liebe erhoben, die es ihr ermöglichte, den Erlöser im menschlichen Geschlecht und in der menschlichen Geschichte zu gebären, an die Spitze des Volkes Gottes. Sie hat ihn nicht nur als Menschen geboren, sondern, dank ihres vollkommenen Ja zu Gott, der ihr Sohn geworden ist, durch sie allein, wurde sie auch das erste Glied des mystischen Leibes, den sie selbst hervorgebracht hat.

Die Unbefleckte Empfängnis, französisches Heiligenbild der Fünfzigerjahre.

Die Unbefleckte Empfängnis, französisches Heiligenbild der Fünfzigerjahre.

„Jünger als die Sünde“
Maria ist so nicht nur das einzige Gründungsmitglied der Kirche, sondern das einzige Glied, das frei ist von Sünde, weil alle anderen Glieder Sünder sind: „Der Gerechte sündigt sieben Mal am Tag“, besagt das Sprichwort. Die heilige Kirche ist aus Sündern gemacht, und in einem jeden von ihnen läßt die Liebe die Sünde durch die Gnade Gottes zurückweichen. Die Grenze der Sünde läuft durch unsere Herzen. Nur Maria ist nicht in dieses Durcheinander verwickelt: sie ist frei „von jeglichem Makel der Urschuld“, wie es Pius IX. klar formuliert. Frei von jenem durch das Verlangen geschaffenen Ungleichgewicht, das die christliche Tradition Konkupiszenz nennt.
So ist sie der Anfang der von den Propheten versprochenen „neuen Schöpfung“: „Jünger als die Sünde, jünger als die Rasse, aus der sie geboren wurde“, wie es der Dichter Bernanos formulierte. Maria ist „die neue Eva“, sagen die Kirchenväter.
Seit Jahren unterbreite ich diese Radiographie der Bibel der Aufmerksamkeit anderer, aber wie sehr ich mich auch bemühe, ich finde kein Echo; Exegese und Theologie sind oft allzu kurzsichtig. Versteifen sich vor allem darauf, uns das zu sagen, was die Bibel aus der heidnischen Kultur­tradition schöpfte (es stimmt, daß sie daraus geschöpft hat), aber ohne zu zeigen, wie die Inspiration des Heiligen Geistes allmählich die beste dieser edlen kulturellen Traditionen gereinigt, vollendet, überstiegen hat, derer sie sich bediente, um den Honig der biblischen Offenbarung hervorzubringen.

Maria sehen mit den Augen Gottes Und nun kann ich auch gestehen, was mich sehr erstaunt hat: es besteht ein großer Unterschied zwischen profanen Wissenschaftlern und denen, die die göttliche Offenbarung mit eben diesem wissenschaftlichen Geist erforschen.
Erstere versuchen kontinuierlich, die unglaublichen und faszinierenden Geheimnisse des Kosmos zu ergründen. Wir staunen mit ihnen, ohne dieses schwindelerregende Ganze des Kosmos, in den wir eingetaucht sind, in angemessener Weise zu verstehen. Die zweiten, von dem wissenschaftlichen Prinzip erfüllt, nach dem alles von der Basis, und allein von der Basis erklärt werden muß, versuchen, die biblische Offenbarung auf ihre heidnischen kulturellen Einflüsse zu reduzieren, ohne zu sehen, wie sie die inspirierte Schrift nach und nach übersteigt, und zwar nicht so sehr durch rationelle Konzepte, sondern vielmehr poetische Symbole, durch die sich die eher aus Symbolen denn Abstraktionen gewobene Offenbarung erfüllt.
Kann man wirklich Theologe sein, ohne die intuitive und poetische Durchschlagkraft, deren Zeugen noch die Generation so großer Dichter wie Péguy, Claudel und Bernanos war?
Seit mehr als einem halben Jahrhundert studiere ich Gott und die Jungfrau Maria, ohne sie je zu trennen oder zu dissoziieren, komme von einem Wunder zum anderen; weil sich die Konsequenz, die Wahrheit, das überrationale Licht dieses höchsten Geheimnisses, Bestandteil der Menschwerdung und der Erlösung, in dem kleinen Satz konzentrierten, der den Abschluß bildet, den Zweck und die Erfüllung der gesamten Offenbarung: „Gott ist Liebe.“
Er ist nichts als Liebe, nur aus Liebe und Übermaß hat er geschaffen.
Was Maria angeht, so ist sie die Erste in der Liebe, weil sie die von Gott am meisten geliebte ist, und auch die, die ihn am meisten wiedergeliebt hat, nach dem Bild des Sohnes, der alles vom Vater erhält und ihm alles in ewiger und überströmender Dankbarkeit wiedergibt.
So wird dieses kleine Geschöpf, dieses Mädchen der Stadt und der entlegenen, verachteten Peripherie, Nazareth in Galiläa (vgl. Joh 1,46), dieses kleine vernunftbegabte Tier, den Engeln an Intelligenz und natürlicher Macht so unterlegen, über die Engel gestellt: Königin der Engel, mit Abstand das erste aller Geschöpfe, dieses Mädchen! Weil nur die Liebe zählt. Sie konnte noch besser als Theresia von Lisieux, an der Schwelle ihrer großen Weihe, sagen: „Ich werde die Liebe sein“; und noch besser als Yvonne-Aimée de Malestroit (französische Mystikerin, 1901-1951), am Gipfel ihrer mystischen Vereinigung mit Gott angekommen: „Meine Liebe ist das Wesen des Unendlichen selbst“ (so sehr identifizierte sie sich mit der Liebe selbst, die Gott in drei Personen ist).
Der Unbefleckten Empfängnis geweihter Marienaltar an der Piazza Capo di Ferro in Rom.

Der Unbefleckten Empfängnis geweihter Marienaltar an der Piazza Capo di Ferro in Rom.

In dieser Erfüllung ist Maria das demütigste der Geschöpfe geblieben, „und die größte, weil sie auch die kleinste ist“, wie Péguy schrieb. Sie sagte schon in ihrem herrlichen Dank: „Gott [...] hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut [...]. Großes hat der Mächtige an mir getan [...], er stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen“, alle Niedrigen, deren deutlichster Beweis Maria ist. Sie ist das schönste der Geschöpfe: alle, die sie gesehen haben, waren verzaubert. „Sie ist so schön, daß man sterben möchte, nur um sie wiederzusehen,“ sagte Bernadette. Eine andere Seherin hat sie gefragt: „Wie macht Ihr es nur, daß Ihr so schön seid?“. Und ihre Antwort waren nur drei knappe Worte: „Weil ich liebe.“
Wie alle Mütter hätte sie es gern, daß auch wir schön sind wie sie, noch schöner, wenn möglich, durch dieselbe Liebe: die göttliche Liebe, so anders als die, die die Menschen mit diesem Wort bezeichnen. Weil „ich liebe dich“ oft bedeutet: „Ich will dich haben, besitzen, beherrschen“, wie die Vergewaltiger und Mörder beweisen, von denen die französische Presse voll ist. Nach Gott und der menschlichen Wahrheit bedeutet „Ich liebe dich“, aber: „Ich will dein Wohl und deine Glückseligkeit, ich werde alles tun, um dir zu dienen. Würde mein Leben für dich geben“: das ist es, was fast alle Eltern für ihre Kinder empfinden.
So ist die Liebe Gottes, die am natürlichsten in der Familie widergespiegelt wird. Sie ist nichts als Gabe. Die drei göttlichen Personen sind nichts als vollkommene Gabe, die eine für die andere, ohne jede Spur von Egoismus, Narzissmus, Individualismus.
Die göttlichen Personen, diese höchsten Personen, unser Vorbild, sind keine Individuen, wie Thomas von Aquin sagt; sie sind nichts als Altruismus. Ihr Leben ist ihre gegenseitige Gabe, die ihre unendliche Fülle ausmacht. Wir sind alle gerufen, in diese Fülle einzutreten, die der wahre Name der Glückseligkeit ist. Maria zieht uns mitten hinein.
Das schönste Bild der Liebe Gottes auf Erden ist die Liebe der Mutter für ihr Kind, dem sie das Leben schenkt wie es der Vater dem Sohn schenkt, der am Herzen des Vaters ruht (vgl. Joh 1,18).
So wie ihre Liebe nichts anderes ist als Gabe, so ist es auch die Liebe Marias für Jesus, so ist es die Liebe der Eltern, die alles tun für ihre Kinder.
Maria hat körperlich nur Jesus hervorgebracht. Alle anderen Menschen haben eine andere Mutter. Wir sind also ihre Adoptivkinder. Das soll aber nicht heißen, daß sie uns weniger liebt. Die Adoptiveltern, die ich kenne, lieben ihre Adoptivkinder nicht weniger als ihre eigenen Kinder. Ja, sie lieben sie vielleicht sogar mehr, weil diese armen, Elend und Unglück entrissenen Kinder, oft an Körper und Geist verletzt sind. Man muß ihnen sehr viel mehr Liebe geben, um ihre Wunden zu heilen. So macht es Maria mit uns.
Wie der himmlische Vater, der mehr Freude empfindet über einen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren (vgl. Lk 15,7), liebt sie uns nicht weniger als ihren Sohn Jesus, und wir kosten sie mehr Liebe und mehr Schmerz. Sie muß uns mehr lieben, um uns der Sünde zu entreissen, weil wir so widerspenstig sind.
Ihr unbefleckter Ursprung entfernt sie nicht von uns, wie einige einwenden. Im Gegenteil. Weil man die Sünde nicht durch die Sünde versteht, sondern durch die Liebe. Jeder Egoismus verringert in uns die Liebe und bringt die Sünder gegeneinander auf. Auf daß Maria wirkliche Mutter Gottes und Mutter der Menschen sei, hat Gott ihr Herz auf das Maß seines eigenen ausgeweitet: maßlos. Wir könnten den Glanz dieser durch die Schmerzen ihres Mitleidens auf die Probe gestellten Liebe nicht wirklich erfassen, wenn nicht in Gott selbst, wenn wir dereinst dort sein werden, auch wir identifiziert, in der letzten Offenbarung.
Wir könnten die schwindelerregende Liebe Marias, im Mitleiden auf die Probe gestellt, nicht verstehen, wenn nicht mit dem Blick und der Liebe Gottes, jenseits dieser Welt.


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