Das Reich der Mitte, Antriebsmotor der Wirtschaftsentwicklung Ostasiens.
Auf in das chinesische Jahrhundert!
Paradox der Geschichte: Die Bewegung der in den USA geborenen New Economy hat China enorme Vorteile gebracht. Ein Wirtschaftsgigant, der seit Jahren ein atemberaubendes Wirtschaftswachstum verzeichnet und sich zur wichtigsten Import- und Exportmacht der Welt mausern könnte. Die politischen Gleichgewichte auf der Welt verschiebend.
von Giuseppe Guarino

Nanjing Road in Shanghai bei Nacht.
In einem der jüngsten Bücher des indischen Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Amartya Sen wird ein äußerst interessanter Vergleich zwischen Indien und China angestellt. So erfährt man beispielsweise, daß der Maoismus – obgleich er China unglaublichen Schaden zugefügt hat, wie alle von Gleichheitsidealen inspirierten kommunistischen Regime – China ein allgemeines, effizientes Gesundheitswesen, und vor allem ein öffentliches Bildungswesen, von der Grundschule bis zur Universität, beschert hat. Den kostenlosen Schulbesuch für alle gibt es seit den Achtzigerjahren; im Jahr 2000 gab es dann auch eine große Zahl von chinesischen Akademikern. Und so mancher wundert sich heute darüber , daß China soviele Ingenieure „produziert“...

Der russische Präsident Wladimir Putin mit seinem chinesischen Kollegen Hu Jintao in Peking (14. Oktober 2004).
Der zweite Umstand bestand in der „marktorientierten“ Öffnung eines Küstengebiets mit ca. 250 Millionen Einwohnern. Und dazu kamen noch die Auswirkungen der amerikanischen New Economy. Doch so ist die Geschichte nun einmal: eine anderswo – in den USA – geborene wirtschaftliche Bewegung hat China letztendlich enorme Vorteile gebracht. Die große Errungenschaft der USA, die information technology, schritt in rasendem Tempo voran. Die amerikanische Industrie erkannte, daß elektronische Bestandteile in China sehr viel kostengünstiger hergestellt, und per Lufttransport auch mehr als günstig transportiert werden konnten. So entstand ein Band zu China, das die Wirtschaft nachhaltig angekurbelt hat.
China, das von einem anfänglich sehr niedrigen Niveau ausgegangen war, kann inzwischen ein BIP mit einem jährlichen Wachstum von ca. 9% vorzeigen, und das nun schon seit 20 Jahren. Man muß die Dimension des Phänomens verstehen, die eine Reihe von – negativen und positiven – Konsequenzen im Ausland hat und die zum Teil von dem Umstand gemildert werden, daß China über erhebliche Naturschätze verfügt. Genauer gesagt: In fast allen Listen zu Rohstoffen und Naturschätzen liegt China an erster Stelle. Solange der Pro-Kopf-Verbrauch niedrig war, war China in der Lage, diesen durch Eigenproduktion zu decken, also einen Ausgleich zu schaffen. Die Quote Chinas im Welthandel war sowohl in Sachen Import als auch Export sehr niedrig. Als sich der Gigant jedoch „in Bewegung zu setzen“ begann, war das ein Prozess, der auch nach außen Auswirkungen hatte, günstige und problematische. Sehen wir sie uns einmal kurz an.
Die USA konnten sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und nachdem sich die Auswirkungen der New economy auf dem ganzen Planeten spürbar zu machen begannen, zu recht als Hegemonial-Weltmacht betrachten, und wurden als solche auch von allen gesehen. In der Irak-Frage waren sie der Meinung, die UNO herausfordern und im Alleingang vorgehen zu können In der Zukunft werden sie aber den neuen autonomen asiatischen Kräften wohl oder übel Rechnung tragen und noch mehr Vorsicht an den Tag legen müssen…
Die Entwicklung zwingt China, mehr zu
importieren als in der Vergangenheit. Die Länder, die in Sachen Export nach
China eine wichtige Rolle spielen, sind hauptsächlich die im östlichen Raum
gelegenen. Wir sind es gewohnt, die Folgen der chinesischen Entwicklung mit
Blick auf Europa und die USA zu betrachten. Aber die Integration, die zwischen
Peking und den Ländern Ostasiens im Gange ist, ist sehr viel
bedeutendungsvoller. China ist heute zum großen Antriebsmotor der
Wirtschaftsentwicklung des gesamten ostasiatischen Raumes geworden. Die
wichtigsten Export-Länder für China sind Australien, Taiwan, Japan, Südkorea,
gefolgt von Großbritannien und Deutschland, aber vor den USA kommen noch
Thailand und andere. Das „Phänomen China“ breitet sich allmählich über ganz
Ostasien aus. Die Miteinbeziehung der Länder Ostasiens sollte man im Hinblick
auf mögliche zukünftige Entwicklungen nicht aus den Augen verlieren.Das zweite, zu bedenkende Element ist, daß die Entwicklung Chinas einen intensiven Konsum von Rohstoffen und eine entsprechend große Nachfrage auslösen wird. Man muß nur daran denken, wie viel China produziert, um sich darüber klar zu werden, bei welchen Produkten die Preise in den kommenden Jahren anziehen werden. Der Anstieg des Benzinpreises wurde nicht nur von der OPEC oder dem Krieg im Irak bestimmt, sondern auch – ja vielleicht vor allem – von China. Denken wir an das Kupfer: China produziert 589 Millionen Tonnen jährlich, steht an sechster Stelle der Produzenten weltweit, verbraucht selbst aber dreimal so viel. In Sachen Aluminium-Produktion steht China weltweit an dritter Stelle – gefolgt von den USA und Rußland, verbraucht aber dreimal so viel. China verbraucht auch fast doppelt soviel Gummi wie es herstellt. Und was soll man zur Naturwolle, Baumwolle, sagen? Die Auswirkungen auf die Energiequellen werden von dem Umstand „gedämpft“, daß China, dank seiner Flüsse, drittgrößter Stromproduzent der Welt ist. Die großen Werke, die von den Chinesen in Angriff genommen werden, bescheren seiner Produktion einen beachtlichen Anstieg. Sie macht bereits heute mehr als die Hälfte der Produktion der USA aus. Und dabei stehen wir erst am Anfang der Entwicklung Chinas.
Wenn man sich diese Ziffern ansieht, drängt sich die Frage wieder auf, die ich im Jahr 2000 in meinem Buch Il governo del mondo globale [Die Regierung der globalen Welt] gestellt habe. Zum damaligen Zeitpunkt machten die Bewohner der reichen Welt nicht mehr als 700/800 Millionen aus – bei einer Weltbevölkerung von 6,5 Milliarden. Was würde aber geschehen, wenn 6,5 Milliarden Menschen denselben Wohlstand erreichen würden wie die 700/800 Millionen Personen, die wir heute als vermögend, modern, westlich betrachten? Kann die Erde eine derartige Belastung tragen? Am Beispiel China sehen wir, daß das Problem von großer Aktualität ist. In einer seiner letzten Nummern hat sich auch der Economist diese Frage gestellt.

Eine Elektronikfabrik in Shenzen, in der südlichen Provinz Guangdong. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2004 konnte das chinesische Inlandsprodukt im Vergleich zu 2003 einen Anstieg von 9,7% verzeichnen.
Antriebsmotor der Weltentwicklung waren noch bis vor ein paar Jahren die USA. Eine Rolle, die heute auf einen Staat übergegangen ist, der 1 Milliarde 300 Millionen Einwohner zählt und in einem atemberaubenden Tempo voranschreitet. Selbst die amerikanische Wirtschaft ist mit der chinesischen verbunden. Hauptgläubiger der USA – als Inhaber amerikanischer Staatspapiere – ist China. Gleichzeitig hat China den amerikanischen Gesellschaften auch günstige Investitionsbedingungen zu bieten. Die Chinesen liefern den Amerikanern Güter zu mäßigen Preisen, und das Phänomen wird wahrscheinlich noch lange bestehen, weil der Wechselkurs zwischen chinesischer Währung und amerikanischem Dollar niedrig ist, und niemand in der Lage ist, einen anderen Wechselkurs anzubieten. Es kann also nicht überraschen, wenn China, laut Vorhersagen, der drittgrößte Exporteur der Welt werden kann – nach den USA und Deutschland. Es ist heute das Land mit den meisten Auslandsinvestitionen, hat somit den Platz der USA der Periode 1995-2000 eingenommen. Zwei Drittel der Kopiergeräte und leichten Elektronikgeräte (DVD, usw.) auf der Welt sind chinesische Produkte, die Hälfte aller Digitalkameras und ca. zwei Fünftel der Computer. Aber auch der Import ist im Steigen begriffen. Im vergangenen Jahr belief sich der Anstieg auf 40%, was ca. ein Drittel des weltweiten Imports ausmacht. Je mehr China wächst, umso mehr exportiert es, umso mehr muß es importieren: und all das wirkt sich natürlich auf die internationalen Rohstoff- und Warenpreise aus.
...wenn sich die beiden Nachrichten als begründet erweisen sollten, die wir in diesen Tagen erhalten haben: und zwar die hinsichtlich der Herstellung eines multinuklearen Sprengkopfs in Rußland, der in der Lage ist, sich der amerikanischen Satellitenkontrolle zu entziehen, was vielleicht die bisher unangetastete militärische Vorherrschaft der USA ins Wanken bringen könnte; und die Rolle, die Rußland angeblich als Lieferant von Militärtechnologie für China spielen soll.
Wenn man noch weiter nach vorn blickt, und
in Dekaden rechnet, könnte China zum wichtigsten Importeur und Exporteur der
Welt werden. Der industrialisierteste Teil Chinas zählt über 250-300 Millionen
Einwohner. Das ist knapp ein Fünftel der Gesamtbevölkerung des Landes. Der
Reichtum der Küstengebiete ist dabei, sich – wenn auch nur nach und nach – auf
die anderen Gebiete auszuweiten, auch die im Landesinnern. Im selben Sinn
nehmen die Überweisungen der Chinesen im Ausland Einfluß, die 1% des BIP
ausmachen, woran sich die Bedeutung der chinesischen Diaspora unschwer erkennen
läßt. Unweigerlich wird sich auch dort ein ähnliches Phänomen wie das im
Italien der Nachkriegszeit durch die interne Emigration erfolgte herauskristallisieren,
wo die Menschen die von den großen Infrastrukturprojekten veränderten Gebiete
verlassen, von der Landwirtschaft zur Industrie übergingen und die
strukturschwächeren Gebiete finanzierten. Es ist wahrscheinlich, daß die
Entwicklung dieser letzteren nicht so langsam vor sich geht, wie man annehmen
mag. Ein anderes, nicht zu unterschätzendes Phänomen ist, daß in China Städte
mit fünf und zehn Millionen Einwohnern entstanden sind, mit Namen, die wohl
keiner von uns je gehört hat, aber doch Städte, die zweimal so groß sind wie
Mailand. In einer dieser Grenzstädte mit ca. 6 Millionen Einwohnern gibt es
einen großen Markt, und die Russen aus Vladivostok kommen hierher, um
einzukaufen. Dann nehmen sie die transsibirische Eisenbahn und verkaufen die
Ware in Moskau wieder weiter...Das hier gezeichnete Bild verfolgt keinen Selbstzweck. Es soll vielmehr zu der ein oder anderen politischen Reflexion anregen. Vor allem in zwei Richtungen. Das politisch und wirtschaftlich vorherrschende Gebiet war bisher der nordatlantische Raum. Die Vorherrschaft könnte sich allerdings, und zwar schon in absehbarer Zeit, nach Asien verlagern. 800 Millionen Personen, wenn man die USA, Kanada und die 25 europäischen Länder rechnet, werden sich dann mit einer Bevölkerung messen müssen, die sich bereits auf mehr als 3 1/2 Milliarden beläuft. Die Geschichte lehrt uns, daß die großen Imperien Risiken ausgesetzt sind, wenn sie meinen, die in der Vergangenheit übernommene Rolle auch dann weiterspielen zu können, wenn sich die objektiven Bedingungen verändert haben. Das war so im Fall des Römischen Weltreichs, dem des Ostens, des britischen Imperiums, der UdSSR. Die USA konnten sich nach dem Zusammenbruch der UdSSR und nachdem sich die Auswirkungen der new economy auf dem ganzen Planeten spürbar zu machen begannen, zu recht als Hegemonial-Weltmacht betrachten, und wurden als solche auch von allen gesehen. In der Irak-Frage waren sie der Meinung, die UNO herausfordern und im Alleingang vorgehen zu können. In der Zukunft werden sie aber den neuen autonomen asiatischen Kräften wohl oder übel Rechnung tragen und noch mehr Vorsicht an den Tag legen müssen, wenn sich die beiden Nachrichten als begründet erweisen sollten, die wir in diesen Tagen erhalten haben: und zwar die hinsichtlich der Herstellung eines multinuklearen Sprengkopfs in Rußland, der in der Lage ist, sich der amerikanischen Satellitenkontrolle zu entziehen, was vielleicht die bisher unangetastete militärische Vorherrschaft der USA ins Wanken bringen könnte; und die Rolle, die Rußland angeblich als Lieferant von Militärtechnologie für China spielen soll.

Ein Handelsschiff überquert den Fluß Huangpu im Herzen Shanghais. „China hat seinen Export im vergangenen Jahr um 40% gesteigert und könnte sich schon bald zum wichtigsten Importeur und Exporteur der Welt mausern,“ schreibt Guarino.
Von ethischen Prinzipien getrieben, wohl aber auch aus alter Weisheit und einem gewissen Gespür für die Geschichte heraus, predigt die Kirche von Rom Frieden, Toleranz und gegenseitiges Verständnis unter den drei großen monotheistischen Weltreligionen, Christentum, Judaismus und Islam. Doch auch sie alle zusammen würden – in Zahlen gesprochen – nicht die Bevölkerung des südostasiatischen Raumes erreichen.
(Gespräch mit Giovanni Cubeddu, vom Verfasser überarbeitet)