Startseite > Archiv > 11 - 2004 > Die Blumen des Bösen
AFGHANISTAN
Aus Nr. 11 - 2004

DROGENHANDEL. Zu Wort kommt der Leiter des UNO-Büros für Drogenkontrolle und Verbrechensverhütung.

Die Blumen des Bösen


Die Daten des jüngsten UNO-Berichts lassen keinen Zweifel. Das geprüfte asiatische Land hat es innerhalb von drei Jahren geschafft, weltweit führender Opiumproduzent und -händler zu werden. Und ein Großteil der so „erwirtschafteten“ Gelder fließt in die Taschen der Terroristen. Interview mit Antonio Maria Costa.


von Roberto Rotondo


Ein bewaffneter Transporter in den Straßen von  Qalat, afghanische Stadt an der Grenze zu Pakistan.

Ein bewaffneter Transporter in den Straßen von Qalat, afghanische Stadt an der Grenze zu Pakistan.

„Es wäre ein schwerwiegender Fehler, Afghanistan jetzt, wo man es endlich den Taliban entrissen hat, den Drogenhändlern zu überlassen.“ Antonio Maria Costa, der italienische Diplomat, der das in Wien ansässige UNO-Büro für Drogenkontrolle und Verbrechensverhütung (ODC) leitet, nimmt in seinem Kommentar zu dem erneuten Aufschwung der Opiumproduktion und des Drogenhandels in Afghanistan kein Blatt vor den Mund. Die Daten, die diese Entwicklung belegen, sind auch dieses Jahr in dem vom ODC zusammengestellten Bericht aufgelistet: im Jahr 2004 haben die Opiummohnfelder dieses schwer geprüften asiatischen Landes 4.200 Tonnen Opium produziert: 80% der Weltproduktion und 60% des Bruttoinlandsprodukts Afghanistans. Ein trauriger Primat, und noch dazu einer, der in einem fast unglaublichen Tempo erreicht wurde: 1999 hatten die Taliban die Produktion nämlich praktisch einstellen lassen – zwei Jahre, bevor sie wegen ihrer Unterstützung des Terrornetzes Al Qaeda gestürzt wurden – und den Anbau zerstört. Und heute ist der in Afghanistan neu erblühte Drogenhandel – ein Geschäft, das im Jahr 2004 stolze 2,8 Milliarden Dollar abwarf – Hauptfinanzquelle des internationalen Terrorismus: wenn das kein Paradox der Geschichte ist!
Von Herrn Costa, der die Situationen nicht nur nach Zahlen, sondern auch vor Ort zu untersuchen pflegt, in den Zonen nämlich, mit denen sein Büro zu tun hat, wollten wir einen Lagebericht dieses Great game – wie die Engländer Afghanistan nannten –, das sich inzwischen zu einem wahren Drug power game gemausert hat.

Dr. Costa, wäre es vielleicht nicht doch besser gewesen, wenn wir die Taliban behalten hätten?
ANTONIO MARIA COSTA: Nein. Ihre Frage ist zwar – angesichts der Situation – nicht ganz unlogisch, aber technisch gesehen kann man doch nicht sagen, daß die Taliban gegen den Drogenhandel waren. Immerhin haben sie den Anbau erst im letzten Jahr ihres Regimes zerstört, in den anderen fünf dagegen aber Rekordmengen produziert. In Wahrheit hat man die Felder zerstört, weil eine derartige Unmenge, ein so übergroßes Angebot produziert worden war, daß die Preise in den Keller gestürzt waren. Es war also sozusagen eine „wirtschaftliche Notmaßnahme“, Kurstreiberei.
Man kann aber auch nicht leugnen, daß sich aus dem jüngsten UNO-Bericht zu diesem Thema wirklich kein rosiges Bild ergibt...
COSTA: Ja, die Situation ist sehr komplex. Und zwar nicht nur, weil der Anbau von Opiummohn in nur einem Jahr um 64% angestiegen ist – 10% der Bevölkerung damit ihr Geld verdienen –, sondern vor allem, weil der Drogenhandel auf dem besten Weg ist, sich nicht nur in Wirtschaft und Politik, sondern auch in das Gesellschaftssystem des Landes einzuschleichen. Inzwischen läuft Afghanistan nämlich wirklich konkret Gefahr, zu einem „Drogenstaat“ zu werden. Aber das Problem sind nicht die Bauern, deren Felder wir dank unserer Satelliten 875km über der Erde im Auge behalten können, auch die kleinsten, die von einer Fläche von 4 Quadratmetern. Das Problem ist die Korruption, die Mißwirtschaft, vor allem in den Provinzen. Die Militärs, das Verteidigungsministerium, die Polizei, die Beamten, die sich mit Export und Import befassen und alles genehmigen, ohne sich dabei große Skrupel zu machen. Das Problem sind die Kriegsherren, die die Kontrolle über weite Teile des Landes haben. In Wahrheit profitieren sie alle vom Drogenhandel: es ist eine Art afghanischer Do-it-yourself-Marshall-Plan.
Ein Opiummohnfeld in der Nähe von Laskargah, Provinz Helmand (Afghanistan).

Ein Opiummohnfeld in der Nähe von Laskargah, Provinz Helmand (Afghanistan).

Ein Problem also, das für Karzai eine Nummer zu groß ist?
COSTA: Ein Problem, das in seiner politischen, sozialen, wirtschaftlichen und auch strategischen Dimension gesehen werden muß. Karzai kann sich mit den politischen und sozialen Aspekten befassen, weil ihn die Bauern, auch jene, welche Opium anbauen, durch Volksabstimmung zum Präsidenten gewählt haben. Den Drogenhändlern kann die neue Regierung allerdings unmöglich gewachsen sein: immerhin sprechen wir hier von Organisationen, die wirklich mehr als ernstzunehmende Gegner sind. Ich habe einen Film des iranischen Geheimdienstes gesehen, in dem man eine Kolonne von Drogenhändlern sieht, die aus ca. 60 Lastwägen, bis auf die Zähne bewaffneten Jeeps und einem militärisch anmutenden Geleitschutz bestand. Wir haben es hier also mit strategischen Operationen zu tun, die mit einer Logistik aufwarten können, der die Regierung und die Armee Karzais ganz einfach nicht das Wasser reichen können. Diese Organisationen müssen von den Militärs der internationalen Friedenstruppen bekämpft werden, die in Afghanistan stationiert sind. Ob das nun die NATO oder die Koalition „Enduring freedom“, italienische, amerikanische oder englische bilaterale Hilfsorganisationen sind, spielt letztendlich keine Rolle.
Aber Sie haben von den in Afghanistan stationierten Truppen, von den USA und der NATO, eine größere Unterstützung beim Kampf gegen die Drogenbarone gefordert. Sind Sie denn der Meinung, daß hier nicht genug getan wird?
COSTA: Ich glaube, daß geheime Operationen im Gange sind, mit denen die Dealer behindert werden sollen. Obwohl die Verantwortlichen der Regierungen und der Militärspitzen das selbst mir gegenüber abstreiten, gibt es doch viele Anzeichen dafür. Andernfalls würde es nämlich bedeuten, daß ich mich verrechnet habe. Der Opiumpreis, der in den Provinzen im Landesinnern verlangt wird, hat im vergangenen Jahr einen starken Einbruch erlitten. Auf den Märkten kostete ein Kilogramm Trockenopium 92 Dollar – im vergangenen Jahr waren es noch 285 Dollar. Bei dem Preis, der an der Grenze zu Pakistan und in den Republiken Zentralasiens für diese Ware bezahlt wird, waren dagegen keine Schwankungen zu verzeichnen. Die Einnahmen der Bauern sind also drastisch zurückgegangen, die der Dealer dagegen erheblich gestiegen. Und das erklärt sich nur durch die Tatsache, daß es für die Dealer durch nun durchgeführte Operationen zur Beschlagnahme und Zerstörung der Ware riskanter geworden ist, Opium und Heroin außer Landes zu schaffen. Das, was ich hier aufstelle, ist nichts weiter als eine These, aber sie wird auch von den Eindrücken gestützt, die die Mitarbeiter der UNO vor Ort und die der pakistanischen Geheimdienste gewonnen haben. Und schließlich läßt sich ein so enormer Gewinn der Dealer zum Schaden der Bauern nicht mit einer größeren internationalen Heroin-Nachfrage erklären, weil der Heroinverbrauch nämlich vielmehr im Sinken begriffen ist, heute weltweit bei ca. 400 Tonnen jährlich liegt.
Befinden sich die Produktionsstätten in den von den Koalitionstruppen kontrollierten Gebieten? Könnten unsere Soldaten also dafür eingesetzt werden, die Opiumfelder zu bewachen?
COSTA: Man muß zunächst einmal sagen, daß sich die Opiumproduktion inzwischen auf alle 32 afghanischen Provinzen ausgebreitet hat. Es ist jedoch klar, daß die Produktion in den entlegenen Zonen am intensiv­sten ist, wo die Regierungskontrolle gering und die durch Terroristen oder Taliban dafür umso größer ist, die sowohl Bauern als auch Laboratorien, aber auch den Handel dort im allgemeinen besser kontrollieren können. Außerdem gibt es entlang der pakistanischen Grenze eine lange und enge Zone, wo viele Terrorgruppen ansässig sind. Das Produkt muß unweigerlich hier vorbei. Und die Terroristen – wie vor ihnen die Kriegsherren – verlangen das, was wir „Schutzgeld“ nennen. Und das kann manchmal auch 10% des Marktwertes der Ware betragen. Es gibt viele Waffenhändler, die ihre Waffen im Tausch gegen Drogen anbieten, und das dank der Vermittlung der Terroristen. Und genau das ist der Grund, warum ich immer sage, daß die Drogen bekämpfen, den Terrorismus bekämpfen bedeutet. Weil man ihm so seine Haupteinnahmensquelle entzieht, den Nährboden, auf dem dieser Virus gedeihen und sich verbreiten kann.
Es ist eine sehr schwierige Situation. Und zwar nicht nur, weil der Opiumanbau in einem einzigen Jahr um 64% angestiegen ist und 10% der afghanischen Bevölkerung damit ihr Geld verdienen, sondern vor allem, weil der Drogenhandel auf dem besten Weg ist, sich in Wirtschaft und Politik, und auch in das Gesellschaftssystem einzuschleichen. Inzwischen läuft Afghanistan nämlich wirklich konkret Gefahr, zu einem „Drogenstaat“ zu werden.
Diese Meinung scheint jedoch von den Verantwortlichen der Militäroperationen nicht geteilt zu werden – immerhin haben Sie gesagt, daß die USA nach „jemandem“ – Bin Laden versteht sich – gesucht haben, anstatt nach „etwas“: jenes „etwas“ nämlich, das Al Qaeda die Existenzgrundlage liefert. Ist das auch heute noch so?
COSTA: Nein, die USA haben erkannt, welche Gefahr der Instabilität die Drogen bergen, aber auch der Mix Drogen-Terrorismus. Das haben nicht nur die Regierungsspitzen des Landes erkannt, sondern auch der Kongress, das State Department und – wie ich meine – wohl auch das Verteidigungsministerium.
Und hat man es auch in Afghanistan erkannt?
COSTA: Die Wahlkampagne in Afghanistan hat viele Monate gedauert. Das muß einmal gesagt werden. Die Stärke der Demokratien besteht darin, daß sie auf Mandat des Volkes agieren, ihre Schwäche, daß sie in Zeiten, in denen Wahlen stattfinden, außer Gefecht gesetzt sind, nicht agieren können. In den letzten 12 Monaten hatte Präsident Karzai wenig Handlungsfreiheit, besonders bei der Zerstörung des Anbaus, und das auch, weil er in den Peripheriezonen des Landes keine Konflikte schüren wollte. Heute hat der Präsident sicher einen größeren Handlungsspielraum.
Der afghanische Drogenhandel zieht weite Kreise – erreicht die Europäische Union, Rußland und die ehemaligen Sowjetrepubliken. Welches sind die schlimmsten Schäden, die er auf seinem weiten Weg anrichtet?
COSTA: Er schafft das, was alle großen illegalen Finanzinteressen schaffen: Probleme der Sicherheit, der Stabilität, besonders in einigen Ländern Mittelasiens. Es gibt wichtige Terrorgruppen, wie die islamistische Bewegung Usbekistans, denen Erlöse aus dem Drogenhandel zukommen. Aber das Schlimmste ist, daß 80% der – durch Heroininjektionen verursachten – neuen AIDS-Fälle auf der Welt in den Republiken Zentral­asiens registriert wurden, in Rußland, der Ukraine, den baltischen Republiken. Auf dem Weg also, den der Drogenhandel geht, der in Afghanistan seinen Ausgang nimmt. Das ist ein wirklich erschreckender Prozentsatz.
Was kann man noch tun, außer den Dealern die Drogen wegzunehmen? Ich habe den Eindruck, daß es hier sehr geteilte Meinungen gibt, vor allem darüber, wie man die mehr als zwei Millionen Bauern davon überzeugen kann, etwas anderes anzubauen...
COSTA: Natürlich muß man gerade hier ansetzen: bei den Bauern. Wir von der UNO haben keine Programme zur Zerstörung des Anbaus parat, aber genau das ist zu tun, weil sich die Bauern darüber im Klaren sein müssen, daß sie etwas Illegales tun; etwas, das ein Risiko darstellt. Daß Opium anbauen genauso illegal ist wie eine Bank ausrauben oder seinen Nachbarn bestehlen. Und wenn die Zerstörung des Anbaus auch eine Notwendigkeit ist, dürfen wir doch nicht vergessen, daß wir es hier mit dem drittärmsten Land der Welt zu tun haben. Nun darf die Armut zwar nicht zum Alibi werden, aber es ist doch eine unbestrittene Tatsache, daß die Verlockung für die Menschen hier besonders groß ist, sie auch ein Scherflein vom Drogenhandel abbekommen wollen. Wir brauchen also alternative Entwicklungsprogramme, Investitionsprogramme, Mikrokredite. Wir können von den Bauern unmöglich verlangen, eine so lukrative Einnahmensquelle aufzugeben, wenn ihnen als Alternative nur der Hungertod bleibt. Die Afghanen sind nicht besser und nicht schlechter als wir auch; wenn sie zwischen Legalität und Illegalität wählen müssen, wählen sie ersteres, wenn die Wahl aber die zwischen Hunger und Illegalität ist, wählen sie das zweite.

Greift die internationale Gemeinschaft Afghanistan unter diesem Gesichtspunkt unter die Arme?
COSTA: Sehr viel weniger als sie das auf dem Balkan oder in Ost-Timor getan hat. In Bosnien haben wir beispielsweise pro Einwohner 260 Dollar jährlich investiert, in Afghanistan 55. Ich will ja nicht als Zyniker erscheinen, aber ich glaube, daß die Afghanen mit dem Drogenhandel eine Art nationalen Marshall-Plan auf die Beine gestellt haben. In Ermangelung anderer Mittel haben sie ein Business geschaffen, das 2,8 Milliarden Dollar jährlich abwirft – und das ohne Verbindlichkeiten oder Kontrollen. Sie sehen das Opium als etwas, das ihnen keinen Schaden zufügt, da es ja exportiert wird. Und wenn es kein Regime wie die Taliban gibt, wo man schon für sehr viel weniger Kopf und Kragen riskierte, fragen sie sich „warum eigentlich nicht?“. Ein Bauer aus der Provinz Kunduz, den ich einmal fragte, warum er Opium anbaue, gab mir die schlichte Antwort: „Wir sind jetzt frei, haben die Demokratie, warum sollte ich es nicht tun?“.
Wir werden uns also im Jahr 2005 wiederhören, wenn ein neuer Produktionsrekord zu verzeichnen sein wird oder auch ein eventueller Einbruch, falls das Klima doch nicht ganz so günstig sein sollte...
COSTA: Nein, ich glaube schon, daß es 2005 besser aussehen wird. Diese merkwürdige Identifizierung von Demokratie und Drogenhandel wird nicht von Dauer sein. Das Land ist dabei, sich dessen bewußt zu werden, daß das Ganze früher oder später ein Ende haben wird, wie in Pakistan und in Thailand. Das, was wir hier miterleben, ist ein letztes Aufbäumen; der Versuch, noch so viele Dollars wie möglich zusammenzuraffen.


Italiano Español English Français Português