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AFRIKA
Aus Nr. 11 - 2004

Somalia: Der Staat wird wiedergeboren


Fast 14 Jahre lang war das Land Schauplatz der Kämpfe zwischen den Kriegsherren. Nach 13 mißlungenen Versuchen ist es der internationalen Gemeinschaft nun endlich gelungen, die Anführer der verschiedenen Clans zusammenzubringen. Im Oktober konnte ein Präsident gewählt werden, und seit Dezember hat Somalia eine neue Regierung.


von Davide Malacaria und Giovanni Cubeddu


Nairobi: Der neue somalische Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed, rechts auf dem Foto, mit Sharif Hassan Sheik Aden, Präsident des somalischen Parlaments.

Nairobi: Der neue somalische Präsident Abdullahi Yusuf Ahmed, rechts auf dem Foto, mit Sharif Hassan Sheik Aden, Präsident des somalischen Parlaments.

Am 10. Oktober wurde Abdullahi Yusuf Ahmed zum neuen Präsidenten Somalias gewählt. Aber wen interessiert das schon? In dem allgemeinen Aufruhr, der auf dieser Welt herrscht, wo terroristische Fundamentalisten und Fundamentalisten des Antiterrorismus wirklich keinen Schlag unter die Gürtellinie scheuen, ist diese Nachricht so gut wie untergegangen. Was aber nicht heißt, daß es keine beachtenswerte Nachricht wäre – stellt sie in einer verrückt gewordenen Welt doch einen kleinen Hoffnungsschimmer dar. Dieser kleine Staat am Horn von Afrika war nämlich seit stolzen 14 Jahren, seit dem Fall des Regimes Siad Barre, ohne Präsident. Besser gesagt: war nicht einmal ein Staat, sondern hatte zu allem Überfluß auch noch das Unglück, Schauplatz der Kämpfe zu sein, die sich die Herren der hier tobenden lokalen Kriege ununterbrochen lieferten. Hier, wo man den Streit um jede Straße, jede Brücke, jeden Flughafen mit dem Maschinengewehr (eine Ware, an der es in armen Ländern niemals mangelt) auszutragen pflegte. Ein Szenarium des Chaos und der Anarchie, das das Land zu einem der wichtigen Umschlagplätze illegalen Handels jeder Art und zu einem optimalen Nährboden für den islamischen Fundamentalismus machte, auf dessen Präsenz internationale Beobachter und Medien vermehrt aufmerksam gemacht haben.
Für Msgr. Giorgio Bertin, Bischof von Dschibuti und apostolischer Verwalter „ad nutum Sanctae Saedis“ von Mogadischu, war die Rolle, die die Gefahr des Fundamentalismus beim Gelingen dieses letzten, vor zwei Jahren eingeleiteten Friedensprozesses gespielt hat, alles andere als zweitrangig. Wir haben uns in Rom mit ihm getroffen, im Haus des Klerus in der Via della Scrofa. „Von 1991 bis heute ist es das 14. Mal, daß die internationale Gemeinschaft versucht, die Anführer der verschiedenen somalischen Faktionen an einem Tisch zu vereinen, um über den Frieden zu verhandeln,“ erklärt Bertin. „Dieses Mal haben wir eine Hoffnung mehr: die Welt hat inzwischen erkannt, daß es für alle gefährlich ist, Somalia in dieser Situation zu belassen. Ich war letztes Jahr in den USA und hatte Gelegenheit, mich mit dem Team zu unterhalten, das mit der Zusammenstellung der für die US-Administration bestimmten Dokumentation beauftragt war. Aber man schien an nichts anderes denken zu können, als an den Terrorismus. Sogar von einer Art „chirurgischem Eingriff“ in Somalia war die Rede. Ich hielt es für meine Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, daß die Somalier immer zwischen religiösem und politischem Element unterschieden haben, und daß die Fundamentalisten bei der Bevölkerung keineswegs gut angesehen waren. Sicher, eine gewisse Infiltration mag es durchaus gegeben haben, aber das sind Einzelfälle. Wenn man die Fundamentalisten aber angegriffen hätte, hätte man ein Bindeglied zwischen diesen Elementen und dem Rest der Bevölkerung geschaffen. Ich erklärte, daß es notwendig wäre, eine Reorganisation eines einheitlichen Staates zu schaffen, der dieser Gefahr konkret hätte entgegentreten können. Die Wahl Yusufs ist zwar nur mühsam zustande gekommen, ist aber doch ein Schritt in die damals erhoffte Richtung. Hoffen wir, daß es dieses Mal gut geht.“ Ein mühsamer Friedensprozess also, der sich dort als Erfolg erwiesen hat, wo ein bewaffnetes Einschreiten der USA zu Zeiten von Bush Senior, 1992, und auch die unglückselige – weil vielleicht überhastete – Mission Restore Hope versagt hatten. Initiativen, auf die der lange, 1995 beendete Einsatz der Blauhelme unter Schirmherrschaft von Unosom gefolgt war, der aber immerhin Tausenden von Menschen das Leben gerettet hat. Dann kamen andere, von der UNO vorangetriebene Versuche, die jedoch leider wenig fruchteten. „Es stimmt, wir haben oft einen Schlag ins Wasser erlebt,“ gibt Winston Tubman, Vertreter der Vereinten Nationen für Somalia, zu: „Aber wir haben aus allen Fehlschlägen etwas gelernt, und das gilt auch für das somalische Volk und die anderen Länder der Region. Dieser letzte Versuch wurde jedoch unter einem anderen und, wenn ich es einmal so nennen darf, glücklicheren Stern eingeleitet: zum ersten Mal in diesem Friedensprozess sind nämlich nicht nur die verschiedenen lokalen Clan-Anführer beteiligt, sondern alle Länder der Region. Natürlich herrscht zwischen einigen von ihnen noch böses Blut, aber das wird nicht mehr von den angrenzenden Nationen unterstützt.“

Somalische Flüchtlinge in Mandera, Kenia.

Somalische Flüchtlinge in Mandera, Kenia.

Der lange Weg zum Frieden
Tatkräftige Schützenhilfe erhielt dieser Aussöhnungsprozess von den Ländern der IGAD (Intergovernmental authority on development, ein regionaler Organismus, der sich für die Entwicklung der Länder Ostafrikas einsetzt, und dem Eritrea, Äthiopien, Dschibuti, Somalia, Kenia, der Sudan und Uganda angehören), die wiederum von anderen Staaten und internationalen Organismen, den sogenannten IGAD-partners, unterstützt werden, wie der Europäischen Union und der Arabischen Liga, aber auch – was politisch merkwürdig anmuten mag – Japan. Italien hat – wie Tubman meint – einen bedeutenden Beitrag geleistet (schließlich sind die Bande zu der ehemaligen Kolonie ja auch niemals vollkommen abgerissen). Die USA haben sich dagegen „aus der Affäre gezogen“ und darauf beschränkt, die Arbeiten zu verfolgen. Aber der Friedensprozess konnte dennoch voranschreiten. Zunächst einmal ist man dazu übergegangen, die internen Ansprechpartner auszumachen, da sich die somalische Gesellschaft aus verschiedenen Clans zusammensetzt, aus „Unterclans“ und Faktionen, die sich nur allzu leicht in die Haare bekommen. Dabei konnten fünf große traditionelle Clans ausgemacht werden, mit ihren jeweiligen „Unterclans“ und Faktionen. Man ließ sie eigene Vertreter ins Parlament wählen, dessen Sitz – aus Gründen der Sicherheit – provisorisch nach Nairobi, in Kenia, verlegt wurde. Die 275 Abgeordneten wurden am 22. August in ihr Amt eingeführt und so konnte man dann endlich, mit Sharif Hassan Sheik Aden als Vorsitzendem, zur Wahl des somalischen Präsidenten schreiten. Zwei Kandidaten standen zur Auswahl: Abdullahi Yusuf und Ahmed Addou, ehemaliger Botschafter in den USA. Die Tatsache, daß Yusuf in der Vergangenheit Gegner des Regimes Siad Barre war und durch den Umstand, Präsident des somalischen Staates Puntland gewesen zu sein – jene Region am Horn von Afrika, die 1998 ihre Unabhängigkeit erklärte – ein gewisses Prestige genoß, soll angeblich entscheidend zu seiner Wahl beigetragen haben. So stellt Tubman fest: „Es ist sicher positiv zu beurteilen, daß die Präsidentschaftskandidaten im Moment der Wahlen ein Dokument unterzeichnet haben, in dem sie sich verpflichteten, ihre Clans zu entwaffnen und den zukünftigen Präsidenten zu unterstützen.“ Und tatsächlich: die Entwaffnung der Milizen ist der erste Punkt auf der Tagesordnung Abdullahi Yusufs. Laut dem Staff des Präsidenten vorliegenden Schätzungen sollen in Somalia ca. 2 Millionen Schußwaffen leichten und schweren Kalibers im Umlauf sein. Wie soll man bei soviel Tötungspotential an Sicherheit auch nur denken können? Daher auch die Entscheidung, die neue Regierung zunächst einmal in Nairobi zu lassen. Yusuf hat die Afrikanische Union auch gebeten, ein Kontingent von 15-20.000 Soldaten zu entsenden. „Yusuf ist nicht der einzige, der glaubt, daß ausländische Truppen nötig sind, um die kriegführenden Faktionen zu entwaffnen,“ fährt Tubman fort. „Auch der UN-Generalsekretär, Kofi Annan, hat beim Sicherheitsrat einen ähnlichen Antrag gestellt. Aber das muß mit der Schaffung interner Sicherheitskräfte einher gehen, die den ausländischen Truppen bei ihrer schwierigen Mission zur Seite stehen. In Somalia gibt es viele ehemalige Repräsentanten der Sicherheitstruppen, die zu diesem Zweck herangezogen und ausgebildet werden könnten. Das ist natürlich nur ein erster Schritt. Das Land muß wieder zur Stabilität zurückfinden; nur so kann man zu Investitionen anregen und neue Arbeitsplätze schaffen.“
Die nachfolgenden Etappen sind bereits vorgezeichnet: die derzeitige Übergangsregierung wird fünf Jahre in Kraft bleiben. Eine Zeit, in der man hofft, daß die politischen Parteien, die an den kommenden Wahlen beteiligt sein werden, im Innern der Gesellschaft Gestalt annehmen können. Dann wird die internationale Gemeinschaft noch – durch eine eigens geschaffene Kommission – die Initiativen der neuen Regierung unterstützen. Und schließlich wäre da noch die Frage Somaliland – jene nördliche Region, die mehr oder weniger den Gebieten des ehemaligen englischen Protektorats entspricht. Eine Region, die 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte und sich dem Aussöhnungsprozess nicht angeschlossen hat. Um den Verlauf des Normalisierungsprozesses des Landes nicht noch komplizierter zu gestalten, wurde die Frage der Beziehungen zwischen der Regierung von Mogadischu und Somaliland in weiser Voraussicht auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.

Monsignor Giorgio Bertin.

Monsignor Giorgio Bertin.

Die Kirche und das Chaos
In Erwartung des Zeitpunkts, in dem in Mogadischu wieder Ordnung einkehrt, lassen einige der Kriegsherren ihre Muskeln spielen – die einen, um zu verstehen zu geben, daß sie den Frieden nicht akzeptieren, die anderen, um den Preis in die Höhe zu treiben. Und an die makabre Bilanz der Toten müssen jeden Tag neue Opfer angefügt werden. An der UNO sagt man, daß die tatsächliche Zahl der Opfer dieses Konflikts erst nach der Rückkehr zur Normalität ermittelt werden kann. Verschiedenen offiziösen Schätzungen zufolge soll sich die Bilanz, von 1991 bis heute, jedoch auf 300.000-500.000 Todesopfer und 2 Millionen Flüchtlinge belaufen – die von Hunger und Krankheit Dahingerafften nicht mitgerechnet, deren Zahl in diesem Chaos ungemein in die Höhe schnellen konnte. Ein langsames Auszehren, von dem sich der Bischof von Dschibuti, der jahrelang in Somalia gelebt hat, aus nächster Nähe überzeugen konnte. „Die Kirche war hier früher einmal überaus bedeutend und präsent: leitete Schulen, war im Gesundheitswesen und vielen anderen Bereichen tätig... Dann, 1969, kam es zum Staatsstreich durch Siad Barre und der Geburt der sozialistisch inspirierten Demokratischen Republik Somalia. Sein Revolutions-Manifest war von der katholischen Druckerei gedruckt worden...“ Der Gedanke daran, wie wankelmütig das Schicksal ist, entlockt ihm ein Lächeln. Die Erinnerung an jenes Regime hat für ihn nichts Bitteres. Im Grunde war es – wie er meint – nur eines von vielen, mit all seinem Licht und Schatten. Mit „Licht“ meint er – natürlich – die Einführung der somalischen Schriftsprache und die Alphabetisierung des Landes. Dann kam die Verstaatlichung der Schulen, und alle privaten Schulen, auch die katholischen, wurden enteignet. Und wenn sie an sie gebunden waren, auch die Häuser der Missionare. Das war der Stand der Dinge, als Bertin, der bereits von 1969 bis 1971 in Somalia gewesen war, 1978 als junger Priester dorthin zurückkehrte. „Es war eine chaotische Zeit. Viele von uns waren ohne Arbeit, bzw. konnten nicht länger ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen und beschlossen, wegzugehen. Das war ein schwerer Schlag, aber auch wenn nun eine institutionelle Präsenz fehlte, so bedeutete das doch noch lange nicht das Ende der katholischen Präsenz, die in der neuen Situation gerufen war, in einer anderen Form präsent zu sein, und zwar als Dienstleistung. Für mich, einen Franziskaner, bedeutete das die Rückkehr zu dem, was der heilige Franz in der sogenannten nicht besiegelten Regel vorgeschrieben hatte – dort, wo er erklärt, daß es zwei Weisen gibt, in die Mission zu den Sarazenen, wie man sie damals nannte, zu gehen: die erste war, mit niemandem zu streiten, sich den Behörden zu unterwerfen und zu sagen, Christ zu sein. Die zweite – wenn und wann es Gott gefiel – offen zu verkündigen, daß es keinen anderen Retter gibt als Jesus Christus. Wir haben uns sehr darum bemüht, aber nach und nach wurden die Schwestern wieder in die staatlichen Krankenhäuser und die öffentlichen Schulen eingebunden. Eine Dynamik, die sich bereits nach dem unglückseligen Krieg von 1977 herauskristallisiert hatte, als Somalia von Äthiopien besiegt wurde. Die nachfolgenden Jahre waren eine sehr schwere Zeit, auch wirtschaftlich gesehen. Das Regime Barre wurde zusehends schwächer, und in jenen Jahren kam es auch zum Versuch einer Rebellion, bewerkstelligt von einem jungen, mir damals unbekannten Offizier: Abdullahi Yusuf. Der Versuch schlug allerdings fehl, und Yusuf floh nach Äthiopien, von wo aus er seinen Kampf weiterführte. Dann erreichten auch die Ausläufer der iranischen Revolution das Land, die einen religiös angehauchten Widerstand gegen das Regime auslöste. Aber die bewaffnete Revolte gegen Barre ging von den Clans aus: und so kam es immer wieder zu kleineren Rebellionen, die das Regime allmählich ins Wanken brachten und schließlich, 1991, zu seinem endgültigen Sturz führten.“
Für die Kirche waren diese letzten Jahre besonders hart. Am 9. Juli 1989 wurde der Bischof von Mogadischu, Msgr. Salvatore Colombo, ermordet. „Ich war damals Bischofsvikar,“ erinnert sich Bertin: „Die Schuld für den Mord wurde den Muslimen in die Schuhe geschoben, aber ich war keineswegs davon überzeugt. Ich glaube vielmehr, daß es sich um eine Art politischer Mord gehandelt hat: es ist wahrscheinlich, daß Barre, oder irgendjemand aus seinem Entourage, die Aufmerksamkeit des Westens auf die „Gefahr Islam“ lenken wollte. In der Zwischenzeit machten wir mit unserer Arbeit weiter, gaben uns der Illusion hin, daß man uns nun in Ruhe lassen würde. Doch dann, 1991, wurde unsere Kathedrale in Brand gesteckt: wir waren gezwungen, zu gehen. Und mit uns 90% der Christen, die zum Großteil Ausländer waren.“ Der Bischof erinnert sich daran, daß einige Katechisten im Land geblieben waren und ihre Pastoralaktivität relativ ungestört vorantreiben konnten. Aber nicht lange. Schon bald wurden auch sie in den Strudel der verschiedenen Bandenkriege gezogen. Heute sind nur noch etwa 40 Christen in Somalia. Msgr. Bertin berichtet von Blitzbesuchen während seiner apostolischen Reisen, von Briefwechseln, kurzen, gemeinsamen Gebeten, für die erst tausend Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden müssen. Aber das bedeutet nicht, daß die Kirche ihr Werk an der Seite des somalischen Volkes nicht fortführen würde. In Mogadischu sind die Consolata-Missionsschwestern tätig. Bertin und andere Priester kommen immer wieder ins Land. „Angesichts der Situation ist an einen permanenten Aufenthalt leider nicht zu denken,“ sagt er. „Aber die Kirche ist dem Volk nach wie vor nahe, gemäß den Modalitäten, die die Vorsicht gebietet, weil man in diesem Chaos nur allzu leicht zur Zielscheibe werden kann. Die christliche Präsenz in Somalia liegt zum Großteil bei Laien wie der 2003 ermordeten Annalena Tonelli, die ihr Glauben in das afrikanische Land gebracht hatte. Oder Graziella Fumagalli, Direktorin der humanitären Intervention der Caritas in Merca, die 1995 ermordet wurde – am Weltmissionstag. Und das sind nur die beeindruckendsten Beispiele einer christlichen Präsenz, die auf den verschiedensten Wegen Verbreitung gefunden hat, vor allem durch die Arbeit im Innern der internationalen Organisationen.“
Hier oben,, Nairobi: eine Sitzung des somalischen Parlaments; unten, Milizen in Mogadischu.

Hier oben,, Nairobi: eine Sitzung des somalischen Parlaments; unten, Milizen in Mogadischu.


Duftende Blumen inmitten all der Widrigkeiten Und ob es nun der Hoffnungen nährende Friedensprozess oder die Kontingenzen sind – der Strom der nach Somalia zurückkehrenden Flüchtlinge scheint in der letzten Zeit jedenfalls im Steigen begriffen zu sein. Allein in diesem Jahr konnten die Vereinten Nationen 13.000 Menschen aus Äthiopien und Dschibuti wieder einbürgern. Das Flüchtlingslager Hartisheik in Äthiopien (eines der größten der Welt), das 40.000 Flüchtlinge beherbergte, hat im Juni seine Tore geschlossen. Das Problem der Verbannten liegt Angelo Masetti, Verantwortlicher des Forums Italien-Somalia für Frieden und Wiederaufbau, besonders am Herzen. Er bastelt sozusagen „hinter den Kulissen“ an der Wiederaussöhnung. „Der Bürgerkrieg hat dem Land ca. 80% der Arbeitskräfte entzogen, die nun zum Großteil in westlichen Ländern leben,“ erläutert Masetti. „Ein enormer Verlust an menschlichen Ressourcen. Unser Plan ist folgender: wir wollen durch Wahlen Repräsentanten der Diaspora ins Spiel bringen, die den Friedensprozess vorantreiben können und den Somaliern jene wirtschaftliche, intellektuelle und technische Hilfe geben, die für die Wiedergeburt des Landes unerläßlich ist.“ In seinen Worten schwingt eine gewisse Besorgnis mit. Schließlich darf man nicht vergessen, daß, während die Diplomatie darum bemüht ist, den Waffen Herr zu werden, das Sterben am Horn von Afrika weitergeht. Die tragische humanitäre Situation des Landes ist auch in dem jüngsten, am 8. Oktober veröffentlichten UNO-Bericht festgehalten. Aus dem hervorgeht, daß seit vier Jahren in verschiedenen Regionen Somalias Hungers­not herrscht: ca. 670.000 Menschen brauchen sofortige Hilfe. Und in dem Tal um den Fluß Dschiuba tobt ein Konflikt zwischen rivalisierenden Clans, durch den verschiedene humanitäre Helfer gezwungen wurden, das Land zu verlassen, obwohl in der Zone ein Ernteeinbruch verzeichnet wurde. Schon bald wird sich der Hunger auch hier spürbar machen: das Überleben von mehr als 165.000 Menschen steht auf dem Spiel. Und was soll man über das unsägliche Leid der Kinder sagen? Das Dokument beschränkt sich auf den Hinweis, daß Somalia eine der niedrigsten Einschulungsquoten der Welt hat. Verschiedene internationale Organisationen sind darum bemüht, das Desaster so gering wie möglich zu halten und den geplagten Bevölkerungen wenigstens ein wenig Linderung zu bringen. Wie beispielsweise die COOPI (internationale Kooperation), eine von Pater Vincenzo Barbieri geschaffene Mailänder Nichtregierungsorganisation, die vollkommen Laien anvertraut ist. Die COOPI ist seit ca. 20 Jahren in Somalia tätig. Efrem Fumagalli überwacht ihre Aktivität. Und erklärt: „Eine humanitäre Intervention in einem Territorium, wo es keinen Staat gibt, ist schwieriger als anderswo. Für ein Einschreiten ist ein Abkommen mit den lokalen Anführern notwendig, und die geleistete Arbeit ist immer gefährdet. Dieses Jahr mußten wir unser Personal viermal evakuieren. In Somaliland, wo sich unsere Aktivität hauptsächlich abspielt, ist die Situation jedenfalls ruhiger als anderswo. Wir leiten dort verschiedene Krankenhäuser, darunter das von Borama, und seit kurzem haben wir ein Abkommen abgeschlossen für die Leitung des Assistenzzentrums für Tuberkulosekranke. Aber an einem derartigen Ort mangelt es einfach an allem. So haben wir beispielsweise zwei Projekte eingeleitet, eines im Süden und eines an der Grenze zwischen Somaliland und Puntland, für die Impfung des Viehbestands und die Schaffung von Tränken an den Wegen, wo die Herden vorbeikommen. Auf diese Art wollen wir den vielen Familien helfen, die von Viehzucht leben. Wir zielen darauf ab, Initiativen zu ergreifen, die von Dauer sind: so stellen wir beispielsweise unser Personal im Bereich Administration und Gesundheitswesen den lokalen Arbeitskräften zur Seite, um deren Ausbildung zu verbessern; kaufen, wo immer möglich, unsere Arzneimittel bei lokalen Händlern, um den Wiederaufschwung der Wirtschaft anzukurbeln.“ Auch die fünf Consolata-Schwestern arbeiten für eine Nichtregierungsorganisation, das SOS Kinderdorf. Schwester Marzia, die Oberin, lebt seit 36 Jahren in Somalia. Ihre Stimme – am anderen Ende der Telefonleitung – ist eine ausgesprochen beruhigende. Sie erzählt, daß eine der Schwestern nun außer Landes – in Nairobi – tätig ist, wo die Kongregation eine Schule für Krankenschwestern leitet, an der derzeit achtzig Schülerinnen ausgebildet werden. „Sie sind überaus tüchtig,“ berichtet sie stolz, und fährt fort: „Hier in Mogadischu haben wir ein Dorf für Waisenkinder und ein Krankenhaus mit einer Entbindungs- und einer Kinderstation. Es ist das einzige Krankenhaus in der Zone. Die Menschen kommen selbst aus einem Umkreis von 500 Kilometern. Wir bieten kostenlose Assistenz und Arzneimittel. Es gibt viel zu tun, und wir haben viele Notfälle.“ Sie berichtet, daß den Ordensschwestern keinesfalls mit Mißtrauen begegnet wird. Im Gegenteil. Die Menschen sind daran gewöhnt, in den Krankenhäusern Nonnen zu sehen, sagen, daß es den Schwestern zu verdanken ist, wenn die Krankenhäuser funktionieren. Diese Menschen, die nur selten einen Priester zu Gesicht bekommen, haben nicht oft Gelegenheit, die Messe zu besuchen. Und so kommen sie tagtäglich zusammen, um zu beten, in der Heiligen Schrift zu lesen. Wie in schwierigen Zeiten eben üblich. Sie berichtet, daß die Ernennung des Präsidenten bei den Armen große Hoffnungen geweckt hat, ohne internationale Hilfe aber auch dieser Versuch zum Scheitern verurteilt ist. „Diese Menschen haben unsägliches Leid erlebt,“ fährt sie fort. „Aber wenn sie eine Arbeit, eine Beschäftigung, eine Alternative hätten, wäre vieles anders.“ Die Leitung wird unterbrochen, aber wir lassen uns nicht entmutigen, rufen sofort zurück. Schwester Marzia nimmt den Hörer ab, macht uns Journalisten den höflichen Vorwurf, uns allzu sehr auf Sensationsnachrichten zu konzentrieren. „Von der Herzensgüte dieser Menschen spricht dagegen niemand. Obwohl der Fortbestand Somalias doch hauptsächlich der Solidarität unter den Armen zu verdanken ist. Es ist wirklich rührend... wenn zu uns jemand kommt, der wirklich bedürftig ist, sammeln die anderen sofort für ihn, teilen ihre ohnehin schon dürftige Habe... und das mit großem Taktgefühl. Das haben wir auch gestern wieder erlebt, als eine Frau zu uns gekommen ist, der die anderen ein wenig Geld gegeben haben, damit sie sich etwas kaufen konnte. Sie stand auf, ging hinaus – und kam gleich wieder zurück. Ich fragte sie, warum sie nichts gekauft hätte, und sie meinte nur, daß sie das Geld einer anderen Frau gegeben hätte, die es nötiger gebraucht hätte als sie selber. Sehen Sie: diese Dinge machen keine Schlagzeilen, sind aber wie duftende Blumen, die man, wenn man hier ist, deutlich sehen kann.“
„Man sagt, daß ich ein Kriegsherr wäre,“ meinte der Präsident in seiner ersten öffentlichen Ansprache. „Von heute an werdet ihr mich als einen Mann des Friedens kennenlernen.“ Am 1. Dezember stellte der von Yusuf ernannte somalische Ministerpräsident Ali Mohammed Gedi in Nairobi eine Regierung nationaler Einheit vor. Gewiß, der Wiederaufbau des Staates wird kein leichtes Unterfangen sein. Aber heute hat diese schwache, aber nicht unterzukriegende Hoffnung einen neuen Duft.


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