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ÖKUMENISMUS
Aus Nr. 11 - 2004

Christodoulos: Kurzbiographie.

Ein Wojtylianer in Athen



von Gianni Valente


Der 1939 in Xhánthi als Sohn einer aus dem Osten Thrakiens stammenden Familie Vertriebener geborene Christodoulos Paraskevaides besuchte das von der katholischen Kongregation der Marianistenbrüder geleitete Leonteion-Gymnasium in Athen. Danach folgte das Studium der Theologie und des Kirchenrechts. Christodoulos, seit Anfang der Sechzigerjahre Mönch, teilte als junger Mann mit einer Gruppe Gleichaltriger im Kloster von Barlaam, in Meteora, die Erfahrung eines missionarischen, auf die soziale Problematik konzentrierten Mönchstums. Im Alter von nur 35 Jahren wurde er zum Bischofmetropoliten von Demetrias gewählt und konnte sich nicht nur als leidenschaftlicher Prediger einen Namen machen, sondern auch als von den jungen Menschen geschätzter Leader und Drahtzieher so manches sozialen Projektes. Seit April 1998, als er mit überwältigender Mehrheit zum Erzbischof von Athen gewählt wurde, prägt er mit seinem „dezisionistischen“ Stil nachhaltig die öffentliche Meinung der orthodoxen Kirche und deren Beziehung zur griechischen Gesellschaft. Er wird nie müde, sich zu Themen öffentlichen Interesses zu äußern, für moralische Werte einzutreten, ist sehr präsent in den Massenmedien, vor allem im Fernsehen, und scheut auch keine Konfrontation und Polemik mit der Welt der Politik. Die Komitees im Synod wurden durch ihn verdoppelt; er hat 12 neue geschaffen, die sich mit aktuellen Fragen befassen (Bioethik, europäische Angelegenheiten, Ökologie, usw.); richtete ein Repräsentanzbüro der griechischen Kirche an der Europäischen Union in Brüssel ein, das von Bischof Athanasios geleitet wird; rief die Organisation „Solidarität“ ins Leben, mit der die Hilfsinitiativen der griechischen Kirche im Ausland koordiniert werden. Beiträge, dank derer er mit unermüdlicher Energie seine Strategie gegen die Ausgrenzung der Kirche vorantreibt und seinen Einfluß in der griechischen Gesellschaft geltend macht. Ein Kampf, der auch mit modernen Werkzeugen und Taktiken geführt wird, in dem er manchmal auf den Jargon der Jugendlichen zurückgreift oder Bewegungen und pietistische Bruderschaften aufwertet, die traditionsgemäß bei der Hierarchie nicht gerade gut angesehen sind. Ein Programm das – wenn man die auf der Tagesordnung stehenden Themen (wie den Nachdruck auf den christlichen Wurzeln Europas) und Methoden bedenkt – interessante Übereinstimmungen mit den Schüsselthemen des Pontifikats Wojtylas aufweist.
In den vergangenen Monaten kam sein Kampfgeist auch in der Querelle zwischen der Kirche Griechenlands und dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel zum Tragen, wo es um das Recht und die Ernennungsmodalitäten der Bischöfe der 36 griechischen Diözesen der „neuen Territorien“ ging (Thrakien und Regionen des Nord-Ostens), die kanonisch Konstantinopel unterstehen, pastoral und administrativ aber Athen. Die Krise wurde im vergangenen Frühjahr mit einem Kompromiß gelöst, und das auch dank Vermittlung der griechischen Regierung. Aber im Synod der Kirche Griechenlands hat dieses Beinahe-Schisma mit der Mutterkirche von Konstantinopel einige Mißtöne und Vorbehalte hinsichtlich des Geltungsdrangs Christodoulos’ ausgelöst. Und so hat der Synod abgestimmt und – wen wundert’s – seine Reise nach Rom erst einmal auf Eis gelegt.


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