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VON GALEN
Aus Nr. 11 - 2004

Die Briefe von Galens an Pius XII.




In der Juli-August-Nummer von 30Tage haben wir drei Briefe veröffentlicht, die Pius XII. an Clemens August von Galen geschrieben hat. Briefe, in denen der Papst seine Dankbarkeit und Bewunderung für den unerschrockenen Mut zum Ausdruck brachte, mit dem der Bischof von Münster Hitler die Stirn zu bieten wagte. Diese nur wenig bekannten Briefe sind Teil der Korrespondenz, die Pius XII. in den Jahren 1940-46 mit von Galen führte. Lesen Sie hier also drei der acht Briefe, die Papst Pacelli in den Kriegsjahren an den „Löwen von Münster“ schickte. Es handelt sich um bisher nicht übersetzte, in Italien unbekannte Briefe. In seinen Antwortschreiben berichtet von Galen dem Papst nicht nur von den schrecklichen Verfolgungen unter dem Nazi-Regime, sondern beklagt sich auch bitter über die schrecklichen Zerstörungen, die die Bomben der Alliierten in Deutschland anrichteten. Eine Korrespondenz, aus der eindeutig hervorgeht, wie einig sich Pius XII. und von Galen in ihrer bedingungslosen Verurteilung des Nazismus waren, und wie sehr sie die Theorie einer Kollektivschuld ablehnten, die die öffentliche Meinung dem deutschen Volk zuschieben wollte.

Clemens August von Galen

Clemens August von Galen


DER BRIEF VON GALENS VOM 4. NOVEMBER 1943 AN PIUS XII.

Heiliger Vater!

Zu den Füßen Eurer Heiligkeit im Geiste niederkniend, bitte ich demütig, meinen unendlichen Dank darbringen zu dürfen für die gnädige Berufung zum Thronassistenten Eurer Heiligkeit, wovon Seine Eminenz der Kardinalstaatssekretär dem Domkapitel unserer Kathedralkirche unter dem 8. September 1943 Mitteilung gemacht hat. Daß ich nunmehr die Ehre habe, in die engste „päpstliche Familie“ aufgenommen zu sein, ist ein unverdienter Vorzug, der um so mehr mein Herz erfreut und beglückt, weil mich durch Gottes Gnade und durch die Erziehung meines Elternhauses von Jugend auf die innigsten Bande der Ehrfurcht, der Liebe und der Unterwürfigkeit mit dem Stellvertreter Christi auf Erden verbinden; eine Gesinnung, die durch die väterliche Herablassung und Güte Eurer Heiligkeit für meine Person noch gesteigert worden ist. Ich bitte Gott, daß Er meinem schwachen Willen helfe, in unwandelbarer Treue zu Rom, zum Felsen Petri und zum erhabenen Nachfolger des Apostelführers bis ans Ende auszuharren und auch meinen Klerus und die mir anvertrauten Gläubigen in der Treue zum Heiligen Vater zu bewahren und zu befestigen. Er wolle es gnädig fügen, daß es mir bald vergönnt sein möge, Eurer Heiligkeit persönlich mich zu nahen, um meinen Gefühlen der Ehrfurcht, Liebe und Dankbarkeit mündlichen Ausdruck zu geben.
Euer Heiligkeit drängt es mich, ganz besonders zu danken für das väterlich liebevolle Handschreiben vom 24. Februar 1943, das mir im Mai durch Seine Exzellenz den Apostolischen Nuntius zugestellt worden ist. Die väterlichen und weisen Lehren und Mahnungen desselben habe ich voll Freude meinem Klerus und meinen Gläubigen mitgeteilt. Sie sollen uns Ermutigung und Wegweisung sein der vielfach so sehr erschwerten Seelsorge, besonders aber auch im Ringen um die eigene Heiligung.
Eurer Heiligkeit würde ich gern mit anderen Zeitdokumenten den Text von zwei Predigten vorlegen, die ich am 29. Juni und am 19. September in unserer Domkirche gehalten habe, in denen ich die Gläubigen mit den belehrenden und ermunternden Worten Eurer Heiligkeit bekannt gemacht und zugleich die abscheulichen Verleumdungen, die im Stillen gegen den Heiligen Vater ausgestreut werden, energisch zurückgewiesen habe. Leider sind diese Texte, wie auch alle anderen für die Versendung nach Rom zurückgelegten Berichte und Zeitdokumente am 10. Oktober bei der Zerstörung der bischöflichen Residenz und des Ordinariatsgebäudes durch feindlichen Fliegerangriff verbrannt.
Obdachlose in den Trümmern der von den Bombardierungen des Oktober 1944 zerstörten Stadt Aachen.

Obdachlose in den Trümmern der von den Bombardierungen des Oktober 1944 zerstörten Stadt Aachen.

Im Laufe des letzten Jahres sind vor allem unsere Industriestädte Bottrop, Bocholt, Sterkrade, Gladbeck und besonders Duisburg-Hamborn oftmals durch feindliche Flieger angegriffen und beschädigt worden. Dabei haben auch zahlreiche Kirchen und kirchliche Gebäude, mehrere Krankenhäuser schweren Schaden erlitten. Auch auf Münster war am 10. Juni ein schwerer Angriff, der u.a. mehrere Kirchen zeitweise, die Herz-Jesu-Kirche für lange Zeit, unbrauchbar machte. Jetzt hat ein kurzer, aber ungemein brutaler Angriff feindlicher Bomber am Sonntag, 10. Oktober, große Teile, besonders der altehrwürdigen Innenstadt von Münster, zu einem Trümmerfeld gemacht. Sehr schmerzlich sind die Todesopfer: neben einer großen Anzahl Laien starben vier Priester: zwei Mitglieder unseres Domkapitels, die Prälaten Prof. Dr. Emmerich und Prof. Dr. Diekamp, ferner Prof. i.R. Dr. Vrede und Studienrat Dr. Hautkappe. Im Mutterhaus unserer „Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern von der Allerseligsten Jungfrau und Schmerzhaften Mutter Maria (Clemensschwestern)“ wurde die Generaloberin getötet mit den beiden Provinzialoberinnen der zwei bestehenden Ordensprovinzen, außerdem 56 Schwestern, zum großen Teil Filialoberinnen, die gerade zur Teilnahme an Exerzitien ins Mutterhaus berufen waren. Auch noch andere Ordenshäuser in der Stadt wurden, ebenso das Priesterseminar und das Theologenkonvikt, schwer beschädigt.
Vor allem beklagen wir die Zerstörung an den alten großen Kirchen der Stadt Münster. Der nördliche Turm der Kathedrale wurde von einer Sprengbombe getroffen und in Brand gesteckt; das herabfallende Gestein hat zwei Gewölbe des Hauptbaues eingeschlagen, mehrere beschädigt und im Innern vieles zerstört; das ganze Dach ist durch Feuer vernichtet. Bei der Liebfrauen- und der Lambertipfarrkirche sind die Gewölbe des Chores eingestürzt, die Martini-, die Clemens-, die Petri-Kirche sind so stark beschädigt, daß die Möglichkeit der Wiederherstellung zweifelhaft ist.
Am Domplatz sind die Kurien des Dompropstes, Domdechanten und die Wohnungen von drei weiteren Domkapitularen völlig zerstört und ausgebrannt, so daß die Hochwürdigen Herren außer etwas Kleidung fast nichts gerettet haben; unter den Geschädigten ist auch Herr Domkapitular Franz Vorwerk, der immer noch unschuldig in der Verbannung weilt.
Persönlich bin ich durch Gottes gnädigen Schutz in dem durch drei Sprengbomben getroffenen, teilweise einstürzenden bischöflichen Hofe bis auf einige leichte Wunden unverletzt geblieben, habe freilich dann durch den nachfolgenden Brand mein gesamtes Mobiliar, alle Bücher, Schriften, Akten, darunter auch, was mir besonders schmerzlich ist, die gütigen Handschreiben Eurer Heiligkeit verloren; die meisten Pontifikalparamente und Ausrüstungsgegenstände sind vernichtet; doch konnten die notwendigsten Kleidungsstücke gerettet werden.
Noch schlimmer und von unabsehbaren Folgen ist es, daß auch das Dienstgebäude des Generalvikariats und des Offizialats mit sämtlichen Akten aus der Zeit seit etwa 1820 völlig zerstört und ausgebrannt ist. Seine Exzellenz den Apostolischen Nuntius habe ich bereits gebeten, mir diesmal Dispens zu erwirken von der Anfertigung der in diesem Jahre fälligen „Relatio de statu dioecesis“, da uns auch hierfür alle Vorlagen, Unterlagen und Vorarbeiten verloren gegangen sind.
I B -17, die berühmten amerikanischen „fliegenden Festungen“ bei ihrem Zerstörungsflug über Deutschland.

I B -17, die berühmten amerikanischen „fliegenden Festungen“ bei ihrem Zerstörungsflug über Deutschland.

Heiliger Vater! Schwerer als diese äußeren Verluste bedrückt mich die Sorge um das Seelenheil der mir anvertrauten Gläubigen und die Erhaltung der christlichen Religion in unserem Lande. Wohl stehen noch Tausende aus allen Lebens- und Berufsständen, auch aus der Jugend, treu zu Christus und seiner heiligen Kirche, und ich darf mit Dank gegen Gott es feststellen, daß die Bewohner der seit alters her überwiegend katholischen Teile unseres Bistums sich durchweg bewähren in der Prüfung, und die Leiden der Kriegszeit in Ergebung und Starkmut ertragen und Gott aufopfern. Ich habe auch in diesem Jahr bei Firmungsreisen und bei Wallfahrten mich vielfach erbauen und erfreuen können an der im Rahmen des Möglichen ungemein lebhaften Bekundung treukatholischer Gesinnung und der Ergebenheit gegen den von Gott bestellten Oberhirten des Bistums. Aber es ist doch nicht zu leugnen, daß im Großen gesehen, ganz erhebliche Teile des deutschen Volkes dem Christentum, ja, dem wahren Gottesglauben gleichgültig, sogar ablehnend gegenüberstehen und immer mehr die bisherigen sittlichen Bindungen der christlichen Vergangenheit beiseite setzen. Wir müssen wohl in dem Vernichtungskrieg, der große Teile des nichtchristlichen Europa zur Trümmerstätte und Einöde zu machen droht, ein gerechtes Strafgericht über jene sehen, die „den Quell lebendigen Wassers verlassen und sich Brunnen gegraben haben, die kein Wasser halten.“ Ihnen den Weg der Rückkehr zu zeigen zu den „fontes Salvatoris“ ist unsere große und drückend schwere Aufgabe. Einstweilen wird es das Nötigste sein, daß wir mit allen Treugebliebenen dem Beispiel und den oftmaligen Mahnungen Eurer Heiligkeit folgend, die Leiden und Verluste willig und dankbar aus Gottes Hand annehmen und als Beitrag der Buße und Sühne der göttlichen Majestät aufopfern. Euer Heiligkeit für alle Belehrungen und Ermahnungen, die zu uns gekommen sind, innigen Dank zu sagen, möge mir zum Schluß dieser Zeilen gestattet sein. Der Inhalt besonders des Rundschreibens „Mystici Corporis Christi“, und vor allem der Hinweis auf das „tremendum sane mysterium, ac satis nunquam meditatum: multorum salutem a mystici Iesu Christi Corporis membrorum precibus voluntariisque afflictionibus pendere“, war mir in diesen letzten Wochen Trost und Stärkung, indem ich daraus die Hoffnung schöpfe, daß unsere Opfer und Leiden in Vereinigung mit dem Kreuze Christi Gottes Erbarmen für uns und unser Volk und alle Völker erwirken und beschleunigen werden.
In der Hoffnung, daß unsere Gebete und Opfer beitragen dürfen, Eurer Heiligkeit alle göttlichen Gaben und Freiheit und Gesundheit zu erflehen, bitte ich demütig um den Apostolischen Segen für meine Diözesanen, Laien und Priester, besonders für die an der Kriegsfront stehenden, und für unsere Jugend, und verbleibe in tiefster Verehrung Eurer Heiligkeit ergebenster und gehorsamster Sohn und Diener
+ CA


DER BRIEF VOM 20. AUGUST 1945 AN PIUS XII.

Heiliger Vater!

In tiefster Ehrfurcht und kindlicher Liebe knie ich im Geiste an den Stufen des päpstlichen Thrones, um den erhabenen Stellvertreter Jesu Christi, den gemeinsamen Vater der Christenheit zu begrüßen. Schon vor Monaten habe ich bei der britischen Militärregierung den Antrag gestellt, uns den freien Briefverkehr mit Rom und einen persönlichen Besuch bei Eurer Heiligkeit zu gestatten und zu ermöglichen. Bisher leider ohne Erfolg! Jetzt hoffe ich, bei der bevorstehenden Konferenz der Bischöfe in Fulda Gelegenheit zu haben, wenigstens diese kurzen Zeilen durch Vermittlung Seiner Exzellenz des bisherigen Apostolischen Nuntius Eurer Heiligkeit unterbreiten zu können.
Euer Heiligkeit zuerst Dank zu sagen, auch in Namen meiner Diözesanen, ist mir Pflicht und Herzenssache. Die monatelange Absperrung von Rom und die Unmöglichkeit, von Eurer Heiligkeit Lage, Worten und Taten Kunde zu erhalten, haben unsere Liebe zum Heiligen Vater und unseren Eifer im Gebet für Ihn nicht vermindert, noch auch unser Verlangen, Belehrung, Weisung und Tröstung von Ihm zu empfangen. Die ersten Worte Eurer Heiligkeit, die wir seit langer Zeit empfangen, waren jene der Ansprache an die Versammlung der Kardinäle vom 2. Juni 1945, die uns vor kurzem der Apostolische Nuntius zusandte, und mir dann auch der endlich heimgekehrte Staatssekretär Dr. Pünder überbrachte. Der echte Wortlaut mit der unwiderleglich klaren Darstellung der Vergangenheit und der jetzigen Lage und ihrer Gefahren zeigt uns darüber hinaus erneut Eurer Heiligkeit gütiges Verstehen und unveränderte Liebe für uns und unser armes Volk und Vaterland, für die fast die gesamte übrige Welt nur Haß, Abscheu, Vergeltungssucht zu haben scheint. Müssen doch sogar die von den Besatzungsmächten dirigierten neuen deutschen Zeitungen immer wieder Äußerungen veröffentlichen, die dem gesamten deutschen Volke, auch jenen, die den Irrlehren des Nationalsozialismus niemals gehuldigt und nach Vermögen ihnen Widerstand geleistet haben, eine Kollektivschuld und Verantwortung für alle Verbrechen der früheren Machthaber andichten wollen. Es scheint, daß diese Gesinnung die Grundlage ist für die der Genfer Konvention widersprechende Behandlung der kriegsgefangenen deutschen Soldaten (von den in russische Gefangenschaft gefallenen fehlt noch jegliche Nachricht), für die Zulassung der Raub- und Plünderungszüge der seinerzeit nach Deutschland verschleppten ausländischen Arbeiter, besonders der Russen und Polen, mit ihren Brandstiftungen, Mordtaten, Vergewaltigungen ehrenhafter Frauen und Jungfrauen, für die rücksichtslose Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Heimat und Besitz, wie sie teils schon durchgeführt, teils für die Zukunft beschlossen ist. Wahrhaft erschreckend ist es, wie der im Rassekult des Nationalsozialismus kulminierende übertriebene Nationalismus jetzt auch bei den Siegern derartig herrschend geworden ist, daß man in Potsdam beschlossen hat, die gesamte deutsche Bevölkerung aus den an Polen und die Tschechoslowakei fallenden Gebieten (Ostpreußen, Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien, Böhmen usw.) auszuweisen und in die jetzt schon überbevölkerten deutschen Westgebiete zusammenzudrängen. Andererseits geht man z.B. in Holland so weit, sogar jenen deutschen Männern, die früher jahrelang in Holland gelebt und gewohnt haben, dort mit Holländerinnen verheiratet waren, und deren Familien dort sind und nach der Heimkehr des Vaters verlangen, die Rückkehr, ja, sogar den Besuch ihrer Frauen und Kinder zu verweigern. Eine solche gewaltsame Trennung der Familien erinnert ebenfalls an die Rassenlehren des Nationalsozialismus, die in der Judenverfolgung und gewaltsamen Trennung auch christlicher Ehen mit getauften Juden ihren Ausdruck fanden.
Deutsche Flüchtlinge 1945 auf dem Berliner Bahnhof.

Deutsche Flüchtlinge 1945 auf dem Berliner Bahnhof.

Wie dankbar sind wir bei solcher Haltung der Welt für die gütigen, verstehenden, tröstenden und ermunternden Worte Eurer Heiligkeit am 2. Juni 1945. Wir empfinden sie als Worte des Stellvertreters dessen, der in die Welt gekommen ist, „non ut iudicet mundum, sed ut salvetur mundus per ipsum.“
Euer Heiligkeit schreibe ich aus den Ruinen der Stadt Münster, die noch in den letzten Kriegstagen, am 23. und 25. März 1945, erneut mit Spreng- und Brandbomben überschüttet wurde. Mit dem Dom sind damals die alten Teile der Stadt fast völlig zerstört und ausgebrannt; von den alten Kirchen kann nur noch eine einzige, die St. Mauritz-Kirche außerhalb der Stadt benutzt werden. Die Arbeiten zur Wiederherstellung, ja, zum Schutz und zur Erhaltung der wieder verwendbaren Reste finden bei den Besatzungsmächten keine Förderung und müssen auch wohl zurückbleiben angesichts der bestehenden Wohnungsnot.
Mit größter Sorge sehen wir der Zukunft entgegen. Unzählige haben durch den Bombenkrieg Wohnung, Werkstatt und Geschäft verloren. Unzählige im Westen und Osten sind vor der herannahenden Kriegsfront aus der Heimat geflohen und können nicht wieder heimkehren: das gilt vor allem von den vor den russischen Truppen Geflüchteten, die weder zurückkehren können, noch irgendeine Nachricht von ihren zurückgebliebenen Angehörigen erhalten. Unsere christliche Landbevölkerung hat in großer Weitherzigkeit die Flüchtlinge aus den Städten, von den Grenzen, aus dem Kriegsgebiet aufgenommen, sich vielfach selbst aufs äußerste eingeschränkt, um den Fremden Obdach und Beköstigung zu gewähren. Aber mit der Länge der Zeit wird das enge Zusammenleben früher selbstständiger Familien in beschränkten und untrennbaren Wohnungen, die Gemeinsamkeit der Räume, Möbel und Kochgeschirre zu einer schweren Geduldsprobe und Belastung, und eine Gefährdung nicht nur der Liebe, sondern auch der guten Sitten. Dazu kommt die Aussichts- und Hoffnungslosigkeit unserer wirtschaftlichen Lage und die drohende Gefahr der Proletarisierung, ja, völligen Verarmung großer, bisher auskömmlich versorgter und wohlhabender Familien, auch aus den gebildeten Schichten. Wie schwer wird es sein, die zahlreichen Menschen, die das „Proletarierschicksal der Daseinsunsicherheit“ werden tragen müssen, im Glauben an Gottes Vatergüte und in der treuen Erfüllung der Gebote der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe zu erhalten! Schon jetzt entfalten Apostel des gottlosen Kommunismus eine rege Agitationstätigkeit, besonders im Industriegebiet: wir fürchten, daß der Siegeszug der bolschewistischen Ideen weit über die Grenzen der russischen Besatzungszone hinausgehen wird. Leider scheinen die Besatzungsmächte im Westen, England und Amerika, diese Gefahr nicht zu sehen oder nicht den Mut zu haben, die notwendigen Gegenmaßnahmen zu treffen, daß sie der Gefahr der Proletarisierung des deutschen Volkes entgegenwirken.
Heiliger Vater! Ich bitte demütigst um Verzeihung, daß ich mit dieser Darlegung unserer schweren Lage das Vaterherz Eurer Heiligkeit betrübe. Ich darf auch andererseits versichern, daß unser gläubiges Volk bisher treu ausharrt im Glauben, daß die heimkehrenden Krieger zum großen Teil sogleich wieder zur katholischen Tradition der Heimat zurückfinden, daß die aus dem Kriege zurückkehrenden Priestersoldaten und Seminaristen durchweg den Eindruck machen, daß sie ihren heiligen Beruf in Ehren gehalten und unbefleckt durch alle Gefahren getragen haben. Gott sei Dank für so viele wirksame Gnaden und für den Trost, den solche Beobachtungen bereiten. Sie sollen mir Ansporn sein zu unbegrenztem Gottvertrauen und frohem Optimismus in der Arbeit und Sorge für Christi Reich.
Ich muß weiter um Verzeihung bitten, daß ich es wage, Euer Heiligkeit in dieser nach Form, Papier und Schrift mangelhaften und wenig würdigen Weise zu schreiben. Ich bitte demütigst, das meiner Armut zugute zu halten, da ich tatsächlich mit dem Vorhandenen fürlieb nehmen muß. Ich wage es, indem ich dem kindlichen Verlangen meines Herzens folge, dem gütigen Vaterherzen auf dem Stuhle Petri meine Ehrfurcht darzubringen und meine Sorgen vorzutragen. Im Vertrauen auf die von Eurer Heiligkeit meiner geringen Person so oft erwiesene Güte erlaube ich mir auch noch die Mitteilung beizufügen, daß mein Euer Heiligkeit bekannter jüngerer Bruder Franz, Geheimkämmerer Eurer Heiligkeit, der im August 1944 von der Gestapo ohne erkennbaren Grund verhaftet und abgeführt war, im April aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg befreit und im Juli zu seiner Familie zurückgekehrt ist, lebend, aber entkräftet und an der Gesundheit schwer geschädigt.
In dem ich mir erlaube, den Text einer Predigt, die ich am 1. Juli 1945 im Wallfahrtsort Telgte bei Münster gehalten habe, beizulegen, bitte ich demütig um den Apostolischen Segen für mich, meine Diözese, meine Priester, die heimkehrenden Soldaten, die vielfach bedrängten und getrennten Familien, die gefährdete Jugend und verbleibe in kindlicher Ehrfurcht
Euer Heiligkeit gehorsamster Sohn und Diener

+ CA.
Bischof von Münster


DER BRIEF VOM 6. JANUAR 1946 AN PIUS XII.

Heiliger Vater!

Mit kindlicher Ehrfurcht im Geiste zu Eurer Heiligkeit Füßen kniend, suche ich vergeblich nach Worten, die ausdrücken, was mein Herz bewegt. – Der Rundfunk und dann die Zeitung haben es bekannt gemacht, daß Eure Heiligkeit geruht haben, das Heilige Collegium der Kardinäle durch die Berufung einer großen Anzahl neuer Mitglieder zu ergänzen. Eure Heiligkeit haben dabei die Übernationalität der heiligen katholischen Kirche und ihre den Völkerhaß beschämenden Einheit und Einigkeit in unübertrefflicher Weise vor der ganzen Welt erwiesen und zur Darstellung gebracht, indem Männer aus allen Erdteilen, Völkern und Nationen in den höchsten Senat und Beirat des Oberhauptes der Kirche berufen wurden. Daß dabei auch unser armes, durch den Krieg verwüstetes, durch die Niederlage gedemütigtes, heute von allen Seiten durch Haß und Rachgier zertretenes deutsches Volk nicht übergangen, sondern durch die Berufung von drei deutschen Bischöfen in das Kardinalskollegium ausgezeichnet wurde, dafür danken die deutschen Katholiken mit ihren Bischöfen und Priestern, dafür danken auch viele nichtkatholische Deutsche dem Stellvertreter Christi auf Erden aus tief gerührtem Herzen.
Wenn aber Eure Heiligkeit bestimmt haben, daß auch meine geringe Person zu diesen gehören und in das heilige Collegium der Kardinäle eintreten soll, so kann ich nur sagen, daß diese unerwartete und unverdiente Auszeichnung und Berufung mich tief erschüttert hat, mich beschämt und bedrückt, so daß ich mit dem heiligen Petrus sprechen möchte: „Exi a me, quia homo peccator sum, Domine.“ Nur der in meinem ganzen bisherigen Leben nach Kräften hochgehaltene Grundsatz, jeden Wunsch des Papstes als ein Gebot dessen zu betrachten, der ihn zum Hirten der ganzen Herde bestellt hat, bestimmt mich, in Demut, wie einst am Tage der Priesterweihe, mein „Adsum“ zu sprechen, und die übertragene Würde und Ehre hinzunehmen. Dabei tröstet mich, daß ich darin eine Anerkennung sehen darf der tapferen Haltung der Mehrzahl der Katholiken des mir anvertrauten Bistums Münster, die in den Jahren der Verfolgung und Bedrückung die Treue zu Christus, zu seiner heiligen Kirche, zum Heiligen Vater bewahrt haben und es mir durch ihre Gesinnung und Haltung möglich gemacht haben, auch in der Öffentlichkeit für die Rechte Gottes und der Kirche, für die von Gott gegebenen Rechte der menschlichen Persönlichkeit einzutreten. Die nicht zu hemmenden Freudenbezeugungen meiner Diözesanen bei Bekanntwerden der Nachricht meiner Berufung, die unzähligen Glückwünsche aus der Diözese und aus allen Teilen Deutschlands geben mir das Recht, den Gnadenerweis Eurer Heiligkeit in diesem Sinne zu deuten und anzunehmen.
Die lange Prozession bei der Beerdigung von Galens auf ihrem Weg durch die Straßen von Münster.

Die lange Prozession bei der Beerdigung von Galens auf ihrem Weg durch die Straßen von Münster.

Eurer Heiligkeit spreche ich daher im Namen meiner Diözesanen und gleichzeitig der deutschen Katholiken in kindlicher Hingabe den ehrerbietigsten Dank aus für diesen erneuten unverdienten Erweis der Huld und der väterlichen Liebe. Ich erneuere dabei das Gelöbnis unwandelbarer Treue, steten Gehorsams und kindlicher Liebe zum Oberhaupt der Kirche, dem Stellvertreter Christi auf Erden, und zu Eurer Heiligkeit erhabenen Person, für den wir täglich in unseren armen Gebeten Gottes Gnade, Schutz und Beistand herabzuflehen uns bemühen.
In der frohen Hoffnung, bald zu den Füßen Eurer Heiligkeit knien zu dürfen und mit der demütigen Bitte um den Apostolischen Segen für mich und meine Diözesanen verbleibe ich
in tiefster Ehrerbietung Eurer Heiligkeit gehorsamer
Sohn und Diener
+ C.A.


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