Eine Messe für Paris
Seit 400 Jahren wird im Lateran ein feierlicher Gottesdienst für das Gedeihen Frankreichs gefeiert.
von Gianni Cardinale

Botschafter Morel begrüßt Kardinal Ruini
Die Messe vom 13. Dezember fand auch deshalb in einem besonders feierlichen Rahmen statt, weil sich der 400. Jahrestag ihrer Einsetzung jährte. Wie Msgr. Louis Duval-Arnould in der Beilage der römischen Tageszeitung Avvenire vom 12. Dezember sagte, geht diese Messe auf den König von Frankreich, Heinrich IV., zurück, der sich, nachdem er Erbe eines zwischen Katholiken und Protestanten geteilten Reiches geworden war, zuerst der calvinistischen Konfession angeschlossen hatte, dann aber doch definitiv in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt war und die Absolution des Papstes erlangen konnte. „Diese Konversion,“ erklärte Duval-Arnould, „der eine Verfügung folgte, die den Protestanten große Religionsfreiheit zugestand – das berühmte Edikt von Nantes von 1598 –, hatte dem Reich endgültig wieder den Frieden gebracht.“ Und um seine Dankbarkeit der Kirche von Rom gegenüber zu zeigen, deren Vergebung diese Aussöhnung ermöglicht hatte, machte Heinrich IV. dem Laterankapitel 1604 eine großzügige Schenkung. Als eine der Klauseln dieser Schenkung legte man fest, daß das Kapitel jedes Jahr zum Geburtstag des Königs (am 13. Dezember) eine Messe für das Gedeihen Frankreichs zu halten habe.
Die Zeiten haben sich geändert, in Frankreich gibt es seit mehr als 150 Jahren keine Monarchie mehr, aber die Messe der hl. Lucia wird immer noch pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt gefeiert, Jahr für Jahr.
Und dieses Jahr, wie bereits gesagt, in besonders feierlicher Form. Alle Mitglieder des am Hl. Stuhl akkreditierten Korps waren geladen. In der ersten Reihe saßen der Botschafter Frankreichs, Pierre Morel, nebst Gemahlin, sowie die französischen Kardinäle Roger Etchegaray und Jean-Louis Tauran. Der Botschafter verlas am Ende eine kurze Grußadresse an die Teilnehmer. Der Diplomat – der Frankreich in der Vergangenheit an so wichtigen Vertretungen wie der in Moskau und Peking repräsentierte – dankte vor allem Kardinal Ruini für diese „Feier, der Sie jedes Jahr treu geblieben sind“, und beglückwünschte ihn zu seinem vor kurzem gefeierten 50jährigen Priesterjubiläum. Morel verwies auch auf die besondere Beziehung, die die Lateran-Basilika zu Frankreich hat, und die auch von dem Umstand bezeugt wird, daß ein anderer französischer König, Karl V., die Basilika im 14. Jahrhundert restaurieren und das monumentale Ziborium erbauen ließ, in dem sich die Reliquienschreine mit den Köpfen der Heiligen Petrus und Paulus befinden; und gerade aus diesem Grund sind – wie der Diplomat erklärte – „auf dem Bogen die Lilien Frankreichs dargestellt.“
Denkwürdig war vor allem die Homilie von Kardinal Ruini – rigoros auf Französisch. Der Purpurträger begrüßte Botschafter Morel mit folgenden Worten: „Wir vergessen nicht, daß Sie bei diesem Anlaß den französischen Staatspräsidenten vertreten [Jacques Chirac, Anm.d.Red.], Erbe der Könige von Frankreich, dem das Kapitel den Titel „erster und einziger Ehrenkanoniker“ unserer Basilika zuerkennt, und der 1996 hierher kam, um den symbolischen Sitz, der ihm zusteht, in Besitz zu nehmen.“ Der Kardinalvikar zeichnete dann eine kleine Apologie Heinrichs IV., der vor allem für folgenden Ausspruch bekannt war: „Paris ist ja wohl eine Messe wert!“. „Als sich Heinrich IV. für die katholische Kirche entschieden und die Vergebung Roms erlangt hatte, übte er sich nicht in der Intransigenz und Intoleranz, die in dem geteilten Europa der damaligen Zeit die Regel waren; weit davon entfernt, das Prinzip ‚ein Glaube, ein Gesetz, ein König‘ anzuwenden, nach dem jedes Reich oder Fürstentum nur eine Religion zulassen durfte, gestand er den Protestanten Frankreichs mit dem Edikt von Nantes große Freiheit zu,“ sagte Ruini. „Politisches Kalkül oder ehrlicher Respekt der Gewissensfreiheit?“, fragte sich der Kardinal dann, und fügte an: „Das ist hier nicht der rechte Ort, um das zu erörtern; ich möchte nur daran erinnern, daß Heinrich IV. auf diese Weise Frankreich den Religionsfrieden wiedergebracht hat – wenn das Gleichgewicht auch prekär blieb –, und das trotz des Unverständnisses eines Teils der öffentlichen Meinung, deren Fanatismus die Hand des Königsmörders François Ravaillac gelenkt hatte [der ehemalige Mönch, der Heinrich IV. 1610 ermordete, Anm.d.Red.]. Es geht nicht darum, Heinrich IV. selig zu sprechen, einen Heiligen aus ihm zu machen, einen Märtyrer. Aber vielleicht kann uns dieser Herrscher unserer Zeit doch eine Lektion erteilen: die der Toleranz und der Suche nach Frieden nämlich.“