Die ägyptische Wette
Von den Verfolgungen unter Diokletian bis zum Fall Mubaraks.
Von den Bündnissen mit den ersten Jüngern Mohammeds bis zur ungeklärten Rolle der Muslimbrüder. Antonios Naguib, Patriarch der katholischen Kopten von Alexandria, rekonstruiert den langen Weg der Christen durch das Land der Pharaonen. Eine Geschichte, die viele Überraschungen bereithält.
Interview mit Antonios Naguib von Gianni Valente
Zuerst das Attentat auf eine koptisch-orthodoxe Kirche in Alexandria, bei dem in der Silvesternacht Dutzende von Menschen getötet wurden. Dann die Revolte auf den ägyptischen Plätzen, die Straßenschlachten, die Toten, das Ende des Regimes Mubarak und der Beginn einer Wende mit noch ungewissem Ausgang. Wie alle Ägypter erleben auch die ägyptischen Christen eine Zeit der Ungewissheit. Eine Zeit voller Angst und hoffnungsvollem Bangen. Eine Zeit, in der man nur die Barmherzigkeit Gottes erflehen und ihm Dank sagen kann. Zu Wort kommt Antonios Naguib, der koptische Patriarch von Alexandria.

Antonios Naguib.
ANTONIOS NAGUIB: Wie schlimm diese Tage waren, konnte die ganze Welt in den Medien mit verfolgen. Die Parteien und die Oppositionsgruppen, die das Regime und die Regierung bekämpften, haben am Dienstag, dem 25. Januar, mit Massendemonstrationen begonnen. Sie forderten eine „Wende“, eine radikale und sofortige Änderung des Regimes, der Verfassung, der Regierung, ja die Absetzung des Präsidenten. Präsident Mubarak hat versucht, die Demonstranten und die öffentliche Meinung mit Teilzugeständnissen zu besänftigen, aber es ist ihm nicht gelungen. Wie es endete, ist bekannt: mit dem Rücktritt Mubaraks.
Wie konnte es zu derart massiven Protesten kommen?
In Wahrheit hat sich diese Entwicklung schon lange abgezeichnet. Viele Beobachter haben schon seit geraumer Zeit auf die Vorzeichen aufmerksam gemacht. Es war wie ein Vulkanausbruch. Letzten Endes haben aber mehrere Faktoren dazu beigetragen, dass das Volk den Aufstand gewagt hat: der Machtmissbrauch, die Korruption, das Monopol, das einige Geschäftsleute auf die Industrie, auf Grund und Boden zu haben glaubten. Dann noch die massiven sozialen Probleme: die Jugendarbeitslosigkeit, die Wohnungsnot, die es jungen Leuten unmöglich macht, eine Familie zu gründen; die steigenden Preise für Lebensmittel und Dienstleistungen.
Es hat viele Tote gegeben. Aber es gab Momente, in denen man befürchtete, dass das Ganze in einen noch viel blutigeren Bürgerkrieg ausarten würde.
In allen Kirchen des Landes wurde täglich für den Frieden im Land gebetet. Wir können dem allmächtigen Gott nur danken, dass es so gekommen ist. Wir beten für den Frieden, das Wohl unseres geliebten Ägypten, und wir hoffen auf eine bessere, glücklichere Zukunft.
Wer hat die Revolte nun wirklich angezettelt? Welche Rolle spielten die Muslimbrüder, welche Rolle werden sie in Zukunft spielen? Was ist mit der Armee?
Zunächst einmal müssen wir sagen, dass wir es vor allem den jungen Patrioten zu verdanken haben, wenn den Menschen hier endlich bewusst wurde, dass die Situation in unserem Land schon seit viel zu langer Zeit untragbar war. Die Muslimbrüder haben aus ihrer radikalen Opposition nie einen Hehl gemacht. Aber nicht sie haben die Erhebung des Volkes gesteuert. Die Streitkräfte wollten das Volk nicht mit Waffengewalt unterwerfen, und ich denke, dass sie durchaus ihren Teil dazu beigetragen haben, dass sich Mubarak letztendlich doch zum Rücktritt gezwungen sah.
War es eine spontane Revolte oder hat man durch Druck von außen versucht, Ägypten zu destabilisieren?
Die ersten Demonstrationen junger Ägypter am 25. Januar waren friedlich, alles verlief korrekt. Später kamen noch andere Elemente dazu, und das Ganze artete in Vandalismus aus. Der Abzug der Polizeikräfte hat dann das Übrige getan. Aber in diesem Moment hat sich auch etwas Interessantes gezeigt: überall schlossen sich junge Leute, Christen und Muslime, zum Ausdruck der Solidarität zu „Volkskomitees“ zusammen, um die Einwohner, deren Hab und Gut, zu schützen. So konnten Sicherheit und Ruhe wiederhergestellt werden.
Hat der Druck von Seiten des Westens – besonders der USA – und der Streitkräfte den Rücktritt Mubaraks beschleunigt? Wie wird diese Druckausübung von der ägyptischen Bevölkerung beurteilt?
Ich kann nicht sagen, ob der Druck von Seiten des Westens, besonders Amerikas, für den Rücktritt Mubaraks tatsächlich ausschlaggebend war. Wenn die Demonstrationen mit seinen ersten Zugeständnissen beendet gewesen wären, wäre er sicher nicht vor dem Ende seines Mandats zurückgetreten. Dass ihm letztendlich nichts anderes übrig blieb, haben wir vor allem den jungen Menschen, den Demonstranten, zu verdanken, die sich nicht auf Kompromisse einließen, sondern auf seinem vollkommenen und definitiven Rücktritt bestanden. Wenn er nicht selbst zurückgetreten wäre, wäre er sicher durch Armeebeschluss abgesetzt worden.
Wie geht es jetzt Ihrer Meinung nach weiter?
Meiner Meinung nach besteht tatsächlich die Möglichkeit, einen Kurs einzuschlagen, der Ägypten allmählich einen sicheren Platz unter den modernen Ländern garantieren kann. Den eines zivilisierten und demokratischen Landes, das auf dem Recht basiert und wo die Freiheit eines jeden respektiert wird: Ein Land, in dem die Beziehungen zwischen den Personen auf der Grundlage des für alle gleichen Bürgerrechts geregelt werden und alle dieselben Rechte und Pflichte haben. Das waren die politischen Forderungen, die bei den Demonstrationen zum Ausdruck gebracht wurden. Und das kann definitiv der Weg sein, um Spaltungen und Auseinandersetzungen zwischen sozialen und religiösen Gruppen zu vermeiden, um allen die Möglichkeit zu geben, ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. So kann auch vermieden werden, dass gewisse Gruppen in der Gesellschaft oder im politischen Leben diskriminiert werden. Seine Lage macht Ägypten zu einem wichtigen Kreuzungspunkt – und das nicht nur unter einem politischen, sondern auch unter einem wirtschaftlichen und sozialen Aspekt. Der Wiederaufbau des Landes kann nun die Wurzeln einer Zivilisation wieder erstarken lassen, die die Welt Jahrhunderte lang geprägt hat.
Wie haben die Christen diese Zeit erlebt?
Wie all unseren Landsleuten haben diese dramatischen Ereignisse auch uns große Sorgen bereitet. Wie bereits gesagt, wenden sich alle Kirchen an das, was unsere einzige Zuflucht ist: die göttliche Barmherzigkeit. Wir setzen unser ganzes Vertrauen auf Gott, flehen ihn an, den Führern der Gruppen und Organisationen Erleuchtung und Mut zu schenken, damit wir auf dem Weg des Wiederaufbaus gemeinsam voranschreiten können.
![Der Tahrir-Platz in Kairo, wo Hunderttausende Regierungsgegner 18 Tage lang demonstrierten und damit die Revolte gegen Präsident Hosni Mubarak eingeleitet haben. [© Corbis]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/3-1_2-2011.jpg)
Der Tahrir-Platz in Kairo, wo Hunderttausende Regierungsgegner 18 Tage lang demonstrierten und damit die Revolte gegen Präsident Hosni Mubarak eingeleitet haben. [© Corbis]
Als positiv zu beurteilen ist meiner Meinung nach der Umstand, dass sich in diesen Tagen etwas herauskristallisierte, das es noch nie gegeben hat: die Bürger haben gemeinsame Front gemacht – Alte und Junge, Christen und Muslime. Alle ohne Ausnahme, ohne Unterschied, in dem gemeinsamen Wunsch, etwas für das Wohl Ägyptens zu tun, für die Rettung des Landes, für die Sicherheit. Ich hoffe, dass diese Gefühle in den Herzen Wurzeln fassen können, dass sie bleibend sind. Diese Erfahrung hat vielen die Augen geöffnet. Jetzt können alle sehen, dass jene, die unter dem Vorwand der religiösen Verschiedenheit unter uns Ägyptern Teilungen und Kontraste schüren, in Wahrheit darauf abzielen, diese Einheit zu zerstören, dass sie Ägypten destabilisieren wollen.
Man kann nicht bestreiten, dass sich das autoritäre Regime Mubarak in seinen offiziellen Stellungnahmen gegen die religiösen Konflikte ausgesprochen hat, dass es trotz allem von vielen Beobachtern als eine Art „Schutz“ für die Christen betrachtet wurde, die in den letzten Jahrzehnten zunehmend zur Zielscheibe von Gewalt geworden sind. Kann es sein, dass man die beängstigende Allgegenwart der Sicherheitskräfte irgendwann vielleicht doch noch vermissen wird?
Es stimmt, dass viele Christen glaubten, das Regime Mubarak garantiere ihnen einen gewissen Schutz, dass sie befürchteten, ein Regime-Wechsel könne die Muslimbrüder an die Macht bringen. Diese Gefahr ist zwar noch nicht ganz gebannt, aber doch in relativ weite Ferne gerückt. Außerdem haben die Streitkräfte ja auch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass ihre Aufgabe provisorisch sei, der Vorbereitung der vollkommenen Wiedereinsetzung der zivilen Regierung diene.
Ägypten rückte schon kurz vor dem Ausbruch der Revolte in den Mittelpunkt des Weltinteresses, als in der Silvesternacht ein blutiges Attentat auf koptische Christen verübt wurde. Besteht zwischen dem Attentat in Alexandria und der Revolte ein Zusammenhang?
Das habe ich mich auch gefragt. Ich habe schon in den Achtziger und Neunziger Jahren etwas Ähnliches erlebt, als ich Bischof von Minya war. Auch damals mussten wir fünf harte Jahre durchstehen, in denen Christen getötet wurden. Die damaligen Drahtzieher wollten das Regime stürzen, was ihnen aber nicht gelungen ist. Und da haben sie angefangen, ihren Zorn direkt auf die Polizei und die Regierungsvertreter zu richten, was in der Ermordung von Groß-Imam Al-Azhar gipfelte. Die Zielscheibe war das Regime, die Christen hatten nur das Pech, im Weg zu stehen.
In den jüngsten Stellungnahmen wurde gesagt, dass die Polizeikräfte, die sich in den letzten drei Tagen der Revolte zurückgezogen und den nachfolgenden Akten von Vandalismus Tür und Tor geöffnet haben, vom Innenminister den Befehl zum Rückzug bekommen hätten; dass dieser damit zeigen wollte, dass er für den Präsidenten und für das Regime unersetzlich sei. Obwohl es keinerlei Polizeiaufgebot gab, niemand wie sonst vor den Kirchen Wache schob, wagte es keiner, diese anzugreifen. Das hat besonders bei den Christen die Meinung verstärkt, dass der Innenminister selbst das Blutbad in Alexandria angezettelt haben könnte, um eine Verstärkung der Polizeikontrollen zu rechtfertigen. Die spontane Revolte der jungen Leute und des Volkes hat jedenfalls jedes kriminelle Kalkül ausgeräumt.
Seit dem Blutbad von Alexandria am 31. Dezember interessieren sich auch die internationalen Medien für die koptischen Christen in Ägypten. Oft ohne genau zu wissen, wer sie eigentlich sind.
Die Kopten sind die Christen Ägyptens, die den christlichen Glauben der Überlieferung nach vom Apostel Markus empfangen haben. Unter Diokletian, dem großen Christenverfolger, kam dann die Ära der Märtyrer, in der auch (im Jahr 284) der koptische Kalender entstand. Im 4. Jahrhundert konnte sich der christliche Glaube dank der Religionsfreiheit in ganz Ägypten verbreiten. Die Kirche von Alexandria spielte damals eine wichtige Rolle, konnte sich großer Theologen rühmen: Origenes, der hl. Alexander, der hl. Cyrill und der hl. Athanasius. Bis zum Jahr 451, als sich die koptische Kirche, die Kirche Äthiopiens, Syriens und Armeniens weigerten, die Beschlüsse des Konzils von Chalzedon anzuerkennen.
Wie machen sich die apostolischen Wurzeln der Kirche Ägyptens im Alltagsleben, in der Volksfrömmigkeit, bemerkbar?
Die Verehrung des hl. Markus ist stark ausgeprägt. Er wird als Gründerapostel verehrt. Schließlich hat Jesus ja auch in Ägypten gelebt, als Maria und Josef auf der Flucht vor Herodes hier Zuflucht suchten. Der gesamte Weg der Heiligen Familie ist mit Orten und Heiligtümern gesäumt, die beliebte Wallfahrtsziele sind.
![Ein Demonstrant hebt bei einer Kundgebung gegen die Räumung des Platzes zwei Tage nach dem Sturz Mubaraks ein Kruzifix und einen Koran in die Höhe (Sonntag, 13. Februar 2011). [© Associated Press/LaPresse]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/4-1_2-2011.jpg )
Ein Demonstrant hebt bei einer Kundgebung gegen die Räumung des Platzes zwei Tage nach dem Sturz Mubaraks ein Kruzifix und einen Koran in die Höhe (Sonntag, 13. Februar 2011). [© Associated Press/LaPresse]
Bis 451 war die Kirche praktisch eine, dann kamen die Spaltungen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannte sich ein kleiner Teil der Kopten zur Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom. Im Jahr 1895 errichtete Papst Leo XIII. das koptisch-katholische Patriarchat. Wie man sich dieses Band zu Rom aber konkret vorstellen soll, ist nach wie vor ein umstrittener Punkt in den Beziehungen zu unseren Brüdern und Schwestern der koptisch-orthodoxen Kirche. Sie sagen zwar „ja“ zur Einheit im Glauben und in der Liebe, wollen sich aber nicht als Christen „zweiter Klasse“ unterwerfen lassen. Sie sagen, das wäre die Situation der ersten Jahrhunderte gewesen, die sich später in der Pentarchie konsolidierte, der Regierung, die aus fünf Patriarchaten besteht. Eines davon war das von Rom, das – wie sie meinten – zwar einen Primat in der Liebe hatte, nicht aber in der Jurisdiktion.
Bei der jüngsten Bischofssynode für den Nahen Osten hat Kardinal Levada angekündigt, die Oberhäupter der orientalischen Kirchen zum Thema „Primat“ befragen zu wollen, um neue Anregungen für einen Dialog mit den Orthodoxen zu finden. Wurde diese Initiative weiter verfolgt? Hat die Kongregation für die Glaubenslehre die katholischen Patriarchen kontaktiert?
Bisher nicht. Bei der Synode wurde zum Ausdruck gebracht, dass man eine größere Miteinbeziehung der Patriarchen des Orients in die Belange der katholischen Kirche begrüßen würde. Es wurde auch der ein oder andere praktische Vorschlag gemacht, beispielsweise der, die orientalischen Patriarchen in das Kardinalskollegium aufzunehmen, das den Papst wählt. Und zwar kraft ihres Patriarchenamts, und ohne dass sie zu Kardinälen kreiert werden müssen. Das würde in der Tat eine stärkere Miteinbeziehung bedeuten, stellt aber noch keine Lösung dar. Und das sind sicher keine Dinge, die unsere orthodoxen Brüder zufriedenstellen können. Ihr Kriterium ist die Autokephalie, die Autonomie der Ortskirche. Und die Frage des Primats sollte in der Art und Weise gestellt werden, wie er in den Beziehungen zwischen den Aposteln und ihren ersten Nachfolgern geteilt wurde.
Seit der Ablehnung des Konzils von Chalzedon werden die autochtonen christlichen Gemeinden Ägyptens mit dem Monophysitismus in Verbindung gebracht, jener Lehre, die von besagtem Konzil verurteilt wurde und laut der die menschliche Natur Jesu von der göttlichen aufgenommen wird. Was von diesen Lehren ist in der koptischen Spiritualität erhalten geblieben?
In Wahrheit betrafen die Dispute grundlegende terminologische Aspekte. Und wie auch heute der Fall, wurden die lehrmäßigen Dispute von politischen Fragen angeheizt. Ägypten stand damals unter der Herrschaft der Byzantiner, die das Konzil von Chalzedon anerkannt hatten und „chalzedonische“ Bischöfe aufzwingen wollten, die ihnen politisch treu waren, angefangen beim Patriarchatssitz von Alexandria. Für die Ägypter war der „chalzedonische“ Glaube ein Erkennungszeichen des kaiserlichen Glaubens. So bildeten sie vor allem auf Druck der Mönche eine Volkskirche und überließen den Chalzedoniern die Kontrolle der kaisertreuen Hierarchie, die von den byzantinischen Garnisonen geschützt wurde. Von einem lehrmäßigen Gesichtspunkt waren die Lehren, die die Absorbierung der menschlichen Natur Jesu durch die göttliche behaupteten, in Ägypten bereits im 6. Jahrhundert abgelehnt worden. 1988 unterzeichneten die Repräsentanten der koptisch-orthodoxen Kirche und der katholischen Kirche eine christologische Erklärung zum Ausdruck ihres gemeinsamen Glaubens an Jesus Christus, der „vollkommen [ist] in seiner Gottheit und vollkommen in seiner Menschheit“ und der „Seine Menschheit eins gemacht hat mit seiner Gottheit, ohne Vermischung, Vermengung oder Konfusion.“
Wie zeigt sich die Spiritualität der koptischen Kirche Ihrer Meinung nach im konkreten Leben?
Hier muss man unterscheiden. Wir katholischen Kopten sind durch die Schule katholischer Professoren und Ausbilder gegangen. Wir können uns also auf alle neuen theologischen und spirituellen Beiträge stützen, die der Katholizismus im Lauf der Jahrhunderte hervorgebracht hat. Unser Denken ist in ständiger Entwicklung begriffen, wird von der Lehre genährt, die wir vom Papst, von den Kongregationen, von den Theologen und von den Heiligen erhalten.
Und wie verhält es sich mit den orthodoxen Kopten?
Da liegen die Dinge anders. Wir katholischen Kopten unterscheiden zwischen monastisch-asketischem spirituellen Erbe und dogmatisch-theologischem Erbe. Für die orthodoxen Kopten dagegen ist Theologie gleichbedeutend mit der Heiligen Schrift, mit den Kirchenvätern, dem Reichtum der monastischen spirituellen Tradition. So bleibt alles gleich wie in der Anfangszeit; es fehlt jene Differenzierung, die wir im Lauf der Jahrhunderte in der katholischen Kirche beobachten konnten. Und ich muss sagen, dass es für uns katholische Kopten hilfreich ist, der Welt unserer orthodoxen koptischen Brüder so nah zu sein. Unsere Ausbildung „westlicher Prägung“ birgt nämlich die Gefahr der Intellektualisierung. Bei ihnen dagegen ist alles viel einfacher, mehr auf das Wesentliche konzentriert. Das, was uns alle vereint, ist die Liturgie. Wir müssen sagen, dass der Glaube in Ägypten nicht dank der Theologie, der zivilen Kultur, der großen Prediger, bewahrt und überliefert werden konnte, sondern dank der bedingungslosen Treue zur Liturgie, die man bei unseren Christen beobachten kann. Die Liturgie ist unsere wahre spirituelle Heimat.
Und die Pilgerfahrten?
Auch die Pilgerfahrten haben bei unseren Gläubigen einen großen Stellenwert. Die Menschen kommen aus ganz Ägypten; hier werden wir wieder zu einer Familie, im Glauben und in der Verehrung der Heiligen. Auch wir katholischen Kopten pilgern zu den orthodoxen Heiligtümern, an jene Orte, an denen der Überlieferung zufolge die Heilige Familie vorbeigezogen ist.
Stimmt es, dass auch Muslime kommen?
Ja, natürlich. Sie kommen zum hl. Georg und zur Jungfrau Maria, die im Koran als die meist Geehrte unter den Frauen bezeichnet wird, und die – auch ihrer Auffassung nach – auf wunderbare Weise ihren Sohn geboren hat, den sie als den größten aller Propheten betrachten. Die Jungfrau Maria ist also sozusagen eine Brücke der Einheit. Dann wäre da noch die hl. Therese von Lisieux. In Kairo gibt es eine ihr geweihte Basilika, die von vielen Muslimen besucht wird.
Tatsächlich? Wie kommt das?
Sie ist ihre Lieblingsheilige. Das Heiligtum befindet sich in einem dicht bevölkerten Viertel. Und so ist es nur verständlich, dass wenn jemand krank ist oder Probleme in der Arbeit hat, mit der Familie, von einem befreundeten Christen den Rat bekommt, die kleine Therese um Hilfe zu bitten. Sie zünden dann vor der Statue der Heiligen Kerzen an und beten mit großer Inbrunst. Oft habe ich sie auch weinen sehen. Und wenn die Wunder dann tatsächlich passieren, verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. So kam es, dass das Heiligtum inzwischen von Muslimen und Christen gleichermaßen besucht wird. Es gibt auch Broschüren in arabischer Sprache, die die Geschichte Thereses erzählen. Eine so junge, so schlichte, bescheidene Heilige… sie erfreut sich großer Beliebtheit.
![Nobelpreisträger Mohamed El Baradei auf dem Tahrir-Platz (30. Januar 2011). [© Afp/Getty Images]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/6-1_2-2011.jpg )
Nobelpreisträger Mohamed El Baradei auf dem Tahrir-Platz (30. Januar 2011). [© Afp/Getty Images]
Damals, im siebten Jahrhundert, waren die Kopten nicht nur ausgegrenzt, sie wurden auch von den Byzantinern verfolgt, die damals die Herrschaft hatten. In Alexandria gab es, wie bereits gesagt, den byzantinischen Patriarchen, der vom Reich aufgezwungen worden war. Als dann die muslimischen Eroberer kamen, wurden sie von den Kopten als Befreier begrüßt. Ihr erster Gouverneur, Amr ibn al-As, versprach, den Glauben der Kopten und ihre Kultstätten zu respektieren, was unter ihm und seinen Nachfolgern auch wirklich der Fall war. So konnten die koptischen Mönche und Bischöfe die geistliche Führung des Volkes wieder übernehmen und eine von der neuen muslimischen Ordnung anerkannte Stellung in der Gesellschaft behaupten.
Dann aber hat sich die Lage verschlechtert.
Die Zeit der Mamelukken-Herrscher und der türkischen Sultane war von Gewalttaten geprägt, von wiederholten Versuchen, die Kopten auszumerzen. Diese flohen in Massen in den Süden des Landes, wo sie ein ruhigeres Leben führen konnten.
Und was ist heute? Gibt es noch Gebiete oder Gesellschaftsschichten, in denen Christen vertreten sind?
Die Christen leben inzwischen im ganzen Land, von den Küsten im Norden bis an die Grenzen zum Sudan. Es gibt einige wenige Dörfer, wo alle Bewohner Christen sind. Normalerweise aber leben sie inmitten des ägyptischen Volkes. Früher gab es in Kairo Viertel, in denen hauptsächlich Christen lebten, aber das ist inzwischen immer weniger der Fall. Wir bilden keine Enklave. Und wir gehören auch keiner bestimmten Gesellschaftsschicht an. Christen gibt es in allen Gesellschaftsschichten, bei den fellah ebenso wie bei den Bauern und in der reichen Eliteschicht. Aber sie machen nie mehr als 10 Prozent aus. Es gibt einige Reiche, die sich auch international einen Namen machen konnten, aber es gibt sehr viel mehr reiche Muslime. Reiche katholische Kopten gibt es sehr wenige, eigentlich gar keine… [lacht, Anm.d.Red.].
Und doch war auch bei den Kopten ab dem 19. Jahrhundert ein gewisser Nationalismus feststellbar: sie waren sozusagen die wahren Erben der alten Ägypter, die Muslime dagegen waren die „Ausländer“. Die gehobene koptische Bürgerschicht pflegte ihre Kinder auf die Namen der Pharaonen taufen zu lassen.
Um die Wahrheit zu sagen, ist das tatsächlich Teil der koptischen Mentalität. Die koptischen Christen waren schon vor den Muslimen in Ägypten. Das ist eine Tatsache. Aber es ist kein Grund, gegen die Ägypter Front zu machen. Man kann 14 Jahrhunderte Zusammenleben nicht einfach auslöschen! Schließlich könnten auch die Muslime sagen: im Grunde seid ihr „nur“ sieben Jahrhunderte vor uns hierher gekommen… Wenn überhaupt, dann sollte dieses Argument dazu benutzt werden, ein gemeinsames Terrain zu finden, das uns in der Gegenwart und in der Zukunft verbindet, wie es uns 14 Jahrhunderte lang, bis zum heutigen Tag, in Freud und Leid vereint hat. Wir haben gemeinsam für die Unabhängigkeit gekämpft, haben gemeinsam unter den letzten Kriegen gelitten, bei denen das Blut der Christen ebenso vergossen wurde wie das der Muslime.
Die Kopten waren nicht sehr traurig darüber, dass die Verteidigungsbastionen der westlichen Mächte im modernen Ägypten aufgelöst wurden.
Nein, nicht wirklich. Sie haben in der Herrschaft der westlichen Mächte kein Element des Schutzes der Christen gesehen. Für sie war es ein Faktor der Schwächung der Ortskirche, der den Übertritt von Mitgliedern der koptisch-orthodoxen Kirche zur koptisch-protestantischen Kirche mit sich brachte. Und das wird auch über die katholischen Kopten gesagt. Auf der anderen Seite kann man die Religionsfreiheit nicht verwehren. Im modernen Ägypten gab es keine Herrschaft, die die Entstehung der koptisch-katholischen Kirche gefördert hätte. Wir sind nur 250.000. Man kann uns nicht des Proselytismus bezichtigen.
In der koptisch-orthodoxen Kirche hatten die Laien auch in den langen Perioden der Ausgrenzung stets einen großen Einfluss auf die Leitung des kirchlichen Lebens.
Ja, zuerst haben sie alles geleitet. Die reichen Laien hatten Geld und großen gesellschaftlichen Einfluss, der Klerus war eher ungebildet. Ins Kloster gingen die Bauern; die Frömmsten davon machte man zu Bischöfen. So war es seit Patriarch Cyrill VI., dem Vorgänger des derzeitigen Patriarchen Shenouda III., der ein heiliger Mann Gottes war und dem es gelungen ist, auch einige junge Akademiker für das Klosterleben zu gewinnen, die er dann zu Bischöfen weihte. Mit der Hilfe der Laien riefen diese von ihm für die Mission unter dem Volk geweihten Bischöfe die Sonntagsschulen für den Katechismus ins Leben. Diese gaben den Ausschlag zu einer Strömung der Erneuerung, die die ganze koptische Gemeinschaft ergriffen hat – eine Erneuerung, die vor allem im Umfeld der Klöster erblühen konnte. Aus diesem Kontext kommen die von Patriarch III. geweihten Bischöfe. Es sind mehr als hundert, und sind sie es nun, die die Kirche leiten. Die Laien haben zwar inzwischen ein deutlich geringeres, aber immer noch starkes Gewicht.
Ein Merkmal vieler christlicher Gemeinden des Orients ist ihre Zurückhaltung. Sie neigen dazu, im gesellschaftlichen Leben nicht allzu sehr in Erscheinung zu treten. In Ägypten dagegen sind die Kopten auch im öffentlichen Leben allgegenwärtig. Es gibt große Klöster, große Kathedralen, öffentliche Kundgebungen.
Das stimmt: die koptische Kirche ist eine sichtbare, präsente, aktive Kirche. Aber das hat nichts mit Geltungssucht zu tun. Die Kopten sind zwar eine Minderheit, aber eben doch eine recht beachtliche Minderheit. Sie sind viele, acht Millionen, da können sie sich schlecht verstecken.
Kommen wir wieder zur gegenwärtigen dramatischen Situation zurück. Das Blutbad in der Silvesternacht hat uns alle geschockt. Aber die Kopten waren auch schon vorher zur Zielscheibe gewalttätiger Übergriffe geworden, schon seit den 80er Jahren. Was ist nun anders?
Wir können ein allgemeines Erstarken fundamentalistischer und islamistischer Strömungen beobachten, das wir bei der Bischofssynode als „politischen Islam“ definiert haben. Dieses Phänomen hat verschiedene Ausdrucksformen. Manche dieser Gruppen unterziehen die jungen Menschen im Namen ihres lokalen oder globalen Machtstrebens einer Gehirnwäsche. Sie machen keinen Hehl daraus, sie sagen und schreiben es ganz offen. Und dank der schwierigen Situation in unserem Land gelingt ihnen das auch. Manche von ihnen schüren die Ablehnung, den Hass auf die anderen. Und das ist genau der richtige Nährboden für Gruppierungen, die auch nicht davor zurückscheuen, Tod zu säen, wie wir beim Attentat von Alexandria gesehen haben.
Sind – wie einige behaupten – die Muslimbrüder für die Gewalttaten gegen die Christen verantwortlich?
Die Muslimbrüder gehören einer Ideologie an, die die Erneuerung des Islam propagierte – im Namen der Reinheit der Ursprünge. Daraus wurde schon bald ein politischer Kurs, der den Anspruch stellte, zu der Lebensweise zur Zeit des Propheten zurückzukehren. Und zu diesem Zweck meinte man, die bedingungslose Auferlegung der Sharia und eine vollkommen islamistische Prägung der Gesellschaft durchsetzen zu müssen. Doch dann sind die Dinge außer Kontrolle geraten. Auch in den Reihen der Muslimbrüder ist es zu verschiedenen Verzweigungen gekommen, haben die verschiedenen Gruppen oft verschiedene Wege eingeschlagen, was unweigerlich zu Auseinandersetzungen führt. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Es wäre falsch, zu verallgemeinern. Man muss die Gruppen genau unterscheiden. Außerdem gibt es nun auch die neuen salafitischen Gruppierungen – einschließlich der Muslimbrüder –, die meinen, sich einer größeren islamischen Reinheit rühmen zu können und die die anderen deshalb angreifen.
Das große historische Verdienst der Bischofssynode für den Nahen Osten war es, diese Situation klar definiert zu haben, und zwar in einer Perspektive der Gemeinschaft im Innern der Kirche mit den anderen Christen und mit den anderen Bürgern. Nur so kann man Gesellschaften aufbauen, die auf dem Recht basieren, auf der Achtung der gemeinsamen Rechte und der Gleichheit aller Bürger.
![Die Protestdemonstration der koptisch-orthodoxen Gemeinde von Alexandria (1. Januar 2011). [© Afp/Getty Images]](http://www.30giorni.it/upload/articoli_immagini_interne/9-1_2-2011.jpg )
Die Protestdemonstration der koptisch-orthodoxen Gemeinde von Alexandria (1. Januar 2011). [© Afp/Getty Images]
Nach der Tragödie von Alexandria hat sich einmal mehr bestätigt, dass Christen und Muslime in Ägypten ein gemeinsames Schicksal haben. Das ging auch aus der Berichterstattung in Presse und Fernsehen deutlich hervor – sowohl die Intellektuellen als auch die Führer der muslimischen Gemeinschaften, angefangen beim Groß-Imam von Al-Azhar, haben diese Linie verfolgt, mehr als je zuvor.
Die Reaktionen auf die Worte des Papstes waren heftig. Die Universität Al-Azhar, die bedeutendste Bildungseinrichtung des sunnitischen Islam, hat sogar die Beziehungen und den Dialog mit dem Heiligen Stuhl eingefroren. Was war passiert?
Ein Fernsehsender [Al Jazeera, Anm.d.Red.] hat die Nachricht verzerrt wiedergegeben und behauptet, der Papst hätte die westlichen Staaten und Regierungen zum Handeln aufgefordert, um die verfolgten Christen in Ägypten und in Nahost zu schützen. Aber das hat der Papst nie gesagt. Dennoch hat man diese falsche Version für bare Münze genommen, als wäre es die offizielle. Und diesen Vorwand hat Al-Azhar dann dazu benutzt, den Dialog mit dem Heiligen Stuhl auf Eis zu legen.
Man hat die Worte des Papstes also verdreht. Im Westen gab es aber tatsächlich Kampagnen, die bis ins Europäische Parlament vordrangen und bei denen verlangt wurde, Hilfen für Länder einzustellen, die die Christen nicht schützen.
Das ist falsch und führt letztendlich nur dazu, die Fehlinterpretationen der Worte des Papstes noch zu bestätigen. Als ägyptische Christen – Katholiken, Protestanten und Orthodoxe, ohne Unterschied – sehen wir, dass jedes Mal, wenn im Namen der ägyptischen Christen gefordert wird, auf Ägypten diplomatischen Druck auszuwirken, Strafmaßnahmen zu ergreifen oder Wirtschaftssanktionen zu verhängen, gerade diese Christen die Leidtragenden sind. Genau das wollte ich auch in Brüssel sagen, vor dem Europaparlament, das mich eingeladen hatte, über die Verfolgung der Christen im Nahen Osten zu sprechen. Dann aber beschloss ich, das Land wegen der derzeitigen tragischen Ereignisse doch nicht zu verlassen.
Wie haben die orthodoxen Kopten diese Initiativen und die Appelle des Papstes aufgenommen?
Auch sie waren von der verzerrten Version beeinflusst, die man verbreitet hatte und übernahmen offiziell das Urteilskriterium des Imam von Al-Azhar. Als Katholiken sind wir durch ein Band des Glaubens und der Hierarchie mit dem Bischof von Rom verbunden. Aber wir sind gewiss nicht verpflichtet, uns an die Initiativen europäischer, westlicher oder internationaler Gruppen und Organismen gebunden zu fühlen. Wichtig und schätzenswert sind die Beiträge, die von allen kommen können, aber das Ziel, das wir nicht aus den Augen verlieren dürfen, ist es, ein positives Klima zu schaffen und herauszufinden, auf welchem Terrain wir miteinander leben und arbeiten können, anstatt die Spannungen und Konflikte zu verschärfen.
Abschließend möchte ich Sie vor allem bitten, für Frieden und Harmonie in Ägypten und aller Länder zu beten, die in einer Situation der Instabilität und der Gewalt leben. Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit!
PDF-Datei dieses Artikels herunterladen