
Kardinal Georges Cottier
Der zweite Teil des Buches Jesus von Nazareth, das Benedikt XVI. - Joseph Ratzinger verfasst hat, ist sicherlich ein wichtiges Werk. Wegen seiner Komplexität ist es allerdings keine leichte Lektüre. Der Autor entwickelt einen tiefen und dichten Dialog mit dem Ambiente der Exegeten, auch wenn er selbst kein Exeget ist. Schon dieser Aspekt ist von Bedeutung angesichts der Tatsache, dass sich in der Welt der Theologen eine gewisse Distanz zwischen Exegeten und Dogmatikern fortzusetzen scheint. Aber dabei darf man sich nicht zu lange aufhalten, wenn man über die reine Gelehrsamkeit hinausgehen will. Der Autor selbst erklärt auf den ersten Seiten, dass dies nicht seine Absicht war: Er wollte ganz einfach etwas schreiben, das „allen Leserinnen und Lesern hilfreich sein kann, die Jesus begegnen und ihm glauben wollen“ (S. 14).
Dem Buch liegt die anerkannte Tatsache zugrunde, dass der Jesus der Geschichte und der Jesus des Glaubens dieselbe Person sind. Eine mutige Feststellung, da auch unter den Gläubigen jene rationalistische Tendenz mit ihren schädlichen Auswirkungen um sich greifen konnte, die einen Gegensatz sieht zwischen dem, was man wissenschaftlich von Jesus wissen kann, und dem, was die Kirche lehrt. Dieser Denkrichtung zufolge wäre die Lehre der Kirche über Christus eine spätere Hinzufügung, die Konstruktion eines Mythos, der von der christlichen Gemeinde ohne Bezug auf die Fakten geschaffen worden wäre.
Das Buch Benedikts XVI. wehrt mit seinen ständigen Verweisen auf die Historizität Christi auch die entgegengesetzte Versuchung der Gnosis ab, die noch heute in den Schriften einiger Theologen aufscheint. Wenn wir das Evangelium lesen, haben wir es – wie der Autor an zahlreichen Stellen unterstreicht – mit Tatsachen zu tun, die Tatsachen bleiben, auch wenn sie geheimnisvoll sind wie zum Beispiel die Heilswirksamkeit von Jesu Leiden und seiner Auferstehung. „Viele Details“, schreibt Joseph Ratzinger auf Seite 123/124, „mögen offen bleiben. Aber das factum est des Johannes-Prologs (1, 14) gilt als christliche Grundkategorie nicht nur für die Menschwerdung als solche, sondern muss auch für Abendmahl, Kreuz und Auferstehung in Anspruch genommen werden.“ Gott ist in die Geschichte eingetreten. Die Bibel spricht von der Geschichte Gottes mit der Menschheit. Aber nicht im hegelschen Sinn einer Gnosis, die die historische Tatsache in einer theologisch-logischen Konstruktion „aufhebt“. Der Autor unterstreicht im Hinblick auf die Auferstehung, dass „der dritte Tag kein ‚theologisches Datum‛ [ist], sondern der Tag eines Ereignisses, das für die Jünger zur entscheidenden Wende nach der Katastrophe des Kreuzes geworden ist“ (S. 283).
Mit dieser historischen Perspektive nimmt Joseph Ratzinger dieselbe Haltung ein wie die frühe Kirche, die die Taten Jesu im Licht des Alten Testaments sah. Die Einheit der beiden Testamente scheint mir eine der Grundachsen zu sein, an denen das Buch ausgerichtet ist.
Die ersten Christen hatten als Heilige Schrift das Alte Testament. Für sie war es eine Überraschung und zugleich ein Trost im Glauben, als sie bemerkten, dass die geheimnisvollen Texte der alten Schriften durch Leben und Leiden, Tod und Auferstehung Jesu vollkommen enthüllt wurden. Der Autor stellt häufig sehr effektvoll die christliche Lesart des Alten Testaments neben die rabbinische, ohne die Unterschiede zu verbergen.
Die innere Einheit zwischen Altem und Neuem Testament wird noch tiefer in der Person Jesu selbst gesehen. Jesus betet mit den Worten der Psalmen. Auch die vertrauteste Beziehung des Sohnes zum Vater findet ihren Ausdruck in den Gebeten der Armen Israels. Der Autor schreibt: „Auch in seiner Passion, auf dem Ölberg wie am Kreuz, spricht Jesus mit Psalmworten von sich zu Gott Vater. Aber diese Psalmworte sind ganz persönlich geworden, ganz persönliche Worte Jesu in seiner Not: Er ist in der Tat der wahre Beter dieser Psalmen, ihr eigentliches Subjekt. Das ganz persönliche Gebet und das Beten mit den Gebetsworten des glaubenden und leidenden Israel sind hier nahtlos eins“ (S. 174).
Jesus hat in der Heiligen Schrift Israels gelebt. Auch wenn das Jesusbuch jegliche gnostische Verkürzung der Tatsachen auf Symbole ausschließt, so unterstreicht es doch die von der Präfiguration bestimmte Verbindung, die zwischen den Tatsachen des Alten und des Neuen Testaments besteht. Diese der Heilsgeschichte innewohnende Beziehung ist keine immanente und progressive Entwicklung eines vorbestimmten Heilsprinzips nach hegelscher Manier. Es ist Gott selbst, der in Übereinstimmung mit der Kontinuität der Heilsgeschichte vorbereitend und zur Erfüllung bringend eingreift – gewissermaßen durch ungeschuldete „Qualitätssprünge“, das heißt durch immer neue Taten. Diese Verflechtung von altem und neuem Gesetz des Evangeliums, geprägt vom ungeschuldeten Eingreifen Gottes, ist ein Handlungsgerüst, das das ganze Buch durchzieht. So zitiert Benedikt XVI. z.B. im Kapitel über das Hohepriesterliche Gebet Jesu den Exegeten André Feuillet, um zu unterstreichen, dass „dieses Gebet nur auf dem Hintergrund der Liturgie des jüdischen Versöhnungsfestes (Jom ha-Kippurim) zu verstehen ist. Das Ritual des Festes mit seinem reichen theologischen Inhalt wird im Beten Jesu realisiert - ‚realisiert‛ im wörtlichen Sinn: Der Ritus wird in die von ihm gemeinte Wirklichkeit übersetzt. Was dort in Riten dargestellt war, geschieht nun real, und es geschieht endgültig“ (S. 95).
Schließlich taucht auch in diesem Band jene „methodologische Frage“ auf, die schon im ersten Band analysiert worden war, mit der Kritik an der historisch-kritischen Methode – was nicht mit einer Zurückweisung gleichzusetzen ist. Erneut hebt Benedikt XVI. hervor, dass die Überspitzung der Methodenfrage leicht zu einer Art methodologischem Aberglauben führen kann. Wenn in den Naturwissenschaften die Methode richtig angewendet wird, funktioniert sie fast von selbst. In den Geisteswissenschaften allerdings ist dem nicht so. Hier hat die Methode, wenn sie den Anforderungen der wissenschaftlichen Genauigkeit genügt, ihre eigenen Kriterien. Denn das Objekt besitzt seine Einzigartigkeit und der Interpret, ob Historiker oder Exeget, kommt persönlich ins Spiel. Im Fall des Wortes Gottes ist neben dem Wissenschaftler die Kirche als lebendiges Subjekt diejenige, die mit dem Beistand des Heiligen Geistes das Wort auslegt.