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REPORTAGE AUS DER TÜRKEI
Aus Nr. 06 - 2011

Interview mit Bekir Karliga

„Die Demokratie anstreben, ohne ideologische Polarisierung“


Der Islam präsentiert sich wie das letzte Glied einer langen prophetischen Tradition. Die anderen Religionen sind Teil seines Erbes und müssen verteidigt werden.


Interview mit Békir Karliga von Lorenzo Biondi


Zwischen dem gemäßigten Islamismus der AKP und dem Dialog unter den Religionen besteht eine enge Verbindung. Zu Wort kommt Professor Bekir Karliga, Berater von Ministerpräsident Erdogan. Prof. Karliga ist auch Präsident des türkischen Nationalkomitees der Allianz der Zivilisationen, eine Initiative, die 2003 von Erdogan und dem spanischen Ministerpräsidenten Zapatero ins Leben gerufen wurde.

 

Bekir Karliga [© Lorenzo Biondi]

Bekir Karliga [© Lorenzo Biondi]

Wie hat sich der politische Islam in der Türkei verändert?

BEKIR KARLIGA: Die Religionsfaktoren, die im kollektiven Gedächtnis und im Alltag der türkischen Gesellschaft verwurzelt sind und zur Zeit der Republik beiseite geschoben wurden, konnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Einführung eines pluralistischen demokratischen Systems wieder zum Tragen kommen. Die von Necmettin Erbakan gegründeten Parteien und die AKP sind zwei Beispiele für eine politische Linie. Die AKP zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass sie versucht, die demokratischen Werte ohne Populismus umzusetzen, wobei sie sich nicht in ideologische Schemata verschließt, sondern an die Geschichte des Landes und die geopolitische Realität anschließt. In der Außenpolitik zielt die AKP auf eine neue Wirtschaftsordnung ab, die mit den universalen Gerechtigkeitsprinzipien im Einklang steht. Dabei ist sie darauf bedacht, sich nicht auf einen Satellitenstaat anderer Länder verkürzen und zu einer voreingenommenen ideologischen Polarisierung hinreißen zu lassen.

Funktioniert diese politische Hypothese auch außerhalb der Türkei?

Die zehn Regierungsjahre der AKP haben eine Wende herbeigeführt, und das kann man in unserem Land und in der Welt nicht ignorieren. An der Wurzel der aufregenden derzeitigen Ereignisse im Nahen Osten steht das Streben des Islam nach Demokratie. Das Vorbild ist die Türkei, unter der Leitung von Premier Erdogan.

Befürwortet der Islam den Gedanken an einen Dialog zwischen den Religionen?

Der Islam versteht sich als letztes Glied einer langen prophetischen Tradition. Die anderen Religionen sind Teil seines Erbes und müssen verteidigt werden, auch über den Dialog mit ihnen hinaus. Schließlich hat der Prophet Abrahameine herausragende Stellung: die drei Religionen, die deneinen Gottanbeten, sind Repräsentanten eines gemeinsamen Glaubens. In den islamischen Staaten dürfen die Religion, die Traditionen und die Brauchtümer der Juden und Christen nicht behindert werden. Und das ist auch der Grund, warum Millionen von Personen aus mehr als 20 verschiedenen Religionen und Ethnien seit Jahrhunderten auf osmanischem Boden zusammenleben. Unter diesem Aspekt kann die Erfahrung der Türkei wichtig sein für die junge Europäische Union, die dagegen eine sehr viel kürzere Geschichte des Zusammenlebens hat.

Wie würden Sie die Beziehung zwischen Türkei und Europa beschreiben?

Die Türkei hat nach bestem Wissen und Gewissen versucht, Beziehungen zur Europäischen Union anzuknüpfen. Unglücklicherweise wurde die Türkei auf der Schwelle zurückgelassen, und das hat in der öffentlichen Meinung Unzufriedenheit ausgelöst. Die türkische Nation ließ sich im 14. Jahrhundert in Europa nieder. 1959 wurde das Abkommen über Zusammenarbeit zwischen der Türkei und der Europäischen Union unterzeichnet. Das hat die EU offenbar heute vergessen.

In den letzten Jahren wurden die Beziehungen zwischen Ost und West in der Optik des Zusammenpralls interpretiert. Die Allianz der Zivilisationen ist eine unkonventionelle Erfahrung…

Es war ein frischer Wind für eine Menschheit, die dem Strudel des „Zusammenpralls der Zivilisationen“ entgehen wollte. 21 internationale Institutionen und 106 Staaten sind dieser Gruppe beigetreten. In der Türkei gibt es ein von mir koordiniertes Nationalkomitee, das den Dialog zwischen Kulturen, Religionen und Zivilisationen in unserem Land studiert. In Istanbul wurde ein “Institut der Allianz der Zivilisationen” geschaffen, in dem Studenten verschiedener Nationen ausgebildet werden, deren Aufgabe es dann ist, eine Kultur des Friedens in unser Land und in die Welt zu tragen.



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