Brief an die Freunde, neun Jahre später
von Gianni Valente

Joseph Han Zhi-hai, Erzbischof von Lanzhou.
Joseph Han Zhi-hai war 37 Jahre alt und erst seit ein paar Monaten Bischof, als er im Sommer 2003 einen „offenen Brief an die Freunde“ schrieb. Dieses Dokument hat auch heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt, beschreibt es doch auch die gegenwärtige Situation des chinesischen Katholizismus. In besagtem Brief erzählt der junge Bischof von einer wichtigen Phase, die er und seine Altersgenossen, die ohne Genehmigung des chinesischen Regimes zu Priestern geweiht worden waren, erlebt haben.
Han und seine Freunde betrachteten die katholischen Bischöfe, Priester und Laien, die – im Gegensatz zu ihnen selbst – bereit gewesen waren, mit der Patriotischen Vereinigung zusammenzuarbeiten (mittels der das Regime die Religionspolitik kontrolliert), noch lange mit Argwohn. Sie hatten den Verdacht, dass diese mit Genehmigung des Regimes – dafür aber oft ohne die des Apostolischen Stuhls – geweihten Bischöfe „ein Schisma in unserer Kirche herbeiführen und eine von der Weltkirche und vom Papst unabhängige Kirche schaffen“ wollten. Daher weigerten sich Han und seine Freunde, an deren Eucharistiefeiern teilzunehmen und riefen die katholischen Gläubigen auf, es ihnen gleichzutun. Eine schmerzliche, aber unvermeidbare Spaltung, wenn man „die Einheit unserer Kirche mit der Weltkirche und dem Heiligen Vater verteidigen wollte“. Dann jedoch hatten auch sie nach und nach erkannt, dass viele der mit Gutdünken der chinesischen Regierung ernannten „offiziellen“ Bischöfe auch vom Papst legitimiert worden waren und von ihm das apostolische Mandat erhalten hatten. So wurde immer klarer, dass inzwischen „der Großteil der offiziellen Bischöfe in Einheit mit dem Papst und der Weltkirche stand.“
Damals hatte Bischof Han feststellen können, dass gerade die sakramentale Apartheid im Innern des chinesischen Katholizismus zu Spaltungen und Unstimmigkeiten führte und letztendlich jeden Aufruf zur Versöhnung nichtig machte: „Wir sind immer noch in eine offizielle und eine inoffizielle Gemeinschaft gespalten, die getrennt die Eucharistie feiern,“ schrieb Han in seinem Brief. „Dabei ist doch gerade die Eucharistie der Moment, in dem die Einheit geschaffen und gefeiert wird … Die Eucharistie ist es, die die Einheit nährt.“
Die geringe Bereitschaft vieler, den Weg der Versöhnung zu gehen, wurde von Han im Licht der Hindernisse verstanden, die die Patriotische Vereinigung den chinesischen Katholiken auferlegte, „die wenig transparent ist, wenn es um die Einheit mit dem Heiligen Stuhl geht, was dagegen für uns wesentlich ist“. Die Rolle, die die „patriotischen“ Apparate mit ihrer Kontrolle des kirchlichen Lebens spielen – wobei sie sogar soweit gehen, über die Bischofsernennungen entscheiden zu wollen – stellt noch heute ein aus verschiedenerlei Gründen ungelöstes Problem dar.