„Der Glaube bittet“
Am 22. Februar jährt sich der Todestag von Don Luigi Giussani.
Im dankbaren und hoffnungsvollen Gedenken veröffentlichen wir hier einige seiner Reflexionen zum Gebet. Die sich in dem von Augustinus geprägten Ausdruck zusammenfassen ließen: „Das, was das Gesetz befiehlt, erbittet der Glaube.“
Gedanken zum Gebet von Luigi Giussani

Die letzte Begegnung zwischen Don Giussani und Johannes Paul II. auf dem Petersplatz (30. Mai 1998).
Dem verzweifelten Schrei des Pastors Brand im gleichnamigen Drama von Ibsen („Antworte mir, o Gott, in der Stunde, in der der Tod mich verschlingt: Genügt denn der ganze Wille eines Menschen nicht, um auch nur einen Teil des Heils zu erlangen?“) antwortet die demütige Positivität der heiligen Therese vom Kinde Jesus, die schreibt: „Wenn ich gütig bin, so nur, weil Jesus Christus in mir wirkt.“
All das bedeutet, dass die Freiheit des Menschen, die vom Geheimnis immer einbezogen wird, als höchste, unangreifbare Ausdrucksform das Gebet hat. Darum drückt sich die Freiheit – gemäß ihrer gesamten wahren Natur – als Bitte um die Treue zum Sein und deshalb zu Christus aus.
Ansprache vor Johannes Paul II., Rom, Petersplatz, 30. Mai 1998
Christus ist [die] Gegenwart, die rettet. Und so ist es an uns, Ihn zu bitten: es ist die „Bitte um die Gegenwart Christi in jeder Situation und Gelegenheit im Leben“: in diesem Wort des Papstes lässt sich die ganze Askese zusammenfassen.
L’opera del movimento. La fraternità di Comunione e liberazione, Verlag San Paolo, Cinisello Balsamo (Mailand) 2002, S. 177
Askese ist somit dies: dass uns trotz allem und in jeder Lebenssituation dieses Bitten um Christi Gegenwart vertraut wird, dieses Flehen zu Christus, der erlösenden Gegenwart. An uns ist es, unterwegs zu bleiben, ohne mit Bitten aufzuhören.
Wem gleicht der Mensch? Beitrag zu einer christlichen Anthropologie, Johannes Verlag, Einsiedeln 1992, S. 80
„Die Bitte um die Gegenwart Christi in jeder Situation und Gelegenheit im Leben“– so die Worte des Papstes – ist Askese.
Dass uns die Bitte um die Gegenwart Christi in jeder Situation und Gelegenheit vertraut wird, ist Askese.
L’opera del movimento. La fraternità di Comunione e liberazione, Verlag San Paolo, Cinisello Balsamo (Mailand) 2002, S. 176
„Zwischen Reden und Tun liegen Welten.“ Das war einer der ersten Titel unserer Essays im ersten Jahr am Berchet-Gymnasium: „Zwischen Reden und Tun liegen Welten.“ Und da gibt es noch eine andere Formel, die fast genauso ist, fast genau denselben Wortlaut hat: „Zwischen Reden und Tun liegt das Bitten.“
Si può (veramente?!) vivere così?, Bur, Mailand 1996, S. 377
Die Kraft der Bitte ist also der andere, der gegenwärtig ist, nicht du. Das ist der Unterschied zwischen der ganzen seelischen Größe des Menschen– sei er nun Epikuräer oder Stoiker – und dem Christen. Für den gewöhnlichen Menschen ist das wichtig, was er zu tun vermag, worüber er hinauszugehen vermag (Stoiker oder Epikuräer). Der Christ aber ist wie ein Kind: ganz ausgerichtet auf die Gegenwart der Mutter, des Vaters, des anderen. Darin liegt die Kraft Gottes.
Una presenza che cambia, Bur, Mailand 2004, S. 122
Ist das die Arbeit?
Gewiss: dort, wo man versteht, dass die Arbeit letztendlich Gebet ist, also eine Bitte: die Bitte an Gott, die dich wieder ins Lot bringt, ins Gleichgewicht, die deine Augen wieder strahlen lässt, die dir wieder Beherztheit gibt. Dann verstehst du, dass das Lesen der Psalmen der Laudes, der Tageshore, der Vesper und der Komplet, dass das aufmerksame Lesen der Psalmen alles erneuert, dazu dient, dich ganz zu erneuern.
Una presenza che cambia, Bur, Mailand 2004, S. 115
Er [Jesus] ist das Schicksal, weil Er Gott ist, der vorbeigeht im Angebot und im Hinweis, den Er deiner Freiheit gibt. Er ist das Schicksal, das sich deiner Freiheit unterwirft, das dich so sehr liebt, dass es sich von deiner Freiheit konditionieren lässt. Und nicht deiner Freiheit als heroisches Geschehnis, weil angesichts der Wahl des Schicksals das Thema dergestalt ist, dass es der Imagination eine heroische Geste hinzufügen würde: die Freiheit, die Wahl der Freiheit (und darauf pochen schließlich alle!). Doch nein: Jesus ist das Schicksal, das auf deine Freiheit verweist und sie vorschlägt in ihrer kindlichsten, naivsten und gütigsten, grundlegendsten Form, die das Weinen oder die Bitte ist.
L’attrattiva Gesù, Mailand 1999, S. 290
Wir müssen um die Kraft des Vaters bitten, die Kraft Gottes. Die Kraft Gottes ist ein Mensch, die Barmherzigkeit Gottes hat in der Geschichte einen Namen: Jesus Christus, sagt der Papst in der von mir zitierten Enzyklika. Wir müssen Jesus bitten! „Komm, Herr Jesus. Komm, Herr“ ist der Ruf, der die ganze Menschheitsgeschichte zusammenfasst, die Geschichte der Beziehung zwischen dem Menschen und Gott in der Bibel. Nehmt die Bibel, die letzte Seite, die letzten Worte sind folgende: „Komm, Herr.“ Wir müssen beten. Es ist ein Flehen, keine Stärke, sondern extreme Schwäche, der extreme Ausdruck des Bewußtseins um die Schwäche, die in uns ist. Das Bewußstein unserer Schwäche wird zum Flehen. Das Flehen ist die letzte Möglichkeit einer Kraft, die unserem Schicksal angemessen ist, die den Menschen seinem Schicksal angemessen macht: sie wird normalerweise Gebet genannt.
Avvenimento di libertà. Conversazioni con giovani universitari, Marietti, Genua 2002, S. 56
Ist also auch die Bitte ein Wunder?
Gewiss, niemand kann „Herr Jesus“ sagen, wenn nicht im Geist. Es ist, als würde jemand vorgeben – wenigstens in drei Haaren – allein zu sein. Nicht einmal in einem Haar! Du kannst deinem Haupt nicht einmal ein Haar hinzufügen (ja, du kannst Pantène benutzen, aber es wird dir nichts nützen!).
Das wahre Problem ist, dass die Bitte bereits ein Wunder ist. Es ist die erste Art und Weise des Zusammenhalts, der Vollendung seiner selbst, seiner eigenen Freiheit. Das Beten ist ein Wunder, und man muss das Wunder akzeptieren.
L’attrattiva Gesù, Bur, Mailand 1999, S. 216
PDF-Datei dieses Artikels herunterladen