„Ich hob meinen tränenverschleierten Blick zum Papst empor...“
So die 15jährige Therese von Lisieux, als sie am 20. November 1887 vor Leo XIII. trat.

Therese von Lisieux
Nach der Dankesmesse, die auf die des Heiligen Vaters folgte, begann die Audienz. Leo XIII. saß auf einem wuchtigen Sessel, mit einem einfachen, weißen Talar angetan, einem Umhang von derselben Farbe, auf dem Kopf eine Kalotte. Um ihn herum standen die Kardinäle, die Erzbischöfe, die Bischöfe, aber ich nahm sie nur als Gruppe wahr, so sehr war ich ausschließlich auf den Heiligen Vater konzentriert. In Prozession zogen sie an ihm vorüber, ein jeder Pilger beugte vor ihm das Knie, küsste ihm Hände und Füße, empfing den Segen; zwei Nobelgarden gaben ihm dann, laut Etikette, zu verstehen, wann es Zeit war, sich zu erheben (ich meine natürlich den Pilger; ich drücke mich so schlecht aus, daß man meinen könnte, sie hätten es dem Papst zu verstehen gegeben). Bevor ich in die päpstlichen Gemächer ging, war ich fest entschlossen gewesen, zu sprechen, als ich dann aber an seiner Rechten „Monsignor Révérony!“ erblickte, verließ mich der Mut. Und in diesem Moment wurde uns von ihm auch schon gesagt, daß es verboten sei, zu Leo XIII. zu sprechen, weil die Audienz sonst zu lange dauern würde. Ratsuchend drehte ich mich zu meiner guten Celine um: „Sprich!“ flüsterte sie mir zu. Eine Minute später fand ich mich auch schon zu Füßen des Heiligen Vaters wieder; küsste seine Pantoffel, er reichte mir die Hand, doch anstatt sie zu küssen, ergriff ich sie mit beiden Händen und hob meinen tränenverschleierten Blick zu ihm empor: „Heiliger Vater,“ sagte ich, „ich möchte Euch um eine Gnade bitten.“ Da beugte der Papst seinen Kopf zu mir herunter, bis sein Gesicht das meine fast berührte, und richtete den Blick seiner dunklen, tiefgründigen Augen auf mich, so als wollte er mir bis tief in die Seele schauen. „Heiliger Vater,“ flehte ich ihn an, „gebt mir, zu Ehren Eures Jubiläums, doch die Erlaubnis, schon mit 15 Jahren in den Karmel einzutreten!...“ Sicher zitterte meine Stimme vor Aufregung, war nur schwer vernehmbar, denn der Heilige Vater sagte, an Msgr. Révérony gewandt, der mir einen erstaunten, mißbilligenden Blick zuwarf: „Ich verstehe nicht recht.“ Wenn es der liebe Gott erlaubt hätte, hätte mir Msgr. Révérony leicht zu dem verhelfen könnte, was ich so sehr ersehnte, doch er wollte mir das Kreuz geben, und nicht schon den Trost. „Heiliger Vater,“ antwortete der Generalvikar, „dieses Mädchen möchte schon mit 15 Jahren in den Karmel eintreten, aber die Oberen sind ohnehin schon mit der Frage befaßt.“
Der gute Papst ist so alt, daß er wohl nicht mehr lange zu leben hat, aber ich hätte ihn mir nie so vorgestellt, er kann fast nichts sagen, und daher ist es Msgr. Révérony, der spricht.
„Nun gut, meine Tochter,“ sagte der Papst und betrachtete mich wohlwollend. „Lassen wir also den Oberen das letzte Wort.“ Da nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, legte flehend meine Hände auf seine Knie und unternahm einen letzten Versuch: „Oh, Heiliger Vater! Wenn Ihr nur ja sagen würdet, dann wären alle einverstanden!...“ Da betrachtete er mich überrascht und sprach folgende Worte, eine jede Silbe davon betonend: „Nun gut... Wenn Ihr also wollt... so Gott will, werdet Ihr eintreten...“ (Er sagte das so eindringlich und überzeugend, daß ich es noch heute zu hören glaube). Durch die Güte des Papstes ermutigt, wollte ich noch mehr sagen, doch da berührten mich die beiden Garden auch schon höflich an der Schulter und hießen mich aufstehen; als ich nicht reagierte, machten sie Anstalten, mir hochzuhelfen, wobei ihnen auch Msgr. Révérony behilflich war; da meine Hände aber immer noch auf die Knie von Leo XIII. gestützt waren, zogen sie mich schließlich einfach hoch... Und als sie mich so entfernten, legte der Heilige Vater seine Hand auf meine Lippen und hob sie dann, um mich zu segnen. Da füllten sich meine Augen wieder mit Tränen, und Msgr. Révérony konnte mindestens ebensoviele Diamanten schauen, wie er sie in Bayeux gesehen hatte.
Aus Histoire d’une âme, Paragraph 173-174 (Deutsche Fassung : 30Tage)