SRI LANKA
Aus Nr. 01/02 - 2005

Interview mit dem Erzbischof von Colombo.

Nach dem Sturm


Oswald Gomis, Erzbischof von Colombo, berichtet, wie Sri Lanka – eines der Länder, wo die Flutkatastrophe Tsunami besonders gewütet hat – wieder auf die Beine zu kommen versucht. Das Problem der Obdachlosen, der Waisen und der Arbeitswerkzeuge, die für einen Neubeginn unerläßlich sind. Vor dem Hintergrund einer positiven Kollaboration zwischen Regierung und Tamilen, wie auch unter den verschiedenen Religionsgruppen. Eine Kollaboration, die fundamentalistische christliche Gruppen fast vereitelt haben.


von Paolo Mattei


Der Erzbischof von Colombo, Oswald Gomis

Der Erzbischof von Colombo, Oswald Gomis

Als die kleine Statue der Muttergottes mit Kind in Matara, im Südosten Sri Lankas, am 26. Dezember von der ersten großen Flutwelle fortgerissen wurde – und mit ihr zahlreiche Menschenleben – lautete ein trauriger Kommentar: „Unsere Mutter von Matara ist für immer von uns gegangen.“ Elmo Noel Perera, emeritierter Bischof der Diözese Galle, der dem Erzbischof von Colombo, Oswald Gomis, von dem Verlust berichtete, soll folgende Antwort bekommen haben: „Mach Dir keine Sorgen, die Muttergottes wird wieder zurückkommen. Schließlich kennt sie das Meer, sie wird schon ans Ufer zurückschwimmen.“ Und drei Tage später entdeckte ein singhalesischer Buddhist die Statue tatsächlich zwischen den Bananenstauden im hinteren Teil seines Gartens und gab sie dem Verwalter des Heiligtums Unserer Lieben Frau vom Siege in Matara zurück. So konnte die Muttergottes mit allen Ehren wieder in ihre Kirche einziehen.
Msgr. Gomis bestätigt zwar nicht, die Rückkehr der Marienstatue vorhergesehen zu haben, spricht von dieser Statue aber doch wie von einer Art Hoffnungsschimmer in den Herzen der katholischen Gläubigen Sri Lankas, über die die Tsunami-Katastrophe hereingebrochen ist.
Oswald Gomis wurde am 12. Dezember vor 73 Jahren in Dalugama geboren. Seit 2002 ist er Erzbischof von Colombo. Die im Südwesten des ehemaligen Ceylon gelegene Erzdiözese zählt mehr als 5 Millionen Einwohner, die meisten davon Buddhisten. Ca. 12% der Bevölkerung sind Katholiken.

Exzellenz, wo waren Sie, als die Flutwelle die Küsten Ihres Landes verwüstete?
OSWALD GOMIS: Am Morgen des 26. Dezember feierte ich mit den Arbeitern von Puttalam, drei Stunden südlich von Colombo, die Weihnachtsmesse. Als ich erfahren hatte, was passiert war, begab ich mich sofort ins Katastrophengebiet, nach Paiyagala, vierzig Kilometer südlich von Colombo, wo fünf Kirchen zerstört worden waren und man die Überlebenden in einem Buddhistentempel untergebracht hatte. Am darauffolgenden Tag suchte ich die Regionen im Norden der Diözese auf. Danach Negombo, Trincomalee – am 28. Dezember – die südöstliche Küste, am 29. Galle, an der Südküste, eine der Zonen, wo die Flutkatastrophe am schlimmsten gewütet hatte, dann noch Matara... Ich suchte jedes der notdürftig aufgeschlagenen Lager des Gebiets auf, um den Menschen, wo es notwendig war, auch finanziell unter die Arme zu greifen.
Wie sieht die Lage der Überlebenden derzeit aus?
GOMIS: Das hängt von der jeweiligen Zone des Landes ab. Die in der südlichen Region der westlichen Provinz sind zum größten Teil wieder in ihre Häuser zurückgekehrt oder wohnen in provisorischen Unterkünften, in der Hoffnung, ein neues Haus zu bauen, sobald sie die Mittel dazu haben. Die Häuser, die noch stehen, sind so gut wie möglich gereinigt, wieder bewohnbar gemacht worden. In den im Freien aufgeschlagenen Lagern befinden sich also nur noch relativ wenige Menschen. Für ihre Grundbedürfnisse ist gesorgt: in den vergangenen Wochen haben sie Nahrung und Unterkunft erhalten; man hat sie dazu ermutigt, wieder nach Hause zurückzukehren und ihr gewohntes Leben wieder aufzunehmen. Viele dieser Menschen sind Fischer: sie brauchen dringend Boote und Geräte, um ihre Arbeit wiederaufzunehmen, ihren Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten zu können.
Wie sieht es im Süden und im Osten Sri Lankas aus?
GOMIS: Im Süden sind die Zerstörungen um einiges schlimmer als in der westlichen Provinz. Auch hier leeren sich die Obdachlosenlager allmählich. Einige Nichtregierungsorganisationen haben mit dem Bau neuer Häuser begonnen. Die Regierung hat ein Entwicklungsprogramm ins Leben gerufen, im Rahmen dessen zerstörte Städte und Straßen wieder aufgebaut werden sollen. Am schlimmsten hat die Flutkatastrophe Tsunami im Osten des Landes gewütet, wo er unzählige Menschenleben forderte. In 58 Assistenzzentren wurden 78.728 Personen aufgenommen. Und das, ohne den Distrikt Amparai zu rechnen, jene Zone in der östlichen Provinz, die am schlimmsten betroffen war. Besonders Batticaloa und Trincomalee, Kattankudy, Kallady Dutch Bar und Panchankerni. Allein in Batticaloa lebten 23.000 Fischer. Fast alle der Überlebenden haben ihre Arbeit verloren.
Wieviele Menschen der östlichen Provinz leben derzeit in den Obdachlosenlagern?
GOMIS: Mindestens 65.000. Sie haben keine Häuser, in die sie zurückkehren können. Die Kirche und die Nichtregierungsorganisationen beschaffen ihnen provisorische Unterkünfte, aber das allein reicht nicht. Außerdem handelt es sich auch um Zonen, die anfangs nur schwer erreichbar waren, da es keine Straßen und keine Transportmittel mehr gab. Das Erste, was jetzt getan werden muß, ist, die Straßen und Brücken wieder aufzubauen, die fast alle zerstört worden sind. Man darf nicht vergessen, daß sich die östliche Küste über ca. 300km erstreckt.
Wie hat die Kirche den Opfern geholfen, und welche Initiativen sind derzeit im Gang?
GOMIS: Colombo, Galle, Jaffna und Trincomalee-Batticaloa sind von den 11 Diözesen Sri Lankas diejenigen, die am schlimmsten betroffen waren. Die Priester, die Ordensleute und die Laien haben sich sofort darum gekümmert, die Obdachlosen mit Nahrung zu versorgen, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Sie haben nach Toten gesucht und diese begraben. Viele Menschen wurden zunächst in den Kirchen und Buddhistentempeln untergebracht, die von der Flutkatastrophe verschont geblieben waren. Die Pfarrgemeindemitglieder der umliegenden Gebiete waren sofort bereit, den Bedürftigen Nahrung und Kleidung zur Verfügung zu stellen. Unmittelbar nach dieser „Erste-Hilfe-Aktion“ machten sich die Caritas-Gruppen einer jeden dieser Diözesen daran, die Lager auszurüsten. In unserer Diözese arbeiten wir gerade an einem Programm, mit dem den Opfern unserer Zone geholfen werden soll.
Wie sieht dieses Programm aus?
GOMIS: Es läuft in drei Phasen ab. In der ersten – die schon zuende geführt wurde – war die unmittelbare Evakuierung der Überlebenden in Küstennähe vorgesehen, die Beschaffung von Nahrung und Kleidung, die Ausrüstung der Lager und das Begraben der Toten. In der zweiten Phase hat man versucht, den Überlebenden eine zeitweilige Unterkunft zu bieten. Einige Jugendliche aus den umliegenden Pfarreien halfen mit, die von der Flutkatastrophe beschädigten Häuser wieder bewohnbar zu machen. So konnten viele obdachlos Gewordene wieder nach Hause zurückkehren, oder doch zumindest in zeitweiligen Unterkünften oder bei Freunden Unterschlupf finden. Die dritte Phase, die gerade im Gang ist, ist die wichtigste. Die zerstörten Häuser und Schulen müssen wieder aufgebaut werden, die Fischer brauchen Boote und Gerätschaften für den Fischfang, und auch allen anderen, die ihr Arbeitswerkzeug und damit ihre Einnahmequelle verloren haben, muß geholfen werden. Zu diesem Zweck hat die Erzdiözese ein Aktionskomitee ins Leben gerufen, das sich aus neun Priestern zusammensetzt. Diese organisieren mit dem Direktor von „Seth Sarana“, dem rechten Arm der Diözesancaritas, die Hilfsaktionen. Das Komitee ist mit der gesamten Operation unter Schirmherrschaft des Erzbischofs betraut. Für die Überwachung der Fonds wurden zwei Revisoren ernannt.

Was wird für andere Diözesen getan?
GOMIS: Wir haben zunächst einmal einen Hilfsfonds ins Leben gerufen, den „Archbishop’s Tidal Wave Relief Fund“, mit dem allen Bürgern Sri Lankas geholfen werden soll, die Opfer der Flutkatastrophe geworden sind. Durch diesen Fonds konnten wir Spenden für andere betroffene Diözesen bereits den Weg ebnen.
Die in der südlichen Provinz am meisten betroffenen Gebiete sind Point Pedro, Mullativu und Palai. Der Bischof von Jaffna, Thomas Savundaranayagam, arbeitet, gemeinsam mit seinen Priestern, mit der Diözesanagentur Hudec (Human development centre, Anm.d.Red.] und mit der Caritas zusammen. Viele Menschen haben immer noch kein Dach über dem Kopf und leben im Freien. Das größte Problem ist in der Tat der Bau von Häusern. Da der Großteil der Bevölkerung Fischer sind, die am Strand leben, stellt sich das Problem ihrer Neuansiedlung entlang der Küste, aber in einem vernünftigen Abstand zum Meer, mindestens 200m entfernt. Da allerdings kein ausreichender bebaubarer Raum zur Verfügung steht, ist das ein großes Problem. Die Kirche ist bereits mit einem umorganisierten Wohnprogramm sowie mit der Beschaffung von Fischerbooten befaßt.
Was die Ostküste angeht – die am schlimmsten betroffene Zone –, ist zu sagen, daß der Bischof von Trincomalee-Batticaloa, Joseph Kingsley Swampillai, und seine Priester wirklich ausgezeichnete Arbeit leisten. Wie bereits gesagt, ist der Transport eines der großen Probleme, und viele Zonen müssen noch erreicht werden. Die HUDEC kümmert sich, in Zusammenarbeit mit den Diözesanautoritäten, darum, die Menschen in den Lagern mit Nahrungsmitteln und Kleidung zu versorgen.
In der südlichen Diözese Galle, die pro tempore von Pater Terence Liyanage verwaltet wird, ist eine Gruppe von Priestern intensiv mit der Versorgung der obdachlos Gewordenen mit Nahrung und anderen primären Hilfsgütern befaßt. Wie das gesamte Land ist dieses Gebiet zum Großteil buddhistisch, und man kann sagen, daß sich die Zusammenarbeit zwischen katholischem Personal und nicht-katholischen Leaders überaus fruchtbar gestaltet. Eine der Hauptsorgen der Kirche hier ist der Wiederaufbau der einzigen katholischen Schule der Diözese, die vollkommen zerstört wurde.
Die Überlebenden haben auch ein schlimmes psychologisches Trauma erlitten...
GOMIS: Ja. Wir haben nicht nur Experten eingesetzt, die allen helfen, deren psychisches Gleichgewicht bedroht ist, sondern bieten auch Kurse für die Schulung neuer Assistenten an. Besonders schlimm ist das im Fall kleiner Kinder, die ihre Eltern, ihre Familienangehörigen verloren haben. Sie brauchen sehr viel Fürsorge, sehr viel Zuwendung, um das schreckliche Trauma zu überwinden, das sie erlitten haben.
Welche sind die größten Probleme, die Ihr Land lösen muß?
GOMIS: Der Wiederaufbau der Häuser, die Beschaffung von Möbeln und Hausratsgegenständen, von Booten und Gerätschaft für den Fischfang. Am liebsten würden wir diese Güter – was allerdings kaum machbar sein wird – in Sri Lanka erwerben, weil man so Transportkosten sparen könnte, Arbeit beschaffen würde und das auch der im Argen liegenden Wirtschaft des Landes neuen Auftrieb gäbe.
Wir haben hier auch viele beschädigte Kirchen, einige wurden vollkommen zerstört. In der Erzdiözese Colombo sind vier in einem wirklich erbärmlichen Zustand, in Jaffna wurden 24 Kirchen schwer beschädigt, zwei mußten abgerissen werden. Für die katholischen Gläubigen, die aus ihren Pfarrgemeinden geistliche Nahrung ziehen, wäre der möglichst schnelle Wiederaufbau der Kirchen zur Überwindung ihres psychologischen Traumas von äußerster Wichtigkeit.
In Europa wurden Polemiken um die Verwendung der Spendengelder laut. Die italienische Regierung hat eigens eine Garanten-Kommission eingesetzt.
GOMIS: Die Bevölkerung, die Finanzagenturen und die Spenderländer haben ein wachsames Auge darauf, wie unsere Regierung die Spendengelder einsetzt. Man darf also hoffen, daß sie in die richtigen Kanäle fließen. Der „Archbishop’s Tidal Wave Relief Fund“ wird von einem Priesterteam verwaltet, mit der Erstellung der Rechenschaftsberichte wurden zwei Rechnungsprüfer betraut. Das Risiko der Veruntreuung von Geldern kann daher als minimal bezeichnet werden. Unsere Bischofskonferenz hat auch zwei Bischöfe ernannt, Harold Perera und Kingsley Swampillai, die dem Bischof, der für die Caritas von Sri Lanka verantwortlich ist, Raymond Peiris, bei seinen Hilfsaktionen zur Seite stehen. Sie werden mit zwei Rechnungsprüfer-Beratern zusammen arbeiten. Wir empfehlen jedenfalls dringend, daß alle Auslandsfonds entweder dem „Archbishop’s Tidal Wave Relief Fund“ oder – durch die Caritasagenturen der jeweiligen Länder – der nationalen Caritas anvertraut werden.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den ethnischen Gruppen und den Komponenten der verschiedenen Religionen in Sachen Hilfsaktionen?
GOMIS: Zwischen den Tamilen und dem singhalesischen Bevölkerungsteil besteht eine optimale Zusammenarbeit. Wie auch zwischen den Streitkräften Sri Lankas und den Tamilen. Das war natürlich unmittelbar nach der Geißel der Tsunami-Katastrophe, und wurde auch von den Tamilen anerkannt. Dank dieser Zusammenarbeit konnten viele Leben gerettet werden. Im Norden, wo die politische Situation ein komplexes Problem darstellt, hat sich die Kirche mit der „Ltte“ („Liberation Tigers of Tamil Eleam“, den sog. „Tamil-Tigern“ hinduistischer Religion, Anm.d.Red.) und mit den Regierungsagenturen koordiniert. Die Bevölkerungen haben ein großes Verlangen nach Frieden. Viele sind der Meinung, daß diese Naturkatastrophe gezeigt hat, daß alle Menschen gleich sind. Das ist ein gutes Zeichen, ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft.
Sie haben vorhin das Trauma der Kinder angesprochen. Hat es auch Fälle von Kindesmißbrauch gegeben?
GOMIS: Leider ja, wie das unter derartigen Umständen leider oft der Fall ist. Aber die Regierung hat sofort strenge Gegenmaßnahmen ergriffen. Im Gegensatz zu dem, was man annehmen könnte, sind in den Waisenhäusern nicht viele Kinder – das Regierungsprogramm sieht nämlich vor, sie im Kreis erweiterter Familien aufwachsen zu lassen, unter strenger Supervision natürlich.
Colombo, Galle, Jaffna und Trincomalee-Batticaloa sind von den 11 Diözesen Sri Lankas diejenigen, die am schlimmsten betroffen waren. Die Priester, die Ordensleute und die Laien haben sich sofort darum gekümmert, die Obdachlosen mit Nahrung zu versorgen, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Sie haben nach Toten gesucht und diese begraben.
Welche Beziehung haben die Katholiken zu den Angehörigen anderer Konfessionen in Sri Lanka?
GOMIS: Die Beziehungen hatten sich allmählich verbessert, waren herzlicher geworden, bis vor etwa 10 Jahren, als fundamentalistische christliche Gruppen hier auftauchten. Es kam zu Unruhen, Unstimmigkeiten. Auch die ökumenische Bewegung, die bemerkenswerte Fortschritte machte, hat durch dieses Phänomen Schaden genommen. Die buddhistische Bewegung und die Hindus haben lange gegen die von diesen Gruppen unternommenen Versuche „unmoralischer Konversionen“ protestiert. Weihnachten 2003, als Reverend Soma starb, ein bekannter buddhistischer Mönch, war das Verhältnis überaus gespannt: laut Meinung einiger Buddhisten hatte es sich um einen Mord gehandelt, bei dem die Christen ihre Hände mit im Spiel hatten. Da noch dazu Wahlen vor der Tür standen, wurde eine politische Frage daraus, und einer neuen Partei buddhistischer Mönche, die acht Mitglieder im Parlament hatte, gelang es, auf die öffentliche Meinung Einfluß zu nehmen. Die Buddhisten machen keinen Unterschied zwischen Katholiken und anderen christlichen Gruppen, und der Umstand, daß die Katholiken die größte christliche Gemeinschaft darstellen, hat sie glauben gemacht, daß alle, deren Symbol das Kreuz ist und die von Christus sprechen, Katholiken sind. So kommt es, daß man die Untaten der fundamentalistischen Christen der gesamten christlichen Gemeinschaft zuschrieb. Eine Spannung, die dank der großen Toleranz und der friedlichen Haltung der katholischen Gemeinschaft gemildert werden konnte. Nach dem Desaster haben die Menschen begonnen, einander lediglich als menschliche Wesen zu sehen, und nicht nach Kaste, Glauben oder Rasse zu unterscheiden. Wir sind – wie bereits gesagt – der Meinung, daß das ein gutes Zeichen für die Zukunft ist. Viele Leaders haben bereits an das Volk appelliert, keine Unterschiede mehr zu machen und sich stattdessen auf den Wiederaufbau des Landes zu konzentrieren. Dennoch werden viele fundamentalistische Christen bezichtigt, diese Situation auszunützen, um die Menschen zu beeinflussen – was besonders die Buddhisten mit Mißtrauen betrachten. Eine hiesige Tageszeitung hat am 23. Januar einen Artikel veröffentlicht, in dem diese fundamentalistischen Organisationen aufgelistet waren. Der Titel lautete: Besorgniserregende Vermischung von Hilfen und Predigten. In dem Artikel heißt es: „Ein Dutzend von Amerikanern kam in ein Obdachlosenlager, verteilte großzügig Geschenke an die verzweifelten Eltern und traumatisierten Kinder. Und sie hatten den Lagerbewohnern – ganz zufällig – noch etwas anderes zu bieten: Jesus.“ Wir sind der Meinung, daß diese Art von Aktivität unsere Bemühungen schmälert, den Menschen in ihrer schlimmen Notlage ehrliche Hilfe und Nächstenliebe anzubieten. Der Herr hat gesagt: „Sie sollen eure guten Werke sehen und den Herrn lobpreisen.“ Leid instrumentalisieren zu wollen, ist nicht christlich.
Im Parlament wird das Gesetz gegen die „erzwungenen Bekehrungen“ diskutiert. Was denken Sie darüber?
GOMIS: Es hat bereits zwei Versuche hinsichtlich einer Gesetzgebung gegen die sogenannten „unmoralischen Konversionen“ gegeben. Wir sind gegen diese Gesetzgebung, wie der Großteil aller Menschen, die über einen gesunden Menschenverstand verfügen. Der Grund ist, daß diese Art Gesetz keine effektive Lösung des Problems bringt. Im Gegenteil: es wird nur für weitere religiöse Mißtöne sorgen. Wir erkennen jedoch an, daß eine Lösung gefunden werden muß, damit es zwischen den religiösen Gemeinschaften des Landes keine solchen Probleme mehr gibt wie die, die ich bereits angesprochen habe. Im Kongress der Religionen, einer nicht politischen Organisation, die die Leaders der vier wichtigsten Religionen Sri Lankas einschließt, haben wir dieses Problem erschöpfend diskutiert, und wir glauben, daß die Schaffung einer interkonfessionellen, von Seiner Exzellenz, dem Präsidenten, ernannten Kommission mit Genehmigung, diese Frage zu behandeln, wie von der Sonderkommission für die buddhistischen Angelegenheiten empfohlen, wünschenswert wäre.
Eine letzte Frage: Können Sie uns kurz die Geschichte der Muttergottes mit Kind von Matara erzählen?
GOMIS: Die kleine Statue Unserer Lieben Frau von Matara ist eine sehr alte, überaus verehrte Statue. Sie ist nur 50cm groß, stammt angeblich aus dem 16. Jahrhundert, soll schon dreimal im Meer versunken, und wieder ans Festland zurückgekehrt sein. Sie befindet sich im Marienheiligtum Unserer Lieben Frau vom Siege, zu dem jeden ersten Sonntag im September Tausende von Katholiken pilgern. Das Heiligtum befindet sich direkt am Meer. Die erste Flutwelle – ca. 1,20m hoch – erreichte den Strand gerade in dem Moment, als die Kommunion gespendet wurde. Die Welle hat die Statue mitgerissen und vom Meer verschlingen lassen. Einige Gläubige haben gesehen, wie die Statue ihr gläsernes „Gefängnis“ verließ, so als ginge sie freiwillig mit. Dann ließ sie sich von den Wellen forttragen. Die Choristen des Sanktuariums können das bezeugen. Drei Tage später hat sie ein Singhalese buddhistischer Religion in seinem Garten gefunden und der Verwaltung des Heiligtums zurückgegeben. Mir scheint also, daß man sagen kann, daß sich die Muttergottes nur kurz entfernt hat, vielleicht gerade lange genug, um den Unglücklichen beizustehen, die die Wellen mit sich fortgerissen hatten. Und jetzt ist sie wieder zu uns zurückgekehrt. Um uns in diesem Moment des Leids Trost zu spenden.


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