„Ich habe meine Pflicht getan, mit Gottes Hilfe“
Die Nuntiatur Budapest konnte 1944 Tausende von Juden vor den Nazis retten. Msgr. Gennaro Verolino war dort. Interview.
von Giovanni Cubeddu

Msgr. Verolino auf einem Bild aus den Kriegsjahren
1944 war das Jahr, in dem Ungarn von den deutschen Truppen besetzt wurde und eines der Länder wurde, in denen die Verfolgungen der Nazis am schlimmsten ausarteten. Ein Land, in dem es zwar auch schon vorher strenge Rassengesetze gab, in dem aber auch aus Polen und der Slowakei geflohene Juden Unterschlupf gefunden hatten. Gennaro Verolino hielt sich damals, als Sekretär der von Msgr. Angelo Rotta geleiteten Nuntiatur, in Ungarn auf und bemühte sich mit den Diplomaten der damals neutralen Länder darum, sovielen Juden wie möglich den Weg in die Konzentrationslager in Auschwitz oder in Österreich zu ersparen. In den Monaten deutscher Besatzung stellte die Nuntiatur zwischen 25.000 und 30.000 „Schutzbriefe“ aus, mit denen diese Menschen der Deportation entgehen konnten.
Im Oktober vergangenen Jahres wurde Msgr. Verolino von der Stockholmer Regierung mit dem „Per Anger“-Preis ausgezeichnet, benannt nach dem verdienten schwedischen Botschafter, der in jenen Jahren in Budapest tätigt war.
Msgr. Verolino hat uns am 26. Januar in seiner römischen Wohnung empfangen, am Vorabend des „Gedächtnistages“ zur Erinnerung an den 60. Jahrestag des Einmarsches der Roten Armee in Auschwitz.
Welche Beziehung hatte die Nuntiatur zur jüdischen Gemeinschaft in Ungarn?
GENNARO VEROLINO: Eigentlich keine besondere. Als es aber darum ging, ihnen zu helfen, als Not am Mann war, zögerte die Nuntiatur nicht einzuschreiten, um die Juden zu retten. Schickte Briefe mit Protesten gegen die Verfolgung an die Regierung und stellte Zertifikate aus, dank derer diese Personen dem sicheren Tod entgehen konnten, Schutzbriefe, mit denen bescheinigt wurde, daß der Überbringer unter dem Schutz der Nuntiatur stand. Dank dieser Dokumente konnten die Juden dem Abtransport entgehen, der sie „offiziell“ nach Deutschland geführt hätte, wohin sie die Nazis zum „Arbeiten“ schickten. Aber wie hätte man das glauben sollen, wo doch auch Achtzigjährige und kleine Kinder abtransportiert wurden! Natürlich war alles nur ein Täuschungsmanöver der Nazis. Oft konnten wir den Abtransport dieser armen Menschen verhindern. Manchmal haben wir auch Kleinlaster losgeschickt, mit denen wir Personen wieder nach Budapest zurückholten, die schon auf dem Weg der Deportation waren.
Sie hatten auch Kontakt zu Nazi-Beamten, mußten sich von diesen die Gültigkeit der Schutzbriefe bestätigen lassen…
VEROLINO: Ja, manchmal gab es Schwierigkeiten, und dann mußte ich zu ihnen gehen, um mit ihnen zu reden, normalerweise bat ich aber die ungarischen Behörden um Hilfe. So konnten wir noch den einen oder anderen mehr retten. Die ungarische Regierung war recht disponibel, man konnte sich dort schnell Gehör verschaffen. Gewiß, auf praktischer Ebene hatten auch sie es mit den Nazis nicht leicht, aber es war eben der einzige Weg, aktiv zu werden...
Haben Sie jemals von Auschwitz reden gehört?
VEROLINO: Die Nuntiatur setzte alle Hebel in Bewegung, um die Menschen wieder zurückzubekommen, die schon auf dem Weg dorthin waren. Man befürchtete das Schlimmste... Die Wachen, die die Deportierten begleiteten, erzählten, was sie gesehen hatte... Natürlich vertrauten sich die Polizei und die ungarischen Gendarmen nicht direkt uns an, aber irgendwie, durch so manchen Menschen guten Willens, konnten wir doch so einiges in Erfahrung bringen.
Wie setzten sich die hilfesuchenden Juden mit Ihnen in Verbindung?
VEROLINO: Sie kamen in die Nuntiatur, unsere Tür stand allen offen, niemand wurde abgewiesen. Wir fragten auch niemanden nach seiner Religion. Sie baten uns um Schutz, und den gaben wir ihnen.
Vielleicht wollte der ein oder andere auch ausspionieren, was in der Nuntiatur so alles vor sich ging...
VEROLINO: Na, das war wirklich nicht notwendig…
Msgr. Montini hat Sie einmal in einer Note gefragt, wieviele Schutzbriefe Sie ausgestellt haben...
VEROLINO: Das ist schwer zu sagen, wir haben sie nicht gezählt, aber es werden wohl so zwischen 25.000 und 30.000 gewesen sein; in weniger als einem Jahr.
Wie erreichten sie ihre Empfänger?
VEROLINO: Sie wurden persönlich in der Nuntiatur abgeholt. Wir taten nichts anderes mehr, als diese „Briefe“ abzufassen. Alle anderen Arbeiten mußten warten, wir waren nur noch damit beschäftigt, Schutzbriefe auszustellen: man schrieb den Namen der Person, die unter dem Schutz der Nuntiatur stand, dann kam die Unterschrift des Nuntius, und das war es. Vor der Nuntiatur standen mehr Menschen Schlange als vor den Lebensmittelläden. Die Schlangen für die Zertifikate waren eindeutig länger.
Viele Juden wurden von Ihnen persönlich beherbergt.
VEROLINO: Sie wohnten bei uns in der Nuntiatur, wagten sich nie aus dem Haus, aus Angst vor den Nazis. Wir hatten all unsere Büroräume, alle Zimmer zur Verfügung gestellt, die Juden haben die ganze Zeit über bei uns gelebt.
Wie war es dazu gekommen?
VEROLINO: Sie hatten an unsere Tür geklopft, um Schutz gebeten, vor allem den Nuntius, und da haben wir ihnen geholfen.
Zehntausende von Briefen allein für die ungarischen Juden...
VEROLINO: Für alle Juden, die zu uns kamen. Auf die Formulare wurde der Name der jeweiligen Person geschrieben, nichts anderes. Wir hatten eine Gruppe jüdischer Freiwilliger – einige davon waren bei uns in der Nuntiatur zu Gast – , die uns halfen, auf der Schreibmaschine die Texte zu schreiben, der Nuntius mußte den ganzen Tag Formulare unterschreiben.
Sie mußten jedoch bei den ungarischen Bischöfen Druck machen, damit sie aktiv wurden...
VEROLINO: Die ungarischen Bischöfe versuchten ebenfalls, diese armen Teufel zu retten. Ich kann mich nicht daran erinnern, daß Msgr. Rotta die ungarischen Bischöfe öffentlich kritisiert hätte. Die ungarische Kirche war sich mit der Nuntiatur einig, die Bischöfe haben versucht, alles nur Mögliche zu tun.
Schickten auch die ungarischen Bischöfe Juden zu Ihnen in die Nuntiatur, um ihnen Zertifikate ausstellen zu lassen?
VEROLINO: Wir haben nie Fragen gestellt. Wer immer einen Schutzbrief wollte, der bekam ihn auch. Das einzige, was wir wissen wollten, waren die persönlichen Daten, die zum Ausfüllen des Formulars nötig waren.
Es ist bekannt, daß es in Ungarn viele getaufte Juden gegeben hat.
VEROLINO: Ja, ziemlich viele, auch viele schon vor dem Krieg Konvertierte. Und dann, während der Verfolgung, hofften viele auf eine Vorzugsbehandlung. Aber die Nuntiatur hat alle zu retten versucht, ohne Unterschiede zu machen, ganz gleich, welcher Religion sie angehörten, ob sie nun getauft waren, oder nicht.
In Budapest gab es sehr viele Juden, die sich hatten taufen lassen, und zwar schon viele Jahre zuvor.
Aber manche ließen sich auch während des Krieges taufen...
VEROLINO: Natürlich. Als die Verfolgung begann, hat so mancher geglaubt, man könne sich leichter retten, wenn man Christ wäre. Was natürlich nicht der Realität entsprach, weil die Nazi-Gesetze die rassische Herkunft interessierte.
Hat man auch jene Personen getauft, die sich nur dazu entschlossen hatten, um ihr Leben zu retten?
VEROLINO: Wir haben nur dann getauft, wenn es sich um eine ehrliche Konversion handelte.
Eine schwierige Entscheidung.

DIE VERFOLGUNG. Ein jüdisches Ehepaar im Budapester Ghetto. Das Tragen des Judensterns war im April 1944 Pflicht geworden.
Als die Juden in das Budapester Ghetto gesperrt wurden, haben Sie versucht, die Kinder zu retten...
VEROLINO: Auch in diesem Falle schickten wir Protestbriefe an die Regierung und versuchten, die Kinder in Ordenshäusern unterzubringen. Und normalerweise respektierte die ungarische Regierung die Orte, wo die Kirche diesen Menschen Unterschlupf gewährt hatte.
Ist es jemals passiert, daß eines dieser Kinder getauft wurde? Wurden diesbezügliche Klagen laut?
VEROLINO: Dieses Problem stellte sich damals nicht. Wir gingen nach dem Prinzip vor, daß es hier Menschenleben zu retten galt, die Religion spielte keine Rolle. Der Schutz, den wir boten, war rein ziviler Art, es war ein Schutz vor den Nazis, die diese Menschen deportieren wollten. Außerdem waren die Kinder, die die Nuntiatur in den Institutionen untergebracht hatte, in Gesellschaft ihrer Eltern, die eben einen Schutzbrief hatten.
Die Regierung richtete damals ein jüdisches Zentralkomitee ein. In seinen Noten schreibt Nuntius Rotta, daß dieses Komitee, „in erster Linie“ die getauften Juden „opfern“ wollte, „um den Erfordernissen der Regierung zu entsprechen.“
VEROLINO: Die getauften Juden mußten manchmal mehr erleiden als die anderen.
Daran, was dieses Komitee tat, kann ich mich nicht erinnern. Es tut mir leid, daß ich nicht auf alle Fragen eine Antwort habe.
Wurden auch getaufte Juden nach Auschwitz deportiert?
VEROLINO: Aber natürlich! Für die Nazis machte die Religion keinen Unterschied, sie bekämpften „die Rasse, nicht die Religion.“
Sind in der Nuntiatur Drohungen der Nazis eingegangen?
VEROLINO: Keine direkten. Ich weiß, daß viel darüber geredet wurde, was wir taten, auch die Presse berichtete darüber. Aber Gott sei Dank ist nichts passiert.
Haben Sie jemals um Ihr Leben gefürchtet?
VEROLINO: Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich wollte nur so gut wie möglich meine Pflicht erfüllen, und bin, Gott sei Dank, nie in Gefahr geraten. Ich habe es mit Freuden getan, denn es war eine rechte Sache, und ich würde es ohne zu zögern wieder tun.
Die damaligen Dankesbezeugungen jüdischer Organisationen Pius XII. und dem Hl. Stuhl gegenüber sind bekannt. Wie erklären Sie sich, daß Papst Pacelli später Vorwürfe gemacht wurden?
VEROLINO: So sind die Menschen eben. Erst wird man in den Himmel gelobt, dann verteufelt. Was soll ich dazu sagen? Das müßte man die fragen, von denen die Kritik kommt. Die Kirche und unsere Nuntiatur haben sicherlich versucht, ihre Pflicht zu tun, und ich denke, das haben sie auch ganz gut getan.
Wann wurden Sie zum Priester geweiht?
VEROLINO: 1928.
2003 konnten Sie Ihr 75jähriges Priesterjubiläum feiern...
VEROLINO: Ja, eine lange Zeit. Ich war erst 22 Jahre und ein paar Monate alt, als ich zum Priester geweiht wurde.
Was hat Sie dazu bewegt, ins Seminar einzutreten?
VEROLINO: Ich hatte einen Onkel mütterlicherseits, der Priester war, ein sehr guter Priester. Vielleicht war es dieses Vorbild, das mich inspiriert hat. Ich war zuerst auf dem diözesanen Knabenseminar in Acerra, in der Provinz Neapel, und dann in Posillipo, im regionalen Seminar von Kampanien.
Wie waren die ersten Kontakte zum Staatssekretariat? Wer waren Ihre ersten Kontaktpersonen?
VEROLINO: Msgr. Montini und Kardinal Ottaviani.
Können Sie sich noch daran erinnern, wie sie Ihnen begegnet sind?
VEROLINO: Montini war sehr freundlich und gütig, genauso wie Ottaviani.

DIE ANERKENNUNG. Momentaufnahme der Verleihung des „Per Anger“-Preises an Msgr. Verolino, in Anwesenheit von Kardinal Sodano. Eine Jüdin, die der Verfolgung entgehen konnte, dankt dem früheren Sekretär der Nuntiatur in Budapest.
VEROLINO: Was soll ich Ihnen sagen? Mir haben sie alle gefallen, sie hatten alle große Tugenden, große intellektuelle Gaben. Wie soll man da sagen können, daß der ein oder andere besser gewesen ist?
Um in der Geschichte zu bleiben: welche Erinnerung haben Sie an Pius XII.?
VEROLINO: Eine sehr gute. Ich bin ein paar Mal zu ihm gegangen; damals war ich ein junger Sekretär, und er hat mich immer mit großer Güte behandelt.
Erlauben Sie mir eine persönliche Frage. Sie sind schon lange Priester: wie sagen Sie Ihre Gebete?
VEROLINO: Ich zelebriere die Messe, wie es sich gehört. Man betet nach der von der Kirche approbierten Liturgie. Ich zelebriere die Messe normalerweise noch auf Lateinisch.
Und welchen Heiligen verehren Sie besonders?
VEROLINO: Den hl. Gennaro, meinen Namenspatron…ja, ein wirklich großer Heiliger, Bischof und Märtyrer...
Kardinal Sodano hat eine Dankesnote an Msgr. Verolino geschrieben. In Nazareth gibt es eine von Franziskanern geleitete Schule, deren 749 Schüler einen Dankesbrief an Msgr. Gennaro geschrieben haben: ihnen hat er das gesamte Preisgeld gespendet, das er von der schwedischen Regierung erhalten hat.
Bei der Preisverleihung waren auch zwei Juden anwesend, die der Verfolgung dank seiner Hilfe entgehen konnten (einer davon war Giorgy, der junge Mann, der ihn auf seinen Fahrten mit den Kleinlastern begleitete, wenn sie wieder einmal versuchten, Menschen abzufangen, die mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht werden sollten). Als sie vor ihm standen und ihm mit Tränen in den Augen dankten, hat er kein Wort gesagt. Hat nur das Kreuzzeichen geschlagen und ihnen übers Haar gestrichen.