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Aus Nr. 04 - 2005

Die Religionsfreiheit: nur eine der Seiten des einheitlichen Prismas der Freiheit


Die Ansprache von Papst Wojtyla an die Teilnehmer der 69. Konferenz der Interparlamentarischen Union, Vatikan, 18. September 1982.


Die Ansprache von Papst Wojtyla an die Teilnehmer der 69. Konferenz der Interparlamentarischen Union


Johannes Paul II. beim FAO-Summit  in Rom am13. November 1996.

Johannes Paul II. beim FAO-Summit in Rom am13. November 1996.

Herr Präsident!
Exzellenzen!
Meine Damen und Herren!


1 Ich würdige in besonderer Weise Ihre Anwesenheit hier anläßlich der bedeutenden Konferenz, die die angesehene Institution, deren Mitglieder Sie sind, zur Zeit in Rom abhält und danke Ihnen für Ihren Besuch.
Meine verehrten Vorgänger haben es nicht versäumt, ihr Interesse an der Interparlamentarischen Union zu bekunden und ihr Ermutigungen zuteil werden zu lassen. Papst Pius XII. zum Beispiel hob am 9. September 1948 das Bestehen und die Zweckmäßigkeit einer solchen Vereinigung hervor. Und vor zehn Jahren, als die Union ihre letzte Konferenz in Italien abhielt, würdigte Papst Paul VI. offen Ihre Arbeit als Parlamentarier. Nachdem er Ihre politische Arbeit im Hinblick auf die Exekutive, die neuen „Mächte“ der Interessengruppen und Technokraten, eingeordnet hatte, stellte Paul VI. eine gewisse Funktions- und Identitätskrise des Parlaments fest, wünschte aber mit Recht, daß im Rahmen einer notwendigen Entwicklung diese Institution ihre Rolle noch wirksamer erfüllen möge, jenseits von Parteienstreit und unfruchtbarem Spiel. So verstanden, trägt das Parlament in der Tat zur Erhaltung der Demokratie bei.
Zeigt die Erfahrung nicht jeden Tag, was eine Nation aufs Spiel setzt, wenn die Regierungsautorität einerseits und die „Pressure-Groups“ anderseits den demokratisch gewählten Vertretern der Gesellschaft – die frei handeln, in dem Bewußtsein, die legitimen Ansprüche ihrer Mitbürger zu vertreten, wobei sie das gemeinsame Wohl des ganzen Volkes im Auge haben und die konkreten Realitäten sowie die Grundrechte der Menschen und ihrer Vereinigungen berücksichtigen – den ihnen von Rechts wegen zustehenden Platz nicht mehr überlassen?




2 Wenn Sie sich von den tiefen Erwartungen der Völker leiten lassen, die Ihrem Mandat als Volksvertreter zugrunde liegen, sind Sie sich gewiß der Dringlichkeit voll bewußt, zur Sicherheit und zum Fortschritt derer beizutragen, die Sie bevollmächtigt haben, und das nicht nur innerhalb jeder Nation, sondern in einem immer weiteren Rahmen, da Sie um die engen Bande wissen, die zwischen dem Gemeinwohl eines jeden Volkes und der Verwirklichung dieses Gemeinwohls in weltweitem Maßstab bestehen.
Auf der internationalen Ebene wird der Wert und die Bedeutung der Interparlamentarischen Union übrigens durch die Zunahme an Beitritten bestätigt: mehr als ein Drittel im Laufe der letzten zehn Jahre. Der repräsentative Charakter der Union ist umso größer, da in ihr – wie übrigens auch in anderen internationalen Organisationen – Delegierte von Völkern, die um die Erhaltung oder Steigerung ihres oft sehr hohen Lebensstandards bemüht sind, Seite an Seite mit Vertretern von Völkern sitzen, die noch um ihr Überleben kämpfen, das durch Hunger, Krankheiten und Mangel an lebensnotwendigen Gütern gefährdet ist.
Die Verschiedenheit der Lebensmittelverhältnisse sowie die vielfältigen Unterschiede in politischer, sozialer und ethnischer Hinsicht verleihen der Interparlamentarischen Union eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Synthese und Förderung, was im übrigen die Themen beweisen, die Sie in diesen Tagen erörtern: die Skala dieser Themen reicht von der Verbindung zwischen der Reduzierung der Rüstungsausgaben und der wirtschaftlichen wie sozialen Entwicklung der Dritten Welt bis zur Teilnahme der Parlamentarier im Bereich der internationalen Beziehungen; von der gewünschten Vereinheitlichung der Gesetze zum Umweltschutz, die der Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts gelten, bis zu konkreten Maßnahmen zur Bekämpfung des Hungers in der Welt; und auch die Beseitigung von Resten des alten Kolonialismus oder Vorkehrungen gegen jede Form von Neokolonialismus. Statt auf Ihre Funktionen als Parlamentarier in Ihren jeweiligen Ländern zurückzukommen, will ich darum lieber einige dieser Weltprobleme aufgreifen und noch andere, die der katholischen Kirche besonders am Herzen liegen.



Johannes Paul II. bei seiner Reise nach Bolivien (1998).

Johannes Paul II. bei seiner Reise nach Bolivien (1998).


3 Ich möchte vor allem an meine Botschaft vom vergangenen Juni an die zweite außerordentliche Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen erinnern, die dem so wichtigen Problem gewidmet war, dem Wahnsinn des Rüstungswettlaufs Einhalt zu gebieten: und zwar nicht nur bei den Kernwaffen, die in Anbetracht ihrer furchtbaren Zerstörungskraft ganz sicher eine tiefe Beunruhigung hervorrufen, sondern auch im Hinblick auf die sogenannten konventionellen Waffen, die ungeheure Geldreserven der Menschheit verschlingen, die doch für ganz andere Ziele bestimmt sein können und sollen.
Lassen wir uns nicht entmutigen! Sicher hat die Konferenz von New York am Ende nicht alle Früchte erbracht, mit denen die Völker und Menschen, die sich wirklich dem Frieden verpflichtet fühlen, gerechnet hatten. Sie hinterläßt jedoch die Hoffnung auf vertiefte Fortsetzung dieser Arbeit. Seien wir unermüdlich tätig bei den zuständigen Instanzen, damit die Abrüstung zu einer wirksamen Errungenschaft der heutigen Generationen wird. Dazu muß das Klima des Vertrauens und der Zusammenarbeit gestärkt werden. An Gelegenheiten fehlt es nicht. Für den europäischen Kontinent nennen wir zum Beispiel die bevorstehende Wiederaufnahme der Konferenz von Madrid, die Gelegenheit zu beachtlichen Fortschritten in der Sicherheit und der gegenseitigen Verständigung auf der Linie der Schlußakte von Helsinki bieten kann. Aber ich denke auch an Zusammenkünfte auf kontinentaler Ebene – Amerika, Afrika, Asien – und Initiativen, die den ganzen Planeten betreffen.
Zu Beginn dieses Jahres habe ich in meiner üblichen Botschaft zum Weltfriedenstag den Frieden als „Gottes Geschenk, den Menschen anvertraut“, definiert. Der Friede ist also auch Ihnen anvertraut, und das in ganz besonderer Weise aufgrund Ihrer aktiven politischen Berufung und Ihrer großen Verantwortlichkeit auf diesem Gebiet: mögen Sie dazu beitragen, daß der Friede geschützt, gestärkt und dort, wo er fehlt, geschaffen wird!
Muß man diesbezüglich nicht gerade in diesem Augenblick besondere Sorge um den Nahen Osten haben? Aber ich will mich jetzt nicht dabei aufhalten, denn Sie wissen zweifellos, daß ich am vergangenen Mittwoch am Schluß der Generalaudienz die tiefe Besorgnis der Kirche darüber und ihre Überzeugung von den unerläßlichen Maßnahmen, zu einem wirklichen Frieden zu gelangen, klar dargelegt habe.
Das soll Ihnen, meine Damen und Herren, deutlich machen, wie sehr die Kirche bereit ist, alle ernsthaften Anstrengungen, die den Frieden zum Ziel haben, zu unterstützen und zu ermutigen, und wie sie ohne zu zögern verkündet, daß, wenn auch die Christen aus besonderen Gründen die aktiven Zeugen dieses göttlichen Geschenks des Friedens sind, die Wahrheit bestehen bleibt, daß das Wir­ken aller jener, die ihre besten Kräfte dieser Sache widmen, im Zusammenhang mit dem ge­heimnisvollen Plan Gottes steht und in unseren christichen Augen große Bedeutung für das in Jesus Christus gestiftete Reich Gottes hat, auch wenn es sich davon unterscheidet (vgl. Pastoral­konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Kirche in der Welt von heute, Gaudium et spes, Nr. 39).


Johannes Paul II. mit  Michail Gorbatschow.

Johannes Paul II. mit Michail Gorbatschow.



4Als ich von der Abrüstung sprach, machte ich eine Anspielung auf die Kraftquellen der Menschheit, die bewahrt und entwickelt werden müssen. Das ganze Problem des Hungers in der Welt ist davon betroffen, und ich habe mit Befriedigung festgestellt, daß es ebenfalls auf Ihrer Tagesordnung stand. Die Zusammensetzung Ihrer Union prädisponiert Sie dazu, dieses entscheidende Problem unserer Zeit mit Ernst und Gewissenhaftigkeit zu behandeln. Ich bin selbst wiederholt darauf zu sprechen gekommen, besonders vor den Vertretern und Mitgliedern der FAO. Ich beschränke mich hier auf eine Feststellung und einen Appell. Sind wir, wenn wir die Experten hören, nicht erstaunt über ein Paradox, das Unbehagen in unserem Gewissen zurückläßt? Sie führen uns nicht nur die erschreckenden Zahlenstatistiken des Hungers vor Augen, sondern sie enthüllen uns, daß die ganze Welt zusammen genug hat, um alle Menschen ausreichend zu ernähren, und daß ein ursächlicher Zusammenhang besteht zwischen denen, die sich satt essen, und denen, die den Hungertod sterben. Führt der ungeregelte Nahrungsmittelverbrauch der einen, die große Getreidemengen an ihr Vieh verfüttern, während es ihnen nur zugute käme, sich ausgewogener zu ernähren, nicht dazu, ihre unterernährten Brüder der Proteine zu berauben, die zum Überleben nötig sind? Und könnte die Verteilung nicht verbessert werden? Viele andere, ähnliche Fragen bedrängen unser Gewissen. Ja, es muß Lösungen geben, man muß sie der öffentlichen Meinung bewußt machen, man muß sie in die Tat umsetzen. Wie mir muß auch Ihnen dieses Tragödie Angst einflößen; mit Ihnen fordere ich dringend, daß unsere Solidarität auf diesem Gebiet wirksamer werde, und ich hoffe, daß die auf dieser Konferenz erwogenen Maßnahmen dazu beitragen können.



5 Außerdem kann ich, auch wenn es das Programm der zur Zeit stattfindenden Konferenz überschreitet, eine so wichtige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne Ihre Sensibilität als Gesetzgeber und politische Führer auf die Grundwerte der Familie und ihrer Aufgaben in der Gesellschaft hinzuweisen. Diese müssen auch in Formen politischen Handelns zum Ausdruck kommen, wie ich in dem Apostolischen Schreiben Familiaris consortio (Nr. 44) in Erinnerung gerufen habe. Mit anderen Worten, die Familien müssen die ersten sein, die darüber wachen, daß die Gesetze und Einrichtungen des Staates nicht nur die Rechte und Pflichten der Familie nicht verletzen, sondern sie stützen und positiv verteidigen. Betrachten Sie diese vorrangige Aufgabe der Familien nicht als eine Einmischung in die öffentliche Macht auf die Gefahr hin, ihre Autorität zu verringern, denn dann wäre der Zusammenhang mit den wiederholten Appellen zur Beteiligung und zur Initiative nicht mehr gegeben.
Sie wissen, wie sehr die katholische Kirche für ihren Teil die Werte der Familie, wie die eheliche Treue, den Sinn der Sexualität und die Forderungen wahrhaft zwischenmenschlicher Beziehungen, die Würde der Frau, das Geschenk und die Achtung des Lebens, das Erziehungsrecht der Eltern und ihre Erziehungspflicht in allen Ländern unaufhörlich verteidigt. bewahrt und fördert. Wenn die Kirche soviel Energie darauf verwendet, das zu bekunden, und durch die Vermittlung ihrer Priester und Laien so viele Initiativen auf diesem Gebiet entfaltet, dann deshalb, weil sie großen Wert auf die Heiligkeit der Ehe für das Leben der Christen und den Fortschritt der Kirche legt und davon überzeugt ist, daß das ebenso wesentlich für die Gesellschaft ist, deren Lebenszelle die Familie ist. Die Kirche wünscht, daß die verschiedenen Verantwortlichen, vor allem die Gesetzgeber, mit ihr die Größe dieses Einsatzes für die Zukunft der Gesellschaft begreifen.



6 Es ist angebracht, auch noch das Problem der Religionsfreiheit zu erwähnen. Wie Sie wissen, fordert die Kirche für sich keine Privilegien von der zivilen Macht; mit einer Klarheit, die seit dem Konzil noch deutlicher ist als in der Vergangenheit, vertritt sie einen globalen Standpunkt, nach dem die Religionsfreiheit nur eine der Seiten des einheitlichen Prismas der Freiheit darstellt: sie ist ein wesentlicher Grundbestandteil einer wahrhaft modernen und demokratischen Gesellschaft. Demzufolge kann kein Staat positive Wertschätzung beanspruchen oder es sogar als sein Verdienst betrachten, nur well er Religionsfreiheit zu gewähren scheint, wenn er diese in Wirklichkeit aus dem Kontext der Freiheit herauslöst; und ein Staat kann sich nicht „demokratisch“ nennen, wenn er die Religionsfreiheit in wie immer gearteter Weise behindert. Nicht nur, was die praktische Ausübung des Gottesdienstes betrifft, sondern auch in bezug auf die gleichberechtigte Teilhabe an schulischen und erzieherischen Aktivitäten sowie sozialen Initiativen, in die sich das Leben des modernen Menschen immer mehr verknüpft sieht. Gerade die jüngste Geschichte beweist, daß die um das Wohl ihres Volkes besorgten Verantwortlichen des Staates von der Kirche nichts zu fürchten haben; vielmehr sorgen sie, wenn sie deren Aktivitäten respektieren, für eine Bereicherung des Volkes selbst, denn sie machen dadurch Gebrauch von einem sicheren Mittel zu seiner Förderung und Erhebung.





Der Papst  mit Jassir Arafat im palästinensischen 
Flüchtlingslager Deheishe  (West Bank), Reise ins
Heilige Land (März 2000).

Der Papst mit Jassir Arafat im palästinensischen Flüchtlingslager Deheishe (West Bank), Reise ins Heilige Land (März 2000).


7 Liegt nicht für Sie selbst der Sinn Ihrer jährlichen Zusammenkünfte darin, gemeinsam nach dieser Förderung und Erhebung zu suchen, um eine menschlichere Welt vorzubereiten? Sie geben sich ja nicht damit zufrieden, über die Techniken der parlamentarischen Arbeit und die großen Themen des politischen Zeitgeschehens zu debattieren und sie miteinander zu konfrontieren. Durch die Diskussionen und Kontakte, die es Ihnen ermöglichen, sich gegenseitig besser kennenzulernen, sind Sie auch ständig auf der Suche nach Modellen, die die Überwindung der tiefen Spannungen erlauben würden, die aus den mannigfaltigen Verletzungen und Beschränkungen der Menschenrechte entstehen, z.B. der Ausbeutung im Arbeitsbereich und der verschiedenen Mißbräuche, die gegen die Würde des Menschen verstoßen. Als ich am 2. Oktober 1979 die Ehre hatte, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu sprechen, habe ich bekräftigt, daß „das grundlegende Kriterium für einen Vergleich zwischen den sozialen, ökonomischen und politischen Systemen nicht das der beherrschenden Macht ist und sein darf, sondern das des menschlichen Wertes sein kann und muß, das heißt das Maß, in dem jedes von ihnen wirklich imstande ist, die verschiedenen Formen einer Ausbeutung des Menschen möglichst zu verringern, zu mildern und zu beseitigen und dem Menschen durch seine Arbeit nicht nur die gerechte Verteilung der unerläßlichen materiellen Güter zu sichern, sondern auch eine seiner Würde entsprechende Teilnahme am ganzen Produktionsprozeß und am gesellschaftlichen Leben selbst, das sich in Verbindung mit diesem Prozeß entfaltet. Wir dürfen nicht vergessen, daß der Mensch, wie sehr er auch zum Überleben von den Vorräten der materiellen Welt abhängt, doch nicht ihr Sklave sein darf, sondern ihr Herr“ (Ansprache vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen am 02.10.1979, Nr. 17; in O.R. dt. vom 5.10.79, S. 10).




8 Dank und Anerkennung sei Ihnen, meine Damen und Herren Parlamentarier, für den Beitrag ausgesprochen, den Sie in Ihren Parlamenten und auf internationaler Ebene im Rahmen Ihrer Interparlamentarischen Union leisten und weiter leisten werden. Könnten Sie, soweit es an Ihnen liegt, zum humanitären Fortschritt der Menschheit beitragen, die in manchen Bereichen unter der Last vergangener und neuer Ungerechtigkeiten stöhnt, die sich nach gleicher Behandlung und verantwortlicher Teilhabe sehnt, die einen legitimen Wohlstand in Frieden sucht, ohne auf eine echte und starke Freiheit zu verzichten! Das alles stimmt mit dem Plan Gottes für die Welt überein.
Ich bete zum Herrn, er möge Ihrem Gewissen die Erleuchtung und die Kraft schenken, daß Sie uneigennützig diesem Plan dienen, und ich bin sicher, daß die, die das Glück haben, sich zu religiösem Glauben zu bekennen, es nicht versäumen werden, Gott in dieser Meinung anzurufen, denn er ist größer als unser Herz.
Ich selbst rufe auf Sie alle, Ihre Familien und Ihre Länder den reichen Segen Gottes herab, der die Quelle alles Guten ist.



(aus L’Osservatore Romano,
Wochenausgabe in deutscher
Sprache,12. Nov. 1982, S. 10-11).


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