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DOKUMENTE
Aus Nr. 04 - 2005

Der Papst und der Präsident


Die Grußadresse von Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi an den Heiligen Vater anläßlich seines offiziellen Besuchs im Vatikan am 19. Oktober 1999.


Die Grußadresse von Staatspräsident an den Heiligen Vater anläßlich seines offiziellen Besuchs


Präsident Carlo Azeglio Ciampi überreicht Johannes Paul II. einen Kelch.

Präsident Carlo Azeglio Ciampi überreicht Johannes Paul II. einen Kelch.

Heiliger Vater,
ich bin Ihnen dankbar für Ihre väterliche Sorge um Italien, ich danke Ihnen für den liebenswürdigen und herzlichen Empfang und für die anderen Begegnungen, die vor diesem offiziellen Besuch in meiner Eigenschaft als Staatspräsident möglich waren.
Dieser fällt mit dem Beginn des 22. Jahres Ihres Pontifikats zusammen: die Erinnerung an jenen 16. Oktober 1978 ist noch allzu lebendig; die Erinnerung an die Hoffnungen, die wir seither im Herzen tragen und die Sie in diesen Jahren Ihrer Sendung vollbracht haben.
Das italienische Volk bewundert Ihre geistliche Stärke, Ihre Entschlossenheit, die Tiefe der Werte, die Lebendigkeit Ihrer Glaubensbotschaft, die an das Gewissen aller Menschen appelliert. Es hört auf Ihren unablässigen Aufruf zu einer größeren Gerechtigkeit und mehr Solidarität und anerkennt den Wert der Person, den zu betonen Sie nie müde werden.
Heiliger Vater,
Sie haben unterstrichen, welch großen Beitrag Italien zum Aufbau eines Europa des Geistes geleistet hat, und dieses Land weiß nur allzu gut, daß die christlichen Werte untrennbar mit dem Wachstum Europas verflochten sind, mit der Gründung der Europäischen Union und der sich uns stellenden verantwortungsvollen Aufgabe, dessen Identität und Maßgeblichkeit zu stärken.
Um die Ursachen der schrecklichen Konflikte zu beseitigen, die Südost-Europa schwer zugesetzt haben, ist es heute angesagt, einen tatsächlichen europäischen Frieden anzustreben. Einen Frieden, der in größtmöglicher Freiheit und Gerechtigkeit alle Völker des Kontinents einschließt.
Die Ausweitung der Europäischen Union ist Hauptthema meiner Europareisen. Ein Thema, das ich gerne und mit Bestimmtheit auch in Ihrem Geburtsland, Polen, aufgreifen werde, wohin mich ein Besuch im März nächsten Jahres führen wird.
Die Integration der Völker des Kontinents in die Europäische Union ist eine Aufgabe, die wir nicht nur den Bewerber-Ländern, sondern auch uns selber schuldig sind. Es ist eine Verantwortung auch in Erinnerung an den unbeugsamen Willen der katholischen Kirche, die sich in den Jahren des Kalten Krieges entschieden gegen die Teilung des Kontinents stellte und stattdessen durch ihren unermüdlichen Einsatz in aller Stille die Flamme der von jeder anderen Freiheit untrennbaren Religionsfreiheit entzündete.
Politik und Wirtschaft haben sicher viel für die Einheit Europas getan, aber mit diesen Schritten müssen die Bemühungen in Richtung einer vollen europäischen Staatsbürgerschaft einhergehen; um ein geregeltes, an Werten reiches System, das die Minderheiten schützt; um ein weltweites vorbildliches Sozialmodell; um eine Kultur, in der die Erinnerung an die Geschichte bewahrt bleibt ebenso wie die Identität der Völker, der Respekt vor der Umwelt und die Beachtung der Naturgesetze. An der Erfüllung dieser Aufgabe muß sich die gesamte Gesellschaft beteiligen; sie ist die Hoffnung für die Generation der jüngeren Menschen.
Die Aufmerksamkeit, die Sie, Heiliger Vater, unserem Mittelmeer widmen, findet bei Italien vollsten Anklang. Dieses Meer, das den Beginn des Christentums erlebt hat, kann zum Zentrum einer großen Mittelmeer-Gemeinschaft werden, die sich bis nach Afrika und Asien erstreckt. Auf meiner kürzlich beendeten Reise nach Israel und in das palästinensische Gebiet fand ich die Tatsache bestätigt, daß sich die Begegnung von Völkern unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Lebensbedingungen für alle in eine ungeahnte Möglichkeit wirtschaftlichen, sozialen und zivilen Fortschritts verwandeln kann, wenn sie auf Dialog und gegenseitiger Hilfe bei Problemen gemeinsamen Interesses basiert. Heiliger Vater, die internationale Gemeinschaft ist Ihnen dafür dankbar, daß Sie den Frieden zum Mittelpunkt der Beziehungen zwischen den Völkern gemacht haben.
Anläßlich meiner Amtseinführung am 18. Mai habe ich in meiner Ansprache an das italienische Parlament daran erinnert, daß der Einsatz Europas für den Frieden zu einem nicht unerheblichen Teil Verdienst Italiens ist und daß wir die Ehre haben, hautnah mit der katholischen Kirche zu leben, der höchsten Institution des Friedens, und mit Ihnen, dem universalen Bezugspunkt höchster menschlicher Werte.
Diese Nähe bewirkt, daß sich das italienische Volk, mehr als alle anderen, aufgerufen fühlt, sich für die Rechte und die Würde der menschlichen Person einzusetzen, wo auch immer unsere Mitmenschen irgendeiner Form von Gewalt ausgesetzt sein sollten. Die Wahrung der Menschenrechte steht im Mittelpunkt der internationalen Bemühungen Italiens.
Die internationale Gemeinschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Aufbau einer neuen und größeren internationalen Legitimität in Angriff zu nehmen: Die zahlreichen verfügbaren Rechtsmittel müssen voll ausgeschöpft werden, um die Institutionen zu untermauern. Der Wille der Vereinten Nationen, sich für die Konfliktvermeidung einzusetzen, für die Stärkung des Systems zum Schutz der Rechte des Einzelnen und der Instrumente der internationalen Legalität zeigt, daß das internationale System die feste Absicht hat, jede Gewaltanwendung gegen Unschuldige oder ethnische Gruppen zu bekämpfen. Die Tendenz der allmählichen Umformung des internationalen Rechts in Völkerrecht zeichnet sich bereits ab.
Italien spielt eine aktive Rolle bei der internationalen Kampagne für die Abschaffung der Todesstrafe. 1998 wurde – zum ersten Mal – in keinem einzigen europäischen Land die Todesstrafe verhängt. Der nächste Schritt muß die vollkommene gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe sein. In Rom wurde die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs beschlossen. Das internationale Verbot der Antipersonenminen ist nicht zuletzt auch unserem entschlossenen Einsatz zu verdanken.
Italien hat die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft um die Unterstützung der ärmeren Länder vorangetrieben und sich für die drastische Reduzierung dieser oft bis über beide Ohren verschuldeten Länder eingesetzt. Aber damit nicht genug: Italien ist sogar soweit gegangen, die gesamte Schuldenlast der allerärmsten Länder zu tilgen, auch die Wirtschaftsschulden. Und das unter der einzigen Bedingung, daß die Rechte des Einzelnen geachtet werden.
Die Beziehungen zwischen dem Hl. Stuhl und Italien werden immer intensiver und konstruktiver. Die Kirche ist die Trägerin der Bedürfnisse und Hoffnungen der italienischen Gesellschaft, einer Gesellschaft, deren Mittelpunkt die Familie mit ihren Werten ist. Der Familiensinn ist im italienischen Volk tief verwurzelt; er ist Baustein seiner Identität, ein zum Wohl der zukünftigen Generationen eifersüchtig zu hütendes Gut. Schon dem kleinsten Anzeichen von Krise in diesem grundlegenden Bereich – wie z.B. der Babyknick, der auf wirtschaftliche Erwägungen oder mangelndes Vertrauen in die Zukunft zurückzuführen ist – wird durch angemessene Hilfsmaßnahmen entgegengewirkt. Heiliger Vater, wenige Wochen vor der Eröffnung des Großen Jubiläums des Heiligen Jahres 2000 gilt mein Gedanke dem außergewöhnlichen religiösen Ereignis, das, Ihren Absichten, Heiliger Vater, entsprechend, das Gewissen aller Menschen guten Willens an die Brüderlichkeit und an den Einsatz erinnern will, der angesichts der sich im neuen Jahrhundert stellenden Probleme notwendig sein wird.
Präsident Ciampi erweist dem aufgebahrten Leichnam von Johannes Paul II. die letzte Ehre (Vatikanstadt, 3. April 2005).

Präsident Ciampi erweist dem aufgebahrten Leichnam von Johannes Paul II. die letzte Ehre (Vatikanstadt, 3. April 2005).

Niemals in der Vergangenheit verfügte die Menschheit über so potente Mittel für den Aufbau einer Welt des Friedens und des Wohlstandes aller Völker. Aber niemals war sie auch sovielen Gefahren ausgesetzt, niemals war ihre Moral, ja ihr Überleben, so sehr gefährdet.
Große Sorge bereitet die Unfähigkeit, die Proliferation der Atomwaffen und die weite Verbreitung von Massenvernichtungswaffen einzudämmen. Die Globalisierung der Wirtschaft kann für alle von Vorteil sein, sie kann aber auch – wenn nicht ausreichend kontrolliert – Probleme schaffen. Die Tatsache, daß die Wissenschaft bis an die äußersten Grenzen der Geheimnisse des Lebens vorgedrungen ist, wirft wesentliche Fragen der Ethik und der Integrität der menschlichen Rasse auf. Dazu kommen noch die aus keinem Lebensbereich mehr wegzudenkenden Massenmedien, die, vor allem bei jungen Leuten, jene moralischen Werte untergraben können, ohne die eine gesunde und starke Gesellschaft nicht denkbar ist.
All diese Probleme betreffen Gläubige und Nicht-Gläubige in gleichem Maße. Sie stellen die Herausforderung des 21. Jahrhunderts dar, dem dritten Jahrtausend n. Chr. Jene Herausforderung, die all jenen gilt, die an den Menschen glauben und der ihm gegebenen Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Heiliger Vater, auch in diesen Fragen steht Italien hinter Ihnen: Ihnen, dem Friedenspilger, unermüdlichem Mahner der Gewissen, Verteidiger der ewigen Rechte des Menschen. Ihr Wort ist ein Hoffnungsschimmer für alle Menschen.
Ich bin mir dessen bewußt, dem italienischen Volk aus dem Herzen zu sprechen, wenn ich hier meinen Gruß der tiefen Dankbarkeit und Bewunderung an Sie richte und Ihnen aufrichtigst alles Gute wünsche für die Fortführung ihres Apostolats des Friedens in der Welt.


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