Die Geschichte eines kleinen (Verlags-) Wunders
Anfang der Achtzigerjahre wurde in Rom ein Büchlein gedruckt, das als Leitfaden zur Beichtpraxis gedacht war. Das immer wieder gedruckte Büchlein hat inzwischen eine Auflage von einer halben Million erreicht. Jüngst wurden auch die Grundgebete des christlichen Lebens angefügt. Die Einführung zur Neuauflage dieses Büchleins stammt aus der Feder von Kardinal Ratzinger.

Die Titelbilder des Büchleins Chi prega si salva; unten, das Buch über die Beichte, das 30Tage vor ein paar Jahren in verschiedenen Sprachen veröffentlichte.
Aber noch überraschender ist die Entstehungsgeschichte dieses Büchleins, das auf eine in Rom gemachte Erfahrung zurückgeht. Es war vor allem für jene Jugendlichen und Erwachsenen gedacht, die sich – von bedeutungsvollen Begegnungen angezogen – zum ersten Mal der christlichen Tradition näherten oder, nach Jahren des Fernstehens, wieder zu ihr zurückkehrten. Menschen jeden Alters, Geschlechts, aus jeder Bildungsschicht, den verschiedensten politischen Lagern. Die Gefahr, sie nach dem Modell der Parteischulen zu indoktrinieren oder – schlimmer – der religiösen Sekten (was ja überdies auch nur vergeudete Zeit gewesen wäre: es handelte sich im Durchschnitt um Personen, die über ausreichend gesunden kritischen Geist verfügten) bestand nicht. Gerade die Anziehungskraft, die man bei Begegnungen mit bereits christlichen Menschen feststellen konnte, ließ es sinnvoll erscheinen, den Priester oder auch Freunde mit mehr Erfahrung zu fragen, was die Kirche denn nun konkret von jenen verlange, die den Weg eines christlichen Lebens eingeschlagen hatten. Die Beichte war oft – auch von einem existentiellen Gesichtspunkt aus – der erste Schritt.
Der Haken der offiziellen Katechismen, die damals im Umlauf waren, war ihr erdrückender Wortreichtum. Ein Schwall von Worten, inmitten dessen man manchmal kaum noch die einfachen und wesentlichen Begriffe des Sakraments ausmachen konnte: die Gewissenserforschung, die Unterscheidung zwischen Todsünde und lässlicher Sünde, die Gnade der Vergebung. Paradoxerweise erwies sich die Formel des alten Katechismus in Frage-Antwort-Form als sehr viel nützlicher. Indem man aus dieser Quelle – und anderen Dokumenten des Lehramts – schöpfte, war es möglich, auf wenigen Seiten alles zusammenzufassen, was der einfache Gläubige wissen soll, um gut beichten zu können.
Es handelte sich dabei allerdings weder um eine nostalgische Geste noch um eine ideologische Reaktion gegen die Diktate des II. Vatikanischen Ökumenischen Konzils, dessen Geist des Dialogs und der Öffnung unseren Brüdern und Schwestern gegenüber man dagegen immer mehr schätzen lernte. Es war wirklich die – vollkommen überraschende – Entdeckung der Schätze der Tradition. Schätze des Lebens. Befreiende Einfachheit. Der Autor beschreibt seine Überraschung darüber, auf diesen Seiten zu erfahren, daß laut katholischer Lehre zwei von den vier „himmelschreienden Sünden“ (wörtlich) soziale Sünden waren: die „Unterdrückung der Armen und Hilflosen“ und die „Vorenthaltung des gerechten Lohnes“. Für einen, der als Heranwachsender (wie viele andere auch) die kommunistische Utopie erlebt hatte und sich von den Versen Pasolinis und De Andrés hatte in den Bann ziehen lassen, war es überraschend, erkennen zu können, daß der antimodernistische Papst dem „linken Lager“ näherstand als viele moderne Kirchenmänner. Wenn einem das Schicksal der „Unterdrückten“ wirklich am Herzen lag, mußte man nicht auf Marx zurückgreifen; es genügte, aus der Tradition der Kirche zu schöpfen. Und wirklich: welche Bewunderung, wenn man die präzise und praktische Liste der allen Gläubigen empfohlenen „Werke körperlicher Barmherzigkeit“ durchblättert: den Hungernden zu essen geben, dem Fremden Obdach, die Kranken und die Inhaftierten besuchen.... Bewundernswerte Konkretheit des Christentums.
Man hatte sich die Tradition wie ein verschlossenes Zimmer vorgestellt. Und jetzt lag sie auf einmal wie ein offenes Fenster vor uns. Licht und frische Luft. Die Tradition natürlich. So wie die katholische Moral. Nicht die Moralismen: Ressentiment der Unglücklichen, die die Freude der anderen nicht ertragen können.
Man darf jedoch nicht glauben, daß all diese schönen existentiellen Erkenntnisse ein „Hintertürchen“ für die Verurteilung der einzelnen Sünden wären. Die von dem Büchlein diesbezüglich gegebenen Hinweise waren und sind klar. Es gibt keine bessere wörtliche Synthese des Modells der Beichte als die, die uns in einer Passage aus Miguel Mañara von Oscar Milosz vorgeschlagen wird. Dort, wo ein frischkonvertierter Don Giovanni an die Pforten des Klosters der Caridad in Sevilla klopft und dem Abt tränenreich seine Zerknirschung vorjammert, der ihn aber schon bald mit folgenden Worten unterbricht: „Die Reue des Herzens bedeutet nichts, wenn sie nicht bis zu den Zähnen steigt und die Lippen nicht mit Bitterkeit überschwemmt... Sagt: ich habe dieses und jenes getan. Redet es euch von der Seele...“. Und da bricht es aus dem guten Mann hervor, ein Wortschwall, der nicht enden will... Morde und Vergewaltigungen, also alles andere als die Skrupel einer Mädcheninternatsinsassin... Und er erzählt weiter und weiter, ohne Ende. Bis er sich selbst vor den eigenen Untaten entsetzt. Und da muß ihn der alte Abt erneut unterbrechen. „Ihr müßt nicht mehr von diesen armseligen Dingen, diesen Dummheiten reden, mein gutes großes Kind, versteht Ihr? Das sind Geschichten, die denen überlassen bleiben müssen, die der große Hochmut ihrer kleinen Sünden weiter quält...“
Die unbeschreibliche Erfahrung der Barmherzigkeit. So haben Tausende und Abertausende junger und nicht mehr ganz so junger Menschen das Herz der christlichen Erfahrung entdeckt. Einige Tage bevor sich seine Krankheit drastisch verschlechterte, hatte Giussani als Meditationsansatz für Ostern 2005 diese alte Präfation der ambrosianischen Liturgie vorgeschlagen: „Du hast Dich über unsere Wunden gebeugt und uns geheilt, indem Du uns die stärkste Medizin unserer Wunden gegeben hast, eine Barmherzigkeit, die größer ist als unsere Schuld. Und so hat die Sünde, kraft Deiner unbesiegbaren Liebe, dazu gedient, uns zum göttlichen Leben zu erheben.“ So ist also sogar die Sünde nützlich. Dazu, in dem Anderen Mitleid zu wecken. Denn nicht aus eigener Kraft, aus eigenem Willen, erhalten wir die ersehnte Glückseligkeit.
Pius XII. sagte in den Fünfzigerjahren, daß das Drama der Moderne darin liegt, das Bewusstsein der Sünde verloren zu haben. Heute erleben die Menschen vielleicht ein noch größeres Drama. Nachdem jede Illusion über das natürliche Gut-Sein des Menschen brüchig geworden ist, empfinden sie das Böse als ein düsteres, zerstörerisches und unheilbares Nagen. Sie wissen nicht mehr – weil sie es nicht mehr erleben –, daß das eigene Böse geheilt und vergeben werden kann. Und wahrscheinlich ist gerade das der Grund für diese immense affektive und psychologische Fragilität, die für alle offensichtlich ist, vor allem die der Heranwachsenden.
All das haben wir auch dank dem Büchlein über das Bußsakrament gelernt. Auch wer seit Jahren in die Kirche ging begann, auf dieses Büchlein zurückzugreifen. Viele Priester und zahlreiche Pfarrgemeinden – zuerst Rom und dann die anderen Städte – haben es angefordert. Eine spontane Verbreitung, sozusagen „an der Basis.“ Sowohl die Wochenzeitschrift Il Sabato als auch die Monatszeitschrift 30Tage haben es als Beilage ihren Lesern angeboten. Man hat Telefonnummern angegeben, unter denen die einzelnen Gläubigen oder die Pfarreien, zu einem geringen Aufpreis, weitere Kopien bestellen konnten. So kam es, daß das Büchlein im Laufe der Jahre mehr als einmal neu aufgelegt werden mußte: im Oktober 1990, November 1991, Februar 1995...
In kirchlichen Kreisen hat der ein oder andere die Nase gerümpft, den positiven und keinesfalls polemischen Geist der Initiative nicht verstanden. Aber auch an wichtigen Anerkennungen hat es nicht gefehlt. Im Mai 1995 hat der Regens der Apostolischen Pönitentiarie, Msgr. Luigi De Magistris, einen Lobesbrief (und den ein oder anderen wichtigen Hinweis) an den Chefredakteur von 30Tage geschickt. In dem er darauf hinwies, daß das Büchlein „von unserer Pönitentiarie dem Zentralkomitee für das Heilige Jahr empfohlen wurde, mit dem Ratschlag, es – sobald sich die Gelegenheit dazu ergeben sollte – für die Pilger herauszugeben.“ Und daß es sich dabei um eine überaus kluge Idee gehandelt hatte, konnte man dann auch schnell erkennen, als wir Journalisten Zeugen des großen Pilgeransturms zum Heiligen Jahr 2000 wurden, denen oft keineswegs mit einfachen Instrumenten dabei geholfen wurde, diese wesentliche Dimension eines jeden Heiligen Jahres anzugehen, die eben die Beichte ist.

Die Rückkehr des verlorenen Sohns, Rembrandt, Aquarell, Pierpont Morgan Library, New York.
Der Geist ist stets der der Anfänge geblieben, der vor 25 Jahren. Und am Unglaublichsten ist es, wenn man heute junge Burschen und Mädchen sieht, genauso gekleidet wie ihre Altersgenossen und sich auch ganz genauso gebärdend, die dieselben Gebete beten wie einst schon ihre Großeltern, mit derselben bewundernswerten Schlichtheit und Emotion. Wahre Großstadtwunder.