Die erste Begegnung im ehemaligen Heiligen Offizium
Der Salesianer Angelo Amato, Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre, erzählt, wie das Dikasterium seinen Papst feierte. Und freut sich auf den neuen Präfekten, Erzbischof William Joseph Levada.
von Gianni Cardinale

Msgr. Angelo Amato begrüßt Benedikt XVI. bei seinem Besuch des ehemaligen Heiligen Offiziums (20. April 2005).
Und so war Erzbischof Amato natürlich auch der erste Kirchenmann, der – am 25. April – vom neuen Papst in Privataudienz empfangen wurde. „Es war sehr viel Arbeit liegen geblieben,“ berichtet der Erzbischof, „aber bevor wir anfingen, hat der Papst zu mir gesagt: ‚unterhalten wir uns ein bißchen, damit die Fotografen ihre Arbeit tun können....‘.“ Der Sekretär des ehemaligen Heiligen Offiziums wurde dann auch am 29. April und am 6. Mai in Audienz empfangen. Und hatte auch das Glück, dem Papst ein paar Mal zufällig in dem Haus an der „Piazza della Città Leonina“ zu begegnen. „Als der Papst sein altes Apartment aufsuchte, bin ich ihm begegnet,“ berichtet er, „da auch ich dort wohne. Und ich muß sagen, daß diese Tage für uns, seine ehemaligen Nachbarn, durch die vielen begeisterten Menschen, die stundenlang dort ausharrten und auf den neuen Papst warteten, um ihm ihre Zuneigung und Sympathie zu bekunden, recht kurzweilig waren.“
Exzellenz, kommen wir wieder auf den Besuch von Benedikt XVI. vom 20. April zu sprechen. Hatten Sie damit gerechnet?
ANGELO AMATO: Nein, es war eine große Überraschung. Wir hatten an diesem Vormittag eine Dankesmesse eingeplant, doch dann erhielten wir früh am Morgen einen Anruf vom Privatsekretär, Msgr. Georg Gänswein, der uns mitteilte, daß uns der Heilige Vater am späten Vormittag seinen Besuch abstatten würde. Eine Nachricht, die uns mit großer Freude erfüllte. Wir haben die Nachricht natürlich sofort weitergegeben, damit auch wirklich alle anwesend waren und dem neuen Papst der gebührende Empfang bereitet werden konnte. Als erstes haben wir uns überlegt, was wir dem Papst schenken könnten.
Und wofür haben Sie sich entschieden?
AMATO: Schon am Samstag zuvor, dem 16. April, seinem Geburtstag, hatten wir eine Glückwunschrede in der Kongregation vorbereitet und ihm ein Blumengesteck mit wunderschönen Orchideen überreicht. Bei dieser Gelegenheit habe ich mir erlaubt, an das klassische ad multos annos das Zitat eines alten Apokryphs des hl. Josef anzufügen, in dem bekräftigt wird, daß der vermeintliche Vater Jesu älter als hundert Jahre wurde. Der damalige Kardinal schätzte diese Geste sehr, und bat mich um diesen Apokryphentext, den er nicht kannte.
Dieses Mal also keine Blumen.
AMATO: Na, das wäre wohl nicht sehr einfallsreich gewesen... Wir haben uns dafür entschieden, ihm eine Torte zu kaufen, eine „Torta Mimosa“.
An dieser so wichtigen und unerwarteten Begegnung haben sicher viele teilnehmen wollen.
AMATO: Die Nachricht hat sich in Windeseile verbreitet. Wir haben viele Anrufe von Menschen erhalten, die bei dem Empfang dabei sein wollten. Natürlich haben wir der dementsprechenden Bitte von Kardinal Tarcisio Bertone stattgegeben, der von Pater Gianfranco Girotti, der Bischöfe Luigi De Magistris und Jozef Zlatnansky, die in der Vergangenheit in unserer Kongregation tätig waren. Doch dann wollten auf einmal alle Bewohner des Palastes des Heiligen Offiziums kommen, und dafür war einfach leider nicht genügend Platz.
Auch, weil der Papst nicht allein gekommen ist.
AMATO: Der Papst wurde – außer von Msgr. Gänswein – auch von Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano begleitet, vom Substituten, Leonardo Sandri, vom Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten, Giovanni Lajolo, vom Präfekten des Päpstlichen Hauses, James Michael Harvey, und vom Regens Msgr. Paolo De Nicolò. Die wenigen Stühle, die wir aufgestellt hatten, reichten bei weitem nicht aus, und so mußten viele stehen.
Welchen Empfang haben Sie Benedikt XVI. bereitet?
AMATO: Der Papst ist ja bekanntlich ein großer Musikliebhaber. Bereits zu seinem Geburtstag hatten wir mit einer Einlage unsere Chors begonnen – den wir zu Ehren von Pius V. „Piano“ getauft hatten – und Kardinal Ratzinger ein wunderschönes Ave Maria des großen Wolfgang Amadeus Mozart gewidmet, ein mehrstimmiges Lied mit interessanten Fugen. Leider konnten wir unser Repertoire in vier Tagen unmöglich erweitern, und so haben wir auch für Benedikt XVI. das Ave Maria des österreichischen Komponisten gesungen...
Und dann wurde Ihnen das Wort erteilt...
AMATO: Ja, ich habe eine kurze Begrüßungsrede gehalten, die Giampaolo Mattei im Osservatore Romano tags darauf in fast vollständigem Wortlaut wiederaufgegriffen hat. Begonnen habe ich mit einem Gruß, der mir mehr als angebracht schien: Benedictus qui venit in nomine Domini. Ich habe unsere ganze Freude zum Ausdruck gebracht, und dann habe ich mir noch die Anmerkung erlaubt, dass seine Wahl zum Papst den Spruch widerlegt hätte, nach dem jemand, der als Papst ins Konklave einzieht, als Kardinal wieder herauskommt… Und schließlich habe ich ihn – nachdem ich auf die lange Liste der Päpste mit diesem Namen und die vielen Jahrhunderte, die seit dem letzten deutschen Papst ins Land gegangen sind, hingewiesen habe – gefragt, warum er diesen Namen denn nun wirklich gewählt hätte, was er bis zu diesem Moment noch nicht öffentlich erklärt hatte.
Und was hat der Papst geantwortet?
AMATO: Er hat an die Gestalt Benedikts XV. erinnert, der – in der blutbesudelten Welt des 1. Weltkriegs – viel für den äußeren Frieden getan, und sich in der Kirche, die gerade die Krise der Modernisten durchmachte, um den inneren Frieden verdient gemacht hat. Dann sagte er noch, daß er froh darüber wäre, daß dies sein erster offizieller Besuch als Papst wäre. Da fiel mir ein, daß er uns bei dem Besuch anlässlich seines Geburtstages am 16. April anvertraut hatte, daß er hoffe, der neue Papst würde ihm gestatten, noch ein paar Monate in sein Büro zurückzukehren, um seinem Nachfolger einen nahtlosen Übergang zu ermöglichen. Der Herr hat es anders gewollt...
Und dann war die Torte an der Reihe...
AMATO: Kardinal Sodano hat uns daran erinnert. Und da habe ich die Torte dem Papst überreicht. Das Foto von der Übergabe wurde von verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht. Aber das Schönste kam danach.
Und was?
AMATO: Der Papst war gerade dabei, den Palast zu verlassen. Wir standen gerade vor dem Aufzug, als Kardinal Sodano fragte: „Wieviele seid ihr denn, so um die zwanzig?“. „Um die vierzig,“ lautete meine Antwort. Und da warf der Papst ein: „Eine richtig schöne Familie.“ Das hat mich sehr bewegt. Es stimmt nämlich, daß er sich in der Kongregation für die Glaubenslehre wirklich zu Hause fühlte. Wir sahen in ihm nicht nur den großen Intellektuellen, den berühmten Theologen, den weisen Hirten, sondern auch einen paterfamilias, den Vater dieser schönen Familie, an den sich alle, in einem jeden Moment, wenden konnten. Ein Vater jedoch, der einen großen Respekt, ein großes Taktgefühl hatte und hat. Und das zeigt auch eine Episode, die ich gerne erzählen möchte.
Ich bitte Sie darum!
AMATO: Wenn der Papst stirbt, verfallen die Ämter aller Dikasterienleiter, in Erwartung der eventuellen Wiedereinsetzung durch den neuen Papst. Und als ich am Morgen vor der allgemeinen Versammlung der Kardinäle zur Vorbereitung auf das Konklave in die Kongregation kam, fand ich dort Kardinal Ratzinger im Vorzimmer vor seinem Büro vor. Ich ging ihn begrüßen, und da hat er mich – mit bewundernswerter Bescheidenheit – um die Erlaubnis gebeten, sein Büro aufsuchen zu dürfen. In den darauffolgenden Tagen habe ich es so eingerichtet, daß ich am Eingang war, um ihn in die Büroräume der Kongregation geleiten zu können, ohne daß er mich erneut um Erlaubnis bitten mußte...

Benedikt XVI. mit seinen ehemaligen Mitarbeitern der Kongregation für die Glaubenslehre.
AMATO: Ja, da haben Sie recht. Mit ihm haben wir auch einen so wertvollen Mitarbeiter wie Msgr. Gänswein verloren, und ich fürchte, daß auch unsere tüchtige Mitarbeiterin Birgit Wansing, die viele Jahre im Privatsekretariat von Kardinal Ratzinger tätig war, „umziehen“ wird...
Exzellenz, am 13. Mai wurde die Ernennung des neuen Präfekten bekanntgegeben: William Joseph Levada, Erzbischof von San Francisco...
AMATO: In der Kongregation haben wir diese Wahl Benedikts XVI. mit großer Freude aufgenommen. Erzbischof Levada kennt unser Dikasterium gut, weil er dessen Mitglied ist und sechs Jahre lang dafür tätig war. Auch unser Land kennt er gut, er hat ja auch in Rom studiert. Er ist nicht nur ein Mann von großer theologischer Kompetenz, sondern verfügt auch über eine bemerkenswerte Erfahrung, was den Verwaltungsbereich und die Pastoral angeht: immerhin ist er seit mehr als 20 Jahren Bischof. Wir kennen ihn gut, er ist einer der unsrigen.