Ein erleuchteter Vorgänger
Ein Artikel des Erzbischofs von Genua über Prospero Lambertini, Papst von 1740 bis 1758.
von Kardinal Tarcisio Bertone

Benedikt XIV., Pierre Subleyras, Musée du Château, Versailles.
1. Ausbildung und Wahl
zum Papst
Prospero Lorenzo Lambertini wurde am 31. März 1675 in Bologna als Kind von Marcello und Lucrezia Bulgarini geboren. 1694 erwarb der brillante Student in Rom den Doktortitel in Theologie und in utroque iure.
Der überaus fähige, in römischen Kreisen allgemein geschätzte Mann durchlief alle Grade und Ämter der Römischen Kurie, bis er schließlich 1718 Sekretär der Heiligen Kongregation des Tridentinischen Konzils wurde.
Überraschend ist die Tatsache, daß sich alle biographischen Quellen über einen Umstand ausschweigen, der normalerweise im Leben eines Kirchenmannes als wichtig betrachtet wird: das Datum der Priesterweihe. In Wahrheit zögerte Lambertini dieselbe bis zum Jahr 1724 hinaus, als er, im Alter von fast 50 Jahren sozusagen auf dem „Gipfel“ seiner „römischen“ Aktivität angelangt war.
Der Papst wird allgemein als lebhafter, geistreicher und herzlicher Mann beschrieben. Pater de Montfaucon beschrieb ihn mit folgenden Worten: „In Lambertinis Brust schlagen zwei Herzen: eines für die Wissenschaft, das andere für die Gesellschaft.“ Mit Pastor können wir sagen: „Alles in allem kann man sagen, daß Benedikt XIV. die Verkörperung der besten und angenehmsten Seite des italienischen Geistes war.“
Als Zeichen der Anerkennung und des Wohlwollens wurde er zum Bischof in partibus von Theodosia ernannt, 1726 zum Kardinal in pectore und 1727 zum Diözesanbischof von Ancona.
Am 30. April 1728 wurde er zum Kardinal kreiert. Am 30. April 1731 wurde er in das Erzbistum Bologna versetzt, seine Geburtsstadt, wo sich der gelehrte Mann, Prälat der Römischen Kurie, als eifriger und frommer Seelenhirte erwies.
Besuche und Instruktionen waren die konkreten Mittel, mit denen das geistliche Niveau des Klerus und des Volkes hochgehalten wurde.
Trotz seines Engagements in seiner Rolle als Seelenhirt war und blieb Kardinal Lambertini ein Mann der Wissenschaft. Man muß nur die in Bologna entstandenen Werke lesen, um sich bewußt zu werden, wie fruchtbar seine literarische Aktivität war. Seine gesammelten und veröffentlichten Verordnungen dienten vielen Bischöfen als Modell. Das große Werk De Servorum Dei beatificatione et canonizatione, erschienen 1734-1738, blieb für die Römische Kurie ein Klassiker.
Aber auch andere, kleinere, aber deshalb nicht weniger wichtige Werke, dürfen wir nicht vergessen: De sacrificio Missae, De festis Domini nostri Iesu Christi, Beatae Mariae Virginis et quorundam Sanctorum, sowie den reichhaltigen Thesaurus Resolutionum Sacrae Congregationis Concilii, zusammengestellt, als er Sekretär der Heiligen Kongregation war.
Auch De Synodo Dioecesana wurde in Bologna begonnen. In Wahrheit konnte er sagen: „Ma plume est ma meilleure amie.“
Und es war in Bologna, wo er im Herbst 1731 den bedeutenden Historiker Ludovico Antonio Muratori kennenlernte, der in Modena lebte: von jenem Zeitpunkt an verband die beiden Männer gegenseitige Wertschätzung und Freundschaft.
Im Februar 1740 verbreitete sich in Bologna die Nachricht vom Tod Klemens’ XII. Kardinal Lambertini mußte zum Konklave nach Rom reisen, dem zweiten seines Lebens (das erste war nach dem Tod von Benedikt XIII.: er war gerade zwei Jahre Kardinal und es hinterließ keinen bleibenden Eindruck).
Dieses zweite Konklave hatte eine derartige Bedeutung, nahm derartige Ausmaße an, daß es den Kurs seines Lebens vollkommen ändern sollte: nach nicht beizulegenden Kontrasten und nicht enden wollenden Sitzungen wurde – im 255. Wahlgang, nach sechs Monaten Konklave – am 17. August 1740 Kardinal Lambertini zum Papst gewählt. Die Freude über seine – ebenso willkommene wie unvorhergesehene – Wahl war übergroß.
Seine Liebe zur Wissenschaft zeigte sich in einem unaufhörlichen persönlichen Studierdrang, was sich natürlich positiv auf seine Veröffentlichungen auswirkte.
Sein Arbeitspensum war beeindruckend. Er selbst beschrieb einen typischen Arbeitstag wie folgt: „Der Tag hat 24 Stunden. Wir stehen um 10 italienischer Uhrzeit auf und gehen um drei Uhr italienischer Uhrzeit ins Bett: und können bestätigen, daß – abgesehen von der halben Stunde Essenspause, und der Stunde zwischen 14 und 15 Uhr – den Rest der Zeit zugehört, geschrieben oder gelesen wird.“
Seine wissenschaftliche Ausbildung ist sowohl aus seinen privaten Schriften als auch aus der Legislation ersichtlich, wo seine weitreichende persönliche Bildung zum Tragen kam.
Trotz allem fand er dennoch auch die Zeit, sich in der Stadt bei seinen Untertanen zu zeigen – was seine Vorgänger nicht getan hatten –, von Kirche zu Kirche zu gehen, um fast jeden Abend an der 40-Stunden-Andacht teilzunehmen und alle gottesdienstlichen Pflichten persönlich zu erfüllen, weil das seiner Meinung nach eine der Pflichten des Papstes war.
Als Förderer zahlreicher kultureller und künstlerischer Initiativen gründete er in Rom vier Akademien: die der Konzile, der Kirchengeschichte, der Liturgie und der römischen Antike. Er reformierte die wissenschaftliche Universität „Sapienza“, deren Rektor er in seiner Eigenschaft als „Avvocato consistoriale“ war, und schuf die neuen Lehrstühle für Mathematik, Chemie und Physik.
Er zeigte Verständnis für die Ideen seiner Zeit und „versuchte, die Ernsthaftigkeit der kirchlichen Disziplin immer mehr an den neuen Geist der Toleranz anzupassen, um die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung zu schützen.“
Frucht dieser Haltung waren die Wertschätzung und Anerkennung, die er Männern der Bildung entgegenbrachte, sowie die Beziehungen, die er zu den verschiedensten Persönlichkeiten angeknüpft hatte, nicht nur zu dem bereits erwähnten Muratori, sondern auch zu Pierre Louis Moreau De Maupertuis, Präsident der Akademie für Wissenschaften Berlin, zu dem Neapolitaner Antonio Genovesi, zu dem aus Verona stammenden Scipione Maffei, zu Voltaire.
Sein Weitblick und seine Sachlichkeit zeigten sich auch in seinen Regierungsgeschäften: in der Wahl seiner Mitarbeiter wie auch in der Finanz- und Wirtschaftspolitik.
Als ihn am 3. Mai 1758 der Tod einholte, hatte er sein Petrusamt fast 18 Jahre lang ausgeübt und jenen Reichtum an Wissenschaft eingebracht, jenen unermüdlichen Arbeitseifer beim Vorantreiben der vom Konzil von Trient empfohlenen Reformen – wie er das überdies bereits in Ancona und Bologna getan hatte –, jene Sanftheit und jenen Sinn für Realismus auch bei den heikelsten diplomatischen Fragen, die aus ihm „den größten Papst seines Jahrhunderts“ machen sollten, „den Papst, den die Kirchengeschichte auch weiterhin in die Gilde der bedeutendsten Nachfolger Petri einreihen wird“ (Pius XII.).
2. Urteile über den Menschen und seine politisch-religiöse Aktivität
Benedikt XIV. „war aufgrund seiner persönlichen Eigenschaften sowie dem günstigen Zeitpunkt und der Dauer seines Pontifikats allen Päpsten, die ihm vorausgegangen waren oder auf ihn folgten, weit überlegen.“
Das Bewußtsein seiner großen Verantwortung, sein außergewöhnlicher Arbeitseifer, ließen ihn schreiben: „Man kann ein Papst sein, der isst und trinkt, den anderen Anweisungen gibt, selbst dagegen nichts tut, ja, sich noch nicht einmal über die Arbeit der anderen informieren läßt, sondern seine ganze Sorge nur darauf verschwendet, sein eigenes Haus zu bereichern; ein so verstandenes Papsttum ist die schönste Aufgabe, die es auf dieser Welt geben kann. In dieser Welt, wohlgemerkt, denn in der anderen sicher nicht, wo es dagegen – wenn man keine Mühe scheut, bis spät in die Nacht arbeitet, sich Kopfzerbrechen darüber macht, was man tun kann, damit die Dinge weniger schlecht laufen, kein Fleisch, kein Blut mehr habend – nicht wenig sein wird, wenn man den Ansporn nicht verliert und wenn sich die große Barmherzigkeit Gottes – angesichts der Versäumnisse – mit einem Fegefeuer bis zum Tag des Jüngsten Gerichts zufriedengeben will.“
Seine erklärte Absicht, „die Hauptangelegenheit des Pontifikats“, war es, „den Glauben zu bewahren, wo er ist, und ihn dort zu verbreiten, wo er nicht ist.“ Eine schwierige Aufgabe, ganz besonders in der alles andere als einfachen Epoche der jansenistischen und jurisdiktionellen Kontroversen, die ihn manchmal dazu zwangen, die Effizienz seiner Beiträge auf eine verzweifelte Verteidigungshaltung zu reduzieren: „Wir werden eingehend über alles nachdenken, im Rahmen des Möglichen die gallikanische Kirche wertschätzen, die Nation lieben, aber ohne Nachteile für diesen Heiligen Stuhl, an dessen Krankenbett wir – wenn wir ihm schon keinen Vorteil bringen können, uns eben auch nicht beklagen wollen müssen.“
Seine Sicht der Lage der Kirche und die Tatsache, daß er angesichts jeder Handlung, jeden Ereignisses gegen den Papst überaus empfindlich war, ließen – so gar nicht im Einklang mit seinem Naturell – in seinen Urteilen oft eine gewisse Bitterkeit mitschwingen: „Die Welt befindet sich heute in einer Zwickmühle: wenn etwas Gefallen findet, sind die, denen es gefällt, für den Papst, und wenn es nicht Gefallen findet, sind die, denen es mißfällt, gegen den Papst. Und da es unmöglich ist, daß etwas allen gefällt, sind die Ärgernisse für den Papst unvermeidlich.“. Und bezüglich der Ausschließung von Kardinal de Tencin aus dem Kronrat sagte er: „Wenn wir alle Probleme, alle Bitterkeit auflisten wollten, die uns unser Pontifikat beschert hat, und all die Male, in denen uns der Gedanke durch den Kopf gegangen ist, uns wieder ins Privatleben zurückzuziehen, würden wir Stöße von Papier voll schreiben, und wir versichern, daß uns nur der Gedanke zurückhält, Gott zur Vergebung unserer Sünden ein Opfer zu bringen, und der, mit dem von uns zum Kampf selbst gezogenen Schwert in der Hand zu sterben.“
In Wahrheit verstand es der Papst, mit Ehrlichkeit, Realismus und Mut auf der Bresche zu bleiben: „... Wir hatten nie Furcht vor der Wahrheit und vor der Gerechtigkeit..., wir haben stets nur die Lüge und die Ungerechtigkeit gefürchtet.“
Dieser Papst, der unfähig war, zu heucheln, ein freier Mann, dank seines intelligenten Humors, der ihn auch in den traurigsten Tagen nicht verlassen sollte, über jede Schmeichelei erhaben, war allen sympathisch, weil er auch über sich selbst scherzen konnte. Er war auch bereit, seine Fehler einzusehen, sich für seine Impulsivität zu entschuldigen, zu vergeben, ja, sogar zu vergessen. Selbst bei den heikelsten politischen Fragen verlor er nie jene gesunde Dosis Optimismus, die ihn in so überraschender Weise, in dem ein oder anderen Charakterzug, an seinen – weit entfernten, aber uns nahen – Nachfolger Johannes XXIII. annäherte; als er erklärte: „Non ex eorum numero Nos sumus, quibus persuasum sit, omnia in nostra tempora inconvenientia accidere, atque ea praesentibus diebus contingere scandala, quae numquam praeteritus temporibus evenerint.“
Diese Haltung gründete zweifellos in der tiefen Spiritualität von Benedikt XIV., die es noch zu erforschen gilt.
Daß er ein Mann des Gebets war, zeigte sich nicht erst im Heiligen Jahr, sondern von Anfang seines Pontifikats an, als er mit soviel Nachdruck die Gaben des Heiligen Geistes erflehte und die gesamte Katholizität zu einem unaufhörlichen Gebet für den Papst aufforderte, angefangen bei den Bischöfen, die ein Vorbild an Frömmigkeit sein sollten. Er selbst war ein Vorbild: es ist bekannt, daß er bei allen Gottesdiensten in Rom den Vorsitz führte, wenn es die körperliche Widerstandskraft und die Arbeit in der Kurie demjenigen erlaubten, dem es nicht gelang, „auch nur ein paar Zeilen zu diktieren oder zu schreiben, ohne von einer Audienz, einer Botschaft, einer Notiz oder so vielen anderen Dingen unterbrochen zu werden.“
Angesichts der Krise des Christentums des Ancien Regime suchte dieser gute Papst Hilfe bei den katholischen Monarchen, mehr aber noch in dem wachsenden religiösen Leben und in der ständigen Sorge, daß der Klerus mit größtem Engagement die christlichen Wahrheit lehre und das Evangelium verkünde.
Zwei Fakten prägten – wenn man den Gelehrten glauben darf – das Panorama der Religiosität des 18. Jahrhunderts. Genau genommen kann das 18. Jahrhunderts im gesamten katholischen Einflussbereich, besonders aber in Italien und Frankreich, als Jahrhundert der Volkspredigt bezeichnet werden. Und dabei denken wir nicht nur an das Zeugnis, das uns zahlreiche Bücher, Predigten und Lobreden geben, sondern vielmehr an die Tatsache, daß es – zumindest in Italien – keinen Ort, kein Dorf gab, auf dem sich Missionare nicht als Wanderprediger betätigt hätten.
Benedikt XIV. war – in Sachen praktischer Hinweise für die Pastoralaktion – deren größter Befürworter im Kirchenstaat und in Rom, wo er sich die eifrigen Predigten von Leonardo da Porto Maurizio zunutze machte.
Es gelang unserem guten Papst, in die Volkspredigt, die einen Damm errichten sollte gegen die Entchristlichung der Intellektuellen mit einem starken Rückgriff auf die Basis des Stadt- und Landvolkes, theologisch gültige und bildende Inhalte einfließen zu lassen. Doch damit nicht genug: Er förderte auch die Verbreitung der Schriften der französischen Oratoren und war darum bemüht, die traditionellen Schmähungen gegen Ungläubige und Juden auszuräumen, in einem Streben nach Reinigung, die seinem toleranten und für den Dialog offenen Geist entsprach.

Porträt von Kardinal Lambertini, Giuseppe Maria Crespi, Kunstsammlung, Bologna.
Die neue Strömung der passionistischen Spiritualität, die als Angelpunkt des christlichen Lebens die Meditation über die „Torheit des Kreuzes“ vorschlug, stand in krassem Gegensatz zu einem Jahrhundert, das sich des „Lichtes der Vernunft“ rühmte. Benedikt XIV. ermutigte den demütigen Eremiten und ging soweit, auszurufen: „Die Kongregation der Passion hätte die erste von der Kirche gegründete sein sollen, und dabei war sie die letzte.“
Was die politisch-religiöse Aktion angeht, lassen sich folgende Komponenten seiner internationalen Politik auflisten: „sachliche Beurteilung der Situation, Akzeptanz der Tatsachen, Aussöhnungswerk auch zu Lasten seines Prestiges.“
Es ist gewiß, daß die versöhnende Haltung Benedikts XIV. den Forderungen der Herrscher gegenüber, Katholiken und Protestanten, das Klima verbessert hat, in dem Kirche und Religion zu leben gerufen waren. Unser guter Papst hatte für sich die Maxime aufgestellt nach der „der Papst Vorrang hat vor dem Herrscher“, weil er in erster Linie ein Seelenhirt sein wollte: „Wir haben uns in den Kopf gesetzt, nicht vor dem göttlichen Richterstuhl zu erscheinen und uns dessen schuldig gemacht zu haben, nicht alles uns Mögliche getan zu haben für das Seelenheil.“