Nach der Audienz des Papstes mit dem Oberen der Priesterbruderschaft St. Pius X.
„Wir wollen keinerlei Diktat auferlegen“
Interview mit Msgr. Bernard Fellay. Der Obere der Lefebvrianer berichtet von seiner Begegnung mit Benedikt XVI: „Wir wollen dem Hl. Stuhl keine Vorbedingungen auferlegen.“
von Gianni Cardinale

Msgr. Bernard Fellay.
So gab die Priesterbruderschaft Pius X. die Nachricht von der Audienz bekannt, die Benedikt XVI. am 29. August dem Oberen Msgr. Fellay gegeben hat. 30Tage hat den Nachfolger von Msgr. Marcel Lefebvre telefonisch im Generalquartier der Bruderschaft im Schweizerischen Menzingen interviewt.
Msgr. Fellay, welche Bedeutung hatte diese Audienz?
BERNARD FELLAY: Es handelte sich um eine Begegnung, die sich – wie ich sagen würde – ganz normal in den Rahmen unseres Dialogs mit Rom einfügt, der im Jahr 2000 begann und eine – vielleicht langsame – Entwicklung erfahren hat, die jedoch deutlich auf das ausgerichtet ist, was sowohl wir als auch der Hl. Stuhl wünschen: eine normale Beziehung Roms zu seiner Tradition und folglich der Priesterbruderschaft zu Rom, damit die Priesterbruderschaft ihr Apostolat fortführen kann, ohne die heutigen Schatten.
Aus welchen Gründen haben Sie um Audienz angesucht?
FELLAY: Vor allem aus Liebe zur Kirche. Und dann ist da ja jetzt auch ein neuer Papst, und so war es nur natürlich, daß wir eine Audienz erbeten haben, um dem neuen Nachfolger Petri, unserem Papst, zu huldigen und ihm unsere Ehrerbietung zu erweisen. Das war der Hauptgrund. Und dann hatten wir im Kielwasser des Dialogs der letzten fünf Jahre auch den Wunsch, zu verstehen, was man sich für die Zukunft erwarten darf. Und den, dem Papst das zu unterbreiten, was unserer Meinung nach der status quaestinonis ist... Das von der Bruderschaft aufgeworfene Problem wird in der Aussöhnung der Kirche mit ihrer Vergangenheit auf natürliche Weise zur Lösung kommen. „Ich bin davon überzeugt,“ sagte Papst Pius XII., „daß sich die Kirche zu ihrer Vergangenheit bekennen muß; sonst wird sie sich noch ihr eigenes Grab schaufeln“ [vgl Georges Roche e Philippe Saint Germain: Pio XII devant l’histoire, Paris 1972, SS. 52-53, Anm.d.Red.]
Konnten Sie bei diesem Anlaß Ihre Bedingungen dafür erneut bekräftigen, eine vollkommene Versöhnung schneller zustande kommen zu lassen?
FELLAY: Wir wollen dem Hl. Stuhl keine Vorbedingungen auferlegen. Es liegt nicht in unserer Absicht, irgendein Diktat aufzuerlegen. Wir sagen lediglich, daß wir, wenn wir eine Brücke bauen wollen, zuerst einmal an die Pfeiler denken müssen, die diese stützen müssen.
Der erste Pfeiler wäre der der Liberalisierung des Gebrauchs der sogenannten tridentinischen Messe.
FELLAY: Was uns interessiert ist, daß sich das Klima allgemeiner Feindseligkeit – das manchmal fast schon einer Verfolgung gleichkommt – all dem gegenüber ändert, was als traditionell betrachtet wird, sich mit der Tradition verbunden fühlt. Und das macht jenen Katholiken, die sich der Tradition verbunden fühlen, heute ein normales Leben unmöglich. Zur Veränderung dieses Klimas haben wir vorgeschlagen, daß formell erklärt wird, daß die Messe nach dem Ritus des hl. Pius V. niemals abgeschafft wurde und daß sie daher frei von allen gefeiert werden darf. Das scheint uns keine übertriebene Anfrage zu sein. Das würde sehr dabei helfen, das feindselige Klima zu ändern, von dem die gesamte traditionalistische Welt umgeben ist.
Der zweite Pfeiler wäre dann die Aufhebung der Exkommunizierungen, die der Hl. Stuhl 1988 verhängt hat.
FELLAY: In unserer Realität besteht ein Misstrauen den Autoritäten des Hl. Stuhls gegenüber aufgrund des Leids, das wir in der Vergangenheit bis zum heutigen Tag erdulden mußten. Und für die Überwindung dieses Misstrauens wäre die Aufhebung der sogenannten Exkommunizierung eine sehr angemessene Lösung; und das auch schon allein deshalb, weil sie sich darüber hinaus auf ein vorgeschobenes Schisma gründet, das es in Wahrheit gar nicht gibt.
Sind Sie mit dem Verlauf der Audienz zufrieden?
FELLAY: Sie ist gut verlaufen. Gewiß, ein bißchen Enttäuschung bleibt, weil keine Zeit war, alles zu sagen. Aber das war in 30 Minuten Audienz eben einfach nicht möglich. Man konnte sich nicht mehr erwarten als das, was passiert ist. Es ist wichtig, daß uns der Papst empfangen hat und es ist ein gutes Zeichen, daß er uns soviel Zeit widmen wollte. Die Atmosphäre war entspannt, obwohl die bestehenden Probleme nicht unausgesprochen geblieben sind.

Einzugsprozession der Priesterbruderschaft St. Pius X. vor der Meßfeier (Ecône, Schweiz).
FELLAY: Das stimmt, und das denke ich auch nach der Audienz. Es gibt viele Punkte, die für den jetzigen Papst sprechen. Er ist mit unserem Fall bestens vertraut – und das schon von Anfang an, vielleicht mehr als jeder andere. Er kennt auch die Römische Kurie sehr gut, und das ist für das Pontifikat sehr wichtig. Die Sakralität der Liturgie liegt ihm sehr am Herzen und er ist sich der Wichtigkeit der Lehre bewußt; auch das spricht für ihn. Und dann hat es auch den Anschein, daß er die Kurie führen will, und das freut uns.
Was kann Ihrer Meinung nach das Haupthindernis für die Erreichung der vollkommenen Versöhnung sein?
FELLAY: Das Verständnis des II. Vatikanischen Konzils. Schon der Umstand, daß man sagt, daß das II. Vatikanische Konzil im Licht der Tradition interpretiert werden müsse, zeigt, daß die Konzilstexte an sich nicht klar sind und also einer Interpretation bedürfen. Und diese grundlegende Zweideutigkeit kann unmöglich nicht als eine der Ursachen der derzeitigen Krisen der Kirche gesehen werden.
Genügt es denn nicht, sich vor Augen zu halten, daß das II. Vatikanische Konzil ein pastorales, kein dogmatisches Konzil war?
FELLAY: Gerade deshalb erlauben wir uns, kritische Anmerkungen zu einigen Konzilsdokumenten zu machen. Wenn das Konzil Dogmen proklamiert hätte, würden wir uns das sicher nicht erlauben. Außerdem sollte für das, was nicht in unfehlbarer Weise vom Lehramt erklärt ist – stets im rechten Rahmen – die Freiheit der Kritik gegeben sein, ohne, daß man deshalb verfolgt wird.
Sie wollen also irgendwie die Freiheit haben, andere Urteile über die historische Befindlichkeit der Kirche zum Ausdruck zu bringen...
FELLAY: Was übrigens das ist, was gewöhnlich in der Kirche von heute passiert. Wieviele Priester, wie viele Dozenten und Bischöfe tun das, ohne deswegen verhört oder verdächtigt zu werden? Das Pardox ist, daß uns diese Möglichkeit a priori versagt wird.
Gibt es im Innern der Bruderschaft Tendenzen gegen diese Gespräche mit dem Hl. Stuhl?
FELLAY: Die gibt es, aber sie sind nur das Resultat des von mir bereits angesprochenen fehlenden Vertrauens zur kirchlichen Autorität. Ein Phänomen, das ich nicht leugnen kann. Und das erklärt die Vorsicht, mit der wir im Dialog voranschreiten. Und aus diesem Grund kann ich auch die Vorsicht des Heiligen Vaters vollkommen verstehen. Ich weiß, daß der Heilige Vater, wenn er etwas für uns tut, auf enormen Widerstand und große Hindernisse stößt, das ist gewiß.
Wie könnte die nächste Etappe dieses Dialogs mit Rom aussehen?
FELLAY: Wir erwarten uns von Rom etwas zugunsten der Tradition, nichts uns selbst gegenüber, sondern zugunsten der mit der Tradition verbundenen Gläubigen. Eine Geste, die zeigt, daß die Tradition in der Kirche etwas ganz Normales ist, nichts mit Konzessionen oder Indulten zu tun hat. In wörtlicher Form wurde das bereits bekräftigt, den Fakten nach ist dem jedoch nicht so.
Auch kirchliche Persönlichkeiten, die der Bruderschaft und ihrer Verbundenheit mit der vorkonziliaren Liturgie ehrliche Sympathie entgegenbringen, sind manchmal perplex über gewisse Aussagen, aus denen eine inakzeptable Sehnsucht nach einem ancien régime herauszuklingen scheint, nach einem inzwischen von der Geschichte unweigerlich überholten Bündnis zwischen Thron und Altar....
FELLAY: Die Tatsache, daß es keine katholischen Staaten mehr gibt zeigt, daß es keine Protektion für die Kirche mehr gibt und daß Gesetze approbiert werden, die der christlichen Moral widersprechen. Mit katastrophalen Folgen für das Seelenheil. Dazu können wir nicht schweigen.

Eine Priesterweihe der Priesterbruderschaft Pius X. im Schweizerischen Ecône.
FELLAY: Von einem sachlichen Gesichtspunkt aus ist das richtig, und daher muß man in diesem Bereich mit der gebotenen Vorsicht vorgehen. Wir wissen nur allzu gut, daß sich der Glaube durch Gottes Gnade mitteilt. Man kann nicht den Anspruch stellen, jemandem mit Gewalt den Glauben aufzuzwingen. Und wer könnte das heute auch tun? Als Frage des Prinzips kann man jedoch die Möglichkeit nicht ausschließen, daß sich der Glaube auf eine Weise verbreiten kann, daß, für das Seelenheil und das Wohlergehen der Menschen, eine politische Realität entstehen kann, die ihre Gesetzgebung dem göttlichen Gesetz anpasst.
Hat es seitens katholischer Bischöfe Reaktionen auf Ihre Audienz beim Papst vom 29. August gegeben?
FELLAY: Nein, bis jetzt hat es die nicht gegeben. Vielleicht wollen sie erst sehen, was jetzt passiert.
Msgr. Fellay, Ihre kritischen Positionen zu dem vom Hl. Stuhl nach dem II. Vatikanischen Konzil vorangetriebenen Ökumenismus sind bekannt. Hat die Bruderschaft Kontakte zu anderen Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften?
FELLAY: Es bestehen Kontakte zu orthodoxen Priestern und Bischöfen. Es kommt manchmal vor, daß sie sich mit Sympathie an uns wenden, weil sie uns als eine Art antirömische Schismatiker betrachten. Das gefällt uns überhaupt nicht. Wir sind keine Schismatiker und fühlen uns mit Rom überaus verbunden, und das ist uns sehr wichtig. Es hat auch orthodoxe Bischöfe gegeben, die darum gebeten haben, sich durch Beitritt zu unserer Bruderschaft der katholischen Kirche anschließen zu dürfen. Ich habe dann stets gesagt, daß sie sich an den Bischof von Rom wenden müssen, an den Papst. Wir sind keine Parallel-Kirche, und das wollen wir auch nicht sein, und ich bin kein Gegen-Papst!