Eine entwaffnende Freude
„Die erste Reise, die Papst Ratzinger jenseits der italienischen Grenzen führte, war kein leichtes Unterfangen. Und auch dieses Mal hat Benedikt XVI. auf Demut und Realismus gesetzt.“ Die Analyse des Vatikanisten von La Stampa.
von Marco Tosatti

Bendikt XVI. in Kohln
Es war kein leichtes Unterfangen. Und auch dieses Mal hat Papst Ratzinger auf Demut und einen fast schon an Krassheit grenzenden Realismus gesetzt. Hat die Demut gezeigt, alles zu geben, bis zum Letzten: am Ende der vier Tage war er sichtlich erschöpft, müde, wie man ihn nicht einmal in den Tagen der Generalversammlungen gesehen hatte, als er – provisorisch – das Ruder des Bootes Petri in der Hand hielt, in sicher alles andere als ruhigen Wassern. Und dann der Realismus: er hat den versammelten Jugendlichen ein Bild der Kirche gezeichnet, denen, die Christen sind und es sein wollen, Lebensperspektiven gegeben, klar, ohne Illusionen. Auch ohne jeden menschlichen Enthusiasmus, diese joie de vivre, die Papst Wojtyla auch im Leid zu vermitteln verstand, bis in die letzten Jahre seines schmerzensreichen Leidensweges.
Und wenn das Geheimnis von Papst Wojtyla die wahre, ehrliche Freude war, inmitten der Tragödie und des langsamen körperlichen Verfalls, könnten wir die Hypothese wagen, daß das Geheimnis von Papst Ratzinger die nicht weniger verwurzelte und reale Freude ist hinter Augen, die die Realität wie Klingen schneiden, auch und vor allem die der Kirche. Und es ist vielleicht nicht überflüssig daran zu erinnern, daß er aufgrund seiner Bildung und der Rolle, die der fast 25 Jahre lang gespielt hat, über eine außergewöhnliche, vielleicht einzigartige Kenntnis des Bootes Petri, der Mechanismen und der Menschen verfügt.
Und so hat er zu den Hunderttausenden von Jugendlichen wie zu Erwachsenen gesprochen. „An der Kirche kann man sehr viel Kritik üben. Wir wissen es, und der Herr hat es uns gesagt: Sie ist ein Netz mit guten und schlechten Fischen, ein Acker mit Weizen und Unkraut.“ Was hier nach wie vor verblüfft, ist die schlichte und doch so schneidende Nüchternheit, mit der sich Benedikt XVI. an die Jugendlichen von Köln wandte. Unerbittlich; ohne irgendetwas beschönigen, die Pille versüßen zu wollen. „Papst Johannes Paul II., der uns in den vielen Seligen und Heiligen das wahre Gesicht der Kirche gezeigt hat, hat auch um Verzeihung gebeten für das, was durch das Handeln und Reden von Menschen der Kirche an Bösem in der Geschichte geschehen ist. So hält er auch uns selber den Spiegel vor und ruft uns auf, mit all unseren Fehlern und Schwächen in die Prozession der Heiligen einzutreten, die mit den Weisen aus dem Orient begonnen hat.“ An jenem Samstag abend hat er in Köln zu den Jugendlichen gesagt: „Im Grunde ist es doch tröstlich, dass es Unkraut in der Kirche gibt: In all unseren Fehlern dürfen wir hoffen, doch noch in der Nachfolge Jesu zu sein, der gerade die Sünder berufen hat. Die Kirche ist wie eine menschliche Familie, und sie ist doch zugleich die große Familie Gottes, durch die er einen Raum der Gemeinschaft und der Einheit quer durch die Kontinente, durch die Kulturen und Nationen legt. Deswegen freuen wir uns, dass wir zu dieser großen Familie gehören; dass wir Geschwister und Freunde haben in aller Welt. Wir erleben es hier in Köln, wie schön es ist, einer weltweiten Familie anzugehören, die Himmel und Erde, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und alle Teile der Erde umspannt. In dieser großen Weggemeinschaft gehen wir mit Christus, gehen wir mit dem Stern, der die Geschichte erleuchtet.“
Was Benedikt XVI. über die Kirche denkt, als Ansammlung von Menschen, ist klar und er bemüht sich auch gar nicht, es zu verbergen. Man muß nur an die Kreuzwegmeditationen denken, an die 9. Station, mit dem inzwischen berühmten Veweis auf den „Schmutz“ und alle andere Mängel. Eine Meinung, die in der Folge wiederholt wurde, wenn auch schon fast en passant. Ein klassisches Beispiel einer Bußpredigt, könnte man sagen, im Stile des Jeremias. Aber dem ist nicht so: gerade in Köln hat Benedikt XVI. gezeigt, daß es möglich ist, die ganze Wahrheit zu sagen, ohne Raum für Illusionen zu lassen, und doch gleichzeitig Freude zu leben, zu zeigen, zur Schau zu stellen. Indem – hier sei uns ein Begriff aus der Welt des Sports erlaubt – von den „Grundfertigkeiten“ des christlichen Glaubens gesprochen wird. Ohne Grundfertigkeiten kann nämlich keine Disziplin ernsthaft ausgeübt werden, erst recht nicht das Christentum
Doch kommen wir zu den Sterndeutern, die uns Papst Ratzinger ganz gewiß nicht als niedliche Krippenfiguren darstellt. „Auch wenn die anderen Menschen, die zu Hause Gebliebenen, sie für Phantasten und Träumer halten mochten – sie waren durchaus Realisten und wussten, dass zur Änderung der Welt Macht gehört. Deshalb konnten sie das Kind der Verheißung zunächst nur im Königspalast suchen.“ Und sie müssen nicht nur erkennen – wie der Papst seinen Zuhörern erklärt –, daß „der neue König, den sie anbeteten, ganz anders war, als sie erwartet hatten. So mussten sie lernen, dass Gott anders ist, als wir ihn gewöhnlich uns vorstellen. Nun begann ihre innere Wanderung. Sie begann in dem Augenblick, in dem sie sich vor diesem Kind niederwarfen und es als den verheißenen König anerkannten.“
Sie sind fast schon ein erstes Pontifikats-Programm, die Worte, die Papst Ratzinger bei der Vigil gesprochen hat: eine Art Fresko zum Stand der Dinge und zur Rolle der Religion in dieser Welt. Er spricht von den Sterndeutern, und er spricht von uns. „Sie mussten ihren Begriff von Macht, von Gott und vom Menschen ändern und darin sich selbst ändern. Sie sahen nun: Die Macht Gottes ist anders als die Macht der Mächtigen der Welt. Die Art, wie Gott wirkt, ist anders, als wir es uns ausdenken und ihm gerne vorschreiben möchten. Gott tritt in dieser Welt nicht in Konkurrenz zu den weltlichen Formen der Macht. Er stellt nicht seine Divisionen anderen Divisionen gegenüber. Er schickt Jesus auf dem Ölberg nicht zwölf Legionen Engel zu Hilfe (vgl. Mt 26,53). Er stellt der lauten, auftrumpfenden Macht dieser Welt die wehrlose Macht der Liebe gegenüber, die am Kreuz – und dann in der Geschichte immer wieder – unterliegt und doch das Neue, das Göttliche ist, das nun dem Unrecht entgegentritt und Gottes Reich heraufführt. Gott ist anders – das erkennen sie nun. Und das bedeutet, dass sie nun selbst anders werden, Gottes Art erlernen müssen.“

Bendikt XVI. bei der Vigil mit den Jugendlichen auf dem Marienfeld (20. August)
Und wieder grundlegende, wenig befriedigende Worte, im Gegenteil. Keine persönliche Glückseligkeit, kein Erfolg, keine Macht. Nicht einmal der Trost eines recht bequemen „Do-it-yourself-Gottes.“ Benedikt XVI. will dem Publikum nicht um jeden Preis sympathisch sein, er weiß, daß das, was zählt, der Samen des Senfkornes ist, und so sieht er die Kirche vielleicht nicht jetzt, sondern in der unmittelbaren Zukunft; eine Zeugnis-, keine Gesellschafts-Kirche. Auch das war Köln; ein Wiederausgehen von den Grundfertigkeiten, die kläglich sind, wenig befriedigend, aber notwendig, unabdingbar. Mit Freude, und mit dem Lächeln, mit dem er ganz gewiß nicht gegeizt hat. Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch in Köln viel gelächelt. Und am Ende der Messe breitete er die Arme aus und improvisierte, sagte, daß die Kirche lebt, er jeden einzeln grüßen wolle, daß er Marienfeld gerne im Papamobil durchquert hätte, um einem jeden einzelnen nahe zu sein, was die logistische Situation aber nicht erlaubt hätte. Die Jugendlichen hatten sich wohl einen intensiveren Kontakt erhofft, aber auch verstanden, daß das nicht möglich war, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen und über die organisatorischen Pannen hinweggesehen.
Wir alle hatten noch Johannes Paul II. vor Augen; aber man hat doch den Eindruck, daß Benedikt XVI. die Probe bestanden hat. Auf seine Art, in seinem Stil. Gewiß, die vier Tage in Köln waren mehr als all das. Wie sollte man den Besuch in der Synagoge vergessen, die Begegnung mit den Muslimen. Oder auch – wenn Sie so wollen – das Fehlen der angekündigten Proteste von „Wir sind Kirche“ und anderer angekündigter Protestdemonstrationen, deutliches Zeichen einer tiefen Krise einer gewissen Art von Bewegung, die, wie einige meinen, inzwischen nichts anderes mehr ist als ein „Überbleibsel“ von Phänomenen im Stil der Sechzigerjahre. Aber der Knoten des Besuches war doch genau da, in Marienfeld, in dieser spirituellen „Wachablösung“, vor Hunderttausenden jugendlichen Zeugen, und in dieser Botschaft: „Die Kirche lebt.“