Rubriken
Aus Nr.05 - 2010


PAPST.

Gebete und Gefühle der Wertschätzung für die chinesische Kirche und das edle chinesische Volk


Matteo Ricci.

Matteo Ricci.

„Pater Ricci wollte China nicht die Wissenschaft und die Kultur des Westens bringen. Er brachte das Evangelium, damit die Menschen Gott kennenlernen konnten. So schrieb er auch: ‚Mehr als 20 Jahre lang habe ich jeden Morgen und jeden Abend mit Tränen in den Augen zum Himmel gebetet. Ich weiß, dass der Herr des Himmels Erbarmen hat mit den Lebewesen, dass er ihnen vergibt […]. Die Wahrheit über den Herrn des Himmels ist bereits ins Herz der Menschen gelegt. Aber die Menschen verstehen sie nicht gleich und zeigen auch keine große Bereitschaft, über eine solche Frage nachzudenken‘ ( Die wahre Bedeutung des ‚Herrn des Himmels‘, Rom 2006, SS. 69-70). Und gerade während er das Evangelium brachte, wurde Pater Ricci von seinen Gesprächspartnern um eine tiefer gehende Debatte gebeten, so dass die vom Glauben ausgelöste Begegnung auch Dialog zwischen den Kulturen werden konnte; ein Dialog ohne Hintergedanken, frei von Machtgelüsten und Wirtschaftsinteressen. Ein Dialog in aller Freundschaft, der das Werk Pater Riccis und seiner Jünger zu einem der schönsten und wichtigsten Momente in der Beziehung zwischen China und der westlichen Welt macht.“ Mit diesen Worten gedachte Benedikt XVI. Pater Matteo Ricci, dessen 400. Todestag sich heuer jährt. Zum Abschluss sagte er: „Wie einst Pater Matteo Ricci möchte heute auch ich die tiefe Wertschätzung zum Ausdruck bringen, die ich dem edlen chinesischen Volk und seiner Jahrtausende alten Kultur entgegenbringe. Ich bin überzeugt davon, dass die Begegnung des chinesischen Volkes mit dem Christentum, die einst das friedliche Zusammenleben der Völker bewirkte, auch heute viele gute Früchte tragen kann. Danke“ ( Übersetzung 30Tage). Der Beitrag des Papstes wurde am 30. Mai in der italienischen Ausgabe des L’Osservatore Romano veröffentlicht.




PAPST.

Der Mord an Erzbischof Luigi Padovese


Kardinal Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Mailand, bei der Beerdigungsfeier von Erzbischof Padovese im Mailänder Dom (14. Juni 2010). 
[© Associated Press/LaPresse]

Kardinal Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Mailand, bei der Beerdigungsfeier von Erzbischof Padovese im Mailänder Dom (14. Juni 2010). [© Associated Press/LaPresse]

„Natürlich hat mich die Nachricht vom Tod des Bischofs Luigi Padovese, der auch viel zur Vorbereitung der Synode beigetragen hat, schmerzlich betrübt. Er hat seinen Beitrag geleistet, und er wäre bei dieser Synode ein wertvolles Element gewesen. Empfehlen wir seine Seele der Barmherzigkeit des Herrn. Dieser Schatten hat jedoch mit den Themen und der Wirklichkeit der Reise an sich nichts zu tun, weil wir nicht der Türkei oder den Türken diese Tatsache zuschreiben dürfen. Es ist etwas, über das wir wenige Informationen haben. Sicher ist, dass es sich nicht um einen politisch oder religiös motivierten Mord handelt; es geht um etwas Persönliches. Wir warten auf die Erklärungen, aber jetzt wollen wir diese tragische Situation nicht mit dem Dialog mit dem Islam und all den Problemen unserer Reise vermengen.“ So Benedikt XVI. zur Ermordung von Erzbischof Luigi Padovese im türkischen Iskenderun am 3. Juni (Interview mit den Journalisten auf dem Flug nach Zypern, 4. Juni 2010).




KIRCHE.

Die Ohnmacht des Kreuzes und die Allmacht Gottes


Benedikt XVI. und Scheich Nazim in Zypern. [© Associated Press/LaPresse]

Benedikt XVI. und Scheich Nazim in Zypern. [© Associated Press/LaPresse]

Beim Besuch in Zypern hat Benedikt XVI. das Instrumentum laboris der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten veröffentlicht, die im Oktober in Rom stattfinden wird. In der la Repubblica (7. Juni) kommentierte Giancarlo Zizola: „Das Dokument enthält einen sehr aufschlussreichen Punkt: die ausdrückliche (und in dieser Form neue) Kritik an den fundamentalistischen christlichen Gruppen, die soweit gingen, sich bei ihrer Rechtfertigung der politischen Ungerechtigkeit gegen die Palästinenser auf die Heilige Schrift zu stützen. Dabei muss man unweigerlich an das denken, was Urs von Balthasar, ein Freund Ratzingers, gegen die ‚Mameluken‘-Christen gesagt hat, die bereit wären, schwerterschwingend zur Eroberung der Welt auszuziehen und somit riskierten, die Kirche für Christen und Nicht-Christen gleichermaßen verdächtig und hassenswert erscheinen zu lassen. Wer diese Dinge tut, hat – wie der Theologe und damalige Kardinal meinte – weder von der Ohnmacht des Kreuzes noch von der Allmacht Gottes eine klare Vorstellung.“




NAHER OSTEN.

Appell für den Frieden der jüdischen Diaspora


Bernard-Henri Lévy. [© Associated Press/LaPresse]

Bernard-Henri Lévy. [© Associated Press/LaPresse]

„Die Existenz Israels ist erneut bedroht. Und zwar nicht nur durch äußere Feinde, sondern durch die Besetzung und kontinuierliche Ausweitung der Siedlungen im Westjordanland und der arabischen Viertel Ost-Jerusalems. Dabei handelt es sich um einen moralischen und politischen Fehler, der auch dem Prozess der wachsenden, nicht tolerierbaren Entlegitimierung des Staates Israels Nahrung gibt.“ Dieser „Appell an die Vernunft“ erging am 3. Mai durch „JCall“ („European Jewish call for reason“), bzw. Persönlichkeiten wie Bernard-Henri Lévy, Alain Finkielkraut und Daniel Cohn-Bendit. Für die Petition von „JCall“ (die sich an die amerikanische Vereinigung „JStreet“ anlehnen, die 2008 im Namen des Friedens zwischen Israelis und Palästinensern ins Leben gerufen wurde), ist es „wichtig, dass die Europäische Union an der Seite der Vereinigten Staaten auf die kriegführenden Parteien Druck ausübt und ihnen hilft, eine vernünftige und schnelle Beilegung des Konflikts zu erreichen. Aufgrund seiner Geschichte trägt Europa in dieser Region der Welt große Verantwortung.“ In dem Appell, der betont, wie wichtig es für die Zukunft Israels ist, „ein Friedensabkommen mit dem palästinensischen Volk“ zu erreichen, das auf der „2-Völker/2-Staaten“-Lösung basiert, wird auch mit der „Solidarität der Juden in der Diaspora“ gerechnet. Weiter heißt es dort: „Sich in unkritischer Weise der Politik der israelischen Regierung anzupassen ist gefährlich, weil das den Interessen des Staates Israel zuwiderläuft“, dessen Überleben „als jüdischer und demokratischer Staat eng mit der Schaffung eines souveränen und autonomen palästinensischen Staates zusammenhängt.“





„Hegel ist der christozentrische Denker schlechthin.“

„Hegel ist der christozentrische Denker schlechthin.“

Kirche/1
Kardinal Cottier und die Shoah-Religion

Il Foglio vom 3. April veröffentlichte einen Artikel, in dem Kardinal Georges Cottier eine Kritik an der „Shoah-Religion“ Emil Fackenheims äußert. „Das Denken Fackenheims ist eine der wichtigsten Ausdrucksformen der ‚Shoah-Religion‘, wie sie Alain Besançon genannt und analysiert hat. Die Tragödie der Shoah, die das jüdische Volk erdulden musste und die sich unauslöschlich in seine Geschichte eingeschrieben hat, ist derart einzigartig, dass jeder Vergleich mit anderen Tragödien als Blasphemie erscheinen muss [...] Die ‚Shoah-Religion‘ macht aus der von vielen unschuldigen Opfern gemachten Erfahrung des Gotteschweigens eine metaphysische Kategorie. Die Definition der Einzigartigkeit des Ereignisses hat keinen Bezug mehr zu Gott. Was bleibt, ist nur die ‚Treue des jüdischen Volkes zu sich selbst‘ [...]. Wenn die Shoah, wie sie von Fackenheim interpretiert wird, der Mittelpunkt der Geschichte ist, dann bedeutet das, dass sie sich an den Platz Christi stellt. Wie aber kann dieses Ereignis, wenn Gott fehlt, einen erlösenden Wert haben? Entweder gibt es keine Erlösung oder die Erlösung wird zur Selbsterlösung des Menschen, aus der Gott ausgeschlossen worden ist. Hier befinden wir uns im Bereich der Logik des atheistischen Humanismus. Bei Fackenheim, können wir lesen, dass Hegel der christozentrische Denker schlechthin sei. Aber Hegel repräsentiert in Wahrheit eine christologische Gnosis, in der sich der Glaube an Christus nicht wiedererkennen kann.“


Kirche/2
Eine laizistische Verteidigungsrede für den Papst

Am 14. April zeichnete Piero Ostellino das Editorial im Corriere della Sera mit dem Titel Eine laizistische Verteidigungsrede für den Papst. So der Schluss: „Was wir alle vor Augen haben, ist ein offensichtliches Paradox. Derjenige, der die schlimmsten Attacken über sich ergehen lassen muss, ist der Papst. Dabei haben wir es doch ihm zu verdanken, dass er hinsichtlich eines Phänomens, über das viel zu lange geschwiegen wurde, in der Kirche für sehr viel mehr Transparenz gesorgt hat. Trotzdem riskiert Benedikt XVI. heute, als der Papst zu gelten, der Pädophilie-Fälle in Priesterkreisen gedeckt haben soll. Die Unterscheidung zwischen Sünde und Straftat ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und unserer Zivilisation, auf den wir nicht verzichten können. Sie sanktioniert den Unterschied, die Distanz, zwischen dem liberal-demokratischen Staat, der auf Rechten und Garantien für den Einzelnen basiert, und dem theokratischen Staat: eine Ordnung, die zu Unterdrückung führt wie es die Totalitarismen der jüngeren Vergangenheit getan haben, besteht nicht nur im Bündnis zwischen Thron und Altar, sondern auch und vor allem in der rationalistischen Illusion und in dem freien Wunsch, eine Veränderung der Natur des Menschen erzwingen zu wollen. Angesichts des beunruhigenden Schauspiels, dem wir beiwohnen, ist überraschend, wie viele Zuschauer mit scheinbarer Gleichgültigkeit schweigen. So als habe unsere liberale Demokratie der christlichen Botschaft, die immerhin die Zentralität der Heiligkeit und Unantastbarkeit der Person betont hat, nicht viel zu verdanken.“


Kirche/3
„Die öffentliche Rolle“ und der Preis des kommunikativen Charismas

„Dieser Papst, dem alle trotz der ihn umgebenden kurialen Ehrerbietung ein bisschen die kalte Schulter zeigen, scheint nun doch ein unerwartetes Profil zu finden. In einem für die Kirche in Europa so schwierigen Moment, der nur in unserem oberflächlichen Land nicht erkannt wird. Mag sein, dass sich dieses Profil keiner großen Beliebtheit erfreuen wird, weil es Spiritualitätsdimensionen aufweist, die recht unüblich sind für eine Kirche, die gerne eine ‚öffentliche Rolle‘ spielt und anmaßend genug ist, das Monopol der Moralität gepachtet zu haben. Eine Kirche, die sich noch immer nach dem großen kommunikativen Charisma sehnt, ohne sich bewußt zu werden, welcher Preis dafür gezahlt worden ist.“ Ein Auszug aus dem Editorial in La Stampa (21. Juni).


Kardinäle
Kardinäle Špidlík, Mayer und Poggi verstorben

Am 16. April verstarb der aus Mähren stammende Kardinal Tomáš Špidlík. Der Jesuit war im Dezember 90 Jahre alt geworden. Am 30. April verstarb der deutsche Kardinal Paul Augustin Mayer. Der Benediktiner und emeritierte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung wäre im Mai 99 Jahre alt geworden. Am 4. Mai verstarb der italienische Kardinal Luigi Poggi (92), emeritierter Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Am 24. Juni setzte sich das Kardinalskollegium aus 179 Mitgliedern zusammen, 108 davon sind in einem eventuellen Konklave wahlberechtigt.


Kurie
Ein neuer Sekretär und zwei neue Untersekretäre bei den Päpstlichen Räten. Corbellini bei der Disziplinarkommission

Am 6. Mai wurde der italienische Scalabrianer-Pater Gabriele Ferdinando Bentoglio zum Untersekretär des Päpstlichen Rates der Seelsorge für die Migranten und die Menschen unterwegs ernannt. Zuvor war er als Generalprokurator und Generalsekretär der Scalabrianer tätig.
Am 14. Juni wurde der Brasilianer José Aparecido Gonçalves de Almeida (50) zum Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Interpretation von Gesetzestexten ernannt; seit 1994 war er Offizial des Dikasteriums.
Am 22. Juni erfolgte die Ernennung des Italieners Giovanni Pietro Dal Toso (46) zum Sekretär des Päpstlichen Rates „Cor Unum“. Dal Toso wurde 1989 für die Diözese Bozen-Brixen zum Priester geweiht, trat 1996 dem Dikasterium bei und wurde im Juni 2004 zum Untersekretär bestellt.
Am 11. Mai wurde Bischof Giorgio Corbellini (63), Präsident des „Arbeitsamts“ des Apostolischen Stuhls, auch zum Präsidenten der Disziplinarkommission der Römischen Kurie ernannt.


UNO
Für einen Nahen Osten ohne Atomsprengköpfe

„USA, China, Frankreich, Russland und Großbritannien, die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats mit Veto-Recht, haben sich gestern dafür ausgesprochen, im Nahen Osten eine atomwaffenfreie Zone zu schaffen. In einer Bekanntmachung der UNO, an deren New Yorker Sitz gerade die Konferenz für die Revision des Atomsperrvertrags (NVV) stattfindet, geben die Repräsentanten der fünf Staaten ihre Absicht bekannt, der NVV-Resolution von 1995 entsprechend im Nahen Osten eine Zone zu schaffen, die frei ist von Atom- und Massenvernichtungswaffen. Diese auf Drängen Ägyptens erfolgte Stellungnahme ist eine implizite Form der Druckausübung auf Israel, das die einzige Macht im Nahen Osten ist, die über Atomsprengköpfe verfügt, auch wenn man das offiziell nie zugegeben hat“ ( Corriere della Sera, 7. Mai).


Katyn
Die Annäherung zwischen Polen und Russland

„Am 7. April war ich mit Premierminister Tusk in Katyn. Die Rede Putins hat mich tief beeindruckt. Zum ersten Mal hat er klar gesagt, dass die Schuld für das Massaker beim Totalitarismus zu suchen ist. Wenn die beiden Nationen nicht die Wahrheit anerkennen, kann es keine polnisch-russische Aussöhnung geben [...]. Ich möchte betonen, dass die Wahrheit über Katyn und der Grund, warum die polnischen Politspitzen auf dem Weg dorthin waren, in ganz Russland die Runde macht. Ohne das Wissen Putins und Medvedevs hätte das nicht passieren können. Diese Tatsache ist für Russland und seine Position Europa und der europäischen Kultur gegenüber ungeheuer wichtig [...]. Was da vor unseren Augen geschieht, ist etwas Neues und Gutes.“ Soweit der Kommentar des polnischen Staatsmanns Tadeusz Mazowiecki zur Tragödie von Katyn (Interview in la Repubblica, 14. April über das Ende der Eiszeit zwischen Moskau und Warschau seit der zweiten Tragödie in Katyn).


Italiano Español English Français Português