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KIRCHLICHE KOLLEGIEN IN ROM
Aus Nr. 04/05 - 2011

Eine Brücke zwischen Ost und West


Das Päpstliche Maronitische Kolleg, 1584 von Gregor XIII. gegründet, um die Beziehungen zwischen Heiligem Stuhl und Maronitischer Kirche zu verbessern, ist heute ein Ort des Dialogs zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen.


von Pina Baglioni


Das Fresko im Atrium des Kollegs mit der Krönung der Muttergottes, das an die Darstellung im Heiligtum von Qannoubine erinnert.

Das Fresko im Atrium des Kollegs mit der Krönung der Muttergottes, das an die Darstellung im Heiligtum von Qannoubine erinnert.

 

In der Via di Porta Pinciana Nr. 18, Sitz des Päpstlichen Maronitischen Kollegs in Rom, ist ein ständiges Kommen und Gehen: Pilger aus dem Libanon und den maronitischen Eparchien des Nahen Ostens, aber auch viele Gläubige aus der Diaspora in der ganzen Welt, vor allem aus den USA und Kanada, kommen hierher. Sie machen zwei Drittel der dreieinhalb Millionen Menschen aus, die die Erben des hl. Maron sind. Am Sonntag Vormittag, gegen 10.30 Uhr, kann man den in der Ewigen Stadt wohnenden Maroniten begegnen, wenn sie mit ihren Familien zur Kirche des hl. Maron gehen. Diese Kirche, wo die Messe im syrisch-antiochenischenRitus zelebriert wird und in die auch viele muslimische Familien kommen, ist ans Kolleg angeschlossen und befindet sich in der Via Aurora – der Straße an der Ostseite des Gebäudekomplexes. Nach der Messe trifft man sich auf einen fröhlichen Plausch an der einzigen Bank auf dem Kirchplatz oder im angrenzenden Garten. Viele Gläubige schicken ihre Kinder auch in die Arabisch-Kurse, die für in Italien geborene Kinder angeboten werden.

Und all das passiert hier, in diesem gehobenen Viertel zwischen Luxushotels, Banken und Geschäften für reiche Touristen.

Das Maronitische Kolleg, das die Priesterstudenten jeden Morgen verlassen, um ihre Kurse an den Päpstlichen Universitäten zu besuchen, stellt das Bindeglied zwischen Heiligem Stuhl und Maronitischer Kirche dar. Diese alte Kirche sui iuris des syrisch-antiochenischen Ritus ist die einzige christliche Kirche des Nahen Ostens, die schon von jeher in voller Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri steht. Ihre Anfänge waren von der historischen Tradition des 4. /5. Jahrhunderts geprägt, als die Jünger des syrischen Anachorets Maron nach dessen Tod begannen, neben seinem Grab im syrischen Apamea, an den Ufern des Flusses Oronte, Klöster zu bauen.

In der Via di Porta Pinciana befindet sich übrigens nicht nur das Päpstliche Maronitische Kolleg für Priesterstudenten, sondern auch die Seelsorge-Mission der angrenzenden Kirche des hl. Maron und die Procura des maronitischen Patriarchats von Antiochia beim Heiligen Stuhl. Institutionen, die in den letzten Monaten mehr als einen Grund zum Feiern hatten: 2010 den 1700. Todestag des hl. Maron; die Ankunft der Reliquien der großen maronitischen Heiligen des 19. Jahrhunderts in Rom: Charbel Makhlouf, Rafka Rayes und Nimatullah Al-Hardini, deren Verehrung auch in Italien immer mehr Fuß zu fassen beginnt – und erst unlängst, am 23. Februar – die Aufstellung der Statue des hl. Maron in einer Außennische der Petersbasilika in Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. Nicht zu vergessen natürlich den Rücktritt Seiner Seligkeit Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir nach 25 Jahren Patriarchatsleitung (28. Februar) und die Wahl seines Nachfolgers zum 77. Patriarchen von Antiochia der Maroniten (15. März): Béchara Boutros Raï, Bischof von Jbeil/Byblos der Maroniten. Letzterer kam danach gleich zweimal nach Rom: am 14. April zur Privataudienz mit dem Papst und am 1. Mai zur Seligsprechung von Johannes Paul II.

 

Das Maronitische Kolleg: Ein Fleckchen nahöstlicher Spiritualität in der Ewigen Stadt

„Wir haben eine ereignisreiche Zeit hinter uns wie schon lange nicht mehr. Wir sind zwar alle noch etwas erschöpft, aber auch sehr zufrieden!“. Monsignore Antoine Gebran ist seit zwei Jahren Prokurator des Patriarchats, seit einigen Monaten Rektor des Kollegs und Kaplan der Migranten, die der syrisch-antiochenischen maronitischen Kirche angehören und in der Diözese Rom leben. Der 41-Jährige stammt wie die meisten libanesischen Priester aus dem Qadisha-Tal, im Norden des Landes, das auch „Heiliges Tal“ genannt wird wegen der vielen Klöster, die sich an den Berghängen angesiedelt haben. Hier fanden die Jünger des hl. Maron Zuflucht, die zwischen dem 8. und dem 9. Jahrhundert den Verfolgungen zu entkommen suchten, die sie in Syrien durch Byzantiner, Monophysiten und Muslime erdulden mussten.

Bevor er seine drei neuen Ämter antrat, war der junge Kirchenmann Ökonom des Kollegs und arbeitete sieben Jahre lang am Päpstlichen Institut für die Familie: „Die Bischöfe schicken Priester aus allen maronitischen Eparchien zu uns“, erklärt er. „Aber es kommen auch solche, die zu den anderen christlichen Kirchen des Nahen Ostens gehören, ob sie nun in Gemeinschaft mit Rom stehen oder nicht. Wie es nun einmal im Libanon ist, wo die Maroniten schon von alters her mit den apostolischen Armeniern und den katholischen Armeniern, mit den Griechisch-Orthodoxen, Melkiten, den Syrisch-Orthodoxen, den Assyrern, den Kopten, den Chaldäern und den Katholiken des lateinischen Ritus zusammenleben. Nicht zu vergessen die Schiiten, die Sunniten, die Drusen, die Juden und die Protestanten.“

Der Eingang des Kollegs in der Via di Porta Pinciana. [© Paolo Galosi]

Der Eingang des Kollegs in der Via di Porta Pinciana. [© Paolo Galosi]

Die Priester, die nach Rom kommen, haben bereits den ersten Zyklus ihres Philosophie- und Theologiestudiums an den mehr als 90 diözesanen und interdiözesanen Seminaren im Libanon hinter sich. „Gott sei Dank haben wir viele Berufungen, auch bei Erwachsenen. Es sind sogar so viele, dass wir im Libanon Häuser für Spätberufene einrichten mussten“, fügt Msgr. Gebran zufrieden hinzu. „Hier am Kolleg haben wir Priester im Alter von 26 bis 40 Jahren. Die Libanesen sind zu zwölft, zehn davon sind Maroniten, zwei griechisch-katholisch. Die anderen wurden uns von der Kongregation für die Orientalischen Kirchen geschickt. Es sind Studenten, die für ihren Aufenthalt in Rom ein Stipendium bekommen haben. Derzeit haben wir einen Orthodoxen des Jerusalemer Patriarchats, einen Assyrer, drei syrisch-katholische Studenten aus dem Irak und vier Koreaner des lateinischen Ritus. Dann noch zwei Laien, einen Franzosen und einen Italiener. In den vergangenen Jahren kamen auch viele Chaldäer…“. Die gemeinsamen Momente sind die Messe am Dienstag in der Kirche des hl. Maron (sie wird in italienischer Sprache zelebriert, aber im Ritus des jeweiligen Zelebranten), unser tägliches Frühstück um 7.30 Uhr, das Mittagessen um 13 Uhr und das Abendessen um 19 Uhr. Während die Gruppe der Maroniten an den anderen Tagen zur Vesper und zur Messe um 18.45 Uhr in einer Kapelle im zweiten Stock des Kollegs zusammenkommt, organisieren sich die anderen selbst. „In der Tat kommen einige auch zu unseren Messen mit der Liturgie, die auf Syrisch und Armenisch geschrieben ist, aber auf Arabisch gesprochen wird“. Wie viele ihrer Kollegen der anderen römischen Kollegien werden auch die maronitischen Priester von den Pfarreien gebeten, an den Wochenenden, zu Weihnachten und zu Ostern auszuhelfen. „Wir unterhalten regelmäßige Kontakte zu Pfarreien in Rom, Mailand, Parma und Como, wo unsere Priester auch in den Sommerferien tätig sind“, erklärt Don Joseph Sfeir, Ökonom des Maronitischen Kollegs.

Charbel Ghoussoub ist seit neun Jahren Priester. Er stammt aus der Erzeparchie Antélias, nahe Beirut. Er wird bald an der Salesianer-Universität sein Lizentiat in Bildungswissenschaften erwerben. „Mein Bischof hat mich in den Libanon zurückgerufen, wo ich bereits fünf Jahre als Pfarrer tätig war. Ich werde wahrscheinlich für mein Doktorat wieder nach Rom kommen“, erzählt er uns. „In Rom kann man den Hauch der Universalität der Kirche spüren. Die vielen Riten dort sind ein großer Reichtum. Nur hier versteht man, wie groß die Kirche ist. Und dieses Bewusstsein nehmen wir auch in den Libanon mit, wo der physische und geistige Raum, in dem wir uns bewegen, oft das Seminar und die Pfarrei ist, die Pfarrei und das Seminar, inmitten einer rein libanesischen Problematik. In Rom zu studieren ist auch wichtig, damit wir den anderen vermitteln können, was die Maronitische Kirche ist. Mehr als ein Kollege hat mich an der Universität gefragt, ob meine Eltern Muslime seien und wann ich mich zum Christentum bekehrt habe…“.

Antoun Charbel ist Doktorand in kanonischem Recht und hat bereits ein Lizentiat in Theologie in der Tasche. Er war auch schon einige Jahre in einer Personalpfarrei als Missionar in Nigeria tätig. Wir fragen ihn, ob die jüngeren maronitischen Priester die Hoffnung hegen, dass der Libanon das System des religiösen „Kommunitarismus“ überwindet, das von vielen libanesischen Historikern als größtes Hindernis für den Fortschritt und die volle Umsetzung der Demokratie im Land der Zedern betrachtet wird. „Im Moment ist es ein noch fernes, schwer zu erreichendes Ideal: unsere Zeit ist noch immer die Zeit der religiösen Gemeinschaften, weil wir bisher nur dieses System haben. Man muss nur daran denken, dass es keine Geschichte des Libanon gibt, sondern ebenso viele Geschichten wie religiöse Gemeinschaften, siebzehn an der Zahl. Aber in diesem Moment sind wir sehr optimistisch. Schließlich haben wir nun einen neuen Patriarchen: er wird sicher in der Lage sein, zumindest die Gemüter in unserem Land zu beschwichtigen“.

„Es wäre schön, wenn das Maronitische Kolleg in einem für den Nahen Osten so heiklen Moment einen deutlichen Beitrag leisten und jene Rolle des kulturellen, religiösen und politischen Austausches wieder erlangen könnte, die es schon seit dem 16. Jahrhundert spielte“, meint der Rektor, Msgr. Gebran. „Wir feiern dieses Jahr auch den 11. Jahrestag der Wiedereröffnung des Kollegs im Jahr 2001, nach einer langen Durststrecke, die mit dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat. In den langen, schrecklichen Jahren des Bürgerkriegs im Libanon sind unsere Priester weiterhin nach Rom gekommen, fanden vor allem bei Propaganda Fide und im Collegio Capranica Unterschlupf. Dank der engagierten, weitblickenden Arbeit meines Vorgängers, Msgr. Hanna Alwan, konnte das Kolleg nach dem Heiligen Jahr 2000 seine Arbeit wieder aufnehmen.“ Aus den Worten Msgr. Gebrans klingt auch eine gewisse Traurigkeit über die vielen Schätze heraus, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind: „Hunderte von wertvollen Büchern sind nicht mehr hier. Viele kamen in die Bibliothek des Päpstlichen Orientalischen Instituts. Als ich dort an meinem Doktorat in Orientalischen Kirchlichen Wissenschaften arbeitete und mir ein Buch in die Hände fiel, das den Stempel des Päpstlichen Maronitischen Kollegs trug, gab es meinem Herzen regelrecht einen Stich. Aber wir hatten ja lange Zeit Jesuiten als Rektoren …“.

In der Eingangshalle ist ein Fresko zu sehen, auf dem in bunten Farben die Krönung der Madonna dargestellt ist. Die darunter angebrachte Inschrift auf Syrisch ist ein Lobpreis an die Jungfrau Maria. „Die Krönung ist nicht Teil unserer traditionellen Ikonographie“, erklärt uns Don Joseph Sfeir. „Diese Bildnis bezieht sich auf das Gemälde im Heiligtum von Qannoubine, im Qadisha-Tal, Sitz der Patriarchen vom 15. bis zum 19. Jahrhundert, einem der meist verehrten des Libanon und dem ältesten im Heiligen Tal“. Unter dem Fresko steht eine kleine Nachbildung der Statue des hl. Maron, die am 23. Februar in einer Außennische an der Fassade der Petersbasilika aufgestellt wurde. „Der Gerechte wird gedeihen, er wird wachsen wie die Zedern im Libanon“, lautet der aramäische Psalm, der auf der Stola des Vaters der Maronitischen Kirche steht. Auf dem Weg in ein größeres Empfangszimmer können wir in der Ferne den Thron des Patriarchen erkennen, auf dem Seine Seligkeit zu sitzen pflegt, wenn er in die Ewige Stadt kommt.

Benedikt XVI. mit dem libanesischen Präsidenten Michel Suleiman und Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir, bei der Einweihung der Statue des hl. Maron in einer Außennische der Petersbasilika (23. Februar 2011). [© Osservatore Romano]

Benedikt XVI. mit dem libanesischen Präsidenten Michel Suleiman und Kardinal Nasrallah Pierre Sfeir, bei der Einweihung der Statue des hl. Maron in einer Außennische der Petersbasilika (23. Februar 2011). [© Osservatore Romano]

Die Wände zieren die Portraits der Patriarchen und wichtiger Persönlichkeiten der maronitischen Geschichte, allesamt ehemalige Alumnen des Maronitischen Kollegs: Männer wie der Diener Gottes Estephan El Douaihy, Begründer der maronitischen Historiographie und Förderer der großen religiösen Orden. Sein Seligsprechungsprozess ist bereits eingeleitet. Oder Joseph Simon Assemani, im 17./18. Jahrhundert einer der namhaftesten Repräsentanten der Orientalistendynastie der Assemanen, die die Vatikanische Apostolische Bibliothek um Tausende von Bänden orientalischer Patristik bereichert hat. Oder Nasrallah Pierre Sfeir, der fünf Jahre lang – politisch gesehen die dramatischsten seines Landes – an der Leitung der Maronitischen Kirche stand. Auch aktuelle Fotos von Béchara Boutros Raï dürfen natürlich nicht fehlen. „Unser neuer Patriarch ist ein großer Seelenhirt. Er hat bereits mit konkreten Taten gezeigt, dass er die Gemüter im Land beschwichtigen will“, sagt der Rektor. „So wollte er ja auch sofort nach seiner Wahl alle Repräsentanten der libanesischen politischen Kräfte versammeln. Einschließlich der Hisbollah, einer Partei, deren Mitglieder Libanesen sind wie wir. Und die sicher nicht gekommen sind, um uns zu besetzen. Im Gegenteil: im letzten Krieg mit Israel 2006 haben sie sogar unser Territorium verteidigt.“

In bezug auf die Verbindung zwischen der Kirche von Rom und der maronitischen Kirche fragen wir ihn, ob das Kolleg paradoxerweise die Latinisierung des alten syrisch-antiochenischen Ritus begünstigt hat – immerhin waren schon im 17. und 18. Jahrhundert religiöse Orden aus dem Westen entsandt worden, um die Lehre und die Liturgie der Jünger des hl. Maron zu kontrollieren. „Es ist klar, dass bei uns als einziger Kirche des Nahen Ostens, die seit jeher in Gemeinschaft mit Rom steht, eine gewisse Assimilation stattgefunden hat“, erklärt der Rektor. „Diese erfolgte jedoch nicht so sehr in der Substanz, sondern auf einer eher äußeren Ebene. Wir haben die Meßgewänder übernommen. Unsere syrisch-antiochenische Liturgie konnten wir jedoch retten.“ Don Joseph Sfeir ist da etwas anderer Meinung: „Ohne hier über andere den Stab brechen zu wollen, muss man doch sagen, dass die Päpstlichen Gesandtschaften unsere liturgischen Texte peinlich genau unter die Lupe genommen haben. Und alles, was ihrer Meinung nach nicht genügend der lateinischen Liturgie entsprach, wurde zerstört, verbrannt.“

Wir kehren wieder in unsere Zeit zurück, und stellen dem Rektor eine Frage, die viele Maroniten betrifft: die Auswanderung der Maroniten aus dem Libanon wegen der politischen Instabilität und der demographischen Explosion der Muslime: „Man kann nicht leugnen, dass das tatsächlich passiert“, meint er. „Man muss aber auch sagen, dass viele von uns zurückkommen. Und dass auch viele Muslime fortgehen. Das Schicksal der Maronitischen Kirche liegt auch in den Händen unseres Herrn: Er hat Jahre lang seine schützende Hand über uns gehalten. Und so Gott will, werden wir bleiben. Was soll ich sagen? Sein Wille geschehe!“.



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